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    Groß- und Kleinschreibung:
    Du, Dir, Dich, Dein -> du, dir, dich, dein
    Jemand -> jemand
    Niemand -> niemand
    Umlaute:
    Aesern -> Äsern
    Aegypten -> Ägypten
    Ueberschuss -> Überschuss
    th -> t:
    Antheil -> Anteil
    errieth -> erriet
    thut -> tut
    Getrenntschreibung:
    zu Muthe -> zumute
    aller Orten -> allerorten

    Gotthold Ephraim LessingNathan der WeiseEin dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen

    PERSONEN

    1. Sultan Saladin
    2. Sittah, dessen Schwester
    3. Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem
    4. Recha, dessen angenommene Tochter
    5. Daja, eine Christin, aber in dem Hause des Juden, als Gesellschafterin der Recha
    6. Ein junger Tempelherr
    7. Ein Derwisch
    8. Der Patriarch von Jerusalem
    9. Ein Klosterbruder
    10. Ein Emir nebst verschiedenen Mameluken des Saladin

    Die Szene ist in Jerusalem.

    ERSTER AUFZUG

    ERSTER AUFTRITT

    Szene: Flur in Nathans Hause. Nathan von der Reise kommend. Daja ihm entgegen.

    DAJA

    Er ist es! Nathan! — Gott sei ewig Dank,
    Dass Ihr doch endlich einmal wiederkommt.

    NATHAN

    Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum endlich?
    Hab ich denn eher wiederkommen wollen?
    Und wiederkommen können? Babylon
    Ist von Jerusalem, wie ich den Weg,
    Seitab bald rechts, bald links, zu nehmen bin
    Genötigt worden, gut zweihundert Meilen;
    Und Schulden einkassieren, ist gewiss
    Auch kein Geschäft, das merklich fördert, das
    So von der Hand sich schlagen lässt.

    DAJA

    O Nathan,
    Wie elend, elend hättet Ihr indes
    Hier werden können! Euer Haus …

    NATHAN

    Das brannte.
    So hab ich schon vernommen. — Gebe Gott,
    Dass ich nur alles schon vernommen habe!

    DAJA

    Und wäre leicht von Grund aus abgebrannt.

    NATHAN

    Dann, Daja, hätten wir ein neues uns
    Gebaut; und ein bequemeres.

    DAJA

    Schon wahr! —
    Doch Recha wär bei einem Haare mit
    Verbrannt.

    NATHAN

    Verbrannt? Wer? meine Recha? sie? —
    Das hab ich nicht gehört. — Nun dann! So hätte
    Ich keines Hauses mehr bedurft. — Verbrannt
    Bei einem Haare! — Ha! sie ist es wohl!
    Ist wirklich wohl verbrannt! — Sag nur heraus!
    Heraus nur! — Töte mich, und martre mich
    Nicht länger. — Ja, sie ist verbrannt.

    DAJA

    Wenn sie
    Es wäre, würdet Ihr von mir es hören?

    NATHAN

    Warum erschreckest du mich denn? — O Recha!
    O meine Recha!

    DAJA

    Eure? Eure Recha?

    NATHAN

    Wenn ich mich wieder je entwöhnen müsste,
    Dies Kind mein Kind zu nennen!

    DAJA

    Nennt Ihr alles,
    Was Ihr besitzt, mit eben so viel Rechte
    Das Eure?

    NATHAN

    Nichts mit größerm! Alles, was
    Ich sonst besitze, hat Natur und Glück
    Mir zugeteilt. Dies Eigentum allein
    Dank ich der Tugend.

    DAJA

    O wie teuer lasst
    Ihr Eure Güte, Nathan, mich bezahlen!
    Wenn Güt’, in solcher Absicht ausgeübt,
    Noch Güte heißen kann!

    NATHAN

    In solcher Absicht?
    In welcher?

    DAJA

    Mein Gewissen…

    NATHAN

    Daja, lass
    Vor allen Dingen dir erzählen …

    DAJA

    Mein
    Gewissen, sag ich …

    NATHAN

    Was in Babylon
    Für einen schönen Stoff ich dir gekauft.
    So reich, und mit Geschmack so reich! Ich bringe
    Für Recha selbst kaum einen schönern mit.

    DAJA

    Was hilft’s? Denn mein Gewissen, muss ich Euch
    Nur sagen, lässt sich länger nicht betäuben.

    NATHAN

    Und wie die Spangen, wie die Ohrgehenke,
    Wie Ring und Kette dir gefallen werden,
    Die in Damaskus ich dir ausgesucht:
    Verlanget mich zu sehn.

    DAJA

    So seid Ihr nun!
    Wenn Ihr nur schenken könnt! nur schenken könnt!

    NATHAN

    Nimm du so gern, als ich dir geb; — und schweig!

    DAJA

    Und schweig! — Wer zweifelt, Nathan, dass Ihr nicht
    Die Ehrlichkeit, die Großmut selber seid?
    Und doch …

    NATHAN

    Doch bin ich nur ein Jude. — Gelt,
    Das willst du sagen?

    DAJA

    Was ich sagen will,
    Das wisst Ihr besser.

    NATHAN

    Nun so schweig!

    DAJA

    Ich schweige.
    Was Sträfliches vor Gott hierbei geschieht,
    Und ich nicht hindern kann, nicht ändern kann —
    Nicht kann, — komm’ über Euch!

    NATHAN

    Komm’ über mich! —
    Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie? — Daja,
    Wenn du mich hintergehst! — Weiß sie es denn,
    Dass ich gekommen bin?

    DAJA

    Das frag ich Euch!
    Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve.
    Noch malet Feuer ihre Phantasie
    Zu allem, was sie malt. Im Schlafe wacht,
    Im Wachen schläft ihr Geist: bald weniger
    Als Tier, bald mehr als Engel.

    NATHAN

    Armes Kind!
    Was sind wir Menschen!

    DAJA

    Diesen Morgen lag
    Sie lange mit verschlossnem Aug', und war
    Wie tot. Schnell fuhr sie auf, und rief: „Horch! horch!
    Da kommen die Kamele meines Vaters!
    Horch! seine sanfte Stimme selbst!” — Indem
    Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt,
    Dem seines Armes Stütze sich entzog,
    Stürzt auf das Kissen. — Ich, zur Pfort' hinaus!
    Und sieh: da kommt Ihr wahrlich! kommt Ihr wahrlich!
    Was Wunder! ihre ganze Seele war
    Die Zeit her nur bei Euch — und ihm. —

    NATHAN

    Bei ihm?
    Bei welchem Ihm?

    DAJA

    Bei ihm, der aus dem Feuer
    Sie rettete.

    NATHAN

    Wer war das! wer? — Wo ist er?
    Wer rettete mir meine Recha? Wer?

    DAJA

    Ein junger Tempelherr, den, wenig Tage
    Zuvor, man hier gefangen eingebracht,
    Und Saladin begnadigt hatte.

    NATHAN

    Wie?
    Ein Tempelherr, dem Sultan Saladin
    Das Leben ließ? Durch ein geringres Wunder
    War Recha nicht zu retten? Gott!

    DAJA

    Ohn ihn,
    Der seinen unvermuteten Gewinst
    Frisch wieder wagte, war es aus mit ihr.

    NATHAN

    Wo ist er, Daja, dieser edle Mann? —
    Wo ist er? Führe mich zu seinen Füßen.
    Ihr gabt ihm doch vors Erste, was an Schätzen
    Ich euch gelassen hatte? gabt ihm alles?
    Verspracht ihm mehr? weit mehr?

    DAJA

    Wie konnten wir?

    NATHAN

    Nicht? nicht?

    DAJA

    Er kam, und niemand weiß woher.
    Er ging, und niemand weiß wohin. — Ohn alle
    Des Hauses Kundschaft, nur von seinem Ohr
    Geleitet, drang, mit vorgespreiztem Mantel,
    Er kühn durch Flamm’ und Rauch der Stimme nach,
    Die uns um Hülfe rief. Schon hielten wir
    Ihn für verloren, als aus Rauch und Flamme
    Mit eins er vor uns stand, im starken Arm
    Empor sie tragend. Kalt und ungerührt
    Vom Jauchzen unsers Danks, setzt seine Beute
    Er nieder, drängt sich unters Volk und ist —
    Verschwunden!

    NATHAN

    Nicht auf immer, will ich hoffen.

    DAJA

    Nachher die ersten Tage sahen wir
    Ihn untern Palmen auf und nieder wandeln,
    Die dort des Auferstandnen Grab umschatten.
    Ich nahte mich ihm mit Entzücken, dankte,
    Erhob, entbot, beschwor — nur einmal noch
    Die fromme Kreatur zu sehen, die
    Nicht ruhen könne, bis sie ihren Dank
    Zu seinen Füßen ausgeweinet.

    NATHAN

    Nun?

    DAJA

    Umsonst! Er war zu unsrer Bitte taub;
    Und goss so bittern Spott auf mich besonders …

    NATHAN

    Bis dadurch abgeschreckt …

    DAJA

    Nichts weniger!
    Ich trat ihn jeden Tag von neuem an;
    Ließ jeden Tag von neuem mich verhöhnen.
    Was litt ich nicht von ihm! Was hätt ich nicht
    Noch gern ertragen! — Aber lange schon
    Kommt er nicht mehr, die Palmen zu besuchen,
    Die unsers Auferstandnen Grab umschatten;
    Und niemand weiß, wo er geblieben ist. —
    Ihr staunt? Ihr sinnt?

    NATHAN

    Ich überdenke mir,
    Was das auf einen Geist, wie Rechas, wohl
    Für Eindruck machen muss. Sich so verschmäht
    Von dem zu finden, den man hochzuschätzen
    Sich so gezwungen fühlt; so weggestoßen,
    Und doch so angezogen werden; — Traun,
    Da müssen Herz und Kopf sich lange zanken,
    Ob Menschenhass, ob Schwermut siegen soll
    Oft siegt auch keines; und die Phantasie,
    Die in den Streit sich mengt, macht Schwärmer,
    Bei welchen bald der Kopf das Herz, und bald
    Das Herz den Kopf muss spielen. — Schlimmer Tausch! —
    Das Letztere, verkenn ich Recha nicht,
    Ist Rechas Fall: sie schwärmt.

    DAJA

    Allein so fromm,
    So liebenswürdig!

    NATHAN

    Ist doch auch geschwärmt!

    DAJA

    Vornehmlich eine — Grille, wenn Ihr wollt,
    Ist ihr sehr wert. Es sei ihr Tempelherr
    Kein irdischer und keines irdischen;
    Der Engel einer, deren Schutze sich
    Ihr kleines Herz, von Kindheit auf, so gern
    Vertrauet glaubte, sei aus seiner Wolke,
    In die er sonst verhüllt, auch noch im Feuer,
    Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr
    Hervorgetreten, — Lächelt nicht! — Wer weiß?
    Lasst lächelnd wenigstens ihr einen Wahn,
    In dem sich Jud' und Christ und Muselmann
    Vereinigen; — so einen süßen Wahn!

    NATHAN

    Auch mir so süß! — Geh, wackre Daja, geh;
    Sieh, was sie macht; ob ich sie sprechen kann. —
    Sodann such ich den wilden, launigen
    Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt,
    Hienieden unter uns zu wallen; noch
    Beliebt, so ungesittet Ritterschaft
    Zu treiben: find ich ihn gewiss, und bring
    Ihn her.

    DAJA

    Ihr unternehmet viel.

    NATHAN

    Macht dann
    Der süße Wahn der süßern Wahrheit Platz: —
    Denn, Daja, glaube mir, dem Menschen ist
    Ein Mensch noch immer lieber, als ein Engel —
    So wirst du doch auf mich, auf mich nicht zürnen,
    Die Engelschwärmerin geheilt zu sehn?

    DAJA

    Ihr seid so gut, und seid zugleich so schlimm!
    Ich geh! — Doch hört! — doch seht! — Da kommt sie selbst.

    ZWEITER AUFTRITT

    Recha und die Vorigen.

    RECHA

    So seid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater?
    Ich glaubt, Ihr hättet Eure Stimme nur
    Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was für Berge,
    Für Wüsten, was für Ströme trennen uns
    Denn noch? Ihr atmet Wand an Wand mit ihr,
    Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen?
    Die arme Recha, die indes verbrannte! —
    Fast, fast verbrannte! Fast nur. Schaudert nicht!
    Es ist ein garst’ger Tod, verbrennen.

    NATHAN

    Mein Kind! Mein liebes Kind!

    RECHA

    Ihr musstet über
    Den Euphrat, Tigris, Jordan; über — wer
    Weiß was für Wasser all? — Wie oft hab ich
    Um Euch gezittert, eh das Feuer mir
    So nahe kam! Denn seit das Feuer mir
    So nahe kam: dünkt mich im Wasser sterben
    Erquickung, Labsal, Rettung. — Doch Ihr seid
    Ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht
    Verbrannt. Wie wollen wir uns freun, und Gott,
    Gott loben! Er, er trug Euch und den Nachen
    Auf Flügeln seiner unsichtbaren Engel
    Die ungetreuen Ström’ hinüber. Er,
    Er winkte meinem Engel, dass er sichtbar
    Auf seinem weißen Fittiche mich durch
    Das Feuer trüge —

    NATHAN

    beiseite
    Weißem Fittiche!
    Ja, ja! der weiße vorgespreizte Mantel
    Des Tempelherrn.

    RECHA

    Er sichtbar, sichtbar mich
    Durchs Feuer trüg, von seinem Fittiche
    Verweht. — Ich also, ich hab einen Engel
    Von Angesicht zu Angesicht gesehn;
    Und meinen Engel.

    NATHAN

    Recha wär es wert;
    Und würd an ihm nichts Schönres sehn, als er
    An ihr.

    RECHA

    lächelnd
    Wem schmeichelt Ihr, mein Vater? Wem?
    Dem Engel, oder Euch?

    NATHAN

    Doch hätt auch nur
    Ein Mensch — ein Mensch, wie die Natur sie täglich
    Gewährt — dir diesen Dienst erzeigt, er müsste
    Für dich ein Engel sein. Er müsst und würde.

    RECHA

    Nicht so ein Engel, nein! ein wirklicher;
    Es war gewiss ein wirklicher! — Habt Ihr,
    Ihr selbst die Möglichkeit, dass Engel sind,
    Dass Gott zum Besten derer, die ihn lieben,
    Auch Wunder könne tun, mich nicht gelehrt?
    Ich lieb ihn ja.

    NATHAN

    Und er liebt dich; und tut
    Für dich und deinesgleichen, stündlich Wunder;
    Ja, hat sie schon von aller Ewigkeit
    Für euch getan.

    RECHA

    Das hör ich gern.

    NATHAN

    Wie? Weil
    Es ganz natürlich, ganz alltäglich klänge,
    Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr
    Gerettet hätte: sollt es darum weniger
    Ein Wunder sein? — Der Wunder höchstes ist,
    Dass uns die wahren, echten Wunder so
    Alltäglich werden können, werden sollen.
    Ohn dieses allgemeine Wunder hätte
    Ein Denkender wohl schwerlich Wunder je
    Genannt, was Kindern bloß so heißen müsste,
    Die gaffend nur das Ungewöhnlichste,
    Das Neuste nur verfolgen.

    DAJA

    zu Nathan
    Wollt Ihr denn
    Ihr ohnedem schon überspanntes Hirn
    Durch solcherlei Subtilitäten ganz
    Zersprengen?

    NATHAN

    Lass mich! — Meiner Recha wär
    Es Wunders nicht genug, dass sie ein Mensch
    Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder
    Erst retten müssen? Ja, kein kleines Wunder!
    Denn wer hat schon gehört, dass Saladin
    Je eines Tempelherrn verschont? dass je
    Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden
    Verlangt? gehofft? ihm je für seine Freiheit
    Mehr als den ledern Gurt geboten, der
    Sein Eisen schleppt, und höchstens seinen Dolch?

    RECHA

    Das schließt für mich, mein Vater — Darum eben
    War das kein Tempelherr; er schien es nur. —
    Kommt kein gefangner Tempelherr je anders
    Als zum gewissen Tode nach Jerusalem;
    Geht keiner in Jerusalem so frei
    Umher: wie hätte mich des Nachts freiwillig
    Denn einer retten können?

    NATHAN

    Sieh! wie sinnreich.
    Jetzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab es ja
    Von dir, dass er gefangen hergeschickt
    Ist worden. Ohne Zweifel weißt du mehr.

    DAJA

    Nun ja. — So sagt man freilich; — doch man sagt
    Zugleich, dass Saladin den Tempelherrn
    Begnadigt, weil er seiner Brüder einem,
    Den er besonders lieb gehabt, so ähnlich sehe.
    Doch da es viele zwanzig Jahre her,
    Dass dieser Bruder nicht mehr lebt — er hieß,
    Ich weiß nicht wie — er blieb, ich weiß nicht wo: —
    So klingt das ja so gar — so gar unglaublich,
    Dass an der ganzen Sache wohl nichts ist.

    NATHAN

    Ei, Daja! Warum wäre denn das so
    Unglaublich? Doch wohl nicht — wie’s wohl geschieht —
    Um lieber etwas noch Unglaublichers
    Zu glauben? — Warum hätte Saladin,
    Der sein Geschwister insgesamt so liebt,
    In jüngern Jahren einen Bruder nicht
    Noch ganz besonders lieben können? — Pflegen
    Sich zwei Gesichter nicht zu ähneln? — Ist
    Ein alter Eindruck ein verlorner? — Wirkt
    Das Nämliche nicht mehr das Nämliche? —
    Seit wann? — Wo steckt hier das Unglaubliche? —
    Ei freilich, weise Daja, wär’s für dich
    Kein Wunder mehr; und deine Wunder nur
    Bedürf … verdienen, will ich sagen, Glauben.

    DAJA

    Ihr spottet.

    NATHAN

    Weil du meiner spottest. — Doch
    Auch so noch, Recha, bleibet deine Rettung
    Ein Wunder, dem nur möglich, der die strengsten
    Entschlüsse, die unbändigsten Entwürfe
    Der Könige, sein Spiel — wenn nicht sein Spott —
    Gern an den schwächsten Fäden lenkt.

    RECHA

    Mein Vater!
    Mein Vater, wenn ich irr, Ihr wisst, ich irre
    Nicht gern.

    NATHAN

    Vielmehr, du lässt dich gern belehren. —
    Sieh! eine Stirn, so oder so gewölbt;
    Der Rücken einer Nase, so vielmehr
    Als so geführet; Augenbraunen, die
    Auf einem scharfen oder stumpfen Knochen
    So oder so sich schlängeln; eine Linie,
    Ein Bug, ein Winkel, eine Falt’, ein Mal,
    Ein Nichts, auf eines wilden Europäers
    Gesicht: — und du entkommst dem Feu’r in Asien!
    Das wär kein Wunder, wundersücht’ges Volk?
    Warum bemüht ihr denn noch einen Engel?

    DAJA

    Was schadet’s — Nathan, wenn ich sprechen darf —
    Bei alledem, von einem Engel lieber
    Als einem Menschen sich gerettet denken?
    Fühlt man der ersten unbegreiflichen
    Ursache seiner Rettung nicht sich so
    Viel näher?

    NATHAN

    Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf
    Von Eisen will mit einer silbern Zange
    Gern aus der Glut gehoben sein, um selbst
    Ein Topf von Silber sich zu dünken. — Pah! —
    Und was es schadet, fragst du? Was es schadet?
    Was hilft es? dürft ich nur hinwieder fragen. —
    Denn dein „Sich Gott um so viel näher fühlen”
    Ist Unsinn oder Gotteslästerung. —
    Allein es schadet; ja, es schadet allerdings. —
    Kommt! hört mir zu. — Nicht wahr? dem Wesen, das
    Dich rettete — es sei ein Engel oder
    Ein Mensch — dem möchtet ihr, und du besonders,
    Gern wieder viele große Dienste tun?
    Nicht wahr? — Nun, einem Engel, was für Dienste,
    Für große Dienste könnt ihr dem wohl tun?
    Ihr könnt ihm danken; zu ihm seufzen, beten;
    Könnt in Entzückung über ihn zerschmelzen;
    Könnt an dem Tage seiner Feier fasten,
    Almosen spenden — Alles nichts. — Denn mich
    Däucht immer, dass ihr selbst und euer Nächster
    Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird
    Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich
    Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher
    Durch eu’r Entzücken; wird nicht mächtiger
    Durch eu’r Vertraun. Nicht wahr? Allein ein Mensch!

    DAJA

    Ei freilich hätt ein Mensch, etwas für ihn
    Zu tun, uns mehr Gelegenheit verschafft.
    Und Gott weiß, wie bereit wir dazu waren!
    Allein er wollte ja, bedurfte ja
    So völlig nichts; war in sich, mit sich so
    Vergnügsam, als nur Engel sind, nur Engel
    Sein können.

    RECHA

    Endlich, als er gar verschwand…

    NATHAN

    Verschwand? — Wie denn verschwand? — Sich untern Palmen
    Nicht ferner sehen ließ? — Wie? oder habt
    Ihr wirklich schon ihn weiter aufgesucht?

    DAJA

    Das nun wohl nicht.

    NATHAN

    Nicht, Daja? nicht? — Da sieh
    Nun, was es schad’t! — Grausame Schwärmerinnen! —
    Wenn dieser Engel nun — nun krank geworden!

    RECHA

    Krank!

    DAJA

    Krank? Er wird doch nicht!

    RECHA

    Welch kalter Schauer
    Befällt mich! — Daja! — Meine Stirne, sonst
    So warm, fühl! ist auf einmal Eis.

    NATHAN

    Er ist
    Ein Franke, dieses Klimas ungewohnt!
    Ist jung; der harten Arbeit seines Standes,
    Des Hungerns, Wachens ungewohnt.

    RECHA

    Krank! krank!

    DAJA

    Das wäre möglich, meint ja Nathan nur.

    NATHAN

    Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld,
    Sich Freunde zu besolden.

    RECHA

    Ah, mein Vater!

    NATHAN

    Liegt ohne Wartung, ohne Rat und Zusprach,
    Ein Raub der Schmerzen und des Todes da!

    RECHA

    Wo? Wo?

    NATHAN

    Er, der für eine, die er nie
    Gekannt, gesehn — genug, es war ein Mensch —
    Ins Feu’r sich stürzte …

    DAJA

    Nathan, schonet ihrer!

    NATHAN

    Der, was er rettete, nicht näher kennen,
    Nicht weiter sehen mocht, um ihm den Dank
    Zu sparen …

    DAJA

    Schonet ihrer, Nathan!

    NATHAN

    Weiter
    Auch nicht zu sehn verlangt, es wäre denn,
    Dass er zum zweiten Mal es retten sollte —
    Denn g'nug, es ist ein Mensch …

    DAJA

    Hört auf, und seht!

    NATHAN

    Der, der hat sterbend sich zu laben, nichts —
    Als das Bewusstsein dieser Tat!

    DAJA

    Hört auf!
    Ihr tötet sie!

    NATHAN

    Und du hast ihn getötet! —
    Hättest so ihn töten können. — Recha! Recha!
    Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche.
    Er lebt! — komm zu dir! — ist auch wohl nicht krank;
    Nicht einmal krank!

    RECHA

    Gewiss? — nicht tot? nicht krank?

    NATHAN

    Gewiss, nicht tot! Denn Gott lohnt Gutes, hier
    Getan, auch hier noch. — Geh! — Begreifst du aber,
    Wie viel andächtig schwärmen leichter, als
    Gut handeln ist? Wie gern der schlaffste Mensch
    Andächtig schwärmt, um nur, — ist er zu Zeiten
    Sich schön der Absicht deutlich nicht bewusst —
    Um nur gut handeln nicht zu dürfen?

    RECHA

    Ah,
    Mein Vater! lasst, lasst Eure Recha, doch
    Nie wiederum allein! — Nicht wahr, er kann
    Auch wohl verreist nur sein? —

    NATHAN

    Geht! — Allerdings. —
    Ich seh, dort mustert mit neugier’gem Blick
    Ein Muselmann mir die beladenen
    Kamele. Kennt ihr ihn?

    DAJA

    Ha! Euer Derwisch.

    NATHAN

    Wer?

    DAJA

    Euer Derwisch; Euer Schachgesell!

    NATHAN

    Al-Hafi? das Al-Hafi?

    DAJA

    Jetzt des Sultans
    Schatzmeister.

    NATHAN

    Wie? Al-Hafi? Träumst du wieder? —
    Er ist’s! — wahrhaftig ist’s! — kommt auf uns zu.
    Hinein mit Euch, geschwind! — Was werd’ ich hören!

    DRITTER AUFTRITT

    Nathan und der Derwisch.

    DERWISCH

    Reißt nur die Augen auf, so weit Ihr könnt!

    NATHAN

    Bist du’s? Bist du es nicht? — In dieser Pracht,
    Ein Derwisch! …

    DERWISCH

    Nun! Warum denn nicht! Lässt sich
    Aus einem Derwisch denn nichts, gar nichts machen?

    NATHAN

    Ei wohl, genug! — Ich dachte mir nur immer,
    Der Derwisch — so der rechte Derwisch — woll'
    Aus sich nichts machen lassen.

    DERWISCH

    Beim Propheten!
    Dass ich kein rechter bin, mag auch wohl wahr sein.
    Zwar wenn man muss —

    NATHAN

    Muss! Derwisch! — Derwisch muss?
    Kein Mensch muss müssen, und ein Derwisch müsste?
    Was müsst er denn?

    DERWISCH

    Warum man ihn recht bittet,
    Und er für gut erkennt: das muss ein Derwisch.

    NATHAN

    Bei unserm Gott! da sagst du wahr. — Lass dich
    Umarmen, Mensch. — Du bist doch noch mein Freund?

    DERWISCH

    Und fragt nicht erst, was ich geworden bin?

    NATHAN

    Trotz dem, was du geworden!

    DERWISCH

    Könnt ich nicht
    Ein Kerl im Staat geworden sein, des Freundschaft
    Euch ungelegen wäre?

    NATHAN

    Wenn dein Herz
    Noch Derwisch ist, so wag ich’s drauf. Der Kerl
    Im Staat ist nur dein Kleid.

    DERWISCH

    Das auch geehrt
    Will sein. — Was meint Ihr? ratet! — Was wär ich
    An Eurem Hofe?

    NATHAN

    Derwisch, weiter nichts.
    Doch nebenher, wahrscheinlich — Koch!

    DERWISCH

    Nun ja!
    Mein Handwerk bei Euch zu verlernen. — Koch!
    Nicht Kellner auch? — Gesteht, dass Saladin.
    Mich besser kennt. — Schatzmeister bin ich bei
    Ihm worden.

    NATHAN

    Du? — bei ihm?

    DERWISCH

    Versteht:
    Des kleinem Schatzes; denn des größern waltet
    Sein Vater noch — des Schatzes für sein Haus.

    NATHAN

    Sein Haus ist groß.

    DERWISCH

    Und größer, als Ihr glaubt;
    Denn jeder Bettler ist von seinem Hause.

    NATHAN

    Doch ist den Bettlern Saladin so feind —

    DERWISCH

    Dass er mit Stumpf und Stiel sie zu vertilgen
    Sich vorgesetzt, — und sollt er selbst darüber
    Zum Bettler werden.

    NATHAN

    Brav! so mein ich’s eben.

    DERWISCH

    Er ist’s auch schon, trotz einem! — Denn sein Schatz
    Ist jeden Tag mit Sonnenuntergang
    Viel leerer noch, als leer. Die Flut, so hoch
    Sie Morgens eintritt, ist des Mittags längst
    Verlaufen —

    NATHAN

    Weil Kanäle sie zum Teil
    Verschlingen, die zu füllen oder zu
    Verstopfen, gleich unmöglich ist.

    DERWISCH

    Getroffen!

    NATHAN

    Ich kenne das!

    DERWISCH

    Es taugt nun freilich nichts,
    Wenn Fürsten Geier unter Äsern sind.
    Doch sind sie Äser unter Geiern, taugt’s
    Noch zehnmal weniger.

    NATHAN

    O nicht doch, Derwisch!
    Nicht doch!

    DERWISCH

    Ihr habt gut reden, Ihr! — Kommt an:
    Was gebt Ihr mir? so tret ich meine Stell'
    Euch ab.

    NATHAN

    Was bringt dir deine Stelle?

    DERWISCH

    Mir?
    Nicht viel. Doch Euch, Euch kann sie trefflich wuchern:
    Denn ist es Ebb’ im Schatz, — wie öfters ist, —
    So zieht Ihr Eure Schleusen auf: schießt vor,
    Und nehmt an Zinsen, was Euch nur gefällt.

    NATHAN

    Auch Zins vom Zins der Zinsen?

    DERWISCH

    Freilich!

    NATHAN

    Bis
    Mein Kapital zu lauter Zinsen wird.

    DERWISCH

    Das lockt Euch nicht? So schreibet unsrer Freundschaft
    Nur gleich den Scheidebrief! Denn wahrlich hab
    Ich sehr auf Euch gerechnet.

    NATHAN

    Wahrlich? Wie
    Denn so? Wie so denn?

    DERWISCH

    Dass Ihr mir mein Amt
    Mit Ehren würdet führen helfen; dass
    Ich allzeit offne Kasse bei Euch hätte. —
    Ihr schüttelt?

    NATHAN

    Nun, verstehn wir uns nur recht!
    Hier gibt’s zu unterscheiden. — Du? warum
    Nicht du? Al-Hafi Derwisch ist zu allem,
    Was ich vermag, mir stets willkommen. — Aber
    Al-Hafi Defterdar des Saladin,
    Der — dem —

    DERWISCH

    Erriet ich’s nicht? Dass Ihr doch immer
    So gut als klug, so klug als weise seid? —
    Geduld! Was Ihr am Hafi unterscheidet,
    Soll bald geschieden wieder sein. — Seht da
    Das Ehrenkleid, das Saladin mir gab.
    Eh es verschossen ist, eh es zu Lumpen
    Geworden, wie sie einen Derwisch kleiden,
    Hängt’s in Jerusalem am Nagel, und
    Ich bin am Ganges, wo ich leicht und barfuß
    Den heißen Sand mit meinen Lehrern trete.

    NATHAN

    Dir ähnlich g'nug!

    DERWISCH

    Und Schach mit ihnen spiele.

    NATHAN

    Dein höchstes Gut!

    DERWISCH

    Denkt nur, was mich verführte! —
    Damit ich selbst nicht länger betteln dürfte?
    Den reichen Mann mit Bettlern spielen könnte?
    Vermögend wär im Hui den reichsten Bettler
    In einen armen Reichen zu verwandeln?

    NATHAN

    Das nun wohl nicht.

    DERWISCH

    Weit etwas Abgeschmackteres!
    Ich fühlte mich zum erstenmal geschmeichelt;
    Durch Saladins gutherz’gen Wahn geschmeichelt.

    NATHAN

    Der war?

    DERWISCH

    „Ein Bettler wisse nur, wie Bettlern
    Zumute sei; ein Bettler habe nur
    Gelernt, mit guter Weise Bettlern geben.
    Dein Vorfahr, sprach er, war mir viel zu kalt,
    Zu rauh. Er gab so unhold, wenn er gab;
    Erkundigte so ungestüm sich erst
    Nach dem Empfänger; nie zufrieden, dass
    Er nur den Mangel kenne, wollt er auch
    Des Mangels Ursach' wissen, um die Gabe
    Nach dieser Ursach' filzig abzuwägen.
    Das wird Ai-Hafi nicht! So unmild mild
    Wird Saladin im Hafi nicht erscheinen!
    Ai-Hafi gleicht verstopften Röhren nicht,
    Die ihre klar und still empfangnen Wasser
    So unrein und so sprudelnd wieder geben.
    Al-Hafi denkt, Al-Hafi fühlt wie ich!” —
    So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis
    Der Gimpel in dem Netze war. — Ich Geck!
    Ich eines Gecken Geck!

    NATHAN

    Gemach, mein Derwisch,
    Gemach!

    DERWISCH

    Ei was! — Es wär nicht Geckerei,
    Bei Hunderttausenden die Menschen drücken,
    Ausmergeln, plündern, martern, würgen; und
    Ein Menschenfreund an Einzeln scheinen wollen?
    Es wär nicht Geckerei, des Höchsten Milde,
    Die sonder Auswahl über Bös' und Gute
    Und Flur und Wüstenei, in Sonnenschein
    Und Regen sich verbreitet — nachzuäffen,
    Und nicht des Höchsten immer volle Hand
    Zu haben? Was? es wär nicht Geckerei …

    NATHAN

    Genug! hör auf!

    DERWISCH

    Laszt meiner Geckerei
    Mich doch nur auch erwähnen! — Was? Es wäre
    Nicht Geckerei, an solchen Geckereien
    Die gute Seite dennoch auszuspüren,
    Um Anteil, dieser guten Seite wegen,
    An dieser Geckerei zu nehmen? He?
    Das nicht?

    NATHAN

    Al-Hafi, mache, dass du bald
    In deine Wüste wieder kommst. Ich fürchte,
    Grad unter Menschen möchtest du ein Mensch
    Zu sein verlernen.

    DERWISCH

    Recht, das fürcht ich auch.
    Lebt wohl!

    NATHAN

    So hastig? — Warte doch, Al-Hafi.
    Entläuft dir denn die Wüste? — Warte doch! —
    Dass er mich hörte! — He, Al-Hafi! hier! —
    Weg ist er; und ich hätt ihn noch so gern
    Nach unserm Tempelherrn gefragt. Vermutlich,
    Dass er ihn kennt.

    VIERTER AUFTRITT

    Daja eilig herbei. Nathan.

    DAJA

    O Nathan, Nathan!

    NATHAN

    Nun?
    Was gibt’s?

    DAJA

    Er lässt sich wieder sehn! Er lässt
    Sich wieder sehn!

    NATHAN

    Wer, Daja? wer?

    DAJA

    Er! er!

    NATHAN

    Er? Er? Wann lässt sich der nicht sehn! — Ja so
    Nur Euer Er heißt er. — Das sollt er nicht!
    Und wenn er auch ein Engel wäre, nicht!

    DAJA

    Er wandelt untern Palmen wieder auf
    Und ab, und bricht von Zeit zu Zeit sich Datteln!

    NATHAN

    Sie essend? — und als Tempelherr?

    DAJA

    Was quält
    Ihr mich? — Ihr gierig Aug' erriet ihn hinter
    Den dicht verschränkten Palmen schon, und folgt
    Ihm unverrückt. Sie lässt Euch bitten — Euch
    Beschwören, ungesäumt ihn anzugehn.
    O eilt! Sie wird Euch aus dem Fenster winken,
    Ob er hinaufgeht oder weiter ab
    Sich schlägt. O eilt!

    NATHAN

    So wie ich vom Kamele
    Gestiegen? — Schickt sich das? — Geh, eile du
    Ihm zu, und meld ihm meine Wiederkunft.
    Gib Acht, der Biedermann hat nur mein Haus
    In meinem Absein nicht betreten wollen;
    Und kommt nicht ungern, wenn der Vater selbst
    Ihn laden lässt. Geh, sag, ich lass ihn bitten,
    Ihn herzlich bitten …

    DAJA

    All umsonst! Er kömmt
    Euch nicht. — Denn kurz: er kommt zu keinem Juden.

    NATHAN

    So geh, geh wenigstens ihn anzuhalten,
    Ihn wenigstens mit deinen Augen zu
    Begleiten. — Geh, ich komme gleich dir nach.
    Nathan eilt hinein, und Daja heraus.

    FÜNFTER AUFTRITT

    Szene: ein Platz mit Palmen, unter welchen der Tempelherr auf und nieder geht. Ein Klosterbruder folgt ihm in einiger Entfernung von der Seite, immer als ob er ihn anreden wolle.

    TEMPELHERR

    Der folgt mir nicht vor langer Weile! — Sieh,
    Wie schielt er nach den Händen! — Guter Bruder,
    Ich kann Euch auch wohl Vater nennen, nicht?

    KLOSTERBRUDER

    Nur Bruder. — Laienbruder nur; zu dienen.

    TEMPELHERR

    Ja, guter Bruder, wer nur selbst was hätte!
    Bei Gott! bei Gott! ich habe nichts —

    KLOSTERBRUDER

    Und doch
    Recht warmen Dank! Gott geb’ Euch tausendfach,
    Was Ihr gern geben wolltet. Denn der Wille
    Und nicht die Gabe macht den Geber. — Auch
    Ward ich dem Herrn Almosens wegen gar
    Nicht nachgeschickt.

    TEMPELHERR

    Doch aber nachgeschickt?

    KLOSTERBRUDER

    Ja, aus dem Kloster.

    TEMPELHERR

    Wo ich eben jetzt
    Ein kleines Pilgermahl zu finden hoffte?

    KLOSTERBRUDER

    Die Tische waren schon besetzt: komm' aber
    Der Herr nur wieder mit zurück.

    TEMPELHERR

    Wozu?
    Ich habe Fleisch wohl lange nicht gegessen
    Allein was tut’s? Die Datteln sind ja reif.

    KLOSTERBRUDER

    Nehm' sich der Herr in Acht mit dieser Frucht.
    Zu viel genossen taugt sie nicht; verstopft
    Die Milz, macht melancholisches Geblüt.

    TEMPELHERR

    Wenn ich nun melancholisch gern mich fühlte? —
    Doch dieser Warnung wegen wurdet Ihr
    Mir doch nicht nachgeschickt?

    KLOSTERBRUDER

    O nein! — Ich soll
    Mich nur nach Euch erkunden, auf den Zahn
    Euch fühlen.

    TEMPELHERR

    Und das sagt Ihr mir so selbst?

    KLOSTERBRUDER

    Warum nicht?

    TEMPELHERR

    (Ein verschmitzter Bruder!) — Hat
    Das Kloster Euresgleichen mehr?

    KLOSTERBRUDER

    Weiss nicht.
    Ich muss gehorchen, lieber Herr.

    TEMPELHERR

    Und da
    Gehorcht Ihr denn auch, ohne viel zu klügeln?

    KLOSTERBRUDER

    Wär’s sonst gehorchen, lieber Herr?

    TEMPELHERR

    (Dass doch
    Die Einfalt immer Recht behält!) — Ihr dürft
    Mir doch auch wohl vertrauen, wer mich gern
    Genauer kennen möchte? — Dass Ihr’s selbst
    Nicht seid, will ich wohl schwören.

    KLOSTERBRUDER

    Ziemte mir's?
    Und frommte mir’s?

    TEMPELHERR

    Wem ziemt und frommt es denn,
    Dass er so neubegierig ist? Wem denn?

    KLOSTERBRUDER

    Dem Patriarchen; muss ich glauben. — Denn
    Der sandte mich Euch nach.

    Tempelherr

    Der Patriarch?
    Kennt der das rote Kreuz auf weißem Mantel
    Nicht besser?

    KLOSTERBRUDER

    Kenn ja ich’s!

    TEMPELHERR

    Nun, Bruder? Nun: —
    Ich bin ein Tempelherr; und ein gefangner —
    Setz ich hinzu: gefangen bei Tebnin,
    Der Burg, die mit des Stillstands letzter, Stunde
    Wir gern erstiegen hätten, um sodann
    Auf Sidon loszugehn; — setz ich hinzu:
    Selbzwanzigster gefangen und allein
    Vom Saladin begnadiget: so weiß
    Der Patriarch, was er zu wissen braucht —
    Mehr, als er braucht.

    KLOSTERBRUDER

    Wohl aber schwcrlich mehr,
    Als er schon weiß. — Er wüsst auch gern, warum
    Der Herr vom Saladin begnadigt worden;
    Er ganz allein.

    TEMPELHERR

    Weiß ich das selber? — Schon
    Den Hals entblößt, kniet ich auf meinem Mantel;
    Den Streich erwartend, als mich schärfer Saladin
    Ins Auge faßt, mir näher springt, und winkt.
    Man hebt mich auf; ich bin entfesselt; will
    Ihm danken; seh sein Aug’ in Tränen; stumm
    Ist er, bin ich; er geht, ich bleibe. — Wie
    Nun das zusammenhängt, enträtsle sich
    Der Patriarche selbst.

    KLOSTERBRUDER

    Er schließt daraus,
    Dass Gott zu großen, großen Dingen Euch
    Müss' aufbehalten haben.

    TEMPELHERR

    Ja, zu großen!
    Ein Judenmädchen aus dem Feu’r zu retten;
    Auf Sinai neugier’ge Pilger zu
    Geleiten, und dergleichen mehr.

    KLOSTERBRUDER

    Wird schon
    Noch kommen! — Ist inzwischen auch nicht übel. —
    Vielleicht hat selbst der Patriarch bereits
    Weit wicht’gere Geschäfte für den Herrn.

    TEMPELHERR

    So? Meint Ihr, Bruder? — Hat er gar Euch schon
    Was merken lassen?

    KLOSTERBRUDER

    Ei, ja wohl! — Ich soll
    Den Herrn nur erst ergründen, ob er so
    Der Mann wohl ist.

    TEMPELHERR

    Nun ja, ergründet nur!
    (Ich will doch sehn, wie der ergründet!) — Nun?

    KLOSTERBRUDER

    Das Kürz'ste wird wohl sein, dass ich dem Herrn
    Ganz gradezu des Patriarchen Wunsch
    Eröffne.

    TEMPELHERR

    Wohl!

    KLOSTERBRUDER

    Er hätte durch den Herrn
    Ein Briefchen gern bestellt.

    TEMPELHERR

    Durch mich? Ich bin
    Kein Bote. — Das, das wäre das Geschäft,
    Das weit glorreicher sei, als Judenmädchen
    Dem Feu’r entreißen?

    KLOSTERBRUDER

    Muss doch wohl! Denn — sagt
    Der Patriarch — an diesem Briefchen sei
    Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen.
    Dies Briefchen wohl bestellt zu haben — sagt
    Der Patriarch — werd einst im Himmel Gott
    Mit einer ganz besondem Krone lohnen.
    Und dieser Krone — sagt der Patriarch —
    Sei niemand würd’ger, als mein Herr.

    TEMPELHERR

    Als ich?

    KLOSTERBRUDER

    Denn diese Krone zu verdienen — sagt
    Der Patriarch — sei schwerlich jemand auch
    Geschickter, als mein Herr.

    TEMPELHERR

    Als ich?

    KLOSTERBRUDER

    Er sei
    Hier frei; könn' überall sich hier besehn;
    Versteh', wie eine Stadt zu stürmen und
    Zu schirmen; könne — sagt der Patriarch —
    Die Stärk’ und Schwäche der von Saladin
    Neu aufgeführten, innern, zweiten Mauer
    Am besten schätzen, sie am deutlichsten
    Den Streitern Gottes — sagt der Patriarch —
    Beschreiben.

    TEMPELHERR

    Guter Bruder, wenn ich doch
    Nun auch des Briefchens nähern Inhalt wüßte.

    KLOSTERBRUDER

    Ja den, — den weiß ich nun wohl nicht so recht.
    Das Briefchen aber ist an König Philipp —
    Der Patriarch … Ich hab mich oft gewundert,
    Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz
    Im Himmel lebt, zugleich so unterrichtet
    Von Dingen dieser Welt zu sein herab
    Sich lassen kann. Es muss ihm sauer werden.

    TEMPELHERR

    Nun denn? Der Patriarch? —

    KLOSTERBRUDER

    Weiß ganz genau,
    Ganz zuverlässig, wie und wo, wie stark,
    Von welcher Seite Saladin, im Fall
    Es völlig wieder los geht, seinen Feldzug
    Eröffnen wird.

    TEMPELHERR

    Das weiß er?

    KLOSTERBRUDER

    Ja, und möcht
    Es gern den König Philipp wissen lassen:
    Damit der ungefähr ermessen könne,
    Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um
    Mit Saladin den Waffenstillstand,
    Den Euer Orden schon so brav gebrochen,
    Es koste was es wolle, wiederher-
    Zustellen.

    TEMPELHERR

    Welch ein Patriarch! — Ja so!
    Der liebe, tapfre Mann will mich zu keinem
    Gemeinen Boten; will mich — zum Spion. —
    Sagt Euerm Patriarchen, guter Bruder,
    So viel Ihr mich ergründen können, wär
    Das meine Sache nicht. — Ich müsse mich
    Noch als Gefangenen betrachten; und
    Der Tempelherren einziger Beruf
    Sei, mit dem Schwerte dreinzuschlagen, nicht
    Kundschafterei zu treiben.

    KLOSTERBRUDER

    Dacht ich’s doch! —
    Will's auch dem Herrn nicht eben sehr verübeln.
    Zwar kommt das Beste noch. — Der Patriarch
    Hiernächst hat ausgegattert, wie die Veste
    Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt,
    In der die ungeheuren Summen stecken,
    Mit welchen Saladins vorsicht’ger Vater
    Das Heer besoldet, und die Zurüstungen
    Des Kriegs bestreitet. Saladin verfügt
    Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen
    Nach dieser Veste sich, nur kaum begleitet. —
    Ihr merkt doch?

    TEMPELHERR

    Nimmermehr!

    KLOSTERBRUDER

    Was wäre da
    Wohl leichter, als des Saladins sich zu
    Bemächtigen? den Garaus ihm zu machen? —
    Ihr schaudert? — O es haben schon ein Paar
    Gottsfürcht’ge Maroniten sich erboten,
    Wenn nur ein wackrer Mann sie führen wolle,
    Das Stück zu wagen.

    TEMPELHERR

    Und der Patriarch
    Hätt auch zu diesem wackern Manne mich
    Ersehn?

    KLOSTERBRUDER

    Er glaubt, dass König Philipp wohl
    Von Ptolemais aus die Hand hierzu
    Am besten bieten könne.

    TEMPELHERR

    Mir? mir, Bruder?
    Mir? Habt Ihr nicht gehört? nur erst gehört,
    Was für Verbindlichkeit dem Saladin
    Ich habe?

    KLOSTERBRUDER

    Wohl hab ich’s gehört.

    TEMPELHERR

    Und doch?

    KLOSTERBRUDER

    Ja — meint der Patriarch — das wär’ schon gut;
    Gott aber und der Orden …

    TEMPELHERR

    Ändern nichts!
    Gebieten mir kein Bubenstück!

    KLOSTERBRUDER

    Gewiss nicht! —
    Nur — meint der Patriarch — sei Bubenstück
    Vor Menschen nicht auch Bubenstück vor Gott.

    TEMPELHERR

    Ich wär dem Saladin mein Leben schuldig:
    Und raubt ihm seines?

    KLOSTERBRUDER

    Pfui! — Doch bliebe — meint
    Der Patriarch — noch immer Saladin
    Ein Feind der Christenheit, der Euer Freund
    Zu sein, kein Recht erwerben könne.

    TEMPELHERR

    Freund?
    An dem ich bloß nicht will zum Schurken werden,
    Zum undankbaren Schurken?

    KLOSTERBRUDER

    Allerdings! —
    Zwar — meint der Patriarch — des Dankes sei
    Man quitt, vor Gott und Menschen quitt, wenn uns
    Der Dienst um unsertwillen nicht geschehen.
    Und da verlauten wolle — meint der Patriarch —
    Dass Euch nur darum Saladin begnadet,
    Weil ihm in Eurer Mien', in Euerm Wesen,
    So was von seinem Bruder eingeleuchtet …

    TEMPELHERR

    Auch dieses weiß der Patriarch; und doch? —
    Ah! wäre das gewiss! Ah, Saladin! —
    Wie? die Natur hätt auch nur Einen Zug
    Von mir in deines Bruders Form gebildet:
    Und dem entspräche nichts in meiner Seele?
    Was dem entspräche, könnt ich unterdrücken,
    Um einem Patriarchen zu gefallen? —
    Natur, so lügst du nicht! So widerspricht
    Sich Gott in seinen Werken nicht! — Geht, Bruder! —
    Erregt mir meine Galle nicht! — Geht! geht!

    KLOSTERBRUDER

    Ich geh; und geh vergnügter als ich kam.
    Verzeihe mir der Herr. Wir Klosterleute
    Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen.

    SECHSTER AUFTRITT

    Der Tempelherr und Daja, die den Tempelherrn schon eine Zeitlang von weitem beobachtet hatte, und sich nun ihm nähert.

    DAJA

    Der Klosterbruder, wie mich dünkt, ließ in
    Der besten Laun' ihn nicht. — Doch muss ich mein
    Paket nur wagen.

    TEMPELHERR

    Nun, vortrefflich! — Lügt
    Das Sprichwort wohl: dass Mönch und Weib, und Weib
    Und Mönch des Teufels beide Krallen sind?
    Er wirft mich heut aus einer in die andre.

    DAJA

    Was seh ich? — Edler Ritter! Euch? — Gott Dank!
    Gott tausend Dank! — Wo habt Ihr denn
    Die ganze Zeit gesteckt? — Ihr seid doch wohl
    Nicht krank gewesen?

    TEMPELHERR

    Nein.

    DAJA

    Gesund doch?

    TEMPELHERR

    Ja.

    DAJA

    Wir waren Euertwegen wahrlich ganz
    Bekümmert.

    TEMPELHERR

    So?

    DAJA

    Ihr wart gewiss verreist?

    TEMPELHERR

    Erraten!

    DAJA

    Und kamt heut erst wieder?

    TEMPELHERR

    Gestern.

    DAJA

    Auch Recha’s Vater ist heut angekommen.
    Und nun darf Recha doch wohl hoffen?

    TEMPELHERR

    Was?

    DAJA

    Warum sie Euch so öfters bitten lassen.
    Ihr Vater ladet Euch nun selber bald
    Aufs dringlichste. Er kommt von Babylon,
    Mit zwanzig hochbeladenen Kamelen,
    Und allem, was an edeln Spezereien,
    An Steinen und an Stoffen, Indien
    Und Persien und Syrien, gar Sina,
    Kostbares nur gewähren.

    TEMPELHERR

    Kaufe nichts.

    DAJA

    Sein Volk verehret ihn als einen Fürsten.
    Doch dass es ihn den weisen Nathan nennt,
    Und nicht vielmehr den reichen, hat mich oft
    Gewundert.

    TEMPELHERR

    Seinem Volk ist reich und weise
    Vielleicht das Nämliche.

    DAJA

    Vor allem aber
    Hätt’s ihn den Guten nennen müssen. Denn
    Ihr stellt Euch gar nicht vor, wie gut er ist.
    Als er erfuhr, wie viel Euch Recha schuldig:
    Was hätt, in diesem Augenblicke, nicht
    Er alles Euch getan, gegeben!

    TEMPELHERR

    Ei!

    DAJA

    Versucht's, und kommt und seht!

    TEMPELHERR

    Was denn? Wie schnell
    Ein Augenblick vorüber ist?

    DAJA

    Hätt ich,
    Wenn er so gut nicht wär, es mir so lange
    Bei ihm gefallen lassen! Meint Ihr etwa,
    Ich fühle meinen Wert als Christin nicht?
    Auch mir ward’s vor der Wiege nicht gesungen,
    Dass ich nur darum meinem Ehgemahl
    Nach Palästina folgen würd, um da
    Ein Judenmädchen zu erziehn. Es war
    Mein lieber Ehgemahl ein edler Knecht
    In Kaiser Friedrichs Heere —

    TEMPELHERR

    Von Geburt
    Ein Schweizer, dem die Ehr' und Gnade ward,
    Mit Seiner Kaiserlichen Majestät
    In einem Flusse zu ersaufen. — Weib!
    Wie vielmal habt Ihr mir das schon erzählt?
    Hört Ihr denn gar nicht auf, mich zu verfolgen?

    DAJA

    Verfolgen! Lieber Gott!

    TEMPELHERR

    Ja, ja, verfolgen.
    Ich will nun einmal Euch nicht weiter sehn!
    Nicht hören! Will von Euch an eine Tat
    Nicht fort und fort erinnert sein, bei der
    Ich nichts gedacht; die, wenn ich drüber denke,
    Zum Rätsel von mir selbst mir wird. Zwar möcht
    Ich sie nicht gern bereuen. Aber seht,
    Ereignet so ein Fall sich wieder: Ihr
    Seid Schuld, wenn ich so rasch nicht handle; wenn
    Ich mich vorher erkund — und brennen lasse,
    Was brennt.

    DAJA

    Bewahre Gott!

    TEMPELHERR

    Von heut an tut
    Mir den Gefallen wenigstens, und kennt
    Mich weiter nicht. Ich bitt Euch drum. Auch lasst
    Den Vater mir vom Halse. Jud’ ist Jude.
    Ich bin ein plumper Schwab. Des Mädchens Bild
    Ist längst aus meiner Seele, wenn es je
    Da war.

    DAJA

    Doch Eures ist aus ihrer nicht.

    TEMPELHERR

    Was soll’s nun aber da? was soll’s?

    DAJA

    Wer weiß!
    Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen.

    TEMPELHERR

    Doch selten etwas Bessers.
    Er geht.

    DAJA

    Wartet doch!
    Was eilt Ihr?

    TEMPELHERR

    Weib, macht mir die Palmen nicht
    Verhasst, worunter ich so gern sonst wandle.

    DAJA

    So geh, du deutscher Bär! so geh! — Und doch
    Muss ich die Spur des Tieres nicht verlieren.
    Sie geht ihm von weitem nach.

    ZWEITER AUFZUG

    ERSTER AUFTRITT

    Szene: des Sultans Palast. Saladin und Sittah spielen Schach.

    SITTAH

    Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut?

    SALADIN

    Nicht gut? Ich dächte doch.

    SITTAH

    Für mich; und kaum.
    Nimm diesen Zug zurück.

    SALADIN

    Warum?

    SITTAH

    Der Springer
    Wird unbedeckt.

    SALADIN

    Ist wahr. Nun so!

    SITTAH

    So zieh
    Ich in die Gabel.

    SALADIN

    Wieder wahr. — Schach dann!

    SITTAH

    Was hilft dir das? Ich setze vor, und du
    Bist, wie du warst.

    SALADIN

    Aus dieser Klemme, seh
    Ich wohl, ist ohne Buße nicht zu kommen.
    Mag's! Nimm den Springer nur.

    SITTAH

    Ich will ihn nicht.
    Ich geh vorbei.

    SALADIN

    Du schenkst mir nichts. Dir liegt
    An diesem Platze mehr, als an dem Springer.

    SITTAH

    Kann sein.

    SALADIN

    Mach deine Rechnung nur nicht ohne
    Den Wirt. Denn sieh! Was gilt’s, das warst du nicht
    Vermuten?

    SITTAH

    Freilich nicht. Wie konnt ich auch
    Vermuten, dass du deiner Königin
    So müde wärst?

    SALADIN

    Ich meiner Königin?

    SITTAH

    Ich seh nun schon: ich soll heut meine tausend
    Dinar, kein Naserinchen mehr gewinnen.

    SALADIN

    Wieso?

    SITTAH

    Frag noch! — Weil du mit Fleiß, mit aller
    Gewalt verlieren willst. — Doch dabei find
    Ich meine Rechnung nicht. Denn außer, dass
    Ein solches Spiel das unterhaltendste
    Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten
    Mit dir, wenn ich verlor? Wann hast du mir
    Den Satz, mich des verlornen Spieles wegen
    Zu trösten, doppelt nicht hernach geschenkt?

    SALADIN

    Ei sieh! so hättest du ja wohl, wenn du
    Verlorst, mit Fleiß verloren, Schwesterchen?

    SITTAH

    Zum wenigsten kann gar wohl sein, dass deine
    Freigebigkeit, mein liebes Brüderchen,
    Schuld ist, dass ich nicht besser spielen lernen.

    SALADIN

    Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!

    SITTAH

    So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!

    SALADIN

    Nun freilich, dieses Abschach hab ich nicht
    Gesehn, das meine Königin zugleich
    Mit niederwirft.

    SITTAH

    War dem noch abzuhelfen?
    Lass sehn.

    SALADIN

    Nein, nein; nimm nur die Königin.
    Ich war mit diesem Steine nie recht glücklich.

    SITTAH

    Bloß mit dem Steine?

    SALADIN

    Fort damit! — Das tut
    Mir nichts. Denn so ist alles wiederum
    Geschützt.

    SITTAH

    Wie höflich man mit Königinnen
    Verfahren müsse: hat mein Bruder mich
    Zu wohl gelehrt.
    Sie lässt sie stehen.

    SALADIN

    Nimm, oder nimm sie nicht!
    Ich habe keine mehr.

    SITTAH

    Wozu sie nehmen?
    Schach! — Schach!

    SALADIN

    Nur weiter.

    SITTAH

    Schach! — und Schach! — und Schach! —

    SALADIN

    Und matt!

    SITTAH

    Nicht ganz; du ziehst den Springer noch
    Dazwischen, oder was du machen willst.
    Gleichviel!

    SALADIN

    Ganz recht! — Du hast gewonnen, und
    Al-Hafi zahlt. Man lass’ ihn rufen! gleich! —
    Du hattest, Sittah, nicht so Unrecht: ich
    War nicht so ganz beim Spiele, war zerstreut.
    Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine
    Beständig, die an nichts erinnern, nichts
    Bezeichnen? Hab ich mit dem Iman denn
    Gespielt? — Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht
    Die ungeformten Steine, Sittah, sind’s,
    Die mich verlieren machten: deine Kunst,
    Dein ruhiger und schneller Blick.

    SITTAH

    Auch so
    Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen.
    Genug, du warst zerstreut, und mehr als ich.

    SALADIN

    Als du? Was hätte dich zerstreuet?

    SITTAH

    Deine
    Zerstreuung freilich nicht! — O Saladin,
    Wann werden wir so fleißig wieder spielen!

    SALADIN

    So spielen wir um so viel gieriger! —
    Ah! weil es wieder losgeht, meinst du? — Mag's! —
    Nur zu! — Ich habe nicht zuerst gezogen;
    Ich hätte gern den Stillestand aufs Neue
    Verlängert; hätte meiner Sittah gern,
    Gern einen guten Mann zugleich verschafft.
    Und das muss Richards Bruder sein: er ist
    Ja Richards Bruder.

    SITTAH

    Wenn du deinen Richard
    Nur loben kannst!

    SALADIN

    Wenn unserm Bruder Melek
    Dann Richards Schwester wär zu Teile worden:
    Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten,
    Der besten Häuser in der Welt das beste! —
    Du hörst, ich bin mich selbst zu loben auch
    Nicht faul. Ich dünk mich meiner Freunde wert. —
    Das hätte Menschen geben sollen! das!

    SITTAH

    Hab ich des schönen Traums nicht gleich gelacht?
    Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.
    Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn
    Selbst das, was noch von ihrem Stifter her,
    Mit Menschlichkeit den Aberglauben wirzt,
    Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:
    Weil’s Christus lehrt; weil’s Christus hat getan. —
    Wohl ihnen, dass er ein so guter Mensch
    Noch war: Wohl ihnen, dass sie seine Tugend
    Auf Treu und Glauben nehmen können! — Doch
    Was Tugend? — Seine Tugend nicht; sein Name
    Soll überall verbreitet werden; soll
    Die Namen aller guten Menschen schänden,
    Verschlingen. Um den Namen, um den Namen
    Ist ihnen nur zu tun.

    SALADIN

    Du meinst: warum
    Sie sonst verlangen würden, dass auch ihr,
    Auch du und Melek, Christen hießet, eh
    Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?

    SITTAH

    Ja wohl! Als wär von Christen nur, als Christen,
    Die Liebe zu gewärtigen, womit
    Der Schöpfer Mann und Männin ausgestattet!

    SALADIN

    Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,
    Als dass sie die nicht auch noch glauben könnten! —
    Und gleichwohl irrst du dich. — Die Tempelherren,
    Die Christen nicht, sind Schuld: sind nicht, als Christen,
    Als Tempelherren Schuld. Durch die allein
    Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca,
    Das Richards Schwester unserm Bruder Melek
    Zum Brautschatz bringen müsste, schlechterdings
    Nicht fahren lassen. Dass des Ritters Vorteil
    Gefahr nicht laufe, spielen sie den Mönch,
    Den albern Mönch. Und ob vielleicht im Fluge
    Ein guter Streich gelänge, haben sie
    Des Waffenstillestandes Ablauf kaum
    Erwarten können. — Lustig! Nur so weiter!
    Ihr Herren, nur so weiter! — Mir schon recht!
    Wär alles sonst nur, wie es müsste.

    SITTAH

    Nun
    Was irrte dich denn sonst? Was könnte sonst
    Dich aus der Fassung bringen?

    SALADIN

    Was von je
    Mich immer aus der Fassung hat gebracht.
    Ich war auf Libanon, bei unserm Vater.
    Er unterliegt den Sorgen noch …

    SITTAH

    O weh!

    SALADIN

    Er kann nicht durch; es klemmt sich allerorten;
    Es fehlt bald da, bald dort —

    SITTAH

    Was klemmt? Was fehlt?

    SALADIN

    Was sonst, als was ich kaum zu nennen würd’ge?
    Was, wenn ich’s habe, mir so überflüssig,
    Und hab ich’s nicht, so unentbehrlich scheint.
    Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach
    Ihm aus? — Das leidige, verwünschte Geld! —
    Gut, Hafi, dass du kömmst.

    ZWEITER AUFTRITT

    Der Derwisch Al-Hafi. Saladin. Sittah.

    AL-HAFI

    Die Gelder aus
    Ägypten sind vermutlich angelangt.
    Wenn’s nur fein viel ist.

    SALADIN

    Hast du Nachricht?

    AL-HAFI

    Ich?
    Ich nicht. Ich denke; dass ich hier sie in
    Empfang soll nehmen.

    SALADIN

    Zahl an Sittah tausend
    Dinare!
    In Gedanken hin und her gehend.

    AL-HAFI

    Zahl! anstatt, empfang! O schön!
    Das ist für Was noch weniger als Nichts. —
    An Sittah? — wiederum an Sittah? Und
    Verloren? — wiederum im Schach verloren? —
    Da steht es noch, das Spiel!

    SITTAH

    Du gönnst mir doch
    Mein Glück?

    AL-HAFI

    das Spiel betrachtend
    Was gönnen? Wenn — Ihr wißt ja wohl.

    SITTAH

    ihm winkend
    Bst! Hafi! bst!

    AL-HAFI

    noch auf das Spiel gerichtet
    Gönnt's Euch nur selber erst!

    SITTAH

    Al-Hafi, bst!

    AL-HAFI

    zu Sittah
    Die Weißen waren Euer?
    Ihr bietet Schach?

    SITTAH

    Gut, dass er nichts gehört.

    AL-HAFI

    Nun ist der Zug an ihm?

    SITTAH

    ihm näher tretend
    So sage doch,
    Dass ich mein Geld bekommen kann.

    AL-HAFI

    noch auf das Spiel geheftet
    Nun ja;
    Ihr sollt’s bekommen, wie Ihr’s stets bekommen.

    SITTAH

    Wie? bist du toll?

    AL-HAFI

    Das Spiel ist ja nicht aus.
    Ihr habt ja nicht verloren, Saladin.

    SALADIN

    kaum hinhörend
    Doch! doch! Bezahl! bezahl!

    AL-HAFI

    Bezahl! bezahl!
    Da steht ja Eure Königin.

    SALADIN

    noch so
    Gilt nicht;
    Gehört nicht mehr ins Spiel.

    SITTAH

    So mach, und sag,
    Dass ich das Geld mir nur kann holen lassen.

    AL-HAFI

    noch immer in das Spiel vertieft
    Versteht sich, so wie immer. — Wenn auch schon;
    Wenn auch die Königin nichts gilt: Ihr seid
    Doch darum noch nicht matt.

    SALADIN

    tritt hinzu und wirft das Spiel um
    Ich bin es, will
    Es sein.

    AL-HAFI

    Ja so! — Spiel wie Gewinst! So wie
    Gewonnen, so bezahlt.

    SALADIN

    zu Sittah
    Was sagt er? was?

    SITTAH

    von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend
    Du kennst ihn ja. Er sträubt sich gern; lässt gern
    Sich bitten; ist wohl gar ein wenig neidisch. —

    SALADIN

    Auf dich doch nicht? Auf meine Schwester nicht? —
    Was hör ich, Hafi? Neidisch, du?

    AL-HAFI

    Kann sein!
    Kann sein! — Ich hätt ihr Hirn wohl lieber selbst;
    Wär lieber selbst so gut, als sie.

    SITTAH

    Indes
    Hat er doch immer richtig noch bezahlt.
    Und wird auch heut bezahlen. Lass ihn nur!
    Geh nur, Al-Hafi, geh! Ich will das Geld
    Schon holen lassen.

    AL-HAFI

    Nein, ich spiele länger
    Die Mummerei nicht mit. Er muss es doch
    Einmal erfahren.

    SALADIN

    Wer? und was?

    SITTAH

    Al-Hafi!
    Ist dieses dein Versprechen? Hältst du so
    Mir Wort?

    AL-HAFI

    Wie konnt ich glauben, dass es so
    Weit gehen würde.

    SALADIN

    Nun? erfahr ich nichts?

    SITTAH

    Ich bitte dich, Al-Hafi, sei bescheiden.

    SALADIN

    Das ist doch sonderbar! Was könnte Sittah
    So feierlich, so warm bei einem Fremden,
    Bei einem Derwisch lieber, als bei mir,
    Bei ihrem Bruder, sich verbitten wollen.
    Al-Hafi, nun befehl ich. — Rede, Derwisch!

    SITTAH

    Lass eine Kleinigkeit, mein Bruder, dir
    Nicht näher treten, als sie würdig ist,
    Du weißt, ich habe zu verschiednen Malen
    Dieselbe Summ' im Schach von dir gewonnen.
    Und weil ich jetzt das Geld nicht nötig habe;
    Weil jetzt in Hafis Kasse doch das Geld
    Nicht eben allzu häufig ist, so sind
    Die Posten stehn geblieben. Aber sorgt
    Nur nicht! Ich will sie weder dir, mein Bruder,
    Noch Hafi, noch der Kasse schenken.

    AL-HAFI

    Ja,
    Wenn’s das nur wäre! das!

    SITTAH

    Und mehr dergleichen. —
    Auch das ist in der Kasse stehn geblieben,
    Was du mir einmal ausgeworfen; ist
    Seit wenig Monden stehn geblieben.

    AL-HAFI

    Noch
    Nicht alles.

    Saladin.

    Noch nicht? — Wirst du reden?

    AL-HAFI

    Seit aus Ägypten wir das Geld erwarten,
    Hat sie …

    SITTAH

    zu Saladin
    Wozu ihn hören?

    AL-HAFI

    Nicht nur Nichts
    Bekommen …

    SALADIN

    Gutes Mädchen! — Auch beiher
    Mit vorgeschossen. Nicht?

    AL-HAFI

    Den ganzen Hof
    Erhalten; Euern Aufwand ganz allein
    Bestritten.

    SALADIN

    Ha! das, das ist meine Schwester!
    Sie umarmend.

    SITTAH

    Wer hatte, dies zu können, mich so reich
    Gemacht, als du, mein Bruder?

    AL-HAFI

    Wird schon auch
    So bettelarm sie wieder machen, als
    Er selber ist.

    SALADIN

    Ich arm? Der Bruder arm?
    Wann hab ich mehr? wann weniger gehabt? —
    Ein Kleid, ein Schwert, ein Pferd — und einen Gott! —
    Was brauch ich mehr? wann kann's an dem mir fehlen?
    und doch, Al-Hafi, könnt ich mit dir schelten.

    SITTAH

    Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich unserm Vater
    Auch seine Sorgen so erleichtern könnte!

    SALADIN

    Ah! Ah! Nun schlägst du meine Freudigkeit
    Auf einmal wieder nieder! — Mir, für mich
    Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm,
    Ihm fehlet; und in ihm uns allen. — Sagt,
    Was soll ich machen? — Aus Ägypten kommt
    Vielleicht noch lange nichts. Woran das liegt,
    Weiß Gott. Es ist doch da noch alles ruhig. —
    Abbrechen, einziehn, sparen, will ich gern,
    Mir gern gefallen lassen, wenn es mich,
    Bloß mich betrifft; bloß ich, und niemand sonst
    Darunter leidet. — Doch was kann das machen?
    Ein Pferd, ein Kleid, ein Schwert, muß ich doch haben.
    Und meinem Gott ist auch nichts abzudingen.
    Ihm g’nügt schon so mit wenigem genug;
    Mit meinem Herzen. — Auf den Überschuss
    Von deiner Kasse, Hafi, hatt ich sehr
    Gerechnet.

    AL-HAFI

    Überschuss? — Sagt selber, ob
    Ihr mich nicht hättet spießen, wenigstens
    Mich drosseln lassen, wenn auf Überschuss
    Ich von Euch wär ergriffen worden. Ja,
    Auf Unterschleif! das war zu wagen.

    SALADIN

    Nun,
    Was machen wir denn aber? — Konntest du
    Vorerst bei niemand anderm borgen, als
    Bei Sittah?

    SITTAH

    Würd ich dieses Vorrecht, Bruder,
    Mir haben nehmen lassen? Mir von ihm?
    Auch noch besteh ich drauf. Noch bin ich auf
    Dem Trocknen völlig nicht.

    SALADIN

    Nur völlig nicht!
    Das fehlte noch! — Geh gleich, mach Anstalt, Hafi!
    Nimm auf, bei wem du kannst! und wie du kannst!
    Geh, borg, versprich. — Nur, Hafi, borge nicht
    Bei denen, die ich reich gemacht. Denn borgen
    Von diesen, möchte wiederfordern heißen.
    Geh zu den Geizigsten; die werden mir
    Am liebsten leihen. Denn sie wissen wohl,
    Wie gut ihr Geld in meinen Händen wuchert.

    AL-HAFI

    Ich kenne deren keine.

    SITTAH

    Eben fällt
    Mir ein, gehört zu haben, Hafi, dass
    Dein Freund zurückgekommen.

    AL-HAFI

    betroffen
    Freund? mein Freund?
    Wer wär denn das?

    SITTAH

    Dein hochgepriesner Jude.

    AL-HAFI

    Gepriesner Jude? hoch von mir?

    SITTAH

    Dem Gott, —
    Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, des einst
    Du selber dich von ihm bedientest, — dem
    Sein Gott von allen Gütern dieser Welt
    Das Kleinst’ und Größte so in vollem Maß
    Erteilet habe. —

    AL-HAFI

    Sagt’ ich so? — Was meint
    Ich denn damit?

    SITTAH

    Das Kleinste: Reichtum. Und
    Das Größte: Weisheit.

    AL-HAFI

    Wie? von einem Juden?
    Von einem Juden hätt ich das gesagt?

    SITTAH

    Das hättest du von deinem Nathan nicht
    Gesagt?

    AL-HAFI

    Ja so! von dem! vom Nathan! — Fiel
    Mir der doch gar nicht bei. — Wahrhaftig? Der
    Ist endlich wieder heim gekommen? Ei!
    So mag’s doch gar so schlecht mit ihm nicht stehn. —
    Ganz recht: den nannt einmal das Volk den Weisen!
    Den Reichen auch.

    SITTAH

    Den Reichen nennt es ihn
    Jetzt mehr als je. Die ganze Stadt erschallt,
    Was er für Kostbarkeiten! was für Schätze
    Er mitgebracht.

    AL-HAFI

    Nun, ist’s der Reiche wieder:
    So wird’s auch wohl der Weise wieder sein.

    SITTAH

    Was meinst du, Hafi, wenn du diesen angingst?

    AL-HAFI

    Und was bei ihm? — Doch wohl nicht borgen? — Ja,
    Da kennt Ihr ihn! — Er borgen! — Seine Weisheit
    Ist eben, dass er niemand borgt.

    SITTAH

    Du hast
    Mir sonst doch ganz ein ander Bild von ihm
    Gemacht.

    AL-HAFI

    Zur Not wird er Euch Waren borgen.
    Geld aber, Geld? Geld nimmermehr. — Es ist
    Ein Jude freilich übrigens, wie’s nicht
    Viel Juden gibt. Er hat Verstand; er weiß
    Zu leben; spielt gut Schach. Doch zeichnet er
    Im Schlechten sich nicht minder, als im Guten,
    Vor allen andern Juden aus. — Auf den,
    Auf den nur rechnet nicht. — Den Armen gibt
    Er zwar, und gibt vielleicht trotz Saladin;
    Wenn schon nicht ganz so viel, doch ganz so gern;
    Doch ganz so sonder Ansehn, Jud’ und Christ
    Und Muselmann und Parsi, alles ist
    Ihm eins.

    SITTAH

    Und so ein Mann…

    SALADIN

    Wie kommt es denn,
    Dass ich von diesem Manne nie gehört? …

    SITTAH

    Der sollte Saladin nicht borgen? nicht
    Dem Saladin, der nur für andre braucht,
    Nicht sich?

    AL-HAFI

    Da seht nun gleich den Juden wieder;
    Den ganz gemeinen Juden! — Glaubt mir’s doch! —
    Er ist aufs Geben Euch so eifersüchtig,
    So neidisch! Jedes Lohn von Gott, das in
    Der Welt gesagt wird, zög er lieber ganz
    Allein. Nur darum eben leiht er keinem,
    Damit er stets zu geben habe. Weil
    Die Mild' ihm im Gesetz geboten, die
    Gefälligkeit ihm aber nicht geboten, macht
    Die Mild’ ihn zu dem ungefälligsten
    Gesellen auf der Welt. Zwar bin ich seit
    Geraumer Zeit ein wenig übern Fuß
    Mit ihm gespannt; doch denkt nur nicht, dass ich
    Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige.
    Er ist zu allem gut, bloß dazu nicht;
    Bloß dazu wahrlich nicht. Ich will auch gleich
    Nur gehn, an andre Türen klopfen … Da
    Besinn ich mich so eben eines Mohren,
    Der reich und geizig ist. — Ich geh, ich geh.

    SITTAH

    Was eilst du, Hafi?

    SALADIN

    Lass ihn! lass ihn!

    DRITTER AUFTRITT

    Sittah. Saladin.

    SITTAH

    Eilt
    Er doch, als ob er mir nur gern entkäme! —
    Was heißt das? — Hat er wirklich sich in ihm
    Betrogen, oder — möcht er uns nur gern
    Betrügen?

    SALADIN

    Wie? das fragst du mich? Ich weiß
    Ja kaum, von wem die Rede war; und höre
    Von eurem Juden, eurem Nathan, heut
    Zum ersten Mal.

    SITTAH

    Ist’s möglich, dass ein Mann
    Dir so verborgen blieb, von dem es heißt,
    Er habe Salomons und Davids Gräber
    Erforscht, und wisse deren Siegel durch
    Ein mächtiges geheimes Wort zu lösen?
    Aus ihnen bring’ er dann von Zeit zu Zeit
    Die unermesslichen Reichtümer an
    Den Tag, die keinen mindern Quell verrieten.

    SALADIN

    Hat seinen Reichtum dieser Mann aus Gräbern,
    So waren’s sicherlich nicht Salomons,
    Nicht Davids Gräber. Narren lagen da
    Begraben!

    SITTAH

    Oder Bösewichter! — Auch
    Ist seines Reichtums Quelle weit ergiebiger,
    Weit unerschöpflicher, als so ein Grab
    Voll Mammon.

    SALADIN

    Denn er handelt, wie ich hörte.

    SITTAH

    Sein Saumtier treibt auf allen Straßen, zieht
    Durch alle Wüsten; seine Schiffe liegen
    In allen Häfen. Das hat mir wohl eh'
    Al-Hafi selbst gesagt, und voll Entzücken
    Hinzugefügt, wie groß, wie edel dieser
    Sein Freund anwende, was so klug und emsig
    Er zu erwerben für zu klein nicht achte;
    Hinzugefügt, wie frei von Vorurteilen
    Sein Geist, sein Herz wie offen jeder Tugend,
    Wie eingestimmt mit jeder Schönheit sei.

    SALADIN

    Und jetzt sprach Hafi doch so ungewiss,
    So kalt von ihm.

    SITTAH

    Kalt nun wohl nicht; verlegen,
    Als halt' er’s für gefährlich, ihn zu loben,
    Und woll' ihn unverdient doch auch nicht tadeln.
    Wie? oder wär es wirklich so, dass selbst
    Der Beste seines Volkes seinem Volke
    Nicht ganz entfliehen kann? dass wirklich sich
    Al-Hafi seines Freunds von dieser Seite
    Zu schämen hätte? — Sei dem, wie ihm wolle! —
    Der Jude sei mehr oder weniger
    Als Jud’, ist er nur reich: genug für uns!

    SALADIN

    Du willst ihm aber doch das Seine mit
    Gewalt nicht nehmen, Schwester?

    SITTAH

    Ja, was heißt
    Bei dir Gewalt? Mit Feu’r und Schwert? Nein! nein!
    Was braucht es mit den Schwachen für Gewalt,
    Als ihre Schwäche? — Komm für jetzt nur mit
    In meinen Harem, eine Sängerin
    Zu hören, die ich gestern erst gekauft.
    Es reift indes bei mir vielleicht ein Anschlag,
    Den ich auf diesen Nathan habe. — Komm!

    VIERTER AUFTRITT

    Szene: vor dem Hause des Nathan, wo es an die Palmen stößt. Recha und Nathan kommen heraus. Zu ihnen Daja.

    RECHA

    Ihr habt Euch sehr verweilt, mein Vater. Er
    Wird kaum noch mehr zu treffen sein.

    NATHAN

    Nun, nun;
    Wenn hier, hier untern Palmen schon nicht mehr:
    Doch anderwärts. — Sei jetzt nur ruhig. — Sieh!
    Kommt dort nicht Daja auf uns zu?

    RECHA

    Sie wird
    Ihn ganz gewiss verloren haben.

    NATHAN

    Auch
    Wohl nicht.

    RECHA

    Sie würde sonst geschwinder kommen.

    NATHAN

    Sie hat uns wohl noch nicht gesehn …

    RECHA

    Nun sieht
    Sie uns.

    NATHAN

    Und doppelt ihre Schritte. Sieh!
    Sei doch nur ruhig! ruhig!

    RECHA

    Wolltet Ihr
    Wohl eine Tochter, die hier ruhig wäre?
    Sich unbekümmert ließe, wessen Wohltat
    Ihr Leben sei? Ihr Leben, — das ihr nur
    So lieb, weil sie es Euch zuerst verdanket.

    NATHAN

    Ich möchte dich nicht anders, als du bist:
    Auch wenn ich wüßte, dass in deiner Seele
    Ganz etwas anders noch sich rege.

    RECHA

    Was,
    Mein Vater?

    NATHAN

    Fragst du mich? so schüchtern mich?
    Was auch in deinem Innern vorgeht, ist
    Natur und Unschuld. Lass es keine Sorge
    Dir machen. Mir, mir macht es keine. Nur
    Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher
    Sich einst erklärt, mir seiner Wünsche keinen
    Zu bergen.

    RECHA

    Schon die Möglichkeit, mein Herz
    Euch lieber zu verhüllen, macht mich zittern.

    NATHAN

    Nichts mehr hiervon! Das ein für allemal
    Ist abgetan. — Da ist ja Daja. — Nun?

    DAJA

    Noch wandelt er hier untern Palmen, und
    Wird gleich um jene Mauer kommen. — Seht,
    Da kommt er!

    RECHA

    Ah! und scheinet unentschlossen,
    Wohin? ob weiter? ob hinab? ob rechts?
    Ob links?

    DAJA

    Nein, nein; er macht den Weg ums Kloster
    Gewiss noch öfter, und dann muss er hier
    Vorbei. — Was gilt’s?

    RECHA

    Recht! recht! — Hast du ihn schon
    Gesprochen? Und wie ist er heut?

    DAJA

    Wie immer.

    NATHAN

    So macht nur, dass er Euch hier nicht gewahr
    Wird. Tretet mehr zurück. Geht lieber ganz
    Hinein.

    RECHA

    Nur einen Blick noch! — Ah! die Hecke,
    Die mir ihn stiehlt!

    DAJA

    Kommt! kommt! Der Vater hat
    Ganz recht Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch sieht,
    Dass auf der Stell' er umkehrt.

    RECHA

    Ah! die Hecke!

    NATHAN

    Und kommt er plötzlich dort aus ihr hervor,
    So kann er anders nicht, er muss Euch sehen.
    Drum geht doch nur!

    DAJA

    Kommt! kommt! Ich weiß ein Fenster,
    Aus dem wir sie bemerken können.

    RECHA

    Ja?
    Beide hinein.

    FÜNFTER AUFTRITT

    Nathan und bald darauf der Tempelherr.

    NATHAN

    Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht
    Mich seine rauhe Tugend stutzen. Dass
    Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen
    Soll machen können! — Ha! er kommt. — Bei Gott!
    Ein Jüngling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl,
    Den guten, trotz’gen Blick! den drallen Gang!
    Die Schale kann nur bitter sein: der Kern
    Ist’s sicher nicht. — Wo sah ich doch dergleichen? —
    Verzeihet, edler Franke …

    TEMPELHERR

    Was?

    NATHAN

    Erlaubt…

    TEMPELHERR

    Was, Jude? was?

    NATHAN

    Dass ich mich untersteh,
    Euch anzureden.

    TEMPELHERR

    Kann ich’s wehren? Doch
    Nur kurz!

    NATHAN

    Verzieht, und eilet nicht so stolz,
    Nicht so verächtlich einem Mann vorüber,
    Den Ihr auf ewig Euch verbunden habt.

    TEMPELHERR

    Wie das? — Ah, fast errat ich’s. Nicht? Ihr seid …

    NATHAN

    Ich heiße Nathan, bin des Mädchens Vater,
    Das Eure Großmut aus dem Feu’r gerettet;
    Und komme …

    TEMPELHERR

    Wenn zu danken: — spart’s! Ich hab
    Um diese Kleinigkeit des Dankes schon
    Zu viel erdulden müssen. — Vollends Ihr,
    Ihr seid mir gar nichts schuldig. Wusst ich denn
    Dass dieses Mädchen Eure Tochter war?
    Es ist der Tempelherren Pflicht, dem Ersten
    Dem Besten beizuspringen, dessen Not
    Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem
    In diesem Augenblicke lästig. Gern,
    Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit,
    Es für ein andres Leben in die Schanze
    Zu schlagen: für ein andres — wenn’s auch nur
    Das Leben einer Jüdin wäre.

    NATHAN

    Groß!
    Groß und abscheulich! — Doch die Wendung lässt
    Sich denken. Die bescheidne Größe flüchtet
    Sich hinter das Abscheuliche, um der
    Bewundrung auszuweichen. — Aber wenn
    Sie so das Opfer der Bewunderung
    Verschmäht, was für ein Opfer denn verschmäht
    Sie minder? — Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd
    Und nicht gefangen wäret, würd ich Euch
    So dreist nicht fragen. Sagt, befehlt: womit
    Kann man Euch dienen?

    TEMPELHERR

    Ihr? Mit nichts.

    NATHAN

    Ich bin
    Ein reicher Mann.

    TEMPELHERR

    Der reichre Jude war
    Mir nie der bessre Jude.

    NATHAN

    Dürft Ihr denn
    Darum nicht nützen, was dem ungeachtet
    Er Besseres hat? nicht seinen Reichtum nützen?

    TEMPELHERR

    Nun gut, das will ich auch nicht ganz verreden,
    Um meines Mantels willen nicht. Sobald
    Der ganz und gar verschlissen, weder Stich
    Noch Fetze länger halten will: komm ich
    Und borge mir bei Euch zu einem neuen
    Tuch oder Geld. — Seht nicht mit eins so finster!
    Noch seid Ihr sicher; noch ist’s nicht so weit
    Mit ihm. Ihr seht, er ist so ziemlich noch
    Im Stande. Nur der eine Zipfel da
    Hat einen garst’gen Fleck: er ist versengt.
    Und das bekam er, als ich Eure Tochter
    Durchs Feuer trug.

    NATHAN

    der nach dem Zipfel greift und ihn betrachtet
    Es ist doch sonderbar,
    Dass so ein böser Fleck, dass so ein Brandmal
    Dem Mann ein bessres Zeugnis redet, als
    Sein eigner Mund. Ich möcht ihn küssen gleich
    Den Flecken! — Ah, verzeiht! — Ich tat es ungern.

    TEMPELHERR

    Was?

    NATHAN

    Eine Träne fiel darauf.

    TEMPELHERR

    Tut nichts!
    Er hat der Tropfen mehr. — (Bald aber fängt
    Mich dieser Jud' an zu verwirren.)

    NATHAN

    Wärt
    Ihr wohl so gut und schicktet Euerm Mantel
    Auch einmal meinem Mädchen?

    TEMPELHERR

    Was damit?

    NATHAN

    Auch ihren Mund auf diesen Fleck zu drücken.
    Denn Eure Kniee selber zu umfassen,
    Wünscht sie nun wohl vergebens.

    TEMPELHERR

    Aber, Jude —
    Ihr heißet Nathan? — Aber, Nathan — Ihr
    Setzt Eure Worte sehr — sehr gut — sehr spitz —
    Ich bin betreten — Allerdings — ich hätte …

    NATHAN

    Stellt und verstellt Euch, wie Ihr wollt. Ich find
    Auch hier Euch aus. Ihr wart zu gut, zu bieder,
    Um höflicher zu sein. — Das Mädchen, ganz
    Gefühl; der weibliche Gesandte, ganz
    Dienstfertigkeit; der Vater weit entfernt —
    Ihr trugt für ihren guten Namen Sorge;
    Floht ihre Prüfung; floht, um nicht zu siegen.
    Auch dafür dank ich Euch —

    TEMPELHERR

    Ich muss gestehn,
    Ihr wisst, wie Tempelherren denken sollten.

    NATHAN

    Nur Tempelherren? sollten bloß? und bloß,
    Weil es die Ordensregeln so gebieten?
    Ich weiß, wie gute Menschen denken; weiß,
    Dass alle Länder gute Menschen tragen.

    TEMPELHERR

    Mit Unterschied doch hoffentlich?

    NATHAN

    Jawohl;
    An Farb', an Kleidung, an Gestalt verschieden.

    TEMPELHERR

    Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort.

    NATHAN

    Mit diesem Unterschied ist’s nicht weit her.
    Der große Mann braucht überall viel Boden;
    Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen
    Sich nur die Äste. Mittelgut, wie wir,
    Find’t sich hingegen überall in Menge.
    Nur muss der eine nicht den andern mäkeln.
    Nur muss der Knorr den Knuppen hübsch vertragen.
    Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen,
    Dass es allein der Erde nicht entschossen.

    TEMPELHERR

    Sehr wohl gesagt! — Doch kennt Ihr auch das Volk,
    Das diese Menschenmäkelei zuerst
    Getrieben? Wisst Ihr, Nathan, welches Volk
    Zuerst das auserwählte Volk sich nannte?
    Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht hasste,
    Doch wegen seines Stolzes zu verachten
    Mich nicht entbrechen könnte? Seines Stolzes,
    Den es auf Christ und Muselmann vererbte,
    Nur sein Gott sei der rechte Gott! — Ihr stutzt,
    Dass ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede?
    Wenn hat, und wo die fromme Raserei,
    Den bessern Gott zu haben, diesen bessern
    Der ganzen Welt als besten aufzudringen,
    In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr
    Gezeigt, als hier, als jetzt? Wem hier, wem jetzt
    Die Schuppen nicht vom Auge fallen … Doch
    Sei blind, wer will! — Vergesst, was ich gesagt,
    Und lasst mich!
    Will gehen.

    NATHAN

    Ha! Ihr wisst nicht, wie viel fester
    Ich nun mich an Euch drängen werde. — Kommt,
    Wir müssen, müssen Freunde sein! — Verachtet
    Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide
    Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind
    Wir etwa unser Volk? Was heißt denn Volk?
    Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,
    Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch
    Gefunden hätte, dem es g’nügt, ein Mensch
    Zu heißen!

    TEMPELHERR

    Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!
    Das habt Ihr! — Eure Hand! — Ich schäme mich,
    Euch einen Augenblick verkannt zu haben.

    NATHAN

    Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine
    Verkennt man selten.

    TEMPELHERR

    Und das Seltene
    Vergisst man schwerlich. — Nathan, ja,
    Wir müssen, müssen Freunde werden.

    NATHAN

    Sind
    Es schon. — Wie wird sich meine Recha freuen! —
    Und ah! welch eine heitre Ferne schließt
    Sich meinen Blicken auf! — Kennt sie nur erst!

    TEMPELHERR

    Ich brenne vor Verlangen. — Wer stürzt dort
    Aus Eurem Hause? Ist’s nicht ihre Daja?

    NATHAN

    Jawohl. So ängstlich?

    TEMPELHERR

    Unsrer Recha ist
    Doch nichts begegnet?

    SECHSTER AUFTRITT

    Die Vorigen und Daja eilig.

    DAJA

    Nathan! Nathan!

    NATHAN

    Nun?

    DAJA

    Verzeihet, edler Ritter, dass ich Euch
    Muss unterbrechen.

    NATHAN

    Nun, was ist’s?

    TEMPELHERR

    Was ist’s?

    DAJA

    Der Sultan hat geschickt. Der Sultan will
    Euch sprechen. Gott, der Sultan!

    NATHAN

    Mich? Der Sultan?
    Er wird begierig sein, zu sehen, was
    Ich Neues mitgebracht. Sag nur, es sei
    Noch wenig oder gar nichts ausgepackt.

    DAJA

    Nein, nein; er will nichts sehen; will Euch sprechen,
    Euch in Person, und bald, so bald Ihr könnt.

    NATHAN

    Ich werde kommen. — Geh nur wieder, geh!

    DAJA

    Nehmt ja nicht übel auf, gestrenger Ritter. —
    Gott, wir sind so bekümmert, was der Sultan
    Doch will.

    NATHAN

    Das wird sich zeigen. Geh nur, geh!

    SIEBENTER AUFTRITT

    Nathan und der Tempelherr.

    TEMPELHERR

    So kennt Ihr ihn noch nicht? — Ich meine, von
    Person.

    NATHAN

    Den Saladin? Noch nicht. Ich habe
    Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen.
    Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut
    Von ihm, dass ich nicht lieber glauben wollte,
    Als sehn. Doch nun — wenn anders dem so ist —
    Hat er durch Sparung Eures Lebens …

    TEMPELHERR

    Ja;
    Dem allerdings ist so. Das Leben, das
    Ich leb, ist sein Geschenk.

    NATHAN

    Durch das er mir
    Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies
    Hat alles zwischen uns verändert; hat
    Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das
    Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum,
    Und kaum kann ich es nun erwarten, was
    Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin
    Bereit zu allem; bin bereit ihm zu
    Gestehn, dass ich es Euertwegen bin.

    TEMPELHERR

    Noch hab ich selber ihm nicht danken können,
    So oft ich auch ihm in den Weg getreten.
    Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam
    So schnell, als schnell er wiederum verschwunden.
    Wer weiß, ob er sich meiner gar erinnert.
    Und dennoch muss er, einmal wenigstens,
    Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal
    Ganz zu entscheiden. Nicht genug, dass ich
    Auf sein Geheiß noch bin, mit seinem Willen
    Noch leb: ich muss nun auch von ihm erwarten,
    Nach wessen Willen ich zu leben habe.

    NATHAN

    Nicht anders; um so mehr will ich nicht säumen. —
    Es fällt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch
    Zu kommen, Anlass gibt. — Erlaubt, verzeiht —
    Ich eile. — Wann, wann aber sehn wir Euch
    Bei uns?

    TEMPELHERR

    Sobald ich darf.

    NATHAN

    Sobald Ihr wollt.

    TEMPELHERR

    Noch heut.

    NATHAN

    Und Euer Name? — muss ich bitten.

    TEMPELHERR

    Mein Name war — ist Curd von Stauffen. — Curd! Nathan.

    NATHAN

    Von Stauffen? — Stauffen? — Stauffen?

    TEMPELHERR

    Warum fällt
    Euch das so auf?

    NATHAN

    Von Stauffen? — Des Geschlechts
    Sind wohl schon mehrere …

    TEMPELHERR

    O ja! hier waren,
    Hier faulen des Geschlechts schon mehrere.
    Mein Oheim selbst — mein Vater will ich sagen —
    Doch warum schärft sich Euer Blick auf mich
    Je mehr und mehr?

    NATHAN

    O nichts! o nichts! Wie kann
    Ich Euch zu sehn ermüden?

    TEMPELHERR

    Drum verlass
    Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand
    Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte.
    Ich fürcht ihn, Nathan. Lasst die Zeit allmählich,
    Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft machen.
    Er geht.

    NATHAN

    der ihm mit Erstaunen nachsieht)
    „Der Forscher fand nicht selten mehr, als er
    Zu finden wünschte.” — Ist es doch, als ob
    In meiner Seel’ er lese! — Wahrlich ja,
    Das könnt auch mir begegnen. — Nicht allein
    Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme . So,
    Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf;
    Trug Wolf sogar das Schwert im Arm; strich Wolf
    Sogar die Augenbraunen mit der Hand,
    Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen. —
    Wie solche tiefgeprägte Bilder doch
    Zu Zeiten in uns schlafen können, bis
    Ein Wort, ein Laut sie weckt! — Von Stauffen! —
    Ganz recht, ja, ja! ganz recht; Filnek und Stauffen. —
    Ich will das bald genauer wissen, bald.
    Nur erst zum Saladin. — Doch wie? lauscht dort
    Nicht Daja? — Nun, so komm nur näher, Daja.

    ACHTER AUFTRITT

    Daja. Nathan.

    NATHAN

    Was gilt’s? nun drückt’s euch beiden schon das Herz,
    Noch ganz was anders zu erfahren, als
    Was Saladin mir will.

    DAJA

    Verdenkt Ihr’s ihr?
    Ihr fingt so eben an, vertraulicher
    Mit ihm zu sprechen, als des Sultans Botschaft
    Uns von dem Fenster scheuchte.

    NATHAN

    Nun so sag
    Ihr nur, dass sie ihn jeden Augenblick
    Erwarten darf.

    DAJA

    Gewiss? gewiss?

    NATHAN

    Ich kann
    Mich doch auf dich verlassen, Daja? Sei
    Auf deiner Hut, ich bitte dich. Es soll
    Dich nicht gereuen. Dein Gewissen selbst
    Soll seine Rechnung dabei finden. Nur
    Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur
    Erzähl und frage mit Bescheidenheit,
    Mit Rückhalt …

    DAJA

    Dass Ihr doch noch erst so was
    Erinnern könnt! — Ich geh; geht Ihr nur auch.
    Denn seht! ich glaube gar, da kommt vom Sultan
    Ein zweiter Bot’, Al-Hafi, Euer Derwisch.
    Geht ab.

    NEUNTER AUFTRITT

    Nathan. Al-Hafi.

    AL-HAFI

    Ha! ha! zu Euch wollt ich nun eben wieder.

    NATHAN

    Ist’s denn so eilig? Was verlangt er denn
    Von mir?

    AL-HAFI

    Wer?

    NATHAN

    Saladin. — Ich komm, ich komme.

    AL-HAFI

    Zu wem? Zum Saladin?

    NATHAN

    Schickt Saladin
    Dich nicht?

    AL-HAFI

    Mich? nein. Hat er denn schon geschickt?

    NATHAN

    Ja freilich hat er.

    AL-HAFI

    Nun, so ist es richtig.

    NATHAN

    Was? was ist richtig?

    AL-HAFI

    Dass — ich bin nicht Schuld;
    Gott weiß, ich bin nicht Schuld. — Was hab ich nicht
    Von Euch gesagt, gelogen, um es abzuwenden!

    NATHAN

    Was abzuwenden? Was ist richtig?

    AL-HAFI

    Dass
    Nun Ihr sein Defterdar geworden. Ich
    Bedaur' Euch. Doch mit ansehn will ich’s nicht.
    Ich geh von Stund an, geh, Ihr habt es schon
    Gehört, wohin, und wisst den Weg. — Habt Ihr
    Des Wegs was zu bestellen, sagt: ich bin
    Zu Diensten. Freilich muss es mehr nicht sein,
    Als was ein Nackter mit sich schleppen kann.
    Ich geh, sagt bald.

    NATHAN

    Besinn dich doch, Al-Hafi.
    Besinn dich, dass ich noch von gar nichts weiß.
    Was plauderst du denn da?

    AL-HAFI

    Ihr bringt sie doch
    Gleich mit, die Beutel?

    NATHAN

    Beutel?

    AL-HAFI

    Nun, das Geld,
    Das Ihr dem Saladin vorschießen sollt.

    NATHAN

    Und weiter ist es nichts?

    AL-HAFI

    Ich sollt’ es wohl
    Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu Tag
    Aushöhlen wird bis auf die Zehen? Sollt’
    Es wohl mit ansehn, dass Verschwendung aus
    Der weisen Milde sonst nie leeren Scheuern
    So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch
    Die armen eingebornen Mäuschen drin
    Verhungern? — Bildet Ihr vielleicht Euch ein,
    Wer Eures Gelds bedürftig sei, der werde
    Doch Euerm Rate wohl auch folgen? — Ja,
    Er Rate folgen! Wenn hat Saladin
    Sich raten lassen? — Denkt nur, Nathan, was
    Mir eben jetzt mit ihm begegnet.

    NATHAN

    Nun?

    AL-HAFI

    Da komm ich zu ihm, eben dass er Schach
    Gespielt mit seiner Schwester. Sittah spielt
    Nicht übel; und das Spiel, das Saladin
    Verloren glaubte, schon gegeben hatte,
    Das stand noch ganz so da. Ich seh Euch hin,
    Und sehe, dass das Spiel noch lange nicht
    Verloren.

    NATHAN

    Ei! das war für dich ein Fund!

    AL-HAFI

    Er durfte mit dem König an den Bauer
    Nur rücken, auf ihr Schach. — Wenn ich’s Euch gleich
    Nur zeigen könnte!

    NATHAN

    O ich traue dir!

    AL-HAFI

    Denn so bekam der Roche Feld: und sie
    War hin. — Das alles will ich ihm nun weisen
    Und ruf ihn. — Denkt! …

    NATHAN

    Er ist nicht deiner Meinung?

    AL-HAFI

    Er hört mich gar nicht an, und wirft verächtlich
    Das ganze Spiel in Klumpen.

    NATHAN

    Ist das möglich?

    AL-HAFI

    Und sagt: Er wolle matt nun einmal sein:
    Er wolle! Heißt das spielen?

    NATHAN

    Schwerlich wohl;
    Heißt mit dem Spiele spielen.

    AL-HAFI

    Gleichwohl galt
    Es keine taube Nuss.

    NATHAN

    Geld hin, Geld her!
    Das ist das Wenigste. Allein dich gar
    Nicht anzuhören! über einen Punkt
    Von solcher Wichtigkeit dich nicht einmal
    Zu hören! deinen Adlerblick nicht zu
    Bewundern! das, das schreit um Rache; nicht?

    AL-HAFI

    Ach was? Ich sag Euch das nur so, damit
    Ihr sehen könnt, was für ein Kopf er ist.
    Kurz, ich, ich halt’s mit ihm nicht länger aus.
    Da lauf ich nun bei allen schmutz’gen Mohren
    Herum, und frage, wer ihm borgen will.
    Ich, der ich nie für mich gebettelt habe,
    Soll nun für andre borgen. Borgen ist
    Viel besser nicht als betteln; so wie leihen,
    Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist,
    Als stehlen. Unter meinen Gebern, an
    Dem Ganges, brauch ich beides nicht, und brauche
    Das Werkzeug beider nicht zu sein. Am Ganges,
    Am Ganges nur gibt’s Menschen. Hier seid Ihr
    Der Einzige, der noch so würdig wäre,
    Dass er am Ganges lebte. — Wollt Ihr mit? —
    Lasst ihm mit eins den Plunder ganz im Stiche,
    Um den es ihm zu tun. Er bringt Euch nach
    Und nach doch drum. So wär die Plackerei
    Auf einmal aus. Ich schaff Euch einen Delk.
    Kommt! kommt!

    NATHAN

    Ich dächte zwar, das blieb uns ja
    Noch immer übrig. Doch, Al-Hafi, will
    Ich’s überlegen. Warte …

    AL-HAFI

    Überlegen?
    Nein, so was überlegt sich nicht.

    NATHAN

    Nur bis
    Ich von dem Sultan wiederkomme; bis
    Ich Abschied erst …

    AL-HAFI

    Wer überlegt, der sucht
    Bewegungsgründe, nicht zu dürfen. Wer
    Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht
    Entschließen kann, der lebet andrer Sklav'
    Auf immer. — Wie Ihr wollt! — Lebt wohl! wie’s Euch
    Wohl dünkt. — Mein Weg liegt dort, und Eurer da.

    NATHAN

    Al-Hafi! Du wirst selbst doch erst das deine
    Berichtigen?

    AL-HAFI

    Ach Possen! Der Bestand
    Von meiner Kass’ ist nicht des Zählens wert;
    Und meine Rechnung bürgt — Ihr oder Sittah.
    Lebt wohl! (Ab.)

    NATHAN

    ihm nachsehend
    Die bürg ich! — Wilder, guter, edler —
    Wie nenn ich ihn? — Der wahre Bettler ist
    Doch einzig und allein der wahre König!
    Von einer andern Seite ab.

    DRITTER AUFZUG

    ERSTER AUFTRITT

    Szene: In Nathans Hause. Recha und Daja.

    RECHA

    Wie, Daja, drückte sich mein Vater aus?
    „Ich dürf ihn jeden Augenblick erwarten?”
    Das klingt — nicht wahr? — als ob er noch so bald
    Erscheinen werde. — Wie viel Augenblicke
    Sind aber schon vorbei! — Ah nun; wer denkt
    An die verflossenen? — Ich will allein
    In jedem nächsten Augenblicke leben.
    Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt.

    DAJA

    O der verwünschten Botschaft von dem Sultan!
    Denn Nathan hätte sicher ohne sie
    Ihn gleich mit hergebracht.

    RECHA

    Und wenn er nun
    Gekommen dieser Augenblick; wenn denn
    Nun meiner Wünsche wärmster, innigster
    Erfüllet ist: was dann? — was dann?

    DAJA

    Was dann?
    Dann hoff ich, dass auch meiner Wünsche wärmster
    Soll in Erfüllung gehen.

    RECHA

    Was wird dann
    In meiner Brust an dessen Stelle treten,
    Die schon verlernt, ohn einen herrschenden
    Wunsch aller Wünsche sich zu dehnen? — Nichts?
    Ah, ich erschrecke! …

    DAJA

    Mein, mein Wunsch wird dann
    An des erfüllten Stelle treten, meiner.
    Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Händen
    Zu wissen, welche deiner würdig sind.

    RECHA

    Du irrst. — Was diesen Wunsch zu deinem macht,
    Das Nämliche verhindert, dass er meiner
    Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland:
    Und meines, meines sollte mich nicht halten?
    Ein Bild der deinen, das in deiner Seele
    Noch nicht verloschen, sollte mehr vermögen,
    Als die ich sehn, und greifen kann, und hören,
    Die Meinen?

    DAJA

    Sperre dich, so viel du willst!
    Des Himmels Wege sind des Himmels Wege.
    Und wenn es nun dein Retter selber wäre,
    Durch den sein Gott, für den er kämpft, dich in
    Das Land, dich zu dem Volke führen wollte,
    Für welche du geboren wurdest?

    RECHA

    Daja!
    Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!
    Du hast doch wahrlich deine sonderbaren
    Begriffe! „Sein, sein Gott! für den er kämpft!”
    Wem eignet Gott! Was ist das für ein Gott,
    Der einem Menschen eignet? der für sich
    Muss kämpfen lassen! — Und wie weiß
    Man denn, für welchen Erdkloß man geboren,
    Wenn man’s für den nicht ist, auf welchem man
    Geboren? — Wenn mein Vater dich so hörte! —
    Was tat er dir, mir immer nur mein Glück
    So weit von ihm als möglich vorzuspiegeln?
    Was tat er dir, den Samen der Vernunft,
    Den er so rein in meine Seele streute,
    Mit deines Landes Unkraut oder Blumen,
    So gern zu mischen? — Liebe, liebe Daja,
    Er will nun deine bunten Blumen nicht
    Auf meinem Boden! — Und ich muss dir sagen,
    Ich selber fühle meinen Boden, wenn
    Sie noch so schön ihn kleiden, so entkräftet,
    So ausgezehrt durch deine Blumen; fühle
    In ihrem Dufte, sauersüßem Dufte,
    Mich so betäubt, so schwindelnd! — Dein Gehirn
    Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum
    Die stärkern Nerven nicht, die ihn vertragen.
    Nur schlägt er mir nicht zu; und schon dein Engel,
    Wie wenig fehlte, dass er mich zur Närrin
    Gemacht? — Noch schäm ich mich vor meinem Vater
    Der Posse!

    DAJA

    Posse! — Als ob der Verstand
    Nur hier zu Hause wäre! — Posse! Posse! —
    Wenn ich nur reden dürfte!

    RECHA

    Darfst du nicht?
    Wann war ich nicht ganz Ohr, so oft es dir
    Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich
    Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten
    Nicht stets Bewunderung, und ihren Leiden
    Nicht immer Tränen gern gezollt? Ihr Glaube
    Schien freilich mir das Heldenmäßigste
    An ihnen nie. Doch so viel tröstender
    War mir die Lehre, dass Ergebenheit
    In Gott von unserm Wähnen über Gott
    So ganz und gar nicht abhängt. — Liebe Daja,
    Das hat mein Vater uns so oft gesagt;
    Darüber hast du selbst mit ihm so oft
    Dich einverstanden; warum untergräbst
    Du denn allein, was du mit ihm zugleich
    Gebauet? — Liebe Daja, das ist kein
    Gespräch, womit wir unserm Freund am besten
    Entgegensehn. Für mich zwar, ja! Denn mir,
    Mir liegt daran unendlich, ob auch er …
    Horch, Daja! — Kommt es nicht an unsre Türe?
    Wenn er es wäre! Horch!

    ZWEITER AUFTRITT

    Recha, Daja und der Tempelherr, dem jemand von außen die Türe öffnet, mit den Worten:
    Nur hier herein!

    RECHA

    fährt zusammen, fasst sich, und will ihm zu Füßen fallen.
    Er ist’s — Mein Retter, ah!

    TEMPELHERR

    Dies zu vermeiden
    Erschien ich bloß so spät: und doch —

    RECHA

    Ich will
    Ja zu den Füßen dieses stolzen Mannes
    Nur Gott noch einmal danken, nicht dem Manne.
    Der Mann will keinen Dank, will ihn so wenig
    Als ihn der Wassereimer will, der bei
    Dem Löschen so geschäftig sich erwiesen.
    Der ließ sich füllen, ließ sich leeren, mir
    Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der
    Ward nur so in die Glut hineingestoßen;
    Da fiel ich ungefähr ihm in den Arm;
    Da blieb ich ungefähr, so wie ein Funken
    Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen;
    Bis wiederum, ich weiß nicht was, uns beide
    Herausschmiss aus der Glut. — Was gibt es da
    Zu danken? — In Europa treibt der Wein
    Zu noch weit andern Taten. — Tempelherren,
    Die müssen einmal nun so handeln; müssen
    Wie etwas besser zugelernte Hunde,
    Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen.

    TEMPELHERR

    der sie mit Erstaunen und Unruhe die ganze Zeit über betrachtet.
    O Daja, Daja! Wenn in Augenblicken Des Kummers und der Galle, meine Laune
    Dich übel anließ, warum jede Torheit,
    Die meiner Zung’ entfuhr, ihr hinterbringen?
    Das hieß sich zu empfindlich rächen, Daja!
    Doch wenn du nur von nun an besser mich
    Bei ihr vertreten willst.

    DAJA

    Ich denke, Ritter,
    Ich denke nicht, dass diese kleinen Stacheln,
    Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr
    Geschadet haben.

    RECHA

    Wie? Ihr hattet Kummer?
    Und wart mit Euerm Kummer geiziger
    Als Euerm Leben?

    TEMPELHERR

    Gutes, holdes Kind! —
    Wie ist doch meine Seele zwischen Auge
    Und Ohr geteilt! — Das war das Mädchen nicht,
    Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer
    Ich holte. — Denn wer hätte die gekannt,
    Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer hätte
    Auf mich gewartet? — Zwar — verstellt — der Schreck.
    Pause, unter der er in Anschauung ihrer sich wie verliert.

    RECHA

    Ich aber find Euch noch den Nämlichen. —
    desgleichen, bis sie fortfährt, um ihn in seinem Anstaunen zu unterbrechen.
    Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange
    Gewesen? — Fast dürft ich auch fragen: wo
    Ihr itzo seid?

    TEMPELHERR

    Ich bin, — wo ich vielleicht
    Nicht sollte sein. —

    RECHA

    Wo Ihr gewesen? — Auch
    Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen?
    Das ist nicht gut.

    TEMPELHERR

    Auf — auf — wie heißt der Berg?
    Auf Sinai.

    RECHA

    Auf Sinai? — Ah schön!
    Nun kann ich zuverlässig doch einmal
    Erfahren, ob es wahr …

    TEMPELHERR

    Was? was? Ob’s wahr,
    Dass noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses
    Vor Gott gestanden, als …

    RECHA

    Nun das wohl nicht.
    Denn wo er stand, stand er vor Gott. Und davon
    Ist mir zur G’nüge schon bekannt. — Ob’s wahr,
    Möcht ich nur gern von Euch erfahren, dass —
    Dass es bei weitem nicht so mühsam sei,
    Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als
    Herab? — Denn seht, so viel ich Berge noch
    Gestiegen bin, war’s just das Gegenteil. —
    Nun, Ritter? — Was? — Ihr kehrt Euch von mir ab?
    Wollt mich nicht sehn?

    TEMPELHERR

    Weil ich Euch hören will.

    RECHA

    Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, dass
    Ihr meiner Einfalt lächelt; dass Ihr lächelt,
    Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers
    Von diesem heil’gen Berge aller Berge
    Zu fragen weiß? Nicht wahr?

    TEMPELHERR

    So muss
    Ich doch Euch wieder in die Augen sehn. —
    Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbeißt
    Das Lächeln Ihr? wie ich noch erst in Mienen
    In zweifelhaften Mienen lesen will,
    Was ich so deutlich hör, Ihr so vernehmlich
    Mir sagt — verschweigt? — Ah Recha! Recha! Wie
    Hat er so wahr gesagt; „Kennt sie nur erst!”

    RECHA

    Wer hat? — von wem? — Euch das gesagt?

    TEMPELHERR

    „Kennt sie
    Nur erst!” hat Euer Vater mir gesagt,
    Von Euch gesagt.

    DAJA

    Und ich nicht etwa auch?
    Ich denn nicht auch?

    TEMPELHERR

    Allein wo ist er denn?
    Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch
    Beim Sultan?

    RECHA

    Ohne Zweifel.

    TEMPELHERR

    Noch, noch da? —
    O mich Vergesslichen! Nein, nein; da ist
    Er schwerlich mehr. — Er wird dort unten bei
    Dem Kloster meiner warten; ganz gewiss.
    So red’ten, mein ich, wir es ab. Erlaubt!
    Ich geh, ich hol ihn …

    DAJA

    Das ist meine Sache.
    Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring ihn unverzüglich.

    TEMPELHERR

    Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen,
    Nicht Euch. Dazu, er könnte leicht — wer weiß? —
    Er könnte bei dem Sultan leicht — Ihr kennt
    Den Sultan nicht! — leicht in Verlegenheit
    Gekommen sein. — Glaubt mir, es hat Gefahr,
    Wenn ich nicht geh.

    RECHA

    Gefahr? Was für Gefahr?

    TEMPELHERR

    Gefahr für mich, für Euch, für ihn: wenn ich
    Nicht schleunig, schleunig geh.
    Ab.

    DRITTER AUFTRITT

    Recha und Daja.

    RECHA

    Was ist das, Daja? —
    So schnell? — Was kommt ihn an? Was fiel ihm auf?
    Was jagt ihn?

    DAJA

    Lasst nur, lasst. Ich denk, es ist
    Kein schlimmes Zeichen.

    RECHA

    Zeichen? Und wovon?

    DAJA

    Dass etwas vorgeht innerhalb. Es kocht,
    Und soll nicht überkochen. Lasst ihn nur.
    Nun ist’s an Euch.

    RECHA

    Was ist an mir? Du wirst,
    Wie er, mir unbegreiflich.

    DAJA

    Bald nun könnt
    Ihr ihm die Unruh' all vergelten, die
    Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch
    Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig.

    RECHA

    Wovon du sprichst, das magst du selber wissen.

    DAJA

    Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder?

    RECHA

    Das bin ich; ja, das bin ich …

    DAJA

    Wenigstens
    Gesteht, dass Ihr Euch seiner Unruh’ freut,
    Und seiner Unruh’ danket, was Ihr jetzt
    Von Ruh’ genießt.

    RECHA

    Mir völlig unbewusst!
    Denn was ich höchstens dir gestehen könnte,
    Wär, dass es mich — mich selbst befremdet, wie
    Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen
    So eine Stille plötzlich folgen können.
    Sein voller Anblick, sein Gespräch, sein Ton
    Hat mich …

    DAJA

    Gesättigt schon?

    RECHA

    Gesättigt, will
    Ich nun nicht sagen; nein — bei weitem nicht —

    DAJA

    Den heißen Hunger nur gestillt.

    RECHA

    Nun ja,
    Wenn du so willst.

    DAJA

    Ich eben nicht.

    RECHA

    Er wird
    Mir ewig wert, mir ewig werter, als
    Mein Leben bleiben, wenn auch schon mein Puls
    Nicht mehr bei seinem bloßen Namen wechselt;
    Nicht mehr mein Herz, so oft ich an ihn denke,
    Geschwinder, stärker schlägt. — Was schwatz ich? Komm,
    Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster,
    Das auf die Palmen sieht.

    DAJA

    So ist er doch
    Wohl noch nicht ganz gestillt, der heiße Hunger.

    RECHA

    Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn,
    Nicht ihn bloß untern Palmen.

    DAJA

    Diese Kälte
    Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur.

    RECHA

    Was Kält'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich
    Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe.

    VIERTER AUFTRITT

    Szene; ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin. Saladin und Sittah.

    SALADIN

    im Hereintreten, gegen die Türe
    Hier bringt den Juden her, sobald er kommt.
    Er scheint sich eben nicht zu übereilen.

    SITTAH

    Er war auch wohl nicht bei der Hand, nicht gleich
    Zu finden.

    SALADIN

    Schwester! Schwester!

    SITTAH

    Tust du doch,
    Als stünde dir ein Treffen vor.

    SALADIN

    Und das
    Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu führen.
    Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen;
    Soll Fallen legen; soll auf Glatteis führen.
    Wann hätt ich das gekonnt? Wo hätt ich das
    Gelernt? — Und soll das alles, ah, wozu?
    Wozu? — Um Geld zu fischen! Geld! — Um Geld,
    Geld einem Juden abzubangen? Geld!
    Zu solchen kleinen Listen wär ich endlich
    Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir
    Zu schaffen?

    SITTAH

    Jede Kleinigkeit, zu sehr
    Verschmäht, die rächt sich, Bruder.

    SALADIN

    Leider wahr. —
    Und wenn nun dieser Jude gar der gute,
    Vernünft’ge Mann ist, wie der Derwisch dir
    Ihn ehedem beschrieben?

    SITTAH

    O nun dann!
    Was hat es dann für Not! Die Schlinge liegt
    Ja nur dem geizigen, besorglichen,
    Furchtsamen Juden; nicht dem guten, nicht
    Dem weisen Manne. Dieser ist ja so
    Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnügen,
    Zu hören, wie ein solcher Mann sich ausred’t;
    Mit welcher dreisten Stärk' entweder er
    Die Stricke kurz zerreißet, oder auch
    Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze
    Vorbei sich windet: dies Vergnügen hast
    Du obendrein.

    SALADIN

    Nun, das ist wahr. Gewiss,
    Ich freue mich darauf.

    SITTAH

    So kann dich ja
    Auch weiter nichts verlegen machen. Denn
    Ist’s einer aus der Menge bloß; ist’s bloß
    Ein Jude, wie ein Jude: gegen den
    Wirst du dich doch nicht schämen, so zu scheinen,
    Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr,
    Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm
    Als Geck, als Narr.

    SALADIN

    So muss ich ja wohl gar
    Schlecht handeln, dass von mir der Schlechte nicht
    Schlecht denke?

    SITTAH

    Traun! wenn du schlecht handeln nennst,
    Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.

    SALADIN

    Was hätt ein Weiberkopf erdacht, das er
    Nicht zu beschönen wüsste!

    SITTAH

    Zu beschönen!

    SALADIN

    Das feine, spitze Ding, besorg ich nur,
    In meiner plumpen Hand zerbricht! — So was
    Will ausgeführt sein, wie’s erfunden ist:
    Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit; — Doch,
    Mag’s doch nur, mag’s! Ich tanze, wie ich kann;
    Und könnt es freilich, lieber — schlechter noch
    Als besser.

    SITTAH

    Trau dir auch nur nicht zu wenig!
    Ich stehe dir für dich! Wenn du nur willst. —
    Dass uns die Männer deinesgleichen doch
    So gern bereden möchten, nur ihr Schwert,
    Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht.
    Der Löwe schämt sich freilich, wenn er mit
    Dem Fuchse jagt — des Fuchses, nicht der List.

    SALADIN

    Und dass die Weiber doch so gern den Mann
    Zu sich herunter hätten! — Geh nur, geh! —
    Ich glaube meine Lektion zu können.

    SITTAH

    Was? Ich soll gehn?

    SALADIN

    Du wolltest doch nicht bleiben?

    SITTAH

    Wenn auch nicht bleiben … im Gesicht euch bleiben —
    Doch hier im Nebenzimmer —

    SALADIN

    Da zu horchen?
    Auch das nicht, Schwester, wenn ich soll bestehn. —
    Fort, fort! der Vorhang rauscht; er kommt! — Doch dass
    Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.
    Indem sie sich durch die eine Türe entfernt, tritt Nathan zu der andern herein, und Saladin hat sich gesetzt.

    FÜNFTER AUFTRITT

    Saladin und Nathan.

    SALADIN

    Tritt näher, Jude! — Näher! — Nur ganz her! —
    Nur ohne Furcht!

    NATHAN

    Die bleibe deinem Feinde!

    SALADIN

    Du nennst dich Nathan?

    NATHAN

    Ja.

    SALADIN

    Den weisen Nathan?

    NATHAN

    Nein.

    SALADIN

    Wohl! nennst du dich nicht, nennt dich das Volk.

    NATHAN

    Kann sein, das Volk!

    SALADIN

    Du glaubst doch nicht, dass ich
    Verächtlich von des Volkes Stimme denke? —
    Ich habe längst gewünscht, den Mann zu kennen,
    Den es den Weisen nennt.

    NATHAN

    Und wenn es ihn
    Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise
    Nichts weiter wär als klug? und klug nur der,
    Der sich auf seinen Vorteil gut versteht?

    SALADIN

    Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch?

    NATHAN

    Dann freilich wär der Eigennützigste
    Der Klügste. Dann wär freilich klug und weise
    Nur eins.

    SALADIN

    Ich höre dich erweisen, was
    Du widersprechen willst. — Des Menschen wahre
    Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du,
    Hast du zu kennen wenigstens gesucht;
    Hast drüber nachgedacht: das auch allein
    Macht schon den Weisen.

    NATHAN

    Der sich jeder dünkt
    Zu sein.

    SALADIN

    Nun der Bescheidenheit genug!
    Denn sie, nur immerdar zu hören, wo
    Man trockene Vernunft erwartet, ekelt. Er springt auf.
    Lass uns zur Sache kommen! Aber, aber
    Aufrichtig, Jud', aufrichtig!

    NATHAN

    Sultan, ich
    Will sicherlich dich so bedienen, dass
    Ich deiner fernern Kundschaft würdig bleibe.

    SALADIN

    Bedienen? Wie?

    NATHAN

    Du sollst das Beste haben
    Von allem; sollst es um den billigsten
    Preis haben.

    SALADIN

    Wovon sprichst du? Doch wohl nicht
    Von deinen Waren? — Schachern wird mit dir
    Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!)
    Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun.

    NATHAN

    So wirst du ohne Zweifel wissen wollen,
    Was ich auf meinem Wege von dem Feinde,
    Der allerdings sich wieder reget, etwa
    Bemerkt, getroffen? — Wenn ich unverhohlen …

    SALADIN

    Auch darauf bin ich eben nicht mit dir
    Gesteuert. Davon weiß ich schon, so viel
    Ich nötig habe. — Kurz: —

    NATHAN

    Gebiete, Sultan.

    SALADIN

    Ich heische deinen Unterricht in ganz
    Was anderm, ganz was anderm. — Da du nun
    So weise bist: so sage mir doch einmal —
    Was für ein Glaube, was für ein Gesetz
    Hat dir am meisten eingeleuchtet?

    NATHAN

    Sultan,
    Ich bin ein Jud'.

    SALADIN

    Und ich ein Muselmann.
    Der Christ ist zwischen uns. — Von diesen drei
    Religionen kann doch eine nur
    Die wahre sein. — Ein Mann, wie du, bleibt da
    Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt
    Ihn hingeworfen; oder wenn er bleibt,
    Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern
    Wohlan! so teile deine Einsicht mir
    Denn mit. Lass mich die Gründe hören, denen
    Ich selber nachzugrübeln nicht die Zeit
    Gehabt. Lass mich die Wahl, die diese Gründe
    Bestimmt — versteht sich, im Vertrauen — wissen,
    Damit ich sie zu meiner mache. — Wie?
    Du stutzest? wägst mich mit dem Auge? — Kann
    Wohl sein, dass ich der erste Sultan bin,
    Der eine solche Grille hat, die mich
    Doch eines Sultans eben nicht so ganz
    Unwürdig dünkt. — Nicht wahr? So rede doch!
    Sprich! — Oder willst du einen Augenblick,
    Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir. —
    (Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen;
    Will hören, ob ich’s recht gemacht.) Denk nach,
    Geschwind denk nach! Ich säume nicht, zurück
    Zu kommen.
    Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben.

    SECHSTER AUFTRITT

    Nathan allein.
    Hm! hm! — wunderlich! — Wie ist
    Mir denn? — Was will der Sultan? Was? — Ich bin
    Auf Geld gefasst, und er will — Wahrheit. Wahrheit!
    Und will sie so, — so bar, so blank, — als ob
    Die Wahrheit Münze wäre! — Ja, wenn noch
    Uralte Münze, die gewogen ward! —
    Das ginge noch! Allein so neue Münze,
    Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett
    Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht!
    Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf
    Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude?
    Ich oder er? — Doch wie? Sollt er auch wohl,
    Die Wahrheit nicht in Wahrheit fordern? — Zwar,
    Zwar der Verdacht, dass er die Wahrheit nur
    Als Falle brauche, wär auch gar zu klein! —
    Zu klein? — Was ist für einen Großen denn
    Zu klein? — Gewiss, gewiss: er stürzte mit
    Der Türe so ins Haus! Man pocht doch, hört
    Doch erst, wenn man als Freund sich naht. — Ich muss
    Behutsam gehn! — Und wie? wie das? — So ganz
    Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht. —
    Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.
    Denn, wenn kein Jude, dürft er mich nur fragen,
    Warum kein Muselmann? — Das war’s! Das kann
    Mich retten! — Nicht die Kinder bloß speist man
    Mit Märchen ab. — Er kömmt. Er komme nur!

    SIEBENTER AUFTRITT

    Saladin tuid Nathan.

    SALADIN

    (So ist das Feld hier rein! ) — Ich komm dir doch
    Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande
    Mit deiner Überlegung? — Nun so rede!
    Es hört uns keine Seele.

    NATHAN

    Möcht auch doch
    Die ganze Welt uns hören.

    SALADIN

    So gewiss
    Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn
    Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu
    Verhehlen! für sie alles auf das Spiel
    Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!

    NATHAN

    Ja! ja! wann’s nötig ist und nutzt.

    SALADIN

    Von nun
    An darf ich hoffen, einen meiner Titel,
    Verbesserer der Welt und des Gesetzes,
    Mit Recht zu führen.

    NATHAN

    Traun, ein schöner Titel!
    Doch, Sultan, eh ich mich dir ganz vertraue,
    Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu
    Erzählen?

    SALADIN

    Warum das nicht? Ich bin stets
    Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut
    Erzählt.

    NATHAN

    Ja, gut erzählen, das ist nun
    Wohl eben meine Sache nicht.

    SALADIN

    Schon wieder
    So stolz bescheiden? — Mach! erzähl, erzähle!

    NATHAN

    Vor grauen Jahren lebt’ ein Mann im Osten,
    Der einen Ring von unschätzbarem Wert
    Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
    Opal, der hundert schöne Farben spielte,
    Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
    Und Menschen angenehm zu machen, wer
    In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
    dass ihn der Mann im Osten darum nie
    Vom Finger ließ, und die Verfügung traf,
    Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
    Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
    Von seinen Söhnen dem Geliebtesten;
    Und setzte fest, dass dieser wiederum
    Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
    Der ihm der Liebste sei; und stets der Liebste,
    Ohn Ansehn der Geburt, in Kraft allein
    Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. —
    Versteh mich, Sultan.

    SALADIN

    Ich versteh dich. Weiter!

    NATHAN

    So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
    Auf einen Vater endlich von drei Söhnen,
    Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
    Die alle drei er folglich gleich zu lieben
    Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
    Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
    Der dritte, — sowie jeder sich mit ihm
    Allein befand, und sein ergießend Herz
    Die andern zwei nicht teilten, — würdiger
    Des Ringes, den er denn auch einem jeden
    Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
    Das ging nun so, so lang es ging. — Allein
    Es kam zum Sterben, und der gute Vater
    Kommt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
    Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
    Verlassen, so zu kränken. — Was zu tun?
    Er sendet in geheim zu einem Künstler,
    Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes
    Zwei andere bestellt, und weder Kosten
    Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
    Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
    Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
    Kann selbst der Vater seinen Musterring
    Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
    Er seine Söhne, jeden insbesondre;
    Gibt jedem insbesondre seinen Segen, —
    Und seinen Ring, — und stirbt. — Du hörst doch, Sultan?

    SALADIN

    der betroffen sich von ihm gewandt
    Ich hör, ich höre! — Komm mit deinem Märchen
    Nur bald zu Ende. — Wird's?

    NATHAN

    Ich bin zu Ende.
    Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. —
    Kaum war der Vater tot, so kommt ein jeder
    Mit seinem Ring und jeder will der Fürst
    Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
    Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
    Erweislich —
    Nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet.
    Fast so unerweislich als
    Uns jetzt — der rechte Glaube.

    SALADIN

    Wie? das soll
    Die Antwort sein auf meine Frage? …

    Nathan

    Soll
    Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe
    Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
    Der Vater in der Absicht machen ließ,
    Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

    SALADIN

    Die Ringe! — Spiele nicht mit mir! — Ich dächte,
    dass die Religionen, die ich dir
    Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
    Bis auf die Kleidung; bis auf Speis und Trank!

    NATHAN

    Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. —
    Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
    Geschrieben oder überliefert! — Und
    Geschichte muss doch wohl allein auf Treu
    Und Glauben angenommen werden? — Nicht? —
    Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn
    Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
    Doch deren Blut wir sind? Doch deren, die
    Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
    Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
    Getäuscht zu werden uns heilsamer war? —
    Wie kann ich meinen Vätern weniger,
    Als du den deinen glauben? Oder, umgekehrt:
    Kann ich von dir verlangen, dass du deine
    Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
    Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
    Das Nämliche gilt von den Christen. Nicht? —

    SALADIN

    (Bei dem Lebendigen! Der Mann hat Recht.
    Ich muss verstummen.)

    NATHAN

    Lass auf unsre Ring'
    Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
    Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
    Unmittelbar aus seines Vaters Hand
    Den Ring zu haben — wie auch wahr! — nachdem
    Er von ihm lange das Versprechen schon
    Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
    Genießen. — Wie nicht minder wahr! — Der Vater,
    Beteu’rte jeder, könne gegen ihn
    Nicht falsch gewesen sein; und eh er dieses
    Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
    Argwohnen lass': eh müss’ er seine Brüder,
    So gern er sonst von ihnen nur das Beste
    Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
    Bezeihen; und er wolle die Verräter
    Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

    SALADIN

    Und nun, der Richter? — Mich verlangt zu hören
    Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

    NATHAN

    Der Richter sprach: wenn Ihr mir nun den Vater
    Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich Euch
    Von meinem Stuhle. Denkt Ihr, dass ich Rätsel
    Zu lösen da bin? Oder harret Ihr,
    Bis dass der rechte Ring den Mund eröffne? —
    Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
    Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
    Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss
    Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
    Doch das nicht können! — Nun, wen lieben zwei
    Von Euch am meisten? — Macht, sagt an! Ihr schweigt?
    Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
    Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
    Am meisten? — O so seid Ihr alle drei
    Betrogene Betrüger! Eure Ringe
    Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
    Vermutlich ging verloren. Den Verlust
    Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
    Die drei für einen machen.

    SALADIN

    Herrlich! Herrlich!

    NATHAN

    Und also, fuhr der Richter fort, wenn Ihr
    Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
    Geht nur! — Mein Rat ist aber der: Ihr nehmt
    Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
    Euch jeder seinen Ring von seinem Vater,
    So glaube jeder sicher seinen Ring
    Den echten. — Möglich, dass der Vater nun
    Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
    In seinem Hause dulden wollen! — Und gewiss,
    dass er Euch alle drei geliebt, und gleich
    Geliebt indem er zwei nicht drücken mögen,
    Um einen zu begünstigen. — Wohlan!
    Es eifre jeder seiner unbestochnen,
    Von Vorurteilen freien Liebe nach!
    Es strebe von Euch jeder um die Wette,
    Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
    Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
    Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
    Mit innigster Ergebenheit in Gott,
    Zu Hülf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
    Bei Euem Kindes-Kindeskindern äußern:
    So lad ich über tausend tausend Jahre
    Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
    Ein weis’rer Mann auf diesem Stuhle sitzen,
    Als ich, und sprechen. Geht! — So sagte der
    Bescheidne Richter.

    SALADIN

    Gott! Gott!

    NATHAN

    Saladin,
    Wenn du dich fühlest, dieser weisere
    Versprochne Mann zu sein …

    SALADIN

    der auf ihn zustürzt, und seine Hand ergreift, die er bis zu Ende nicht wieder fahren lässt.
    Ich Staub? Ich Nichts?
    O Gott!

    NATHAN

    Was ist dir, Sultan?

    SALADIN

    Nathan, lieber Nathan! —
    Die tausend tausend Jahre deines Richters
    Sind noch nicht um. — Sein Richterstuhl ist nicht
    Der meine. — Geh! — Geh! — Aber sei mein Freund.

    NATHAN

    Und weiter hätte Saladin mir nichts
    Zu sagen?

    SALADIN

    Nichts.

    NATHAN

    Nichts?

    SALADIN

    Gar nichts. — Und warum?

    NATHAN

    Ich hätte noch Gelegenheit gewünscht,
    Dir eine Bitte vorzutragen.

    SALADIN

    Braucht's
    Gelegenheit zu einer Bitte? — Rede!

    NATHAN

    Ich komm von einer weiten Reis’, auf welcher
    Ich Schulden eingetrieben. — Fast hab ich
    Des baren Gelds zu viel. — Die Zeit beginnt
    Bedenklich wiederum zu werden; — und
    Ich weiß nicht recht, wo sicher damit hin. —
    Da dacht ich, ob nicht du vielleicht, — weil doch
    Ein naher Krieg des Geldes immer mehr
    Erfordert, — etwas brauchen könntest.

    SALADIN

    ihm steif in die Augen sehend
    Nathan! —
    Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon
    Bei dir gewesen: — will nicht untersuchen,
    Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses
    Erbieten freierdings zu tun …

    NATHAN

    Ein Argwohn?

    SALADIN

    Ich bin ihn wert. — Verzeih mir! — denn was hilft’s?
    Ich muss dir nur gestehen, — dass ich im
    Begriffe war —

    NATHAN

    Doch nicht, das Nämliche
    An mich zu suchen?

    SALADIN

    Allerdings.

    NATHAN

    So wär
    Uns beiden ja geholfen! Dass ich aber
    Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken,
    Das macht der junge Tempelherr. — Du kennst
    Ihn ja. — Ihm hab ich eine große Post
    Vorher noch zu bezahlen.

    SALADIN

    Tempelherr?
    Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht
    Mit deinem Geld auch unterstützen wollen?

    NATHAN

    Ich spreche von dem einen nur, dem du
    Das Leben spartest …

    SALADIN

    Ah! woran erinnerst
    Du mich! — Hab ich doch diesen Jüngling ganz
    Vergessen! — Kennst du ihn? — Wo ist er?

    NATHAN

    Wie?
    So weißt du nicht, wie viel von deiner Gnade
    Für ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er,
    Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens,
    Hat meine Tochter aus dem Feu’r gerettet.

    SALADIN

    Er? Hat er das? — Ha! danach sah er aus.
    Das hätte traun mein Bruder auch getan,
    Dem er so ähnelt! — Ist er denn noch hier?
    So bring ihn her! — Ich habe meiner Schwester
    Von diesem ihrem Bruder, den sie nicht
    Gekannt, so viel erzählet, dass ich sie
    Sein Ebenbild doch auch muss sehen lassen! —
    Geh, hol ihn! — Wie aus einer guten Tat,
    Gebar sie auch schon bloße Leidenschaft,
    Doch so viel andre gute Taten fließen!
    Geh, hol ihn!

    NATHAN

    indem er Saladins Hand fahren lässt.
    Augenblicks! Und bei dem andern
    Bleibt es doch auch?

    SALADIN

    Ah! dass ich meine Schwester
    Nicht horchen lassen! — Zu ihr! Zu ihr! — Denn
    Wie soll ich alles das ihr nun erzählen?
    Ab von der andern Seite.

    ACHTER AUFTRITT

    Die Szene: unter den Palmen, in der Nähe des Klosters, wo der Tempelherr Nathans wartet.

    TEMPELHERR

    geht, mit sich selbst kämpfend, auf und ab, bis er losbricht.
    — Hier hält das Opfertier ermüdet still. —
    Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht näher wissen,
    Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern,
    Was vorgehn wird. — Genug, ich bin umsonst
    Geflohn; umsonst. — Und weiter könnt ich doch
    Auch nichts, als fliehn! — Nun komm’, was kommen soll! —
    Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell
    Gefallen, unter den zu kommen, ich
    So lang und viel mich weigerte. — Sie sehn,
    Die ich zu sehn so wenig lüstern war, —
    Sie sehn, und der Entschluß, sie wieder aus
    Den Augen nie zu lassen — Was Entschluss?
    Entschluss ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt’,
    Ich litte bloß. — Sie sehn, und das Gefühl,
    An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein
    War eins. — Bleibt eins. — Von ihr getrennt
    Zu leben, ist mir ganz undenkbar; wär
    Mein Tod, — und wo wir immer nach dem Tode
    Noch sind, auch da mein Tod. — Ist das nun Liebe:
    So — liebt der Tempelritter freilich, — liebt
    Der Christ das Judenmädchen freilich. — Hm!
    Was tut’s? — Ich hab in dem gelobten Lande, —
    Und drum auch mir gelobt auf immerdar! —
    Der Vorurteile mehr schon abgelegt. —
    Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr
    Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot,
    Der mich zu Saladins Gefangnen machte.
    Der Kopf, den Saladin mir schenkte, war
    Mein alter? — Ist ein neuer, der von allem
    Nichts weiß, was jenem eingeplaudert ward,
    Was jenen band; — und ist ein bessrer; für
    Den väterlichen Himmel mehr gemacht
    Das spür ich ja. Denn erst mit ihm beginn
    Ich so zu denken, wie mein Vater hier
    Gedacht muss haben; wenn man Märchen nicht
    Von ihm mir vorgelogen. — Märchen? — doch
    Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie,
    Als jetzt geschienen, da ich nur Gefahr
    Zu straucheln laufe, wo er fiel — Er fiel?
    Ich will mit Männern lieber fallen, als
    Mit Kindern stehn. — Sein Beispiel bürget mir
    Für seinen Beifall. Und an wessen Beifall
    Liegt mir denn sonst? — An Nathans? — O an dessen
    Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir
    Noch weniger gebrechen. — Welch ein Jude! —
    Und der so ganz nur Jude scheinen will!
    Da kommt er; kommt mit Hast; glüht heitre Freude.
    Wer kam vom Saladin je anders? He!
    He, Nathan!

    NEUNTER AUFTRITT

    Nathan und der Tempelherr.

    NATHAN

    Wie? seid Ihr’s?

    TEMPELHERR

    Ihr habt
    Sehr lang Euch bei dem Sultan aufgehalten.

    NATHAN

    So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn
    Zu viel verweilt. — Ah, wahrlich Curd; der Mann
    Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist bloß sein Schatten. —
    Doch lasst vor allen Dingen Euch geschwind
    Nur sagen …

    TEMPELHERR

    Was?

    NATHAN

    Er will Euch sprechen; will,
    dass ungesäumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet
    Mich nur nach Hause, wo ich noch für ihn
    Erst etwas anders zu verfügen habe:
    Und dann, so gehn wir.

    TEMPELHERR

    Nathan, Euer Haus
    Betret ich wieder eher nicht …

    NATHAN

    So seid
    Ihr doch indes schon da gewesen? Habt
    Indes sie doch gesprochen? — Nun? — Sagt: wie
    Gefällt Euch Recha?

    TEMPELHERR

    Über allen Ausdruck!
    Allein — sie wiedersehn — das werd ich nie!
    Nie! nie! — Ihr müsstet mir zur Stelle denn
    Versprechen: — dass ich sie auf immer, immer —
    Soll können sehn.

    NATHAN

    Wie wollt Ihr, dass ich das
    Versteh?

    TEMPELHERR

    nach einer kurzen Pause ihm plötzlich um den Hals fallend
    Mein Vater!

    NATHAN

    — Junger Mann!

    TEMPELHERR

    ihn eben so plötzlich wieder lassend
    Nicht Sohn? —
    Ich bitt Euch, Nathan! —

    NATHAN

    Lieber junger Mann!

    TEMPELHERR

    Nicht Sohn? — Ich bitt Euch, Nathan! — Ich beschwör
    Euch bei den ersten Banden der Natur! —
    Zieht ihnen spätere Fesseln doch nicht vor! —
    Begnügt Euch doch ein Mensch zu sein! — Stoßt mich
    Nicht von Euch!

    NATHAN

    Lieber, lieber Freund!…

    TEMPELHERR

    Und Sohn?
    Sohn nicht? — Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn
    Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter
    Der Liebe schon den Weg gebahnet hätte?
    Auch dann nicht einmal, wenn in Eins zu schmelzen
    Auf Euern Wink nur beide warteten? —
    Ihr schweigt?

    NATHAN

    Ihr überrascht mich, junger Ritter.

    TEMPELHERR

    Ich überrasch Euch? — überrasch Euch, Nathan,
    Mit Euem eigenen Gedanken? — Ihr
    Verkennt sie doch in meinem Munde nicht?
    Ich überrasch Euch?

    NATHAN

    Eh ich einmal weiß,
    Was für ein Stauffen Euer Vater denn
    Gewesen ist!

    TEMPELHERR

    Was sagt Ihr, Nathan? was? —
    In diesem Augenblicke fühlt Ihr nichts,
    Als Neubegier?

    NATHAN

    Denn seht! Ich habe selbst
    Wohl einen Stauffen ehedem gekannt,
    Der Conrad hieß.

    TEMPELHERR

    Nun — wenn mein Vater denn
    Nun eben so geheißen hätte?

    NATHAN

    Wahrlich?

    TEMPELHERR

    Ich heiße selber ja nach meinem Vater: Curd
    Ist Conrad.

    NATHAN

    Nun — so war mein Conrad doch
    Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war,
    Was Ihr; war Tempelherr; war nie vermählt.

    TEMPELHERR

    O darum!

    NATHAN

    Wie?

    TEMPELHERR

    O darum könnt er doch
    Mein Vater wohl gewesen sein.

    NATHAN

    Ihr scherzt.

    TEMPELHERR

    Und Ihr nehmt’s wahrlich zu genau! — Was wär’s
    Denn nun? So was von Bastard oder Bankert!
    Der Schlag ist auch nicht zu verachten. — Doch
    Entlasst mich immer meiner Ahnenprobe.
    Ich will Euch Eurer wiederum entlassen.
    Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel
    In Euern Stammbaum setzte. Gott behüte!
    Ihr könnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham
    Hinauf belegen. Und von da so weiter,
    Weiß ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwören.

    NATHAN

    Ihr werdet bitter. — Doch verdien ich’s? — Schlug
    Ich denn Euch schon was ab? — Ich will Euch ja
    Nur bei dem Worte nicht den Augenblick
    So fassen. — Weiter nichts.

    TEMPELHERR

    Gewiss? — Nichts weiter?
    O so vergebt! …

    NATHAN

    Nun kommt nur, kommt!

    TEMPELHERR

    Wohin?
    Nein! — Mit in Euer Haus? — Das nicht! das nicht! —
    Da brennt’s! — Ich will Euch hier erwarten. Geht! —
    Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie
    Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie
    Schon viel zu viel …

    NATHAN

    Ich will mich möglichst eilen.

    ZEHNTER AUFTRITT

    Der Tempelherr und bald darauf Daja.

    TEMPELHERR

    Schon mehr als g’nug! — Des Menschen Hirn fasst so
    Unendlich viel; und ist doch manchmal auch
    So plötzlich voll! von einer Kleinigkeit
    So plötzlich voll! — Taugt nichts, taugt nichts; es sei
    Auch voll, wovon es will. — Doch nur Geduld!
    Die Seele wirkt den aufgedunsenen Stoff
    Bald ineinander, schafft sich Raum, und Licht
    Und Ordnung kommen wieder. — Lieb ich denn
    Zum ersten Male? Oder war, was ich
    Als Liebe kenne, Liebe nicht? — Ist Liebe
    Nur was ich jetzt empfinde? …

    DAJA

    die sich von der Seite herbeigeschlichen
    Ritter! Ritter!

    TEMPELHERR

    Wer ruft? — Ha, Daja, Ihr?

    DAJA

    Ich habe mich
    Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch
    Könnt er uns sehn, wo Ihr da steht — Drum kommt
    Doch näher zu mir, hinter diesen Baum.

    TEMPELHERR

    Was gibt’s denn? — So geheimnisvoll? — Was ist’s?

    DAJA

    Ja wohl betrifft es ein Geheimnis, was
    Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes.
    Das eine weiß nur ich; das andre wisst
    Nur Ihr. — Wie wär es, wenn wir tauschten?
    Vertraut mir Euers, so vertrau ich Euch
    Das meine.

    TEMPELHERR

    Mit Vergnügen. — Wenn ich nur
    Erst weiß, was Ihr für meines achtet. Doch
    Das wird aus Euerm wohl erhellen. — Fangt
    Nur immer an.

    DAJA

    Ei denkt doch! — Nein, Herr Ritter:
    Erst Ihr; ich folge. — Denn versichert, mein
    Geheimnis kann Euch gar nichts nützen, wenn
    Ich nicht zuvor das Eure habe. — Nur
    Geschwind! — Denn frag ich’s Euch erst ab: so habt
    Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann
    Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid
    Ihr los. — Doch, armer Ritter! — dass ihr Männer
    Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben
    Zu können auch nur glaubt!

    TEMPELHERR

    Das wir zu haben
    Oft selbst nicht wissen.

    DAJA

    Kann wohl sein. Drum muss
    Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt
    Zu machen, schon die Freundschaft haben. — Sagt:
    Was hieß denn das, dass Ihr so Knall und Fall
    Euch aus dem Staube machtet? dass Ihr uns
    So sitzen ließet? — dass Ihr nun mit Nathan
    Nicht wiederkommt? — Hat Recha denn so wenig
    Auf Euch gewirkt? Wie? oder auch, so viel? —
    So viel! so viel! — Lehrt Ihr des armen Vogels,
    Der an der Rute klebt, Geflattre mich
    Doch kennen! — Kurz: gesteht es mir nur gleich,
    dass Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und
    Ich sag Euch was …

    TEMPELHERR

    Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr
    Versteht Euch trefflich drauf.

    DAJA

    Nun gebt mir nur
    Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch
    Erlassen.

    TEMPELHERR

    Weil er sich von selbst versteht? —
    Ein Tempelherr ein Judenmädchen lieben! …

    DAJA

    Scheint freilich wenig Sinn zu haben. — Doch
    Zuweilen ist des Sinns in einer Sache
    Auch mehr, als wir vermuten; und es wäre
    So unerhört doch nicht, dass uns der Heiland
    Auf Wegen zu sich zöge, die der Kluge
    Von selbst nicht leicht betreten würde.

    TEMPELHERR

    Das
    So feierlich? — (Und setz ich statt des Heilands
    Die Vorsicht: hat sie denn nicht Recht? —) Ihr macht
    Mich neubegieriger, als ich wohl sonst
    Zu sein gewohnt bin.

    DAJA

    O! das ist das Land
    Der Wunder!

    TEMPELHERR

    (Nun! — des Wunderbaren. Kann
    Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt
    Drängt sich ja hier zusammen.) — Liebe Daja,
    Nehmt für gestanden an, was Ihr verlangt:
    dass ich sie liebe; dass ich nicht begreife,
    Wie ohne sie ich leben werde; dass …

    DAJA

    Gewiss? gewiss? — So schwört mir, Ritter, sie
    Zur Eurigen zu machen; sie zu retten;
    Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten.

    TEMPELHERR

    Und wie? — Wie kann ich? — Kann ich schwören, was
    In meiner Macht nicht steht?

    DAJA

    In Eurer Macht
    Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort
    In Eure Macht.

    TEMPELHERR

    Dass selbst der Vater nichts
    Dawider hätte?

    DAJA

    Ei, was Vater! Vater!
    Der Vater soll schon müssen.

    TEMPELHERR

    Müssen, Daja? —
    Noch ist er unter Räuber nicht gefallen.
    Er muss nicht müssen.

    DAJA

    Nun, so muss er wollen;
    Muss gern am Ende wollen.

    TEMPELHERR

    Muss? und gern? —
    Doch Daja, wenn ich Euch nun sage, dass
    Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen
    Bereits versucht?

    DAJA

    Was? und er fiel nicht ein?

    TEMPELHERR

    Er fiel mit einem Misslaut ein, der mich —
    Beleidigte.

    DAJA

    Was sagt Ihr? — Wie? Ihr hättet
    Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha
    Ihm blicken lassen: und er wär vor Freuden
    Nicht aufgesprungen? — hätte frostig sich
    Zurückgezogen? — hätte Schwierigkeiten
    Gemacht?

    TEMPELHERR

    So ungefähr.

    DAJA

    So will ich denn
    Mich länger keinen Augenblick bedenken. —
    Pause.

    TEMPELHERR

    Und Ihr bedenkt Euch doch?

    DAJA

    Der Mann ist sonst
    So gut! — Ich selber bin so viel ihm schuldig! —
    Dass er doch gar nicht hören will! — Gott weiß,
    Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen.

    TEMPELHERR

    Ich bitt Euch, Daja, setzt mich kurz und gut
    Aus dieser Ungewissheit. Seid Ihr aber
    Noch selber ungewiss, ob, was Ihr vorhabt,
    Gut oder böse, schändlich oder löblich
    Zu nennen: schweigt! Ich will vergessen, dass
    Ihr etwas zu verschweigen habt.

    DAJA

    Das spornt,
    Anstatt zu halten. — Nun; so wisst denn: Recha
    Ist keine Jüdin; ist — ist eine Christin.

    TEMPELHERR

    kalt
    So? Wünsch Euch Glück! Hat’s schwer gehalten? Lasst
    Euch nicht die Wehen schrecken! Fahret ja
    Mit Eifer fort, den Himmel zu bevölkern;
    Wenn Ihr die Erde nicht mehr könnt!

    DAJA

    Wie, Ritter?
    Verdienet meine Nachricht diesen Spott?
    dass Recha eine Christin ist, das freuet
    Euch, einen Christen, einen Tempelherrn,
    Der Ihr sie liebt, nicht mehr?

    TEMPELHERR

    Besonders, da
    Sie eine Christin ist von Eurer Mache.

    DAJA

    Ah! so versteht Ihr’s? So mag’s gelten! — Nein!
    Den will ich sehn, der die bekehren soll!
    Ihr Glück ist, längst zu sein, was sie zu werden
    Verdorben ist.

    TEMPELHERR

    Erklärt Euch, oder — geht!

    DAJA

    Sie ist ein Christenkind; von Christeneltern
    Geboren; ist getauft …

    TEMPELHERR

    hastig
    Und Nathan?

    DAJA

    Nicht
    Ihr Vater!

    TEMPELHERR

    Nathan nicht ihr Vater? — Wisst
    Ihr, was Ihr sagt?

    DAJA

    Die Wahrheit, die so oft
    Mich blut’ge Tränen weinen machen. — Nein,
    Er ist ihr Vater nicht …

    TEMPELHERR

    Und hätte sie
    Als seine Tochter nur erzogen? hätte
    Das Christenkind als eine Jüdin sich
    Erzogen?

    DAJA

    Ganz gewiss.

    TEMPELHERR

    Sie wüsste nicht,
    Was sie geboren sei? — Sie hätt es nie
    Von ihm erfahren, dass sie eine Christin
    Geboren sei, und keine Jüdin?

    DAJA

    Nie!

    TEMPELHERR

    Er hätt in diesem Wahne nicht das Kind
    Bloß auferzogen? ließ das Mädchen noch
    In diesem Wahne?

    DAJA

    Leider!

    TEMPELHERR

    Nathan — Wie? —
    Der weise, gute Nathan hätte sich
    Erlaubt, die Stimme der Natur so zu
    Verfälschen? — Die Ergießung eines Herzens
    So zu verlenken, die, sich selbst gelassen,
    Ganz andre Wege nehmen würde? — Daja,
    Ihr habt mir allerdings etwas vertraut —
    Von Wichtigkeit, — was Folgen haben kann,
    Was mich verwirrt, — worauf ich gleich nicht weiß,
    Was mir zu tun. — Drum lasst mir Zeit. — Drum geht!
    Er kommt hier wiederum vorbei. Er möcht
    Uns überfallen. Geht!

    DAJA

    Ich wär des Todes!

    TEMPELHERR

    Ich bin ihn jetzt zu sprechen ganz und gar
    Nicht fähig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt
    Ihm nur, dass wir einander bei dem Sultan
    Schon finden würden.

    DAJA

    Aber lasst Euch ja
    Nichts merken gegen ihn. — Das soll nur so
    Den letzten Druck dem Dinge geben; soll
    Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur
    Benehmen! — Wenn Ihr aber dann sie nach
    Europa führt, so lasst Ihr doch mich nicht
    Zurück?

    TEMPELHERR

    Das wird sich finden. Geht nur! geht!

    VIERTER AUFZUG

    ERSTER AUFTRITT

    Szene: in den Kreuzgängen des Klosters. Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr.

    KLOSTERBRUDER

    Ja, ja! er hat schon Recht, der Patriarch!
    Es hat mir freilich noch von alledem
    Nicht viel gelingen wollen, was er mir
    So aufgetragen. — Warum trägt er mir
    Auch lauter solche Sachen auf? — Ich mag
    Nicht fein sein; mag nicht überreden; mag
    Mein Näschen nicht in alles stecken; mag
    Mein Händchen nicht in allem haben. — Bin
    Ich darum aus der Welt geschieden, ich
    Für mich, um mich für andre mit der Welt
    Noch erst recht zu verwickeln?

    TEMPELHERR

    mit Hast auf ihn zukommend
    Guter Bruder!
    Da seid Ihr ja. Ich hab Euch lange schon
    Gesucht.

    KLOSTERBRUDER

    Mich, Herr?

    TEMPELHERR

    Ihr kennt mich schon nicht mehr?

    KLOSTERBRUDER

    Doch, doch! Ich glaubte nur, dass ich den Herrn
    In meinem Leben wieder nie zu sehn
    Bekommen würde. Denn ich hofft es zu
    Dem lieben Gott. — Der liebe Gott, der weiß,
    Wie sauer mir der Antrag ward, den ich
    Dem Herrn zu tun verbunden war. Er weiß,
    Ob ich gewünscht, ein offnes Ohr bei Euch
    Zu finden; weiß, wie sehr ich mich gefreut,
    Im Innersten gefreut, dass Ihr so rund
    Das alles, ohne viel Bedenken, von
    Euch wies’t, was einem Ritter nicht geziemt. —
    Nun kommt Ihr doch! Nun hat’s doch nachgewirkt!

    TEMPELHERR

    Ihr wisst es schon, warum ich komme? Kaum
    Weiß ich es selbst.

    KLOSTERBRUDER

    Ihr habt’s nun überlegt;
    Habt nun gefunden, dass der Patriarch
    So Unrecht doch nicht hat: dass Ehr' und Geld
    Durch seinen Anschlag zu gewinnen; dass
    Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel
    Auch siebenmal gewesen wäre. Das,
    Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen,
    Und kommt, und tragt Euch wieder an. — Ach Gott!

    TEMPELHERR

    Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden.
    Deswegen komm ich nicht; deswegen will
    Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch,
    Noch denk ich über jenen Punkt, wie ich
    Gedacht, und wollt um alles in der Welt
    Die gute Meinung nicht verlieren, deren
    Mich ein so grader, frommer, lieber Mann
    Einmal gewürdiget. — Ich komme bloß,
    Den Patriarchen über eine Sache
    Um Rat zu fragen …

    KLOSTERBRUDER

    Ihr den Patriarchen?
    Ein Ritter einen — Pfaffen?
    Sich schüchtern umsehend.)

    TEMPELHERR

    Ja; — die Sach'
    Ist ziemlich pfäffisch.

    KLOSTERBRUDER

    Gleichwohl fragt der Pfaffe
    Den Ritter nie, die Sache sei auch noch
    So ritterlich.

    TEMPELHERR

    Weil er das Vorrecht hat,
    Sich zu vergehn, das unsereiner ihm
    Nicht sehr beneidet. — Freilich, wenn ich nur
    Für mich zu handeln hätte; freilich, wenn
    Ich Rechenschaft nur mir zu geben hätte:
    Was braucht' ich Eures Patriarchen? Aber
    Gewisse Dinge will ich lieber schlecht,
    Nach andrer Willen, machen; als allein
    Nach meinem, gut. — Zudem, ich seh nun wohl,
    Religion ist auch Partei; und wer
    Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt,
    Hält, ohn es selbst zu wissen, doch nur seiner
    Die Stange. Weil das einmal nun so ist;
    Wird’s so wohl recht sein.

    KLOSTERBRUDER

    Dazu schweig ich lieber.
    Denn ich versteh den Herrn nicht recht.

    TEMPELHERR

    Und doch! —
    (lass sehn, warum mir eigentlich zu tun!
    Um Machtspruch oder Rat? — Um lautern, oder
    Gelehrten Rat?) — Ich dank Euch Bruder; dank
    Euch für den guten Wink. — Was Patriarch? —
    Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch
    Den Christen mehr im Patriarchen, als
    Den Patriarchen in dem Christen fragen. —
    Die Sach’ ist die …

    KLOSTERBRUDER

    Nicht weiter, Herr, nicht weiter!
    Wozu? — Der Herr verkennt mich. — Wer viel weiß,
    Hat viel zu sorgen; und ich habe ja
    Mich einer Sorge nur gelobt. — O gut!
    Hört! seht! Dort kommt, zu meinem Glück, er selbst
    Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt.

    ZWEITER AUFTRITT

    Der Patriarch, welcher mit allem geistlichen Pomp den einen Kreuzgang heraufkommt, und die Vorigen.

    TEMPELHERR

    Ich wich' ihm lieber aus. — Wär nicht mein Mann? —
    Ein dicker, roter, freundlicher Prälat!
    Und welcher Prunk!

    KLOSTERBRUDER

    Ihr solltet ihn erst sehn
    Nach Hofe sich erheben. Itzo kommt
    Er nur von einem Kranken.

    TEMPELHERR

    Wie sich da
    Nicht Saladin wird schämen müssen!

    PATRIARCH

    indem er näher kommt, winkt dem Bruder
    Hier! —
    Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will
    Er?

    KLOSTERBRUDER

    Weiß nicht.

    PATRIARCH

    auf ihn zu gehend, indem der Bruder und das Gefolge zurücktreten
    Nun, Herr Ritter! — Sehr erfreut
    Den braven jungen Mann zu sehn! — Ei, noch
    So gar jung! — Nun, mit Gottes Hülfe, daraus
    Kann etwas werden.

    TEMPELHERR

    Mehr, ehrwürd’ger Herr,
    Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch
    Was weniger.

    PATRIARCH

    Ich wünsche wenigstens,
    dass so ein frommer Ritter lange noch
    Der lieben Christenheit, der Sache Gottes
    Zu Ehr' und Frommen blühn und grünen möge!
    Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein
    Die junge Tapferkeit dem reifen Rate
    Des Alters folgen will! — Womit wär sonst
    Dem Herrn zu dienen?

    TEMPELHERR

    Mit dem Nämlichen,
    Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rat.

    PATRIARCH

    Recht gern! — Nur ist der Rat auch anzunehmen.

    TEMPELHERR

    Doch blindlings nicht?

    PATRAIARCH

    Wer sagt denn das? — Ei freilich
    muss niemand die Vernunft, die Gott ihm gab,
    Zu brauchen unterlassen — wo sie hin–
    Gehört. Gehört sie aber überall
    Denn hin? — O nein! — Zum Beispiel: wenn uns Gott
    Durch einen seiner Engel, — ist zu sagen,
    Durch einen Diener seines Worts — ein Mittel
    Bekannt zu machen würdiget, das Wohl
    Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche
    Auf irgendeine ganz besondre Weise
    Zu fördern, zu befestigen: wer darf
    Sich da noch unterstehn, die Willkür des,
    Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft
    Zu untersuchen? und das ewige
    Gesetz der Herrlichkeit des Himmels nach
    Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre
    Zu prüfen? — Doch hiervon genug. Was ist
    Es denn, worüber unsern Rat für jetzt
    Der Herr verlangt?

    TEMPELHERR

    Gesetzt, ehrwürd’ger Vater,
    Ein Jude hätt ein einzig Kind, — es sei
    Ein Mädchen, — das er mit der größten Sorgfalt
    Zu allem Guten auferzogen, das
    Er liebe mehr als seine Seele, das
    Ihn wieder mit der frömmsten Liebe liebe.
    Und nun würd unsereinem hinterbracht,
    Dies Mädchen sei des Juden Tochter nicht;
    Er hab’ es in der Kindheit aufgelesen,
    Gekauft, gestohlen — was Ihr wollt; man wisse,
    Das Mädchen sei ein Christenkind, und sei
    Getauft; der Jude hab' es nur als Jüdin
    Erzogen; lass es nur als Jüdin und
    Als seine Tochter so verharren: — sagt,
    Ehrwürd’ger Vater, was wär hierbei wohl
    Zu tun?

    PATRIARCH

    Mich schaudert! — Doch zu allerest
    Erkläre sich der Herr, ob so ein Fall
    Ein Faktum oder eine Hypothes’.
    Das ist zu sagen: ob der Herr sich das
    Nur bloß so dichtet, oder ob’s geschehn,
    Und fortfährt zu geschehn.

    TEMPELHERR

    Ich glaubte, das
    Sei eins, um Euer Hochehrwürden Meinung
    Bloß zu vernehmen.

    PATRIARCH

    Eins? — Da seh' der Herr,
    Wie sich die stolze menschliche Vernunft
    Im Geistlichen doch irren kann. — Mitnichten!
    Denn ist der vorgetragene Fall nur so
    Ein Spiel des Witzes, so verlohnt es sich
    Der Mühe nicht, im Ernst ihn durchzudenken.
    Ich will den Herrn damit auf das Theater
    Verwiesen haben, wo dergleichen pro
    Et contra sich mit vielem Beifall könnte
    Behandeln lassen. — Hat der Herr mich aber
    Nicht bloß mit einer theatral’schen Schnurre
    Zum Besten; ist der Fall ein Faktum; hätt
    Er sich wohl gar in unsrer Diözes',
    In unsrer lieben Stadt Jerusalem,
    Ereignet: — ja alsdann —

    TEMPELHERR

    Und was alsdann —

    PATRIARCH

    Dann wäre an dem Juden fördersamst
    Die Strafe zu vollziehn, die päpstliches
    Und kaiserliches Recht so einem Frevel,
    So einer Lastertat bestimmen.

    TEMPELHERR

    So?

    PATRIARCH

    Und zwar bestimmen obbesagte Rechte
    Dem Juden, welcher einen Christen zur
    Apostasie verführt — den Scheiterhaufen, —
    Den Holzstoß —

    TEMPELHERR

    So?

    PATRIARCH

    Und wie vielmehr dem Juden,
    Der mit Gewalt ein armes Christenkind
    Dem Bunde seiner Tauf entreißt! Denn ist
    Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt? —
    Zu sagen: — ausgenommen, was die Kirch'
    An Kindern tut.

    TEMPELHERR

    Wenn aber nun das Kind,
    Erbarmte seiner sich der Jude nicht,
    Vielleicht im Elend umgekommen wäre?

    PATRIARCH

    Tut nichts! der Jude wird verbrannt. — Denn besser,
    Es wäre hier im Elend umgekommen,
    Als dass zu seinem ewigen Verderben
    Es so gerettet ward. — Zudem, was hat
    Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott
    Kann, wen er retten will, schon ohn ihn retten.

    TEMPELHERR

    Auch trotz ihm, sollt ich meinen — selig machen.

    PATRIARCH

    Tut nichts! der Jude wird verbrannt.

    TEMPELHERR

    Das geht
    Mir nah'! Besonders da man sagt, er habe
    Das Mädchen nicht sowohl in seinem, als
    Vielmehr in keinem Glauben auferzogen,
    Und sie von Gott nicht mehr, nicht weniger
    Gelehrt, als der Vernunft genügt.

    PATRIARCH

    Tut nichts!
    Der Jude wird verbrannt … Ja, wär allein
    Schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt
    Zu werden! — Was? ein Kind ohn allen Glauben
    Erwachsen lassen? — Wie? die große Pflicht,
    Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?
    Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter,
    Euch selbst …

    TEMPELHERR

    Ehrwürd’ger Herr, das Übrige,
    Wenn Gott will, in der Beichte.
    will gehen

    PATRIARCH

    Was? mir nun
    Nicht einmal Rede stehn? — Den Bösewicht;
    Den Juden mir nicht nennen? — mir ihn nicht
    Zur Stelle schaffen? — O da weiß ich Rat!
    Ich geh sogleich zum Sultan. — Saladin,
    Vermöge der Kapitulation,
    Die er beschworen, muss uns, muss uns schützen:
    Bei allen Rechten, allen Lehren schützen,
    Die wir zu unsrer allerheiligsten
    Religion nur immer rechnen dürfen!
    Gottlob! wir haben das Original.
    Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir! —
    Auch mach ich ihm gar leicht begreiflich, wie
    Gefährlich selber für den Staat es ist,
    Nichts glauben! Alle bürgerliche Bande
    Sind aufgelöset, sind zerrissen, wenn
    Der Mensch nichts glauben darf. — Hinweg! hinweg
    Mit solchem Frevel! …

    TEMPELHERR

    Schade, dass ich nicht
    Den trefflichen Sermon mit bessrer Muße
    Genießen kann! Ich bin zum Saladin
    Gerufen.

    PATRIARCH

    Ja? — Nun so — Nun freilich — Dann —

    TEMPELHERR

    Ich will den Sultan vorbereiten, wenn
    Es Euer Hochehrwürden so gefällt.

    PATRIARCH

    O, oh! — Ich weiß, der Herr hat Gnade fanden
    Vor Saladin! Ich bitte meiner nur
    Im Besten bei ihm eingedenk zu sein. —
    Mich treibt der Eifer Gottes lediglich.
    Was ich zu viel tu, tu ich ihm. — Das wolle
    Doch ja der Herr erwägen! — Und nicht wahr,
    Herr Ritter, das vorhin Erwähnte von
    Dem Juden war nur ein Problema? — ist
    Zu sagen —

    TEMPELHERR

    Ein Problema.
    Geht ab.

    PATRIARCH

    (Dem ich tiefer
    Doch auf den Grund zu kommen suchen muss.
    Das wär so wiederum ein Auftrag für
    Den Bruder Bonafides.) — Hier, mein Sohn!
    Er spricht im Abgehen mit dem Klosterbruder.

    DRITTER AUFTRITT

    Szene: ein Zimmer im Palaste des Saladin, in welches von Sklaven eine Menge Beutel getragen und auf dem Boden nebeneinander gestellt werden. Saladin und bald darauf Sittah.

    SALADIN

    der dazu kommt
    Nun wahrlich! das hat noch kein Ende. — Ist
    Des Dings noch viel zurück?

    EIN SKLAVE

    Wohl noch die Hälfte.

    SALADIN

    So tragt das Übrige zu Sittah. — Und
    Wo bleibt Al-Hafi? Das hier soll sogleich
    Al-Hafi zu sich nehmen. Oder ob
    Ich’s nicht vielmehr dem Vater schicke? Hier
    Fällt mir es doch nur durch die Finger. — Zwar
    Man wird wohl endlich hart; und nun gewiss
    Solls Künste kosten, mir viel abzuzwacken.
    Bis wenigstens die Gelder aus Ägypten
    Zur Stelle kommen, mag das Armut sehn,
    Wie’s fertig wird! — Die Spenden bei dem Grabe,
    Wenn die nur fortgehn! Wenn die Christenpilger
    Mit leeren Händen nur nicht abziehn dürfen
    Wenn nur —

    SITTAH

    Was soll nun das? Was soll das Geld
    Bei mir?

    SALADIN

    Mach dich davon bezahlt; und leg
    Auf Vorrat, wenn was übrig bleibt.

    SITTAH

    Ist Nathan
    Noch mit dem Tempelherrn nicht da?

    SALADIN

    Er sucht
    Ihn aller Orten.

    SITTAH

    Sieh doch, was ich hier
    Indem mir so mein alt Geschmeide durch
    Die Hände geht, gefunden.
    Ihm ein kleines Gemälde zeigend.

    SALADIN

    Ha! mein Bruder!
    Das ist er, ist er! — War er! war er! ah! —
    Ah, wackrer lieber Junge, dass ich dich
    So früh verlor! Was hätt ich erst mit dir,
    An deiner Seit’ erst unternommen! — Sittah,
    lass mir das Bild. Auch kenn ich’s schon: er gab
    Es deiner ältern Schwester, seiner Lilla,
    Die eines Morgens ihn so ganz und gar
    Nicht aus den Armen lassen wollt. Es war
    Der letzte, den er ausritt. — Ah, ich ließ
    Ihn reiten, und allein! Ah, Lilla starb
    Vor Gram, und hat mir’s nie vergeben, dass
    Ich so allein ihn reiten lassen. — Er
    Blieb weg!

    SITTAH

    Der arme Bruder!

    SALADIN

    Lass nur gut
    Sein! — Einmal bleiben wir doch alle weg! —
    Zudem, wer weiß? Der Tod ist’s nicht allein,
    Der einem Jüngling seiner Art das Ziel
    Verrückt. Er hat der Feinde mehr; und oft
    Erliegt der Stärkste gleich dem Schwächsten. — Nun,
    Sei wie ihm sei! — Ich muss das Bild doch mit
    Dem jungen Tempelherrn vergleichen; muss
    Doch sehn, wie viel mich meine Phantasie
    Getäuscht.

    SITTAH

    Nur darum bring ich’s. Aber gib
    Doch, gib! Ich will dir das wohl sagen; das
    Versteht ein weiblich Aug am besten.

    SALADIN

    zu einem Türsteher, der hereintritt
    Wer
    Ist da? — der Tempelherr? — Er komm’!

    SITTAH

    Euch nicht
    Zu stören: ihn mit meiner Neugier nicht
    Zu irren —
    Sie setzt sich seitwärts auf einen Sofa und läßt den Schleier fallen.

    SALADIN

    Gut so! gut! — (Und nun sein Ton!
    Wie der wohl sein wird! — Assads Ton
    Schläft auch wohl wo in meiner Seele noch!)

    VIERTER AUFTRITT

    Der Tempelherr und Saladin.

    TEMPELHERR

    Ich, dein Gefangner, Sultan …

    SALADIN

    Mein Gefangner?
    Wem ich das Leben schenke, werd ich dem
    Nicht auch die Freiheit schenken?

    TEMPELHERR

    Was dir ziemt
    Zu tun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht
    Vorauszusetzen. Aber, Sultan — Dank,
    Besondern Dank dir für mein Leben zu
    Beteuern, stimmt mit meinem Stand und meinem
    Charakter nicht. — Es steht in allen Fällen
    Zu deinen Diensten wieder.

    SALADIN

    Brauch es nur
    Nicht wider mich! — Zwar ein Paar Hände mehr,
    Die gönnt ich meinem Feinde gern. Allein
    Ihm so ein Herz auch mehr zu gönnen, fällt
    Mir schwer. — Ich habe mich mit dir in nichts
    Betrogen, braver junger Mann! Du bist
    Mit Seel und Leib mein Assad. Sieh! ich könnte
    Dich fragen: wo du denn die ganze Zeit
    Gesteckt? in welcher Höhle du geschlafen?
    In welchem Ginnistan, von welcher guten
    Div diese Blume fort und fort so frisch
    Erhalten worden? Sieht ich könnte dich
    Erinnern wollen, was wir dort und dort
    Zusammen ausgeführt. Ich könnte mit
    Dir zanken, dass du ein Geheimnis doch
    Vor mir gehabt! ein Abenteuer mir
    Doch unterschlagen: — Ja, das könnt ich; wenn
    Ich dich nur säh', und nicht auch mich. — Nun mag’s!
    Von dieser süßen Träumerei ist immer
    Doch so viel wahr, dass mir in meinem Herbst
    Ein Assad wieder blühen soll. — Du bist
    Es doch zufrieden, Ritter?

    TEMPELHERR

    Alles, was
    Von dir mir kommt, — sei was es will — das lag
    Als Wunsch in meiner Seele.

    SALADIN

    Lass uns das
    Sogleich versuchen. — Bliebst du wohl bei mir?
    Um mich? — Als Christ, als Muselmann: gleichviel!
    Im weißen Mantel, oder Jamerlonk;
    Im Turban, oder deinem Filze: wie
    Du willst! Gleichviel! Ich habe nie verlangt,
    dass allen Bäumen eine Rinde wachse.

    TEMPELHERR

    Sonst wärst du wohl auch schwerlich, der du bist:
    Der Held, der lieber Gottes Gärtner wäre.

    SALADIN

    Nun denn; wenn du nicht schlechter von mir denkst,
    So wären wir ja halb schon richtig?

    TEMPELHERR

    Ganz!

    SALADIN

    ihm die Hand bietend
    Ein Wort!

    TEMPELHERR

    einschlagend
    Ein Mann! — Hiermit empfange mehr
    Als du mir nehmen konntest. Ganz der deine!

    SALADIN

    Zu viel Gewinn für einen Tag! zu viel! —
    Kam er nicht mit?

    TEMPELHERR

    Wer?

    SALADIN

    Nathan.

    TEMPELHERR

    frostig
    Nein. Ich kam
    Allein.

    SALADIN

    Welch eine Tat von dir! Und welch
    Ein weises Glück, dass eine solche Tat
    Zum Besten eines solchen Mannes ausschlug.

    TEMPELHERR

    Ja, ja!

    SALADIN

    So kalt? — Nein, junger Mann! wenn Gott
    Was Gutes durch uns tut, muss man so kalt
    Nicht sein! — selbst aus Bescheidenheit so kalt
    Nicht scheinen wollen!

    TEMPELHERR

    Dass doch in der Welt
    Ein jedes Ding so manche Seiten hat! —
    Von denen oft sich gar nicht denken läßt,
    Wie sie zusammenpassen!

    SALADIN

    Halte dich
    Nur immer an die best’, und preise Gott!
    Der weiß, wie sie zusammenpassen! Aber,
    Wenn du so schwierig sein willst, junger Mann,
    So werd auch ich ja wohl auf meiner Hut
    Mich mit dir halten müssen? Leider bin
    Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die
    Oft nicht so recht zu passen scheinen mögen.

    TEMPELHERR

    Das schmerzt! — Denn Argwohn ist so wenig sonst
    Mein Fehler —

    SALADIN

    Nun, so sage doch, mit wem
    Du’s hast? — Es schien ja gar, mit Nathan. Wie?
    Auf Nathan Argwohn? du? — Erklär dich! sprich!
    Komm, gib mir deines Zutrauns erste Probe.

    TEMPELHERR

    Ich habe wider Nathan nichts. Ich zürn
    Allein mit mir —

    SALADIN

    Und über was?

    TEMPELHERR

    Dass mir
    Geträumt, ein Jude könn’ auch wohl ein Jude
    Zu sein verlernen; dass mir wachend so
    Geträumt.

    SALADIN

    Heraus mit diesem wachen Traume!

    TEMPELHERR

    Du weißt von Nathans Tochter, Sultan. Was
    Ich für sie tat, das tat ich, — weil ich’s tat.
    Zu stolz, Dank einzuernten, wo ich ihn
    Nicht säete, verschmäht ich Tag für Tag,
    Das Mädchen noch einmal zu sehn. Der Vater
    War fern; er kömmt; er hört; er sucht mich auf;
    Er dankt; er wünscht, dass seine Tochter mir
    Gefallen möge; spricht von Aussicht, spricht
    Von heitern Fernen. — Nun, ich lasse mich
    Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich
    Ein Mädchen … Ah, ich muss mich schämen, Sultan! —

    SALADIN

    Dich schämen! — dass ein Judenmädchen auf
    Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr?

    TEMPELHERR

    Dass diesem Eindruck, auf das liebliche
    Geschwätz des Vaters hin, mein rasches Herz
    So wenig Widerstand entgegensetzte! —
    Ich Tropf! ich sprang zum zweiten Mal ins Feuer. —
    Denn nun warb ich, und nun ward ich verschmäht.

    SALADIN

    Verschmäht?

    TEMPELHERR

    Der weise Vater schlägt nun wohl
    Mich platterdings nicht aus. Der weise Vater
    muss aber doch sich erst erkunden, erst
    Besinnen. Allerdings! Tat ich denn das
    Nicht auch? Erkundete, besann ich denn
    Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie? —
    Fürwahr! bei Gott! Es ist doch gar was Schönes,
    So weise, so bedächtig sein!

    SALADIN

    Nun, nun!
    So sieh doch einem Alten etwas nach!
    Wie lange können seine Weigerungen
    Denn dauern? Wird er denn von dir verlangen,
    dass du erst Jude werden sollst?

    TEMPELHERR

    Wer weiß!

    SALADIN

    Wer weiß? — der diesen Nathan besser kennt.

    TEMPELHERR

    Der Aberglaube in dem wir aufgewachsen,
    Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
    Doch seine Macht nicht über uns. — Es sind
    Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.

    SALADIN

    Sehr reif bemerkt! Doch Nathan, wahrlich Nathan …

    TEMPELHERR

    Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen
    Für den erträglichern zu halten … —

    SALADIN

    Mag
    Wohl sein! Doch Nathan …

    TEMPELHERR

    Dem allein
    Die blöde Menschheit zu vertrauen, bis
    Sie hellern Wahrheitstag gewöhne; dem
    Allein …

    SALADIN

    Gut! Aber Nathan! Nathans Los
    Ist diese Schwachheit nicht.

    TEMPELHERR

    So dacht ich auch!…
    Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen
    So ein gemeiner Jude wäre, dass
    Er Christenkinder zu bekommen suchte,
    Um sie als Juden aufzuziehn — wie dann?

    SALADIN

    Wer sagt ihm so was nach?

    TEMPELHERR

    Das Mädchen selbst,
    Mit welcher er mich körnt, mit deren Hoffnung
    Er gern mir zu bezahlen schiene, was
    Ich nicht umsonst für sie getan soll haben: —
    Dies Mädchen selbst, ist seine Tochter — nicht;
    Ist ein verzettelt Christenkind.

    SALADIN

    Das er
    Dem ungeachtet dir nicht geben wollte?

    TEMPELHERR

    heftig
    Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt.
    Der tolerante Schwätzer ist entdeckt!
    Ich werde hinter diesen jüd’schen Wolf
    Im philosoph’schen Schafspelz Hunde schon
    Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen!

    SALADIN

    ernst
    Sei ruhig, Christ!

    TEMPELHERR

    Was? Ruhig Christ? Wenn Jud’
    Und Muselmann auf Jud’, auf Muselmann
    Bestehen: soll allein der Christ den Christen
    Nicht machen dürfen?

    SALADIN

    noch ernster
    Ruhig, Christ!

    TEMPELHERR

    Ich fühle
    Des Vorwurfs ganze Last, — die Saladin
    In diese Silbe preßt! Ah, wenn ich wüßte,
    Wie Assad, — Assad sich an meiner Stelle
    Hierbei genommen hätte!

    SALADIN

    Nicht viel besser! —
    Vermutlich, ganz so brausend! — Doch, wer hat
    Denn dich auch schon gelehrt, mich so wie er
    Mit einem Worte zu bestechen? Freilich,
    Wenn alles sich verhält, wie du mir sagest:
    Kann ich mich selber kaum in Nathan finden. —
    Indes, er ist mein Freund, und meiner Freunde
    muss keiner mit dem andern hadern. — lass
    Dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht
    Sofort den Schwärmern deines Pöbels preis!
    Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihm
    Zu rächen, mir so nahe legen würde!
    Sei keinem Juden, keinem Muselmanne
    Zum Trotz ein Christ!

    TEMPELHERR

    Bald wär’s damit zu spät!
    Doch Dank der Blutbegier des Patriarchen,
    Des Werkzeug mir zu werden graute!

    SALADIN

    Wie?
    Du kamst zum Patriarchen eher, als
    Zu mir?

    TEMPELHERR

    Im Sturm der Leidenschaft, im Wirbel
    Der Unentschlossenheit! — Verzeih! — Du wirst
    Von deinem Assad, fürcht ich, ferner nun
    Nichts mehr in mir erkennen wollen.

    SALADIN

    Wär
    Es diese Furcht nicht selbst! Mich dünkt, ich weiß
    Aus welchen Fehlern unsre Tugend keimt.
    Pfleg diese ferner nur, und jene sollen
    Bei mir dir wenig schaden. Aber geh!
    Such du nun Nathan, wie er dich gesucht;
    Und bring ihn her. Ich muss Euch doch zusammen
    Verständigen. — Wär um das Mädchen dir
    Im Ernst zu tun: sei ruhig. Sie ist dein!
    Auch soll es Nathan schon empfinden, dass
    Er ohne Schweinefleisch ein Christenkind
    Erziehen dürfen! — Geh!
    Der Tempelherr geht ab, und Sittah verlässt den Sofa.

    FÜNFTER AUFTRITT

    Saladin und Sittah.

    SITTAH

    Ganz sonderbar!

    SALADIN

    Gelt, Sittah? muss mein Assad nicht ein braver,
    Ein schöner junger Mann gewesen sein?

    SITTAH

    Wenn er so war, und nicht zu diesem Bilde
    Der Tempelherr vielmehr gesessen! — Aber
    Wie hast du doch vergessen können, dich
    Nach seinen Eltern zu erkundigen?

    SALADIN

    Und insbesondere wohl nach seiner Mutter?
    Ob seine Mutter hierzulande nie
    Gewesen sei? — Nicht wahr?

    SITTAH

    Das machst du gut!

    SALADIN

    O, möglicher wär nichts! Denn Assad war
    Bei hübschen Christendamen so willkommen,
    Auf hübsche Christendamen so erpicht,
    Dass einmal gar die Rede ging — Nun, nun;
    Man spricht nicht gern davon. — Genug; ich hab
    Ihn wieder! — will mit allen seinen Fehlern,
    Mit allen Launen seines weichen Herzens
    Ihn wieder haben! — O! das Mädchen muss
    Ihm Nathan geben. Meinst du nicht?

    SITTAH

    Ihm geben?
    Ihm lassen!

    SALADIN

    Allerdings! Was hätte Nathan,
    Sobald er nicht ihr Vater ist, für Recht
    Auf sie? Wer ihr das Leben so erhielt,
    Tritt einzig in die Rechte des, der ihr
    Es gab.

    SITTAH

    Wie also, Saladin? wenn du
    Nur gleich das Mädchen zu dir nähmst? Sie nur
    Dem unrechtmäßigen Besitzer gleich
    Entzögest?

    SALADIN

    Täte das wohl Not?

    SITTAH

    Not nun
    Wohl eben nicht! — Die liebe Neubegier
    Treibt mich allein, dir diesen Rat zu geben.
    Denn von gewissen Männern mag ich gar
    Zu gern, so bald wie möglich, wissen, was
    Sie für ein Mädchen lieben können.

    SALADIN

    Nun,
    So schick und lass sie holen.

    SITTAH

    Darf ich, Bruder?

    SALADIN

    Nur schone Nathans! Nathan muss durchaus
    Nicht glauben, dass man mit Gewalt ihn von
    Ihr trennen wolle.

    SITTAH

    Sorge nicht.

    SALADIN

    Und ich,
    Ich muss schon selbst sehn, wo Al-Hafi bleibt.

    SECHSTER AUFTRITT

    Szene: Die offene Flur in Nathans Hause, gegen die Palmen zu; wie im ersten Auftritt des ersten Aufzuges. Ein Teil der Waren und Kostbarkeiten liegt ausgekramt, deren eben daselbst gedacht wird. Nathan und Daja.

    DAJA

    O, alles herrlich! alles auserlesen!
    O, alles — wie nur Ihr es geben könnt.
    Wo wird der Silberstoff mit goldnen Ranken
    Gemacht? Was kostet er? — Das nenn ich noch
    Ein Brautkleid! Keine Königin verlangt
    Es besser.

    NATHAN

    Brautkleid? Warum Brautkleid eben?

    DAJA

    Je nun! Ihr dachtet daran freilich nicht,
    Als Ihr ihn kauftet. — Aber wahrlich, Nathan,
    Der und kein andrer muss es sein! Er ist
    Zum Brautkleid wie bestellt. Der weiße Grund:
    Ein Bild der Unschuld; und die goldnen Ströme,
    Die allerorten diesen Grund durchschlängeln:
    Ein Bild des Reichtums. Seht Ihr? Allerliebst!

    NATHAN

    Was witzelst du mir da? Von wessen Brautkleid
    Sinnbilderst du mir so gelehrt? — Bist du
    Denn Braut?

    DAJA

    Ich?

    NATHAN

    Nun wer denn?

    DAJA

    Ich? — Lieber Gott!

    NATHAN

    Wer denn? Von wessen Brautkleid sprichst du denn?
    Das alles ist ja dein, und keiner andern.

    DAJA

    Ist mein? Soll mein sein? — Ist für Recha nicht?

    NATHAN

    Was ich für Recha mitgebracht, das liegt
    In einem andern Ballen. Mach! nimm weg!
    Trag deine Siebensachen fort!

    DAJA

    Versucher!
    Nein, wären es die Kostbarkeiten auch
    Der ganzen Welt! Nicht rühr an! wenn Ihr mir
    Vorher nicht schwört, von dieser einzigen
    Gelegenheit, dergleichen Euch der Himmel
    Nicht zweimal schicken wird, Gebrauch zu machen.

    NATHAN

    Gebrauch? von was? — Gelegenheit? wozu?

    DAJA

    O stellt Euch nicht so fremd! — Mit kurzen Worten:
    Der Tempelherr liebt Recha; gebt sie ihm!
    So hat doch einmal Eure Sünde, die
    Ich länger nicht verschweigen kann, ein Ende.
    So kommt das Mädchen wieder unter Christen;
    Wird wieder, was sie ist; ist wieder, was
    Sie war; und Ihr, Ihr habt mit all dem Guten,
    Das wir Euch nicht genug verdanken können,
    Nicht Feuerkohlen bloß auf Euer Haupt
    Gesammelt.

    NATHAN

    Doch die alte Leier wieder? —
    Mit einer neuen Saite nur bezogen,
    Die, fürcht ich, weder stimmt noch hält.

    DAJA

    Wieso?

    NATHAN

    Mir wär der Tempelherr schon recht. Ihm gönnt
    Ich Recha mehr als einem in der Welt.
    Allein … Nun, habe nur Geduld.

    DAJA

    Geduld?
    Geduld, ist Eure alte Leier nun
    Wohl nicht?

    NATHAN

    Nur wenig Tage noch Geduld!…
    Sieh doch! — Wer kommt denn dort? Ein Klosterbruder?
    Geh, frag ihn, was er will.

    DAJA

    Was wird er wollen?
    Sie geht auf ihn zu und fragt.

    NATHAN

    So gib! — und eh er bittet. — (Wüsst ich nur
    Dem Tempelherrn erst beizukommen, ohne
    Die Ursach meiner Neugier ihm zu sagen!
    Denn wenn ich sie ihm sag, und der Verdacht
    Ist ohne Grund: so hab ich ganz umsonst
    Den Vater auf das Spiel gesetzt) — Was ist’s?

    DAJA

    Er will Euch sprechen.

    NATHAN

    Nun, so lass ihn kommen;
    Und geh indes.

    SIEBENTER AUFTRITT

    Nathan und der Klosterbruder.

    NATHAN

    (Ich bliebe Rechas Vater
    Doch gar zu gern! — Zwar kann’ ich’s denn nicht bleiben,
    Auch wenn ich aufhör, es zu heißen? — Ihr,
    Ihr selbst werd ich’s doch immer auch noch heißen,
    Wenn sie erkennt, wie gern ich’s wäre.) — Geh! —
    Was ist zu Euren Diensten, frommer Bruder?

    KLOSTERBRUDER

    Nicht eben viel. — Ich freue mich, Herr Nathan,
    Euch annoch wohl zu sehn.

    NATHAN

    So kennt Ihr mich?

    KLOSTERBRUDER

    Je nun; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem
    Ja Euern Namen in die Hand gedrückt.
    Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren.

    NATHAN

    nach seinem Beutel langend
    Kommt, Bruder, kommt; ich frisch’ ihn auf.

    KLOSTERBRUDER

    Habt Dank!
    Ich würd’ es Ärmern stehlen; nehme nichts. —
    Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig
    Euch meinen Namen aufzufrischen. Denn
    Ich kann mich rühmen, auch in Eure Hand
    Etwas gelegt zu haben, was nicht zu
    Verachten war.

    NATHAN

    Verzeiht! — Ich schäme mich —
    Sagt, was? — und nehmt zur Buße siebenfach
    Den Wert desselben von mir an.

    KLOSTERBRUDER

    Hört doch
    Vor allen Dingen, wie ich selber nur
    Erst heut’ an dies mein Euch vertrautes Pfand
    Erinnert worden.

    NATHAN

    Mir vertrautes Pfand?

    KLOSTERBRUDER

    Vor Kurzem saß ich noch als Eremit
    Auf Quarantana, unweit Jericho.
    Da kam arabisch Raubgesindel, brach
    Mein Gotteshäuschen ab, und meine Zelle,
    Und schleppte mich mit fort. Zum Glück entkam
    Ich noch, und floh hierher zum Patriarchen,
    Um mir ein ander Plätzchen auszubitten,
    Allwo ich meinem Gott in Einsamkeit
    Bis an mein selig Ende dienen könne.

    NATHAN

    Ich steh auf Kohlen, guter Bruder. Macht
    Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand!

    KLOSTERBRUDER

    Sogleich, Herr Nathan. — Nun, der Patriarch
    Versprach mir eine Siedelei auf Tabor,
    Sobald als eine leer; und hieß inzwischen
    Im Kloster mich als Laienbruder bleiben.
    Da bin ich jetzt, Herr Nathan; und verlange
    Des Tags wohl hundertmal auf Tabor. Denn
    Der Patriarch braucht mich zu allerlei,
    Wovor ich großen Ekel habe. Zum
    Exempel:

    NATHAN

    Macht, ich bitt Euch!

    KLOSTERBRUDER

    Nun, es kommt! —
    Da hat ihm jemand heut ins Ohr gesetzt:
    Es lebe hierherum ein Jude, der
    Ein Christenkind als seine Tochter sich
    Erzöge.

    NATHAN (betroffen)

    Wie?

    KLOSTERBRUDER

    Hört mich nur aus! — Indem
    Er mir nun aufträgt, diesem Juden stracks,
    Wo möglich, auf die Spur zu kommen, und
    Gewaltig sich ob eines solchen Frevels
    Erzürnt, der ihm die wahre Sünde wider
    Den heiligen Geist bedünkt; — das ist, die Sünde,
    Die aller Sünden größte Sünd' uns gilt;
    Nur dass wir, Gott sei Dank, so recht nicht wissen,
    Worin sie eigentlich besteht: — da wacht
    Mit einmal mein Gewissen auf; und mir
    Fällt bei, ich könnte selber wohl vor Zeiten
    Zu dieser unverzeihlich großen Sünde
    Gelegenheit gegeben haben. — Sagt:
    Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren
    Ein Töchterchen gebracht von wenig Wochen?

    NATHAN

    Wie das? — Nun freilich — allerdings —

    KLOSTERBRUDER

    Ei, seht
    Mich doch recht an! — Der Reitknecht, der bin ich!

    NATHAN

    Seid Ihr?

    KLOSTERBRUDER

    Der Herr, von welchem ich’s Euch brachte,
    War — ist mir recht — ein Herr von Filneck. — Wolf
    Von Filneck.

    NATHAN

    Richtig!

    KLOSTERBRUDER

    Weil die Mutter kurz
    Vorher gestorben war, und sich der Vater
    Nach — mein ich — Gazza plötzlich werfen musste,
    Wohin das Würmchen ihm nicht folgen konnte,
    So sandt er's Euch. Und traf ich Euch damit
    Nicht in Darun?

    NATHAN

    Ganz recht!

    KLOSTERBRUDER

    Es wär kein Wunder,
    Wenn mein Gedächtnis mich betrög'. Ich habe
    Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem
    Hab ich nur gar zu kurze Zeit gedient.
    Er blieb bald drauf bei Askalon; und war
    Wohl sonst ein lieber Herr.

    NATHAN

    Jawohl! jawohl!
    Dem ich so viel, so viel zu danken habe!
    Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen!

    KLOSTERBRUDER

    O schön! So werd’t Ihr seines Töchterchens
    Euch um so lieber angenommen haben.

    NATHAN

    Das könnt Ihr denken.

    KLOSTERBRUDER

    Nun, wo ist es denn?
    Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben? —
    Lasst’s lieber nicht gestorben sein! — Wenn sonst
    Nur niemand um die Sache weiß, so hat
    Es gute Wege.

    NATHAN

    Hat es?

    KLOSTERBRUDER

    Traut mir, Nathan!
    Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute,
    Das ich zu tun vermeine, gar zu nah
    Was gar zu Schlimmes grenzt, so tu ich lieber
    Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar
    So ziemlich zuverlässig kennen, aber
    Bei weitem nicht das Gute. — War ja wohl
    Natürlich; wenn das Christentöchterchen
    Recht gut von Euch erzogen werden sollte,
    dass Ihr’s als Euer eigen Töchterchen
    Erzögt. — Das hättet Ihr mit aller Lieb'
    Und Treue nun getan, und müßtet so
    Belohnet werden? Das will mir nicht ein.
    Ei freilich, klüger hättet Ihr getan,
    Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand
    Als Christin auferziehen lassen: aber
    So hättet Ihr das Kindchen Eures Freunds
    Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe,
    Wär's eines wilden Tieres Lieb' auch nur,
    In solchen Jahren mehr als Christentum.
    Zum Christentume hat’s noch immer Zeit.
    Wenn nur das Mädchen sonst gesund und fromm
    Vor Euern Augen aufgewachsen ist,
    So blieb’s vor Gottes Augen, was es war.
    Und ist denn nicht das ganze Christentum
    Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft
    Geärgert, hat mir Tränen g’nug gekostet,
    Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten,
    dass unser Herr ja selbst ein Jude war.

    NATHAN

    Ihr, guter Bruder, müsst mein Fürsprach sein,
    Wenn Hass und Gleisnerei sich gegen mich
    Erheben sollten — wegen einer Tat —
    Ah, wegen einer Tat! — Nur Ihr, Ihr sollt
    Sie wissen! Nehmt sie aber mit ins Grab!
    Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht,
    Sie jemand anderm zu erzählen. Euch
    Allein erzähl ich sie. Der frommen Einfalt
    Allein erzähl ich sie. Weil die allein
    Versteht, was sich der gottergebne Mensch
    Für Taten abgewinnen kann.

    KLOSTERBRUDER

    Ihr seid
    Gerührt, und Euer Auge steht voll Wasser?

    NATHAN

    Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun.
    Ihr wisst wohl aber nicht, dass wenig Tage
    Zuvor, in Gath die Christen alle Juden
    Mit Weib und Kind ermordet hatten; wisst
    Wohl nicht, dass unter diesen meine Frau
    Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich
    Befunden, die in meines Bruders Hause,
    Zu dem ich sie geflüchtet, insgesamt
    Verbrennen müssen.

    KLOSTERBRUDER

    Allgerechter!

    NATHAN

    Als
    Ihr kamt, hatt ich drei Tag' und Nächt’ in Asch'
    Und Staub vor Gott gelegen, und geweint. —
    Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet,
    Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht:
    Der Christenheit den unversöhnlichsten
    Hass zugeschworen —

    KLOSTERBRUDER

    Ach! Ich glaub’s Euch wohl!

    NATHAN

    Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder.
    Sie sprach mit sanfter Stimm’: „Und doch ist Gott!
    Doch war auch Gottes Ratschluss das! Wohlan!
    Komm! übe, was du längst begriffen hast;
    Was sicherlich zu üben schwerer nicht,
    Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.
    Steh auf!” Ich stand und rief zu Gott: ich will!
    Willst du nur, dass ich will! — Indem stiegt Ihr
    Vom Pferd’, und überreichtet mir das Kind,
    ln Euerm Mantel eingehüllt. — Was Ihr
    Mir damals sagtet, was ich Euch: hab ich
    Vergessen. So viel weiß ich nur: ich nahm
    Das Kind, trug’s auf mein Lager, küsst es, warf
    Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben
    Doch nun schon Eines wieder!

    KLOSTERBRUDER

    Nathan! Nathan!
    Ihr seid ein Christ! — Bei Gott, Ihr seid ein Christ!
    Ein bessrer Christ war nie!

    NATHAN

    Wohl uns! Denn was
    Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir
    Zum Juden! — Aber lasst uns länger nicht
    Einander nur erweichen. Hier braucht’s Tat!
    Und ob mich siebenfache Liebe schon
    Bald an dies einz’ge fremde Mädchen band;
    Ob der Gedanke mich schon tötet, dass
    Ich meine sieben Söhn' in ihr aufs Neue
    Verlieren soll: — wenn sie von meinen Händen
    Die Vorsicht wieder fordert — ich gehorche!

    KLOSTERBRUDER

    Nun vollends! — Eben das bedacht ich mich
    So viel, Euch anzuraten! Und so hat's
    Euch Euer guter Geist schon angeraten!

    NATHAN

    Nur muss der erste Beste mir sie nicht
    Entreißen wollen!

    KLOSTERBRUDER

    Nein, gewiss nicht!

    NATHAN

    Wer
    Auf sie nicht größre Rechte hat, als ich,
    muss frühere zum mind’sten haben —

    KLOSTERBRUDER

    Freilich!

    NATHAN

    Die ihm Natur und Blut erteilen.

    KLOSTERBRUDER

    So
    Mein ich es auch!

    NATHAN

    Drum nennt mir nur geschwind
    Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm,
    Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt:
    Ihm will ich sie nicht vorenthalten — sie,
    Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde
    Zu sein erschaffen und erzogen ward. —
    Ich hoff, Ihr wisst von diesem Euern Herrn
    Und dem Geschlechte dessen mehr als ich.

    KLOSTERBRUDER

    Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich! — Denn
    Ihr habt ja schon gehört, dass ich nur gar
    Zu kurze Zeit bei ihm gewesen.

    NATHAN

    Wisst
    Ihr denn nicht wenigstens, was für Geschlechts
    Die Mutter war? — War sie nicht eine Stauffin?

    KLOSTERBRUDER

    Wohl möglich! — Ja, mich dünkt.

    NATHAN

    Hieß nicht ihr Bruder
    Conrad von Stauffen? — und war Tempelherr?

    KLOSTERBRUDER

    Wenn mich’s nicht trügt. Doch halt! Da fällt mir ein,
    Dass ich vom sel’gen Herrn ein Büchelchen
    Noch hab. Ich zog’s ihm aus dem Busen, als
    Wir ihn bei Askalon verscharrten.

    NATHAN

    Nun?

    KLOSTERBRUDER

    Es sind Gebete drin. Wir nennen’s ein
    Brevier — Das, dacht ich, kann ein Christenmensch
    Ja wohl noch brauchen. — Ich nun freilich nicht —
    Ich kann nicht lesen —

    NATHAN

    Tut nichts! — Nur zur Sache.

    KLOSTERBRUDER

    In diesem Büchelchen stehn vorn und hinten,
    Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn
    Selbsteigner Hand, die Angehörigen
    Von ihm und ihr geschrieben.

    NATHAN

    O erwünscht!
    Geht! lauft! holt mir das Büchelchen. Geschwind!
    Ich bin bereit, mit Gold es aufzuwiegen;
    Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft!

    KLOSTERBRUDER

    Recht gern!
    Es ist Arabisch aber, was der Herr
    Hineingeschrieben.
    Ab.

    NATHAN

    Einerlei! Nur her!
    Gott! wenn ich doch das Mädchen noch behalten,
    Und einen solchen Eidam mir damit
    Erkaufen könnte! — Schwerlich wohl! — Nun, fall'
    Es aus, wie’s will! — Wer mag es aber denn
    Gewesen sein, der bei dem Patriarchen
    So etwas angebracht? Das muss ich doch
    Zu fragen nicht vergessen. — Wenn es gar
    Von Daja käme?

    ACHTER AUFTRITT

    Daja und Nathan.

    DAJA

    eilig und verlegen
    Denkt doch, Nathan!

    NATHAN

    Nun?

    DAJA

    Das arme Kind erschrak wohl recht darüber!
    Da schickt …

    NATHAN

    Der Patriarch?

    DAJA

    Des Sultans Schwester,
    Prinzessin Sittah …

    NATHAN

    Nicht der Patriarch?

    DAJA

    Nein, Sittah! — Hört Ihr nicht? — Prinzessin Sittah
    Schickt her, und lässt sie zu sich holen.

    NATHAN

    Wen?
    Lässt Recha holen? — Sittah lässt sie holen? —
    Nun, wenn sie Sittah holen lässt, und nicht
    Der Patriarch …

    DAJA

    Wie kommt Ihr denn auf den?

    NATHAN

    So hast du kürzlich nichts von ihm gehört?
    Gewiss nicht? Auch ihm nichts gesteckt?

    DAJA

    Ich? ihm?

    NATHAN

    Wo sind die Boten?

    DAJA

    Vorn.

    NATHAN

    Ich will sie doch
    Aus Vorsicht selber sprechen. Komm! — Wenn nur
    Vom Patriarchen nichts dahinter steckt.
    Ab.

    DAJA

    Und ich — ich fürchte ganz was anders noch.
    Was gilt’s? die einzige vermeinte Tochter
    So eines reichen Juden wär auch wohl
    Für einen Muselmann nicht übel? — Hui,
    Der Tempelherr ist drum. Ist drum, wenn ich
    Den zweiten Schritt nicht auch noch wage; nicht
    Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist! —
    Getrost! Lass mich den ersten Augenblick,
    Den ich allein sie habe, dazu brauchen!
    Und der wird sein — vielleicht nun eben, wenn
    Ich sie begleite. — So ein erster Wink
    Kann unterwegens wenigstens nicht schaden.
    Ja, ja! Nur zu! Jetzt oder nie! Nur zu!
    Ihm nach.

    FÜNFTER AUFZUG

    ERSTER AUFTRITT

    Szene: Das Zimmer in Saladins Palaste, in welches die Beutel mit Geld getragen worden, die noch zu sehen. Saladin und bald darauf verschiedene Mamelucken.

    SALADIN

    im Hereintreten
    Da steht das Geld nun noch! Und niemand weiß
    Den Derwisch aufzufinden, der vermutlich
    Ans Schachbrett irgendwo geraten ist,
    Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht; —
    Warum nicht meiner? — Nun, Geduld! Was gibt’s?

    EIN MAMELUCK

    Erwünschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan!
    Die Karavane von Kahira kommt;
    Ist glücklich da! mit siebenjährigem
    Tribut des reichen Nils.

    SALADIN

    Brav, Ibrahim!
    Du bist mir wahrlich ein willkommner Bote! —
    Ha! endlich einmal! endlich! — Habe Dank
    Der guten Zeitung.

    DER MAMELUCK

    wartend
    (Nun? nur her damit!)

    SALADIN

    Was wart’st du? — Geh nur wieder.

    DER MAMELUCK

    Dem Willkommnen
    Sonst nichts?

    SALADIN

    Was denn noch sonst?

    DER MAMELUCK

    Dem guten Boten
    Kein Botenbrot? — So wär ich ja der Erste,
    Den Saladin mit Worten abzulohnen
    Doch endlich lernte! — Auch ein Ruhm! Der Erste,
    Mit dem er knickerte.

    SALADIN

    So nimm dir nur
    Dort einen Beutel.

    DER MAMELUCK

    Nein, nun nicht! Du kannst
    Mir nun sie alle schenken wollen.

    SALADIN

    Trotz! —
    Komm her! Da hast du zwei. — Im Ernst? Er geht?
    Tut mir’s an Edelmut zuvor? Denn sicher
    muss ihm es saurer werden, auszuschlagen,
    Als mir zu geben. — Ibrahim! — Was kommt
    Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt
    Auf einmal ganz ein andrer sein zu wollen? —
    Will Saladin als Saladin nicht sterben? —
    So musst er auch als Saladin nicht leben.

    EIN ZWEITER MAMELUCK

    Nun, Sultan! …

    SALADIN

    Wenn du mir zu melden kommst…

    ZWEITER MAMELUCK

    Dass aus Ägypten der Transport nun da!

    SALADIN

    Ich weiß schon.

    ZWEITER MAMELUCK

    Kam ich doch zu spät!

    SALADIN

    Warum
    Zu spät? — Da nimm für deinen guten Willen
    Der Beutel einen oder zwei.

    ZWEITER MAMELUCK

    Macht drei.

    SALADIN

    Ja, wenn du rechnen kannst! — So nimm sie nur.

    ZWEITER MAMELUCK

    Es wird wohl noch ein Dritter kommen — wenn
    Er anders kommen kann.

    SALADIN

    Wie das?

    ZWEITER MAMELUCK

    Je nu!
    Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn
    Sobald wir drei der Ankunft des Transports
    Versichert waren, sprengte jeder frisch
    Davon. Der Vorderste, der stürzt; und so
    Komm ich nun vor, und bleib auch vor bis in
    Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker,
    Die Gassen besser kennt.

    SALADIN

    O der Gestürzte!
    Freund, der Gestürzte! — Reit’ ihm doch entgegen.

    ZWEITER MAMELUCK

    Das werd ich ja wohl tun! — Und wenn er lebt,
    So ist die Hälfte dieser Beutel sein.
    Geht ab.

    SALADIN

    Sieh, welch ein guter edler Kerl auch das! —
    Wer kann sich solcher Mamelucken rühmen?
    Und wär mir denn zu denken nicht erlaubt,
    Dass sie mein Beispiel bilden helfen? — Fort
    Mit dem Gedanken, sie zu guter Letzt
    Noch an ein andres zu gewöhnen! …

    EIN DRITTER MAMELUCK

    Sultan…

    SALADIN

    Bist du's, der stürzte?

    DRITTER MAMELUCK

    Nein. Ich melde nur, —
    Dass Emir Mansor, der die Karavane
    Geführt, vom Pferde steigt …

    SALADIN

    Bring ihn! geschwind! —
    Da ist er ja! —

    ZWEITER AUFTRITT

    Emir Mansor und Saladin.

    SALADIN

    Willkommen, Emir! Nun,
    Wie ist’s gegangen? — Mansor, Mansor, hast
    Uns lange warten lassen!

    MANSOR

    Dieser Brief
    Berichtet, was dein Abulkassem erst
    Für Unruh' in Thebais dämpfen müssen:
    Eh wir es wagen durften abzugehen.
    Den Zug darauf hab ich beschleuniget,
    So viel wie möglich war.

    SALADIN

    Ich glaube dir! —
    Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich …
    Du tust es aber doch auch gern? … nimm frische
    Bedeckung nur sogleich. Du musst sogleich
    Noch weiter; musst der Gelder größern Teil
    Auf Libanon zum Vater bringen.

    MANSOR

    Gern!
    Sehr gern!

    SALADIN

    Und nimm dir die Bedeckung ja
    Nur nicht zu schwach. Es ist um Libanon
    Nicht alles mehr so sicher. Hast du nicht
    Gehört? Die Tempelherrn sind wieder rege.
    Sei wohl auf deiner Hut! — Komm nur! Wo hält
    Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst
    Betreiben. — Ihr! ich bin sodann bei Sittah.

    Dritter Auftritt

    Szene: die Palmen vor Nathans Hause. Der Tempelherr geht auf und nieder.
    Ins Haus nun will ich einmal nicht. — Er wird
    Sich endlich doch wohl sehen lassen! Man
    Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern! —
    Will’s noch erleben, dass er sich’s verbittet,
    Vor seinem Hause mich so fleißig finden
    Zu lassen. — Hm! — ich bin doch aber auch
    Sehr ärgerlich. — Was hat mich denn nun so
    Erbittert gegen ihn? — Er sagte ja:
    Noch schlüg’ er mir nichts ab. Und Saladin
    Hat’s über sich genommen, ihn zu stimmen. —
    Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ
    Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude? —
    Wer kennt sich recht! Wie könnt ich ihm denn sonst
    Den kleinen Raub nicht gönnen wollen, den
    Er sich’s zu solcher Angelegenheit
    Gemacht, den Christen abzujagen? Freilich,
    Kein kleiner Raub, ein solch Geschöpf! — Geschöpf?
    Und wessen? — Doch des Sklaven nicht, der auf
    Des Lebens öden Strand den Block geflößt,
    Und sich davon gemacht? Des Künstlers doch
    Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke
    Die göttliche Gestalt sich dachte, die
    Er dargestellt? — Ach! Rechas wahrer Vater
    Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte — bleibt
    In Ewigkeit der Jude. — Wenn ich mir
    Sie lediglich als Christendirne denke,
    Sie sonder alles das mir denke, was
    Allein ihr so ein Jude geben konnte: —
    Sprich, Herz, — was wär an ihr, das dir gefiel?
    Nichts! Wenig! Selbst ihr Lächeln, wär es nichts
    Als sanfte schöne Zuckung ihrer Muskeln;
    Wär, was sie lächeln macht, des Reizes unwert,
    In den es sich auf ihrem Munde kleidet: —
    Nein, selbst ihr Lächeln nicht! Ich hab es ja
    Wohl schöner noch an Aberwitz, an Tand,
    An Höhnerei, an Schmeichler und an Buhler
    Verschwenden sehn! — Hat’s da mich auch bezaubert?
    Hat’s da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben
    In seinem Sonnenscheine zu verflattern? —
    Ich wüßte nicht! Und bin auf den doch launisch,
    Der diesen hohem Wert allein ihr gab?
    Wie das? warum? — Wenn ich den Spott verdiente,
    Mit dem mich Saladin entließ! Schon schlimm
    Genug, dass Saladin es glauben konnte!
    Wie klein ich ihm da scheinen musste! wie
    Verächtlich! — Und das alles um ein Mädchen? —
    Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends
    Mir Daja nur was vorgeplaudert hätte,
    Was schwerlich zu erweisen stünde? — Sieh,
    Da tritt er endlich, im Gespräch vertieft,
    Aus seinem Hause! — Ha! mit wem! — Mit ihm?
    Mit meinem Klosterbruder? — Ha! so weiß
    Er sicherlich schon alles! ist wohl gar
    Dem Patriarchen schon verraten! — Ha!
    Was hab ich Querkopf nun gestiftet! — dass
    Ein einz’ger Funken dieser Leidenschaft
    Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann!
    Geschwind entschließ dich, was nunmehr zu tun!
    Ich will hier seitwärts ihrer warten; ob
    Vielleicht der Klosterbruder ihn verlässt.

    VIERTER AUFTRITT

    Nathan und der Klosterbruder.

    NATHAN

    ihm näher kommend
    Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank!

    KLOSTERBRUDER

    Und Ihr desgleichen!

    NATHAN

    Ich? von Euch? wofür?
    Für meinen Eigensinn, Euch aufzudringen,
    Was Ihr nicht braucht? — Ja, wenn ihm Eurer nur
    Auch nachgegeben hätt; Ihr mit Gewalt
    Nicht wolltet reicher sein, als ich.

    KLOSTERBRUDER

    Das Buch
    Gehört ja ohnedem nicht mir; gehört
    Ja ohnedem der Tochter; ist ja so
    Der Tochter ganzes väterliches Erbe. —
    Je nun, sie hat ja Euch. — Gott gebe nur,
    dass Ihr es nie bereuen dürft, so viel
    Für sie getan zu haben!

    NATHAN

    Kann ich das?
    Das kann ich nie. Seid unbesorgt!

    KLOSTERBRUDER

    Nu, nu!
    Die Patriarchen und die Tempelherren …

    NATHAN

    Vermögen mir des Bösen nie so viel
    Zu tun, dass irgendwas mich reuen könnte:
    Geschweige, das! Und seid Ihr denn so ganz
    Versichert, dass ein Tempelherr es ist,
    Der Euern Patriarchen hetzt?

    KLOSTERBRUDER

    Es kann
    Beinah kein andrer sein. Ein Tempelherr
    Sprach kurz vorher mit ihm; und was ich hörte,
    Das klang danach.

    NATHAN

    Es ist doch aber nur
    Ein einziger jetzt in Jerusalem.
    Und diesen kenn ich. Dieser ist mein Freund.
    Ein junger, edler, offner Mann!

    KLOSTERBRUDER

    Ganz recht;
    Der nämliche! — Doch was man ist, und was
    Man sein muss in der Welt, das passt ja wohl
    Nicht immer.

    NATHAN

    Leider nicht. — So tue, wer’s
    Auch immer ist, sein Schlimmstes oder Bestes!
    Mit Euerm Buche, Bruder, trotz ich allen:
    Und gehe graden Wegs damit zum Sultan.

    KLOSTERBRUDER

    Viel Glücks! Ich will Euch denn nur hier verlassen.

    NATHAN

    Und habt sie nicht einmal gesehn! — Kommt ja
    Doch bald, doch fleißig wieder. — Wenn nur heut
    Der Patriarch noch nichts erfährt! — Doch was?
    Sagt ihm auch heute, was Ihr wollt.

    KLOSTERBRUDER

    Ich nicht.
    Lebt wohl!
    Geht ab.

    NATHAN

    Vergesst uns ja nicht, Bruder! — Gott!
    dass ich nicht hier gleich unter freiem Himmel
    Auf meine Kniee sinken kann! Wie sich
    Der Knoten, der so oft mir bange machte,
    Nun von sich selber löset! — Gott! wie leicht
    Mir wird, dass ich nun weiter auf der Welt
    Nichts zu verbergen habe! dass ich vor
    Den Menschen nun so frei kann wandeln, als
    Vor dir, der du allein den Menschen nicht
    Nach seinen Taten brauchst zu richten.
    So selten seine Taten sind, o Gott! —

    FÜNFTER AUFTRITT

    Nathan und der Tempelherr, der von der Seite auf ihn znkommt.

    TEMPELHERR

    He! wartet, Nathan; nehmt mich mit!

    NATHAN

    Wer ruft? —
    Seid Ihr es, Ritter? Wo gewesen, dass
    Ihr bei dem Sultan Euch nicht treffen lassen?

    TEMPELHERR

    Wir sind einander fehl gegangen. Nehmt’s
    Nicht übel!

    NATHAN

    Ich nicht; aber Saladin…

    TEMPELHERR

    Ihr wart nur eben fort …

    NATHAN

    Und spracht ihn doch?
    Nun, so ist’s gut.

    TEMPELHERR

    Er will uns aber beide
    Zusammen sprechen.

    NATHAN

    Desto besser. Kommt
    Nur mit. Mein Gang stand ohnehin zu ihm. —

    TEMPELHERR

    Ich darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer
    Euch da verließ?

    NATHAN

    Ihr kennt ihn doch wohl nicht?

    TEMPELHERR

    War’s nicht die gute Haut, der Laienbruder,
    Des sich der Patriarch so gern zum Stöber
    Bedient?

    NATHAN

    Kann sein! Beim Patriarchen ist
    Er allerdings.

    TEMPELHERR

    Der Pfiff ist gar nicht übel:
    Die Einfalt vor der Schurkerei voraus
    Zu schicken.

    NATHAN

    Ja, die dumme; — nicht die fromme.

    TEMPELHERR

    An fromme glaubt kein Patriarch.

    NATHAN

    Für den
    Nun steh ich. Der wird seinem Patriarchen
    Nichts Ungebührliches vollziehen helfen.

    TEMPELHERR

    So stellt er wenigstens sich an. — Doch hat
    Er Euch von mir denn nichts gesagt?

    NATHAN

    Von Euch?
    Von Euch nun namentlich wohl nichts. — Er weiß
    Ja wohl auch schwerlich Euem Namen?

    TEMPELHERR

    Schwerlich.

    NATHAN

    Von einem Tempelherren freilich hat
    Er mir gesagt …

    TEMPELHERR

    Und was?

    NATHAN

    Womit er Euch
    Doch ein für allemal nicht meinen kann!

    TEMPELHERR

    Wer weiß? Lasst doch nur hören.

    NATHAN

    Dass mich einer
    Bei seinem Patriarchen angeklagt …

    TEMPELHERR

    Euch angeklagt? — Das ist, mit seiner Gunst —
    Erlogen. — Hört mich, Nathan! — Ich bin nicht
    Der Mensch, der irgendetwas abzuleugnen
    Im Stande wäre. Was ich tat, das tat ich!
    Doch bin ich auch nicht der, der alles, was
    Er tat, als wohlgetan verteid’gen möchte.
    Was sollt ich eines Fehls mich schämen? Hab
    Ich nicht den festen Vorsatz ihn zu bessern?
    Und weiß ich etwa nicht, wie weit mit dem
    Es Menschen bringen können? — Hört mich, Nathan! —
    Ich bin des Laienbruders Tempelherr,
    Der Euch verklagt soll haben, allerdings. —
    Ihr wisst ja, was mich wurmisch machte! was
    Mein Blut in allen Adern sieden machte!
    Ich Gauch! — Ich kam, so ganz mit Leib und Seel
    Euch in die Arme mich zu werfen. Wie
    Ihr mich empfingt — Wie kalt — wie lau — denn lau
    Ist schlimmer noch als kalt; wie abgemessen
    Mir auszubeugen Ihr beflissen wart;
    Mit welchen aus der Luft gegriffnen Fragen
    Ihr Antwort mir zu geben scheinen wolltet:
    Das darf ich kaum mir jetzt noch denken, wenn
    Ich soll gelassen bleiben. — Hört mich, Nathan! —
    In dieser Gährung schlich mir Daja nach,
    Und warf mir ihr Geheimnis an den Kopf,
    Das mir den Aufschluss Euers rätselhaften
    Betragens zu enthalten schien.

    NATHAN

    Wie das?

    TEMPELHERR

    Hört mich nur aus! — Ich bildete mir ein:
    Ihr wolltet, was Ihr einmal nun den Christen
    So abgejagt, an einen Christen wieder
    Nicht gern verlieren. Und so fiel mir ein,
    Euch kurz und gut das Messer an die Kehle
    Zu setzen.

    NATHAN

    Kurz und gut? und gut? — Wo steckt
    Das Gute?

    TEMPELHERR

    Hört mich, Nathan! — Allerdings:
    Ich tat nicht recht! — Ihr seid wohl gar nicht schuldig. —
    Die Närrin Daja weiß nicht, was sie spricht —
    Ist Euch gehässig — sucht Euch nur damit
    In einen bösen Handel zu verwickeln —
    Kann sein! kann sein! — Ich bin ein junger Laffe,
    Der immer nur an beiden Enden schwärmt;
    Bald viel zu viel, bald viel zu wenig tut —
    Auch das kann sein! Verzeiht mir, Nathan.

    NATHAN

    Wenn
    Ihr so mich freilich fasset —

    TEMPELHERR

    Kurz, ich ging
    Zum Patriarchen! — Hab Euch aber nicht
    Genannt. Das ist erlogen, wie gesagt!
    Ich hab ihm bloß den Fall ganz allgemein
    Erzählt, um seine Meinung zu vernehmen. —
    Auch das hätt unterbleiben können: ja doch! —
    Denn kannt ich nicht den Patriarchen schon
    Als einen Schurken? Könnt ich Euch nicht selber
    Nur gleich zur Rede stellen? — musst ich der
    Gefahr, so einen Vater zu verlieren,
    Das arme Mädchen opfern? — Nun, was tut's!
    Die Schurkerei des Patriarchen, die
    So ähnlich immer sich erhält, hat mich
    Des nächsten Weges wieder zu mir selbst
    Gebracht. — Denn hört mich, Nathan; hört mich aus! —
    Gesetzt; er wüsst auch Euern Namen: was
    Nun mehr, was mehr? — Er kann Euch ja das Mädchen
    Nur nehmen, wenn sie niemands ist, als Euer.
    Er kann sie doch aus Eurem Hause nur
    Ins Kloster schleppen. — Also — gebt sie mir!
    Gebt sie nur mir, und lasst ihn kommen. Ha!
    Er solls wohl bleiben lassen, mir mein Weib
    Zu nehmen. — Gebt sie mir; geschwind! — Sie sei
    Nun Eure Tochter, oder sei es nicht!
    Sei Christin, oder Jüdin, oder keines!
    Gleichviel! gleichviel! Ich werd Euch weder jetzt
    Noch jemals sonst in meinem ganzen Leben
    Darum befragen. Sei, wie’s sei!

    NATHAN

    Ihr wähnt
    Wohl gar, dass mir die Wahrheit zu verbergen
    Sehr nötig?

    TEMPELHERR

    Sei, wie’s sei!

    NATHAN

    Ich hab es ja
    Euch — oder wem es sonst zu wissen ziemt —
    Noch nicht geleugnet, dass sie eine Christin,
    Und nichts als meine Pflegetochter ist. —
    Warum ich’s aber ihr noch nicht entdeckt? —
    Darüber brauch ich nur bei ihr mich zu
    Entschuldigen.

    TEMPELHERR

    Das sollt Ihr auch bei ihr
    Nicht brauchen. — Gönnt’s ihr doch, dass sie Euch nie
    Mit andern Augen darf betrachten! Spart
    Ihr die Entdeckung doch! — Noch habt Ihr ja,
    Ihr ganz allein, mit ihr zu schalten. Gebt
    Sie mir! Ich bitt Euch, Nathan; gebt sie mir!
    Ich bin’s allein, der sie zum zweiten Male
    Euch retten kann — und will.

    NATHAN

    Ja — konnte! konnte!
    Nun auch nicht mehr. Es ist damit zu spät.

    TEMPELHERR

    Wie so? Zu spät?

    NATHAN

    Dank sei dem Patriarchen…

    TEMPELHERR

    Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wofür?
    Dank hätte der bei uns verdienen wollen?
    Wofür? wofür?

    NATHAN

    Dass wir nun wissen, wem
    Sie anverwandt; nun wissen, wessen Händen
    Sie sicher ausgeliefert werden kann.

    TEMPELHERR

    Das dank’ ihm — wer für mehr ihm danken wird!

    NATHAN

    Aus diesen müsst Ihr sie nun auch erhalten,
    Und nicht aus meinen.

    TEMPELHERR

    Arme Recha! Was
    Dir alles zustößt, arme Recha! Was
    Ein Glück für andre Waisen wäre, wird
    Dein Unglück! — Nathan! — Und wo sind sie, diese
    Verwandte?

    NATHAN

    Wo sie sind?

    TEMPELHERR

    Und wer sie sind?

    NATHAN

    Besonders hat ein Bruder sich gefunden,
    Bei dem Ihr um sie werben müsst.

    TEMPELHERR

    Ein Bruder?
    Was ist er, dieser Bruder? Ein Soldat?
    Ein Geistlicher? — Lasst hören, was ich mir
    Versprechen darf.

    NATHAN

    Ich glaube, dass er keines
    Von beiden — oder beides ist. Ich kenn
    Ihn noch nicht recht.

    TEMPELHERR

    Und sonst?

    NATHAN

    Ein braver Mann!
    Bei dem sich Recha gar nicht übel wird
    Befinden.

    TEMPELHERR

    Doch ein Christ! — Ich weiß zu Zeiten
    Auch gar nicht, was ich von Euch denken soll: —
    Nehmt mir’s nicht ungut, Nathan! — Wird sie nicht
    Die Christin spielen müssen unter Christen?
    Und wird sie, was sie lange g’nug gespielt,
    Nicht endlich werden? Wird den lautern Weizen,
    Den Ihr gesä’t, das Unkraut endlich nicht
    Ersticken? — Und das kümmert Euch so wenig?
    Dem ungeachtet könnt Ihr sagen — Ihr? —
    Dass sie bei ihrem Bruder sich nicht übel
    Befinden werde?

    NATHAN

    Denk ich! hoff ich! — Wenn
    Ihr ja bei ihm was mangeln sollte, hat
    Sie Euch und mich denn nicht noch immer?

    TEMPELHERR

    Oh!
    Was wird bei ihm ihr mangeln können? Wird
    Das Brüderchen mit Essen und mit Kleidung,
    Mit Naschwerk und mit Putz das Schwesterchen
    Nicht reichlich g'nug versorgen? Und was braucht
    Ein Schwesterchen denn mehr? — Ei freilich: auch
    Noch einen Mann! — Nun, nun; auch den, auch den
    Wird ihr das Brüderchen zu seiner Zeit
    Schon schaffen; wie er immer nur zu finden!
    Der Christlichste der Beste! — Nathan, Nathan!
    Welch einen Engel hattet Ihr gebildet,
    Den Euch nun andre so verhunzen werden!

    NATHAN

    Hat keine Not! Er wird sich unsrer Liebe
    Noch immer wert genug behaupten.

    TEMPELHERR

    Sag
    Das nicht! Von meiner Liebe sagt das nicht!
    Denn die lässt nichts sich unterschlagen; nichts.
    Es sei auch noch so klein! Auch keinen Namen! —
    Doch halt! — Argwohnt sie wohl bereits, was mit
    Ihr vorgeht?

    NATHAN

    Möglich; ob ich schon nicht wüsste,
    Woher?

    TEMPELHERR

    Auch eben viel. Sie soll — sie muss
    In beiden Fällen, was ihr Schicksal droht,
    Von mir zuerst erfahren. Mein Gedanke,
    Sie eher wieder nicht zu sehn, zu sprechen,
    Als bis ich sie die Meine nennen dürfe,
    Fällt weg. Ich eile …

    NATHAN

    Bleibt! wohin?

    TEMPELHERR

    Zu ihr!
    Zu sehn, ob diese Mädchenseele Manns genug
    Wohl ist, den einzigen Entschluss zu fassen,
    Der ihrer würdig wäre!

    NATHAN

    Welchen?

    TEMPELHERR

    Den:
    Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht
    Zu fragen —

    NATHAN

    Und?

    TEMPELHERR

    Und mir zu folgen; — wenn
    Sie drüber eines Muselmannes Frau
    Auch werden müsste.

    NATHAN

    Bleibt! Ihr trefft sie nicht;
    Sie ist bei Sittah, bei des Sultans Schwester.

    TEMPELHERR

    Seit wann? warum?

    NATHAN

    Und wollt Ihr da bei ihnen
    Zugleich den Bruder finden, kommt nur mit.

    TEMPELHERR

    Den Bruder? welchen? Sittahs oder Rechas?

    NATHAN

    Leicht beide. Kommt nur mit! Ich bitt Euch, kommt!
    Er führt ihn fort.

    SECHSTER AUFTRITT

    Szene: in Sittah’s Harem. Sittah und Recha in Unterhaltung begriffen.

    SITTAH

    Was freu ich mich nicht deiner, süßes Mädchen! —
    Sei so beklemmt nur nicht! so angst! so schüchtern! —
    Sei munter! sei gesprächiger! vertrauter!

    RECHA

    Prinzessin …

    SITTAH

    Nicht doch! nicht Prinzessin! Nenn
    Mich Sittah, — deine Freundin, — deine Schwester.
    Nenn mich dein Mütterchen! — Ich könnte das
    Ja schier auch sein. — So jung! so klug! so fromm!
    Was du nicht alles weißt! nicht alles musst
    Gelesen haben!

    RECHA

    Ich gelesen? — Sittah,
    Du spottest deiner kleinen albern Schwester.
    Ich kann kaum lesen.

    SITTAH

    Kannst kaum, Lügnerin!

    RECHA

    Ein wenig meines Vaters Hand! — Ich meinte,
    Du sprächst von Büchern.

    SITTAH

    Allerdings! von Büchern.

    RECHA

    Nun, Bücher wird mir wahrlich schwer zu lesen! —

    SITTAH

    Im Emst?

    RECHA

    In ganzem Ernst. Mein Vater liebt
    Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich
    Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drückt,
    Zu wenig.

    SITTAH

    Ei, Was sagst du! — Hat indes
    Wohl nicht sehr Unrecht! — und so manches, was
    Du weißt …?

    RECHA

    Weiß ich allein aus seinem Munde,
    Und könnte bei dem meisten dir noch sagen,
    Wie? wo? warum? er mich’s gelehrt.

    SITTAH

    So hängt
    Sich freilich alles besser an. So lernt
    Mit eins die ganze Seele.

    RECHA

    Sicher hat
    Auch Sittah wenig oder nichts gelesen!

    SITTAH

    Wieso? — Ich bin nicht stolz aufs Gegenteil. —
    Allein wieso? Dein Grund? Sprich dreist. Dein Grund?

    RECHA

    Sie ist so schlecht und recht; so unverkünstelt
    So ganz sich selbst nur ähnlich …

    SITTAH

    Nun?

    RECHA

    Das sollen
    Die Bücher uns nur selten lassen; sagt
    Mein Vater.

    SITTAH

    O was ist dein Vater für
    Ein Mann!

    RECHA

    Nicht wahr?

    SITTAH

    Wie nah er immer doch
    Zum Ziele trifft!

    RECHA

    Nicht wahr? — Und diesen Vater —

    SITTAH

    Was ist dir, Liebe?

    RECHA

    Diesen Vater —

    SITTAH

    Gott!
    Du weinst?

    RECHA

    Und diesen Vater — Ah! es muss
    Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft …
    Wirft sich, von Tränen überwältigt, zu ihren Füßen.

    SITTAH

    Kind, was
    Geschieht dir? Recha?

    RECHA

    Diesen Vater soll —
    Soll ich verlieren!

    SITTAH

    Du? verlieren? ihn?
    Wie das? — Sei ruhig! — Nimmermehr! — Steh auf!

    RECHA

    Du sollst vergebens dich zu meiner Freundin,
    Zu meiner Schwester nicht erboten haben!

    SITTAH

    Ich bin’s ja! bin’s! — Steh doch nur auf! Ich muss
    Sonst Hülfe rufen.

    RECHA

    die sich ermannt und aufsteht
    Ah! verzeih! vergib! —
    Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer
    Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein
    Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft
    Will alles über sie allein vermögen.
    Wes Sache diese bei ihr führt, der siegt!

    SITTAH

    Nun denn?

    RECHA

    Nein; meine Freundin, meine Schwester
    Gibt das nicht zu! Gibt nimmer zu, dass mir
    Ein andrer Vater aufgedrungen werde!

    SITTAH

    Ein andrer Vater? aufgedrungen? Dir?
    Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe?

    RECHA

    Wer? Meine gute, böse Daja kann
    Das wollen, — will das können. — Ja; du kennst
    Wohl diese gute, böse Daja nicht?
    Nun, Gott vergeb' es ihr! — belohn' es ihr!
    Sie hat mir so viel Gutes, — so viel Böses
    Erwiesen!

    SITTAH

    Böses dir? — so muss sie Gutes
    Doch wahrlich wenig haben.

    RECHA

    Doch! recht viel,
    Recht viel!

    SITTAH

    Wer ist sie?

    RECHA

    Eine Christin, die
    In meiner Kindheit mich gepflegt; mich so
    Gepflegt! — Du glaubst nicht! — Die mir eine Mutter
    So wenig missen lassen! — Gott vergelt'
    Es ihr! — Die aber mich auch so geängstet!
    Mich so gequält!

    SITTAH

    Und über was? warum?
    Wie?

    RECHA

    Ach! die arme Frau, — ich sag dir's ja —
    Ist eine Christin; — muss aus Liebe quälen
    Ist eine von den Schwärmerinnen, die
    Den allgemeinen, einzig wahren Weg
    Nach Gott zu wissen wähnen!

    SITTAH

    Nun versteh ich!

    RECHA

    Und sich gedrungen fühlen, einen jeden,
    Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken. —
    Kaum können sie auch anders. Denn ist’s wahr,
    Dass dieser Weg allein nur richtig führt:
    Wie sollen sie gelassen ihre Freunde
    Auf einem andern wandeln sehn, — der ins
    Verderben stürzt, ins ewige Verderben?
    Es müsste möglich sein, denselben Menschen
    Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen. —
    Auch ist’s das nicht, was endlich laute Klagen
    Mich über sie zu führen zwingt. Ihr Seufzen,
    Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen hätt
    Ich gern noch länger ausgehalten; gern!
    Es brachte mich doch immer auf Gedanken,
    Die gut und nützlich. Und wem schmeichelt’s doch
    Im Grunde nicht, sich gar so wert und teuer,
    Von wem’s auch sei, gehalten fühlen, dass
    Er den Gedanken nicht ertragen kann,
    Er müss’ einmal auf ewig uns entbehren!

    SITTAH

    Sehr wahr!

    RECHA

    Allein — allein — das geht zu weit!
    Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht
    Geduld, nicht Überlegung; nichts!

    SITTAH

    Was? wem?

    RECHA

    Was sie mir eben jetzt entdeckt will haben.

    SITTAH

    Entdeckt? und eben jetzt?

    RECHA

    Nur eben jetzt!
    Wir nahten, auf dem Weg hierher, uns einem
    Verfallnen Christentempel. Plötzlich stand,
    Sie still; schien mit sich selbst zu kämpfen; blickte
    Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald
    Auf mich. Komm, sprach sie endlich, lass uns hier
    Durch diesen Tempel in die Richte gehn!
    Sie geht; ich folg ihr, und mein Auge schweift
    Mit Graus die wankenden Ruinen durch.
    Nun steht sie wieder; und ich sehe mich
    An den versunknen Stufen eines morschen
    Altars mit ihr. Wie ward mir, als sie da
    Mit heißen Tränen, mit gerungnen Händen
    Zu meinen Füßen stürzte …

    SITTAH

    Gutes Kind!

    RECHA

    Und bei der Göttlichen, die da wohl sonst
    So manch Gebet erhört, so manches Wunder
    Verrichtet habe, mich beschwor, — mit Blicken
    Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner
    Doch zu erbarmen! — Wenigstens, ihr zu
    Vergeben, wenn sie mir entdecken müsse,
    Was ihre Kirch’ auf mich für Anspruch habe.

    SITTAH

    (Unglückliche! — Es ahnte mir!)

    RECHA

    Ich sei
    Aus christlichem Geblüte; sei getauft;
    Sei Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater! —
    Gott! Gott! Er nicht mein Vater! — Sittah! Sittah!
    Sieh mich aufs Neu' zu deinen Füßen …

    SITTAH

    Recha!
    Nicht doch! steh auf! — Mein Bruder kommt! steh auf!

    SIEBENTER AUFTRITT

    Saladin und die Vorigen

    SALADIN

    Was gibt's hier, Sittah?

    SITTAH

    Sie ist von sich! Gott!

    SALADIN

    Wer ist’s?

    SITTAH

    Du weißt ja…

    SALADIN

    Unsers Nathans Tochter?
    Was fehlt ihr?

    SITTAH

    Komm doch zu dir, Kind! — Der Sultan…

    RECHA

    die sich auf den Knieen zu Saladins Füßen schleppt, den Kopf zur Erde gesenkt
    Ich steh nicht auf! nicht eher auf! — mag eher
    Des Sultans Antlitz nicht erblicken eher
    Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit
    Und Güte nicht in seinen Augen, nicht
    Auf seiner Stirn bewundern …

    SALADIN

    Steh … steh auf!

    RECHA

    Eh er mir nicht verspricht …

    SALADIN

    Komm! ich verspreche…
    Sei was es will!

    RECHA

    Nicht mehr, nicht weniger,
    Als meinen Vater mir zu lassen; und
    Mich ihm! — Noch weiß ich nicht, wer sonst mein Vater
    Zu sein verlangt, — verlangen kann. Will’s auch
    Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut
    Den Vater? nur das Blut?

    SALADIN

    der sie aufhebt
    Ich merke wohl —
    Wer war so grausam denn, dir selbst — dir selbst
    Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist
    Es denn schon völlig ausgemacht? — erwiesen?

    RECHA

    Muss wohl! Denn Daja will von meiner Amm'
    Es haben.

    SALADIN

    Deiner Amme?

    RECHA

    Die es sterbend
    Ihr zu vertrauen sich verbunden fühlte.

    SALADIN

    Gar sterbend! — Nicht auch faselnd schon? — Und wär’s
    Auch wahr! — Ja wohl: das Blut, das Blut allein
    Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum
    Den Vater eines Tieres! gibt zum höchsten
    Das erste Recht, sich diesen Namen zu
    Erwerben! — Lass dir doch nicht bange sein! —
    Und weißt du was? Sobald der Väter zwei
    Sich um dich streiten: — Lass sie beide; nimm
    Den dritten! — Nimm dann mich zu deinem Vater!

    SITTAH

    O tu’s! o tu’s!

    SALADIN

    Ich will ein guter Vater,
    Recht guter Vater sein! — Doch halt! mir fällt
    Noch viel was Bessers bei. — Was brauchst du denn
    Der Väter überhaupt? Wenn sie nun sterben?
    Bei Zeiten sich nach einem umgesehn,
    Der mit uns um die Wette leben will!
    Kennst du noch keinen? …

    SITTAH

    Mach sie nicht erröten!

    SALADIN

    Das hab ich allerdings mir vorgesetzt.
    Erröten macht die Hässlichen so schön:
    Und sollte Schöne nicht noch schöner machen
    Ich habe deinen Vater Nathan, und
    Noch einen — einen noch hierher bestellt.
    Errätst du ihn? — Hierher! Du wirst mir doch
    Erlauben, Sittah?

    SITTAH

    Bruder!

    SALADIN

    Dass du ja
    Vor ihm recht sehr errötest, liebes Mädchen!

    RECHA

    Vor wem? erröten? …

    SALADIN

    Kleine Heuchlerin!
    Nun so erblasse lieber! Wie du willst
    Und kannst! —
    Eine Sklavin tritt herein, und nahet sich Sittah.
    Sie sind doch etwa nicht schon da?

    SITTAH

    Gut! lass sie nur herein. — Sie sind es, Bruder!

    LETZTER AUFTRITT

    Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen.

    SALADIN

    Ah, meine guten, lieben Freunde! — dich,
    Dich, Nathan, muss ich nur vor allen Dingen
    Bedeuten, dass du nun, sobald du willst,
    Dein Geld kannst wieder holen lassen! …

    NATHAN

    Sultan!…

    SALADIN

    Nun steh ich auch zu deinen Diensten …

    NATHAN

    Sultan!…

    SALADIN

    Die Karawan’ ist da. Ich bin so reich
    Nun wieder, als ich lange nicht gewesen. —
    Komm, sag mir, was du brauchst, so recht was Großes
    Zu unternehmen! Denn auch Ihr, auch Ihr,
    Ihr Handelsleute, könnt des baren Geldes
    Zu viel nie haben!

    NATHAN

    Und warum zuerst
    Von dieser Kleinigkeit? — Ich sehe dort
    Ein Aug' in Tränen, das zu trocknen mir
    Weit angelegner ist. Geht auf Recha zu. Du hast geweint?
    Was fehlt dir? — bist doch meine Tochter noch?

    RECHA

    Mein Vater! …

    NATHAN

    Wir verstehen uns. Genug! —
    Sei heiter! Sei gefasst! Wenn sonst dein Herz
    Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst
    Nur kein Verlust nicht droht! — Dein Vater ist
    Dir unverloren!

    RECHA

    Keiner, keiner sonst!

    TEMPELHERR

    Sonst keiner? — Nun! so hab ich mich betrogen.
    Was man nicht zu verlieren fürchtet, hat
    Man zu besitzen nie geglaubt, und nie
    Gewünscht. — Recht wohl! recht wohl! — Das ändert, Nathan,
    Das ändert alles! — Saladin, wir kamen
    Auf dein Geheiß. — Allein, ich hatte dich
    Verleitet: jetzt bemüh dich nur nicht weiter!

    SALADIN

    Wie gach nun wieder, junger Mann! — Soll alles
    Dir denn entgegen kommen? alles dich
    Erraten?

    TEMPELHERR

    Nun, du hörst ja! siehst ja, Sultan!

    SALADIN

    Ei wahrlich! — Schlimm genug, dass deiner Sache
    Du nicht gewisser warst!

    TEMPELHERR

    So bin ich’s nun.

    SALADIN

    Wer so auf irgendeine Wohltat trotzt,
    Nimmt sie zurück. Was du gerettet, ist
    Deswegen nicht dein Eigentum. Sonst wär
    Der Räuber, den sein Geiz in’s Feuer jagt,
    So gut ein Held, wie du!
    Auf Recha zugehend, um sie dem Tempelherrn zuzuführen.
    Komm, liebes Mädchen,
    Komm! Nimm’s mit ihm nicht so genau. Denn wär
    Er anders, wär er minder warm und stolz:
    Er hätt es bleiben lassen, dich zu retten.
    Du musst ihm eins fürs andre rechnen. — Komm!
    Beschäm ihn! tu, was ihm zu tun geziemte!
    Bekenn ihm deine Liebe! trage dich ihm an!
    Und wenn er dich verschmäht; dir's je vergisst,
    Wie ungleich mehr in diesem Schritte du
    Für ihn getan, als er für dich … Was hat
    Er denn für dich getan? Ein wenig sich
    Beräuchern lassen? ist was Rechts! — so hat
    Er meines Bruders, meines Assad, nichts!
    So trägt er seine Larve, nicht sein Herz.
    Komm, Liebe …

    SITTAH

    Geh! geh, Liebe, geh! Es ist
    Für deine Dankbarkeit noch immer wenig;
    Noch immer nichts.

    NATHAN

    Halt Saladin! halt Sittah!

    SALADIN

    Auch du?

    NATHAN

    Hier hat noch einer mitzusprechen…

    SALADIN

    Wer leugnet das? — Unstreitig, Nathan, kommt
    So einem Pflegevater eine Stimme
    Mit zu! Die erste, wenn du willst. — Du hörst,
    Ich weiß der Sache ganze Lage.

    NATHAN

    Nicht so ganz! —
    Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer;
    Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin,
    Doch auch vorher zu hören bitte.

    SALADIN

    Wer?

    NATHAN

    Ihr Bruder!

    SALADIN

    Rechas Bruder?

    NATHAN

    Ja!

    RECHA

    Mein Bruder?
    So hab ich einen Bruder?

    TEMPELHERR

    aus einer wilden, stummen Zerstreuung auffahrend
    Wo? wo ist
    Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt
    Ihn hier ja treffen.

    NATHAN

    Nur Geduld!

    TEMPELHERR

    äußerst bitter
    Er hat
    Ihr einen Vater aufgebunden: — wird
    Er keinen Bruder für sie finden?

    SALADIN

    Das
    Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger
    Verdacht wär über Assads Lippen nicht
    Gekommen. — Gut! fahr nur so fort!

    NATHAN

    Verzeih
    Ihm! Ich verzeih ihm gern. — Wer weiß, was wir
    An seiner Stell', in seinem Alter dächten!
    Freundschaftlich, auf ihn zugehend
    Natürlich, Ritter! — Argwohn folgt auf Misstraun
    Wenn Ihr mich Eures wahren Namens gleich
    Gewürdigt hättet …

    TEMPELHERR

    Wie?

    NATHAN

    Ihr seid kein Stauffen!

    TEMPELHERR

    Wer bin ich denn?

    NATHAN

    Heißt Curd von Stauffen nicht!

    TEMPELHERR

    Wie heiß ich denn?

    NATHAN

    Heißt Leu von Filneck.

    TEMPELHERR

    Wie?

    NATHAN

    Ihr stutzt?

    TEMPELHERR

    Mit Recht! Wer sagt das?

    NATHAN

    Ich, der mehr,
    Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indes
    Euch keiner Lüge.

    TEMPELHERR

    Nicht?

    NATHAN

    Kann doch wohl sein,
    Dass jener Nam' Euch ebenfalls gebührt.

    TEMPELHERR

    Das sollt ich meinen! — (Das hieß Gott ihn sprechen!)

    NATHAN

    Denn Eure Mutter — die war eine Stauffin.
    Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen,
    Dem Eure Eltern Euch in Deutschland ließen,
    Als, von dem rauhen Himmel dort vertrieben,
    Sie wieder hier zu Lande kamen: — der
    Hieß Curd von Stauffen; mag an Kindestatt
    Vielleicht Euch angenommen haben! — Seid
    Ihr lange schon mit ihm nun auch herüber
    Gekommen? Und er lebt doch noch?

    TEMPELHERR

    Was soll
    Ich sagen? — Nathan! — Allerdings! So ist’s!
    Er selbst ist tot. Ich kam erst mit der letzten
    Verstärkung unsers Ordens. — Aber, aber —
    Was hat mit diesem allen Rechas Bruder
    Zu schaffen?

    NATHAN

    Euer Vater…

    TEMPELHERR

    Wie? auch den
    Habt Ihr gekannt? auch den?

    NATHAN

    Er war mein Freund.

    TEMPELHERR

    War Euer Freund? Ist’s möglich, Nathan! …

    NATHAN

    Nannte
    Sich Wolf von Filneck; aber war kein Deutscher …

    TEMPELHERR

    Ihr wisst auch das?

    NATHAN

    War einer Deutschen nur
    Vermählt, war Eurer Mutter nur nach Deutschland
    Auf kurze Zeit gefolgt …

    TEMPELHERR

    Nicht mehr! Ich bitt
    Euch! — Aber Rechas Bruder? Rechas Bruder …

    NATHAN

    Seid Ihr!

    TEMPELHERR

    Ich? ich ihr Bruder?

    RECHA

    Er mein Bruder?

    SITTAH

    Geschwister!

    SALADIN

    Sie Geschwister!

    RECHA

    will auf ihn zu
    Ah! mein Bruder!

    TEMPELHERR

    tritt zurück
    Ihr Bruder!

    RECHA

    hält an, und wendet sich zu Nathan
    Kann nicht sein! nicht sein! Sein Herz
    Weiß nichts davon! — Wir sind Betrüger! Gott!

    SALADIN

    zum Tempelherrn
    Betrüger? wie? Das denkst du? kannst du denken?
    Betrüger selbst! Denn alles ist erlogen
    An dir: Gesicht und Stimm' und Gang! Nichts dein!
    So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh!

    TEMPELHERR

    sich demütig ihm nahend
    Missdeut auch du nicht mein Erstaunen, Sultan!
    Verkenn in einem Augenblick, in dem
    Du schwerlich deinen Assad je gesehen,
    Nicht ihn und mich!
    Auf Nathan zueilend.
    Ihr nehmt und gebt mir, Nathan!
    Mit vollen Händen beides! — Nein! Ihr gebt
    Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr!
    Recha um den Hals fallend
    Ah meine Schwester! meine Schwester!

    NATHAN

    Blanda
    Von Filneck!

    TEMPELHERR

    Blanda? Blanda? — Recha nicht?
    Nicht Eure Recha mehr? — Gott! Ihr verstoßt
    Sie! gebt ihr ihren Christennamen wieder!
    Verstoßt sie meinetwegen! — Nathan! Nathan!
    Warum es sie entgelten lassen? — sie!

    NATHAN

    Und was? — O meine Kinder! meine Kinder! —
    Denn meiner Tochter Bruder wär mein Kind
    Nicht auch, — sobald er will?
    Indem er sich ihren Umarmungen überlässt, tritt Saladin mit unruhigem Erstaunen zu seiner Schwester.

    SALADIN

    Was sagt du, Schwester?

    SITTAH

    Ich bin gerührt …

    SALADIN

    Und ich, — ich schaudre
    Vor einer größern Rührung fast zurück!
    Bereite dich nur drauf, so gut du kannst.

    SITTAH

    Wie?

    SALADIN

    Nathan, auf ein Wort! ein Wort! —
    Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Geschwister, ihm ihre Teilnehmung zu bezeigen; und Nathan und Saladin sprechen leiser.
    Hör! hör doch, Nathan! Sagtest du vorhin
    Nicht —?

    NATHAN

    Was?

    SALADIN

    Aus Deutschland sei ihr Vater nicht
    Gewesen, ein geborner Deutscher nicht.
    Was war er denn? Wo war er sonst denn her?

    NATHAN

    Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen.
    Aus seinem Munde weiß ich nichts davon.

    SALADIN

    Und war auch sonst kein Frank? kein Abendländer?

    NATHAN

    O! dass er der nicht sei, gestand er wohl. —
    Er sprach am liebsten Persisch …

    SALADIN

    Persisch? Persisch?
    Was will ich mehr? — Er ist’s! Er war es!

    NATHAN

    Wer?

    SALADIN

    Mein Bruder! ganz gewiss! Mein Assad! Ganz.
    Gewiss!

    NATHAN

    Nun, wenn du selbst darauf verfällst: —
    Nimm die Versichrung hier in diesem Buche!
    Ihm das Brevier überreichend.

    SALADIN

    es begierig aufschlagend
    Ah! seine Hand! Auch die erkenn ich wieder!

    NATHAN

    Noch wissen sie von nichts! Noch steht’s bei dir
    Allein, was sie davon erfahren sollen!

    SALADIN

    indes er darin geblättert
    Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen?
    Ich meine Neffen — meine Kinder nicht?
    Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen?
    Wieder laut.
    Sie sind’s! sie sind es, Sittah, sind’s! Sie sind’s!
    Sind beide meines … deines Bruders Kinder!
    Er rennt in ihre Umarmungen.

    SITTAH

    ihm folgend
    Was hör ich! — Konnt’s auch anders, anders sein!

    SALADIN

    zum Tempelherrn
    Nun musst du doch wohl, Trotzkopf, musst mich lieben!
    Zu Recha.
    Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot?
    Magst wollen, oder nicht!

    SITTAH

    Ich auch! ich auch!
    Saladin zum Tempelherrn zurück.
    Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn!

    TEMPELHERR

    Ich deines Bluts! — So waren jene Träume,
    Womit man meine Kindheit wiegte, doch —
    Doch mehr als Träume!
    Ihm zu Füßen fallend

    SALADIN

    ihn aufhebend
    Seht den Bösewicht!
    Er wusste was davon, und konnte mich
    Zu seinem Mörder machen wollen! Wart!
    Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.
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