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Spis treści

    Vorbemerkung

    ”ss” geändert zu ”ß”, Beispiel:

    gross -> groß; hinreissen -> hinreißen; fliesst -> fließt; zerfliessen -> zerfließen; draussen -> draußen; Schoss -> Schoß

    Stanisław WyspiańskiDie WarschauerinEin Lied vom Jahre 1831tłum. nieznany

    PERSONEN

    1. General Chłopicki
    2. General Jan Skrzynecki
    3. General Graf Pac
    4. Kasimir Małachowski
    5. Der junge Offizier
    6. Maria
    7. Anna
    8. Deren Mutter
    9. Der alte Veteran
    10. Der Dichter
    11. Generäle, Offiziere, Edelleute.

    Die Szene spielt am 25. Februar 1831, dem dritten Tage der Schlacht bei Grochowo

    Vor der Stadt, ein Landhaus; im Erdgeschoss. Ein geräumiger Salon im Empiregeschmack, licht und weiß; die Wände von hohen Pfeilern unterbrochen; hier und da etwas Goldverzierung. Im Hintergrunde zwei breite Fenster, dicht beieinander knapp durch Pfeiler getrennt, nehmen fast die ganze Wand ein. Links und rechts hohe Türen, darüber nachgedunkelte Bilder: Porträts in der Tracht von 1810. Zwischen den Fenstern auf hohem Postament eine Büste Napoleons als Kaiser Augustus aus weißem Marmor mit einem Lorbeerkranz. Der Estrich ist dunkel, fast schwarz. Alte weiße Empiremöbel; die Lehnen der Sessel sind zu Lauten in Filigranarbeit gedrechselt. Mitten im Salon ein Spinett. Eine Bronzekrone hängt von der Decke herab. Durch die weißen Tüllgardinen an den Fenstern sieht man die Landstraße; in der Ferne Gärten und die Stadt im Schnee; es schneit. Morgen; vor sieben. — Ununterbrochener ferner Kanonendonner, kaum hörbar, dauert während des ganzen Spieles an. Zahlreiche Personen, Generäle, Offiziere, Herren in der Tracht der dreißiger Jahre gehen und stehen in Gruppen und unterhalten sich halblaut; die Mienen der Militärs — älterer, unter Napoleon gedienter, und jüngerer Freiwilliger — haben etwas Herausforderndes. Im Vordergrunde links steht Chłopicki in dunkelm bürgerlichem Anzuge, einen sehr weiten grauen Mantel nachlässig umgeschlagen, die Hände über der Brust gekreuzt, den Blick nach oben gerichtet; die ganze steife, stolze, verächtliche Haltung strömt Willensstärke, Kraft und Unnahbarkeit aus. Er steht allein, nachdenklich, gleichsam ungeduldig über seine Gedanken. Im Saale befinden sich General Jan Skrzynecki, General Ludwig Michael Graf Pac, General Jan Nepomuk Umiński, Peter Wysocki, Barzykowski, Kasimir Malachowski, Rybiński, die beiden Mycielski, Ledóchowski, Wołowski, Błendowski, Borzewski, Zawisza, Plichta. Maria und Anna, erwachsene junge Mädchen, Töchter des Hauses, beide weiß gekleidet; weite Reifröcke, steife bauschige Ärmel, die dicht unter den Achseln ansetzen; sie sitzen mit dem Rücken gegen den Zuschauer am Spinett und spielen; bereiten sich zum Singen vor. — Im Saal laute Unterhaltung, die mit dem einsetzenden Spiele verstummt…
    — als Stille eingetreten ist:

    MARIA

    zu Anna
    — — — — — — — — — — — —
    Er ritt davon —, mir ist so weh und bang
    Ums Herz. — Als er aufs Pferd sich grade schwang,
    Trat ich ans Fenster. — Draußen ward es Tag, —
    Allein sein scharfgewohntes Auge mag
    Das Leuchten meines Kleids getrunken haben;
    Denn seinen Kopf nach mir zurückgewandt
    Legt er die Hand wie grüßend auf sein Herz. —
    Der Ersten einer ritt er von uns fort.
    Der General hat selbst ihn fortgesandt
    Auf seinen Posten. Stolz gestand er mir,
    Wie neidisch alle andern auf ihn sind …

    ANNA

    Warum musst er, da doch die andern hier
    Noch weilen, in der Frühe von uns fort?

    MARIA

    Ich wollte ihn als Helden sehen, Kind.

    ANNA

    So war es dein Befehl? …

    MARIA

    Nenns nicht Befehl,
    Was meine Seele atmen lässt und schwingen; —
    Er soll sich jungen Heldenruhm erringen. —
    Das Schicksal ängstigt mich — und fern verliert
    Sich meines Glückes Lied in stummer Ruh.
    Unruhe deckt mit nebelhaften schwarzen,
    Gespenstischen Flügeln meine Seele zu.
    — — — — — — — — — — —

    DER JUNGE OFFIZIER

    zu Chłopicki
    Ich lieb, Herr General, die Jüngre, Blonde.

    CHŁOPICKI

    wendet plötzlich den Kopf zu den Mädchen, misst sie mit einem Blick, nimmt dann wieder seine frühere Haltung ein
    Die Ältere gefällt mir mehr;
    — Also auch Sie verliebt und wohl
    Sterblich verliebt.
    Warum die andre nicht —?
    Beneidenswerter Stolz,
    Der diese Stirne krönt.

    DER JUNGE OFFIZIER

    Ihr Bräutigam, Herr General, gehört
    Zu unserm Regiment, zu Ihrer Suite.

    CHŁOPICKI

    Ist sicher jung an Jahren, kaum dass er
    Die ersten Epauletts sich angesteckt,
    Verliebt er sich. — Wer ist es?

    ANNA

    die gelauscht hat
    Wir verratens,
    Wenn er die erste schöne Tat vollbracht.

    CHŁOPICKI

    Ich zweifle nicht, er wird schon über Nacht
    Zum Helden werden, da ers werden will. —
    Dass doch die Jungen stets romantisch schwärmen,
    Poeten sind und unbeschränkte Herrscher
    Im Reich der Phantasie; spielt nicht ein jeder
    Von ihnen hier die große Rolle schon
    Des Oberkommandierenden? Weiß Gott!
    Ich blicke auf die Stirnen und ich lese
    Auf allen Byrons stolzen Herrenwillen.
    Schon der Soldat verbirgt im Portefeuille
    Der eignen Heldentaten Ruhmgesang.
    In Frankreich würden sie sich Marschallstäbe
    Vielleicht verdienen können, — doch in Polen
    Bringen sie es zu nichts — das alte Lied. —
    Wir brauchen einen Cäsar, damit sie
    Gehorchen lernen und gehorchend herrschen.

    PAC

    Ja, wenn ein Mann wie Cromwell, Bonaparte
    Plötzlich des Weltgeschehens Seele würde —

    CHŁOPICKI

    Wir, die wir Bonapartes Geist verspürt,
    Wir haben seine Adler in den Lüften
    Gepackt und sie in unser Land geführt. —
    Jeder von uns dünkt sich ein Cincinnatus,
    Glaubt sich der Urquell aller Tugenden
    Und wähnt, hat er die Würde, die ihn ziert,
    Sich selber beigelegt, er imponiert
    Der Welt, die vor Erstaunen in den Fugen kracht.

    PAC

    Und wird dabei von ihr nur ausgelacht.

    CHŁOPICKI

    Die Adler sinken schmerzbetäubt zur Erde;
    Die flugbereiten Fittiche zertrat
    Das überlegne Neidervolk der Krähen;
    Der Adler Herzen zucken und verbluten
    An ihrer Brüder schmählichem Verrat.
    Schon einmal, als mir die Liktorenruten
    Nicht freie Bahn zu schaffen wussten, legte
    Ich das Kommando nieder. Denn ich sah
    Zur Ohnmacht mich verdammt, da ich tagein,
    Tagaus von Königen umgeben war.

    SKRZYNECKI

    Ein stolzes Urteil, dass nur du berufen
    Vollbringer dieses großen Werks zu sein.

    CHŁOPICKI

    Lass immer Diktatoren aufeinander folgen; —
    Sieh dich doch um, wie alle die Statisten
    Sich blähn; hat einer auch nur einen Schatten
    Eines Gedankens eingeheckt, den Zipfel
    Eines Gedankens irgendwo erwischt,
    Der nicht aus meiner Welt geboren, gleich
    Schreibt er ein Buch und kritzelt Memoiren;
    Es wird ein Werk politischen Gehalts
    Mit Felddienstordnung, Taktik und Strategik,
    Ein Meisterwerk der Kriegskunst aller Zeit;
    In Friedenszeiten lässt sich allenfalls
    Nachdenken über die Gelehrsamkeit. —
    Ich sehe schon, wie eine nahe Zukunft
    Ihr Haupt verhüllt und heiße Tränen weint,
    Wenn sie das Buch zur Hand nimmt, das die Fehler,
    Die wir begangen, schonungslos vereint.
    Wenn ein Erwachen läuten graue Sorgen — ,
    Der Ruhm ein Wahn ist, nach dem Kriege, — morgen.

    SKRZYNECKI

    Jetzt zielt der General mit der Satire
    Und trifft ins Herz der vaterländschen Sache
    Noch besser als mit des Diktators Faust.

    CHŁOPICKI

    Von der Satire selbst zu gut getroffen
    Hab ich den Saft der rohen Gifte mir
    Ins Herzblut eingeimpft, — das kocht und wallt.

    SKRZYNECKI

    Lass gut sein! Wenn die Faust nur wie bisher
    Dem Vaterlande dient.

    MARIA und ANNA

    spielen und singen
    „Tag des Kampfes, Tag der Ehre
    Führ die Freiheit uns zurück.
    Weißer Adler steigt gen Himmel,
    Langt von Polens Stern das Glück.
    Hoffnungstrunken dich zu retten
    Ruft er dich aus deiner Not:
    Auf, mein Polen…………”
    Allgemeine Bewegung; Rufe, leises Mitsingen; der Gesang der Mädchen taucht in der allgemeinen Unruhe unter; nach einer Weile hört man wieder

    MARIA und ANNA

    singen
    „Auf, mein Polen, brich die Ketten,
    Auf zum Siege oder Tod!”
    — — — — — — —

    CHŁOPICKI

    während der allgemeinen Unterhaltung
    Ja, ja — das ist es, in den Tod! Da Mars
    Kraftglühend übers Schlachtfeld rasen sollte.
    Hier liegt im malerischen Bild des Todes
    Verborgen des Zerfalls Miasma. Wollte
    Gott! Ein Poem romantischer Gemüter:
    Schlingt um die Stirnen schwarze Trauerflore
    Und lasst die schwarzen Federbüsche wallen —
    Schmückt euch nur zu, ihr Helden aus Romanen …
    „Mein Schicksal ruft, — ich bin bereit — und sterbe,
    Doch meine Seele lebt und ich erwerbe
    Mir die Unsterblichkeit in alle Zeit.”
    Der Kaiser applaudierte Talma und auch ich —
    Ich applaudierte.
    Jetzt bin ich vom Parkett emporgestiegen
    Zur Bühne
    Und stehe mitten im Tragödienspiel,
    Umringt von Männern, die dem Grabe sich
    Vermählen …
    Maria!! Wir stürmten durch den Kugelregen
    Den Berg hinan, und auf den steilen Wegen,
    Die felsengleich die Sonne ausgesengt,
    Sprüht Sand uns in die Augen und vermengt
    Mit Staub zu einer dichten Mauer sich.
    Wir brachen durch — und eh der Tag verblich,
    Erklommen wir der Felsenkuppe Grat —
    Und rechts und links der Abgrund gähnend klafft.
    — Des Todes dachte da nicht ein Soldat.
    Des Krieges Ungestüm, sein Dämon war
    Speerschüttelnd mit uns und verlieh uns Kraft;
    Uns brauste nach ein Sturmwind wunderbar
    Gewaltgen Rauschens, und an unserm Ohr
    Brach sich der einzge Ruf: Viktoria!!
    Die Sonne hatte mit sieghaften Strahlen
    Uns zu des Ruhmes Höhn emporgerissen.
    Ja, unsern kriegerischen Idealen
    Hat ganz Europa Beifall zollen müssen.
    Auf tausend Meilen wohl sah man die Mienen
    Von Angst verzerrt und rings im ganzen Land
    Herrschte der Schrecken, öffnete die Tore
    Von tausend Städten, jeder Widerstand
    Sank vor dem Schwerte Bolesławs des Kühnen.
    Ich wollte schwören, dass der Geist der Polen,
    Der große Geist uns allen sichtbar ward.
    Von allen Höhen donnerten Kanonen
    Und spieen gleich Vulkanen Dampf und Glut.
    Wir waren Sieger, unsere Parole
    Hieß: Sieg! Das war. Und heute … wollt ihr sterben.
    Erlosch denn Ares’ Stern? —
    Ihr Jungen, nur zu gern
    Schmückt ihr mit Epauletten, Federbüschen
    Euch auf und tastet nach dem trügerischen
    Lorbeer des Grabes mit verblasster Hand.
    Die Senatorenstirnen Rom verwandt,
    Die Herzen keusch, die Seelen gottgebannt
    Zwängt ihr in Uniformen und von Degen
    Zerfetzt bringt ihr der Zukunft sie entgegen. —
    — Warum so trüb, so kraftlos, todesbleich?
    Welch Leidens Schatten senkte sich auf euch? —
    Euere Lieder, euere Gespräche
    Künden das Grab und künden eure Schwäche.
    Um die Standarten schlingt ihr Trauerflore,
    Bezahlt im voraus Charons stumme Fracht.
    Habt ihrs so eilig, in dem Reich der Toten
    Die schattendunkeln Pfade zu durchwandeln;
    Lockt euch der Leichenfeier düstre Pracht?
    Habt ihr genügt des Erdenrufs Geboten?

    SKRZYNECKl

    Ein groß Geheimnis grau und düster hängt
    Wie eine Wolke überm Erlenwald.
    Der Oberfeldherr, grad als hätte er
    Schon mit der Unterwelt den Pakt geschlossen,
    Verkündet seinen Leuten sichern Tod.

    CHŁOPICKI

    Das ist ein Krieger, wahrlich, kühner Ritter,
    Ein Falke, Adler eines Zeus, der bitter
    Weint, wenn er leidet, und der die Gedanken
    Des Schlafes Wahngebilde lässt umranken, —
    Der an den Tod glaubt.

    SKRZYNECKl

    Einen schlechten Einfluss
    Übt er auf seine Leute aus. Es weckt
    Zymirski wahrhaft eine Todessehnsucht.

    CHŁOPICKI

    Wie auch dieser Knabe —, so jung und so schmuck;
    In seinen Augen strahlte des Himmels
    Blau, als am Wilnaer Schloss in den Fluten
    Des Flusses die Jungens sich spiegelten, —
    Und trunken rauschten die Wellen fort. —
    Wie bat er, bettelte mit kindlich trotzig
    Und männlich großen flehenden Gebärden, —
    Nur um Zymirskis Grabgenoss zu werden.
    Er hats gewollt, ich habs erlaubt, sein starker
    Eiserner Wille kämpfte meinen nieder.
    Er ging … und doch könnt ich mit einem Wort
    Ihn halten. Doch ich sah in seine Augen,
    Auf seine Mienen, seine stolze Haltung,
    Auf meinen Lippen starb das eine Wort — ,
    Er ging zur Tat und ging weithin — viel weiter,
    Weit über jener Schanzen Grenzen fort,
    Fernhin zum Schlaf, zur Ewigkeit, als Streiter
    Fürs Polentum, als polnischer Soldat …
    Ich seh ein frisches Grab die Erde furchen —
    Wie? Tränen? … Tränen reihen sich
    Zu Perlenschnüren auf der Uniform?
    Gilt es der Schwermut, gilt es dem Entzücken?
    Oder sind Schmerz und Jubel hier vereint?
    Ah! Wenn der Kaiser säh: Ein Krieger weint!
    — — — — — — — — — — —
    Er kehrt nicht wieder — niemals wieder — Amen
    Stand auf der Stirne deutlich ihm geschrieben
    Und tief in seinem Herzen, da er ging. —
    Noch heute früh erhalten wir Gewissheit.
    Ich kenne wohl die Chancen meiner Spieler.
    Ich weiß, er wird mir seine letzte Bitte
    Gehorsam unterbreiten im Rapport, —
    Ein Band, ein andres Angedenken, das
    Ich seiner Braut zurückerstatten muss.

    SKRZYNECKI

    Der Meldereiter ist noch nicht zurück.

    CHŁOPICKI

    Ich warte — weiche keinen Schritt von hier;
    Die Stellung ist für unsre heutge Schlacht
    Von großem Wert; sie wird den Kampf entscheiden.

    SKRZYNECKl

    Sie kämpfen dort zu lässig.

    CHŁOPICKI

    Sollten dort
    Den letzten Tropfen Blut in sich verdoppeln.
    Schon längst verdientest du den Feldherrnstab.
    Die Tölpel, deine Gaben nicht zu nutzen.

    SKRZYNECKl

    Auguren sind sie, haben Visionen
    Und werden Sklaven schlimmer Ahnungen.
    Mit ihrer Herrlichkeit ists bald zu Ende;
    Ich mach das Kreuzeszeichen über ihnen.

    CHŁOPICKI

    Hol sie der Satan! Da sie doch nur schaden,
    Sind sie am Ruder viel zu lange schon.
    Zeit wärs, es holte sie der Sensenmann.

    SKRZYNECKI

    Einmal verliehenes Kommando kann
    Man niemandem entziehen, kann auch nicht
    Die Division in andre Hände legen.

    CHŁOPICKI

    Der erste Grundsatz aller Disziplin!

    SKRZYNECKl

    Zymirski ist seit Tagen wunderbar
    Verändert. Jeden macht er zum Beichtvater
    Der eignen Ahnungen; bannt den Soldaten
    Gespenster vor die Seele, redet von
    Gespensterkämpfen überm Schlachtfeld,
    Da wo der allgewaltge Tod …

    CHŁOPICKI

    Cagliostro,
    Weissagst du? — Krieger! Und der Sturmwind sollte
    Dich zum Altar des Vaterlandes führen.
    Das Traumbild solcher Schlacht, solch großen Ringens
    Traumbild die Seele schmeichelnd mir umgaukelt … —
    Von fernher höre ich: der große Kampf —
    Der große Zaubrer meine Sinne schaukelt —
    So viele Jahre …

    DER JUNGE OFFIZIER

    in der Unterhaltung mit Anna
    … Es verblieb ein Teil
    In den Quartieren in der Stadt, wir bilden
    Hier die Reserve.

    ANNA

    in der Unterhaltung mit dem jungen Offizier
    So sind Sie in steter
    Verbindung mit dem Erlenwäldchen wohl.

    DER JUNGE OFFIZIER

    Ununterbrochen eilen Meldereiter
    Hier ein und aus; hat einer eine Meldung,
    So bringt er sie hier vor den General.
    Vielleicht dass grade Josef …

    CHŁOPICKI

    der gelauscht hat
    Meines Helden
    Name.

    DER JUNGE OFFIZIER

    Die Damen wüssten gern den Namen …

    ANNA

    Dass er so ungestüm dem blühnden Lorbeer
    Nacheilen musste.

    CHŁOPICKI

    Jungen Hirnen winkt
    Im Traum der Ruhm nur zu verführerisch; —
    Sie raubten wohl Heroen ihre Herzen
    Und pflanzten sie sich in die eigne Brust
    Ein, wenn sie könnten. Nein, ich nenn den Namen
    Nicht, um etwaige Verwandte, die
    Hier im Salon vielleicht anwesend sind,
    Nicht grundlos zu betrüben.
    Zu Maria
    Wie ich höre
    Und wie ich merke, sind Sie verlobt?
    Maria steht auf, verbeugt sich und nickt ernst
    Sie sehen in dem Glücklichen gewiss
    So eine Art homerischen Helden —, wie?

    ANNA

    Herr General, den Helden kennen Sie,
    Er ist Ihnen sehr nah, wenn auch zurzeit —
    Abwesend.

    CHŁOPICKI

    Einer meiner Adjutanten?
    In meiner Nähe? — Alle sind um mich.
    Unmöglich — doch sein Name?

    ANNA

    scherzend
    Wen plagt jetzt
    Die Neugier? — Nun, ich dacht, es wurde schon
    Einmal nach ihm gefragt.

    MARIA

    — Oh, diese Qual …
    So leugnen Sie es denn, Herr General,
    Was sich geheimnisvoll und halb bewusst,
    Ein Trauerfalter in das Herz uns stiehlt,
    So dass das Lächeln auf den Lippen stirbt.

    CHŁOPICKI

    Mein wertes Fräulein, Herzen, welche lieben,
    Sind gar besondre Frager.

    MARIA

    Schlimm, dass mein Herz ein dumpfes Grauen fasst
    Und harte Worte meine Lippen trüben;
    Die goldnen Sehnsuchtsträume meiner Seele
    Zerstieben.

    CHŁOPICKI

    Schaun Sie mir eine Weile in die Augen.
    Wie schade, dass ein Tränenflor umzieht
    Dies Sternenpaar von strahlenden Saphiren;
    Der Haare Flut ein goldnes Diadem,
    Der stolze Zug zur Leidenschaft erblüht
    Und die Gestalt, die Geste, die Allüren,
    Der Stimme Timbre gleich dumpfem Silberklang
    Erwecken die Erinnrung an ein lang
    Geschautes Bild von wundersamem Reiz.
    Es war in Fontainebleau in meiner Jugend,
    Da ich im Parke mit dem Kniazewicz
    Zum ersten Male Josephinen sah. —
    Erröten? — Oh! Nicht um im Morgenrot
    Der Scham Sie schöner noch zu sehen, pries
    Ich Ihre Anmut, nicht darum ergoss
    Ich Purpur übers bleiche Antlitz meiner
    Schwermütig düsteren Corinna.
    Das kaiserliche Antlitz, kummerbleich,
    Verbarg die schwarzen Sorgen vor dem Volke
    Ängstlich verschwiegen hinter einer Wolke,
    Die undurchdringlich ihre Stirn umgab.
    Sie zog Unheil auf andere herab —
    Wem künden Sie Verderben? —

    MARIA

    Mein Herz nur kennt die Sorge und das Leid;
    Darinnen sollen sie verschlossen sterben;
    Icb wünscht, sie würden niemals Wirklichkeit.
    Wendet sich wieder zur Schwester und sinkt langsam auf einen Stuhl, andere Personen umringen sie.

    CHŁOPICKI

    blickt sie einen Augenblick an, ruft dann
    Der Offizier vom Dienste!

    DER JUNGE OFFIZIER

    salutiert
    Zu Befehl.

    CHŁOPICKI

    etwas unsicher
    Die Ordonnanz zurück? — So sehn Sie nach —

    DER JUNGE OFFIZIER

    Es kommt ein Soldat.

    CHŁOPICKI

    Ein einzelner Soldat?

    DER JUNGE OFFIZIER

    Ja, ein Soldat nur. Soll ich ihm entgegen
    Eilen und seine Meldung an mich nehmen?

    CHŁOPICKI

    Nein, — bleiben Sie. — Gar sterblich ist mein Geist,
    Da er das Unheil nicht zu bannen wusste.

    MARIA

    wieder zu sich gekommen, verfolgt Chłopicki mit den Augen; zu Anna
    Mir scheint, sein Geist hat der geheimen Kraft,
    Die mir das Herz erbeben lässt, gelauscht.

    ANNA

    Ich kenne ihn nicht anders, rätselhaft
    War er mir immer; er verstummt zu Zeiten
    Wie eine Sphinx, ein unterbrochner Donner,
    Dann ist er plötzlich wieder wie vertauscht
    Und schnelle Gluten seine Wangen brennen.
    Es ist, als kämpfte er mit den Gedanken;
    Die Kämpfe mag nur sein Gewissen kennen.

    MARIA

    Nein, Schwester — was mich zittern lässt, es ist
    Bereits geschehn, ich seh es vor mir, nur
    Wahnsinnge Angst und das Entsetzen ziehen
    Einen Gedanken groß, davon die Spur
    Auf seiner Stirn in diesem Augenblick
    Zu lesen ist; es nahen die Harpyien.
    Entsetzlich Mitleidsloser! Dieser gleiche
    Gedanke quält seit frühem Morgen mich
    Und bohrt und wühlt geheim und schauerlich.

    ANNA

    Was willst du, Kind —?

    MARIA

    erhebt sich
    Herr General…

    ANNA

    Maria!

    MARIA

    blickt prüfend, zittert
    …Sie wollten seinen Namen wissen, —
    Meines Verlobten Namen. — Er
    Heißt Josef Rudzki.

    CHŁOPICKI

    als er gehört, schnell, kurz
    Gott!

    ANNA

    Maria!… Liebe…

    MARIA

    erhebt sich
    Schwester! Er nannte Gottes Namen
    In einem Zug mit seinem Namen!
    Andere Personen umringen die Schwestern und verbergen sie einen Augenblick vor den übrigen.

    CHŁOPICKI

    Wo bleibt der Soldat —? Die Ordonnanz?

    DER JUNGE OFFIZIER

    Zymirskis Ordonnanz?

    CHLOPICKI

    Rapport!

    DER JUNGE OFFIZIER

    Das heißt?…

    CHŁOPICKI

    leise, angstvoll
    Die Stellung ist verloren; unsere Feste
    Dahin. Verflucht die tölpelhafte Führung.
    Wie spät?

    DER JUNGE OFFIZIER

    Gleich sieben.

    CHŁOPICKI

    Ich hab es gewusst,
    Dass bis zu dieser Stund mit Stumpf und Stiel
    Die ganze Division vernichtet wird. —
    Noch eine halbe Stunde — nicht so viel —
    Und wir erhalten die Gewissheit. Ich
    Befahls.

    DER JUNGE OFFIZIER

    Soeben kommt er auf den Hof …

    CHŁOPICKI

    ohne sich umzuwenden, wie einem inneren Gesicht folgend
    Als hätte ich mit eignen Augen alles …
    Nur ein Soldat —?

    DER JUNGE OFFIZIER

    Ja …

    CHŁOPICKI

    Nicht von meinen Leuten.

    DER JUNGE OFFIZIER

    Er kommt.

    CHŁOPICKI

    Man hätte ihm auflauern sollen, —
    So geben Sie ihm einen Wink, er schweige!

    DER JUNGE OFFIZIER

    Zu spät, ’s ist einer von den alten, der
    Gewiss so klug sein wird, nichts zu verraten;
    Gibt man ihm einen Wink, so fällt es auf.

    CHŁOPICKI

    Die Damen sehn auf uns. —
    Als er sich beobachtet fühlt, zu allen gewandt
    Militaria!
    Ich bitte, meine Damen, singen Sie.
    Vielleicht ein neues Lied, ich bitte Sie.

    DIE DAME DES HAUSES

    Ein neues Lied, das bei des Aufstands Kunde
    Uns ward beschert. Herrn Delavignes Munde,
    Des glänzenden französischen Poets,
    Entquollen einge Strophen und mit stets
    Bewundernswerter Leidenschaft und Kunst.

    CHLOPICKI

    Frankreich gab die Gedanken.

    DIE DAME DES HAUSES

    den Dichter vorstellend
    Unser Dichter,
    Der sie in polnischen Rhythmen abgefasst,
    Zwar nicht so klangvoll, aber unserm Fühlen
    Und unserm Lieben besser angepasst.

    DER POET

    Unsern Elan fasst ich in polnische Worte,
    Eh die Begeistrung des moments verrann;
    Welsche Gedanken zwar, — doch der Franzose
    Erstaunt, dass Schmerz ein Lied erzeugen kann.

    MARIA

    hat sich plötzlich schnell erhoben, wendet den Blick nicht von Chłopicki
    Wie bleich er ist.

    CHŁOPICKI

    fiihlt ihren Blick auf sich ruhen, steht unbeweglich, etwas abgewandt
    Musst es denn sein, dass ich sie heute traf,
    Ihr Herz mit schicksalschwerem Gram erfüllte,
    Zwar unbewusst, doch drum nicht minder bitter.
    Musste es sein, dass ich verwegen spielte
    Mit des Geliebten Leben und sie jetzt
    In ihrem Schmerze kennen lernen muss?
    Sie, deren Lippen Ruhmeslieder singen
    Von unsrer Größe und die doch zuletzt
    Von heisren Flüchen werden widerklingen? —
    O Tod! Du unsrer Jugend Blüte grauser Schnitter.

    ANNA

    spielt indessen den Kehrreim des Liedes.

    DER POET

    nähert sich dem Spinett, lehnt sich mit Pose an, indem er den Takt angibt; allgemeine Unterhaltung
    Lied
    „Polen, auf zu neuem Leben!
    Auf zur Freiheit, Polens Sohn!
    Dieses Feldrufs hohes Streben
    Straf der Feinde frechen Hohn!”
    Während des Gesanges erscheint ein Soldat, ein alter Veteran, Gemeiner von Zymirskis Division; er ist beschmutzt, durchnässt und mit Schnee bedeckt; — die Anwesenden treten zurück; … er bleibt zwei Schritt vor dem General stehen, salutiert … Chłopicki streckt, ohne ihn anzusehen, die Hand aus; der Soldat reicht ihm ein Schriftstück; Chłopicki liest es schweigend und übergibt es dann dem jungen Offizier, der es hinter der Uniform birgt.
    Am Spinett wird jetzt die Melodie des Liedes gespielt. Chłopicki fühlt, dass sich der Soldat nicht rührt, wendet den Kopf; … der Soldat übergibt ihm ein kleines Päckchen, ein Stückchen Band, — Chłopicki nimmt es schnell und verbirgt es in der Hand. — Der Soldat salutiert schweigend; ab.

    MARIA

    hat alle Bewegungen des Generals verfolgt
    Er erbleicht, — runzelt die Stirn, — das kleine Päckchen…,
    Der Soldat überbringt den Rapport … alles stimmt. — Der Bericht. —
    Ja. — Ah! Welch furchtbarer Schmerz verzerrt sein Gesicht —
    Es ist das Regiment, dem er diente — die Uniform, die er trug …
    Trug … ? Gott! Was denk ich? — Da sind Flecken … Blut —
    Das Päckchen gerötet, — das Band war weiß.
    Gott, — ist weiß! — Was hab ich Unglückselige gedacht —?

    CHŁOPICKI

    verbirgt das Päckchen an der Brust, zum Offizier
    Sie wissen alles. — Nicht ein Wort. — Habt acht
    Auf unsre Damen.

    ANNA

    zu Maria
    Du singst nicht mehr, Maria, du bist bleich.

    MARIA

    halblaut
    Die Saite sprang, des Liedes Worte fliehen;
    Und goldne Kränze welken Blumen gleich.

    SKRZYNECKl

    mitten im Saal
    Mir ists, als ob grad über unsern Häuptern
    Im satten Klang des Liedes Riesenleiber
    Wie Schlachtengötter rauschend uns umbrüllten:
    „Auf in die Schlacht!” — Gesteh, mein General,
    Mit Mühe nur kann man noch an sich halten
    Und das bewegte Herz beruhigen.
    Die Stimme, die uns ruft, weist dort hinaus,
    Dort auf das blutgetränkte Feld! —

    CHŁOPICKI

    halblaut
    Im Seherwahn besingt sie unser Unglück.

    MARIA

    — So wünschen Sie mein Lied, Herr General?

    CHŁOPICKI

    schweigt einen Augenblick, mit veränderter Stimme
    — Ich bitte drum. In Ihrem Liede klingen
    Gar wundersame Töne und dies Lied
    Lässt längst verstummte Harmonieen schwingen. —
    Die Wahrheit tritt vor meine Seele und sieht
    Gespensterhaft mich an. — Ein Augenblick —
    Und sie durchschaut mich ganz und sie erkennt
    Ganz die Verzweiflung, die mein Herz verbrennt.

    MARIA

    steht, die Augen fest auf Chłopicki gerichtet
    Schwester, lass klingen den Akkord, —
    Er rolle fort!

    CHŁOPICKI

    Ein Sturmwind rauschen die Akkorde weit —
    Durch Raum und Zeit.

    MARIA

    flüsternd
    Er ist gepackt. Im Rhythmus der Musik
    Beschleicht die Furcht ihn, — fliege Ton und sieg!

    CHŁOPICKI

    von ihrem Blick gebannt
    Sie blickt mich unverwandt und prüfend an;
    Kennt sie die Stürme, die mein Herz durchtoben?

    MARIA

    zittert am ganzen Körper; ein Nebel senkt sich vor ihre Augen
    Ich sehe mehr, denn meines Glückes Tod,
    Der eines Zufalls launenhaftes Spiel;
    Ich seh mein eigenes Geschick mit viel
    Gewaltigerem Schicksal eng verwoben.
    Musik, Lied, rausche, trüb die Harmonie
    Des Heldenlieds, — ich will mein Schicksal loben.
    Lied
    „Teures Polen, deine Kinder
    Sind an ihrer Sehnsucht Ziel,
    Erben jener Überwinder
    Einst am Kreml, Tiber, Nil.
    Zwanzig Jahre mussten siegen
    ln der Ferne sie verstreut:
    Mutter, die heut unterliegen,
    Ruhn von deinem Schoss betreut. ”

    MARIA

    langsam, wie im Halbschlaf
    „Mutter, die heut unterliegen,
    Ruhn von deinem Schoss betreut. ”
    Man hört das Hornsignal des abziehenden Heeres, alle eilen an die Fenster; einige gehen hinaus; — nur Chłopicki und Maria bleiben unbeweglich stehen.

    MARIA

    mit veränderter, fast männlicher Stimme
    Herr General…

    CHŁOPICKI

    Mein Fräulein?

    MARIA

    Der im Herzen
    Mir lieb und wert, er kommt mir doch zurück?!

    CHŁOPICKI

    Der Ihnen lieb und wert, mein Fräulein, ist
    Soldat. — Wir haben Krieg und heute Schlacht.

    MARIA

    Auch nach dem Kriege braucht das Land Soldaten:
    Die Scholle zu beackern, … sorgenschwere
    Künftige Zeiten heischen seine Rückkehr.

    CHŁOPICKI

    Gott geb es, Fräulein, ich bin selbst besorgt
    Um ihn, — noch hoff ich; — und bin doch in Sorge. —

    MARIA

    Weil Sie sich schuldig fühlen, General.
    Sie schweigen, Sie verheimlichen, Sie wagen
    Es mir nicht zu gestehn. Er kehrt nicht wieder. —
    Mein Gott, — Sie können es mir nicht versprechen,
    Dass er zurückkommt; — und das eitle Wort:
    „Vielleicht” — des Schicksals Unbeständigkeit —
    Kann Sie nicht retten. Sprechen Sie! Sie fühlen,
    Wie Sie vergeblich sich zur Lüge zwingen,
    Da Sie ein Herz belügen müssten; das
    Gleich einer wunden Taube scheu und zitternd
    Sich Ihnen naht. Ich weiß, — als ob ich wüsste —
    Ein furchtbar Ahnen dämmert in mir auf,
    Das Ihres Herzens angstverstärkten Schlägen
    Gewissheit abgelauscht hat. — Und was hilfts,
    Zu überwinden sich, sich einzureden,
    Die Furcht sei grundlos; — Ah! Sie wussten alles
    Im voraus!! Es ist schändlich, mitleidslos
    Dem sichern Tode ihn zu überliefern.
    Ich seh das ganze Land in Blut ertrinken,
    Durch diesen Krieg in Schmerz und Leid versinken.
    Gebt acht, Herr General, euch allen winken
    Die offnen Gräber dort. All euer Ruhm,
    All eure Schönheit, euer Heldentum
    Vergehen und verderben…
    …Schrecklich Flüche bringt mein Mund hervor, —
    Weit gähnt des Hades finstres Tor…
    Bereitet euch zum Sterben.

    CHŁOPICKI

    Um Gottes willen, Fräulein, Ihres Wahnes
    Entsetzlich dunkle Macht greift mir ans Herz
    Und schnürt es seltsam ein.

    MARIA

    Ich spiel zum Sieg, und meine Worte lügen!
    Sie kommen um, im Kugelregen liegen
    Sie reihenweis; ich seh die Haufen stürzen:
    Jetzt breit ich meine Hände über sie.
    Geheimnisvolle starke Mächte biegen
    Und brechen trockne Äste über ihren Reihn.
    Die Winde brausen, Kugeln fliegen,
    Die Kanonade dröhnt und heult
    Und scharenweise die Soldaten liegen
    Vom Donnerkeil des Schicksals hingemäht. —
    Sie haben nun den wahren Schmerz empfunden:
    Herr General! Eh noch die heutge Sonne
    Den Waldabhang bescheint mit junger Glut —
    Fließt durch Schneefurchen rotes Blut …

    CHŁOPICKI

    betroffen
    Das ist unsere Stellung, — Mädchen?
    Drohend, lauter, wie um Maria zur Besinnung zurückzurufen
    Mädchen!

    MARIA

    groß, stark und drohend, weist auf ihn
    Du fürchtest wie ich; — und du warst unser Gott!
    Erkenne die Hand des Verbrechers.
    Erkenne die Stimme des Rächers.
    Die Klage zerreißt und zerwühlt mir das Herz
    Im dumpfen Erkennen der Not.
    Ertrag ich des Jammers Unendlichkeit,
    Die Allmacht der Klage, das bittere Leid,
    Ertrag ich den reißenden Schmerz?
    Mit dumpfem, gewaltigem Harfenklang
    Stöhnt es und ächzt es verzweifelt und bang.
    Donner, wie an des Felsens Granit
    An meiner Brust zerschelle, zerbrich.
    Was da geschehen wird, verkünde ich
    Euch, was noch heute geschieht.
    Frei war ich, trotzte den stolzesten Mächten,
    Jetzt schmacht ich in dunkelster von allen Nächten.
    Ich durfte befehlen, — jetzt bin ich die niedrigste
    Von allen niederen Mägden.
    Die kaum ganz vernarbten noch brennenden Wunden
    Quellen von neuem in mir.
    Kraftlos, zertreten, in Ohnmacht gebunden
    Steh ich vor dir.

    CHŁOPICKI

    Du unglückselige Seherin!
    Das Heer zieht in den Kampf, — der nahen Schlacht
    Kanonendonner zittert durch die Luft.

    MARIA

    Mit mir ist Geistermacht!!
    Berge von Leichen — Titanengruft!!!
    Das Schlachtfeld kennst du fein!!

    CHŁOPICKI

    Der heutge Kampf entscheidet unser Sein; —
    Mir ist, als müsst ich heut in dunkle Nacht
    Mich tasten. Auf des Ruhmes goldnen Wegen
    Tritt deiner Seele Schatten mir entgegen.
    Alle rüsten sich zum Aufbruch; die Generäle warten und sehen auf Chłopicki; draußen ertönt das Abmarschsignal

    PAC

    Wir warten, General, was zögerst du?

    CHŁOPICKI

    So wartet nur. Hab ich die Führung hier?
    Wer führt euch an? Der Fürst! — So geht zu ihm.

    PAC

    Du hast durch Zögern schon genug gefehlt.
    Du bist der einzge, der uns führen kann;
    Willst du die Niederlage und dass man
    Dir Schuld gibt? Sag doch, was hat dich gequält,
    Dass du die Führung, einmal übernommen,
    Nicht weiter beibehalten?

    CHŁOPICKI

    Ach, der Teufel
    Hat sie gegeben und hat sie genommen.

    PAC

    Wehe dem Volk, das Wankelmut regiert.

    CHŁOPICKI

    schnell
    Kennt ihr ihn, der da führt
    Blitzesgleich — donnergleich?
    Kriegsheroen leiten ihn,
    Sturmwinde begleiten ihn.
    Es ist Mars, ist der Geist,
    Der da schwebt, der da kreist.
    Nur ein Wink und ein Volk
    Steht in Waffen starrend, —
    Kampfgetöse ringsumher,
    Rosse schnauben scharrend.
    Über Feldern schwebt der Tod —
    Über Feldern blutigrot.
    Langsamer
    Ich bin ein einfacher Soldat und will
    Kein Störenfried bei der Beratung sein;
    Will Wunder tun; befiehlt nur, euer Ziel
    Soll meines sein; ich will euch Diener sein.
    Bedenket, wie gewaltig groß Er war,
    Wie mit Gigantenkraft er Wunder konnte schaffen,
    Indess in meiner Brust heut Wunderdinge schlafen.
    Wendet sich zur Büste Napoleons
    O Kaiser!?
    Wir taten Wunder angesichts Europas
    Für dich, für deinen Glanz und deinen Ruhm,
    Um deine Siege rang das Heldentum
    Unserer Söhne. Heut, da unser Los,
    Da unsre Zukunft auf dem Spiele steht,
    Lähmt Ohnmacht unsern Mut, die Kraft vergeht;
    Die Welt verhüllt ihr Antlitz im Gebet.
    Mein Kaiser, — war dein großer Ruf nur Lüge —?
    Wir führten ungezählte Legionen
    Zum Kampf ums Glück für dich ins Feld zum Siege;
    Du konntst mit manchem Lorbeer uns belohnen,
    Das gierge Ohr trank manches schöne Lob.
    Heut sind vom Weltenruhm, der uns umwob,
    Sind von dem geisterstarken Adlerbunde
    Die Scherben und die Fetzen nur geblieben.
    O Heimat, Vaterland, der letzten Stunde
    Eilt schwankend deines Schicksals Zeiger zu. —
    Mein Kaiser, — das Verhängnis trifft uns schwer.
    Den vom Geschick Verfluchten werden nimmer
    Sich willge Arme leihen. Du, mein Kaiser,
    Wie oft hast du mich bei der Hand genommen,
    — Die Schläge meines Herzens wurden leiser —
    Du wiesest mit der Rechten in die Ferne
    Auf Grodno, Wilna — und es fielen Sterne. —
    Ah, ich verstand, dass du ein größer Polen
    Erstehen lassen wolltest, um den blassen
    Bajazzi von Europa unverhohlen
    Die Größe deiner Macht fühlen zu lassen.
    Und heut empfangen wir von Frankreichs Throne
    Worte, in Harmonie getaucht, zum Lohne.
    — Geht nur allein. Mich packt ein dumpfes Ahnen
    Und führt den Geist auf wundersame Bahnen.
    Ich kann nicht mit euch gehn. Gebrochen sind die Schwingen, —
    Der feste Glaube nur lässt solch ein Werk gelingen.
    Der Glaube, der da auf Granit gegründet,
    Den Stürmen widersteht, der fest gebaut;
    Der rein und unberührt nur sich vertraut
    Und seiner Kraft, und im Gebet sich findet. —
    Ein andrer führe euch, mag sein, dass er
    Vom Glück begünstigt ist …

    PAC

    Nein — nimmermehr.
    Du musst. Denk an die unberührte Jugend,
    An ihres Feuers schlackenlose Tugend;
    Sie blickt auf uns. Zeig uns nun, wer du bist
    Und quäl uns nicht mit Klagen — du Statist.

    SKRZYNECKI

    Nur du allein kannst, was zu retten ist,
    Noch retten. Komm und keine Zeit vertan!
    Ich weiß bestimmt, du hast den fertgen Plan
    Im Kopfe. Geh und zeige dich den Leuten,
    Dein Anblick schon wird ihnen Sieg bedeuten.

    CHŁOPICKI

    Das Flammenmeer des Mutes, der Begeisterung
    Hat einst vor Sarragossas Tor geloht.
    Wir haben unsrer Jugend Kraft und Schwung
    Frankreich geopfert.

    SKRZYNECKI

    Zymirski ist tot;
    Der Eigensinn, der böse Wille hat
    Sein Opfer schon. — Die Stellung ist verloren.
    Die schlimme Kunde eilt schon durch die Stadt.
    Er fiel …

    CHŁOPICKI

    Ich weiß, das einzge Unglück ist.
    Dass er nicht eine Stunde früher fiel.

    SKRZYNECKI

    Du kränkst uns immer ärger, General.

    CHŁOPICKI

    Dort hätt ein andrer kommandieren müssen.
    Ich hab von Anfang an vorausgesehn,
    Dass er verloren war. Der Fürst konnts wissen,
    Der ihn dorthin gestellt. Der Fürst konnts wagen.
    Radziwiłł führe! Ich hab nichts zu sagen.

    PAC

    Radziwiłł? Meinst du? Nun, man muss sie kennen; —
    Untrüglich ist des Fürsten Stern im Sinken; —
    Man hört auf Radziwiłł, solang er nicht
    Befiehlt.

    SKRZYNECKI

    Sie waren, Graf, als erster wohl
    Am Steuer. Nun geht es von Hand zu Hand
    Wie einst der Ball Nausikaas.

    PAC

    Es ist
    Unter Fortunas billigem Losungswort
    Das alte Spiel polnischer Amulette.

    SKRZYNECKI

    Und vor uns, hinter uns der Feuerschein
    Von Bränden rings. Ja, hätte man …

    PAC

    Gar nichts.
    Redseligkeit und engelsgute Herzen
    Und Adlersinn vollbringens nicht allein.
    Ein Schiff, das ohne Mast, muss untergehen.

    CHŁOPICKI

    Sache des Fürsten! Mag er selber sehen,
    Wie er es schafft.

    PAC

    Er wird zu deinen Gunsten
    Verzichten aufs Kommando.

    CHŁOPICKI

    Sollte es
    Nicht tun, — kennt er doch den Spott.

    SKRZYNECKl

    Geh mit uns, General!

    MAŁACHOWSKI

    Mit uns, den Alten!
    So sieh doch, wie es glimmt in den Ruinen.
    Der Augenblick ist heilig, — führe sie,
    Da sie dich bitten. — Lies in ihren Mienen:
    Dein Wort ist heilig, — ist Befehl für sie.
    Der Fürst tritt ab, — er lässt dir seinen Platz;
    Weigre dich nicht, — du weißt, nur du allein
    Kannst uns noch retten, — trittst du jetzt zurück,
    Gehn wir entgegen sicherm Untergang.

    SKRZYNECKI

    Du kannst den Fürsten zwingen. — Schon zu lang
    Währt uns sein Zögern. Jeder Augenblick
    Ist kostbar.

    CHŁOPICKI

    Wie würde es dir wohl taugen,
    Wenn der Befehl in deinen Händen läge
    Und wenn dem stolzen Bau vor deinen Augen
    Der Einsturz drohte. Nun? Bedenke wohl,
    Die Stunde kommt, — sie ist noch stets gekommen —
    Da du den Helmbusch mit dem Sterne zierst,
    Wenn du den Gipfel höchster Macht erklommen,
    Wenn du, wie jetzt der Fürst, sie kommandierst.
    Gib acht, man stellt auch dir alsdann ein Bein. —
    Aus meinen Worten spricht der Wahn allein.

    SKRZYNECKI

    Ich werds vergessen. Furchtbare Dämonen
    Sind es, die tief in deiner Seele wohnen.
    Noch drang zu mir bis heute nicht der Ruf.
    Mag sein, dass Gott auch mich zum Führer schuf; —
    Reicht er das Schwert mir, soll es mir nicht rosten,
    Ich steh auf meinem gottbestimmten Posten
    Und wehr mich redlich meiner Haut. Doch du,
    Du bist des Schlachtengottes Lieblingskind, —
    Bedenk, in welcher Lage wir jetzt sind, —
    Besinn dich und erkenne deinen Wert.

    CHŁOPICKI

    Schmeichelt mir nicht. Die Zeit wird kommen und
    Das Los entscheidet, was entscheidenswert.
    Der Geist in mir wird von dem Erdenrund
    Empor sich schwingen wie in den Erwählten,
    Zu deren Füßen ganze Völker liegen.
    Ich weiß nicht, ob an Stelle der verfehlten
    Und halben Maßnahmen die Eintracht siegen
    Wird hierzulande. Eines weiß ich nur,
    Mein ist der Tod auf rotbetauter Flur,
    Wenn mir der Himmel nicht den Sieg beschert.
    Nicht daran denk ich, wer von uns als erster
    Im Kampfe fällt, nur daran, dass das Gold
    Der nächsten Morgensonne über schwerster
    Doch schönster Siegestat erstrahlen sollt.

    SKRZYNECKI

    So lass den Kampf, den Ruhm, den Siegespreis
    Den stolzen Führergeist in dir beseelen.
    Bei den Beratungen schweigst du allein,
    Wenn alle ihre Ansichten erzählen
    Und doch im Grund von dir belehrt zu sein
    Allein verlangen. Und du fühlst genau,
    Dass alle Pläne, wohl bedacht, ins Grau
    Des Nichts zerfließen. Dass wir den Befehlen,
    Die wir erteilt, durch Gegenordre gleich
    Die Möglichkeit, sich zu bewähren, stehlen.
    Dann schiltst du uns. Du hast es ja gewusst,
    Wohnt doch der reichre Geist in deiner Brust.
    Doch statt mit deinem Rate uns zu leiten,
    Lässt du uns auf der Bahn des Irrtums gleiten.
    Da ists doch wahrlich besser, selbst zu raten
    Und selbst zu handeln nach dem eignen Plan.

    CHŁOPICKI

    So achtet euren Führer; schweigt wie er.
    Nur mit gebundnen Zungen sollte man
    Bei uns ans Rekrutieren gehn. Das Plaudern
    Verdirbt uns alles. Arme brauchen wir,
    Nicht Zungen. Starre Herzen, die nicht schaudern,
    Nicht Prunk und goldner Stickereien Zier.

    SKRZYNECKI

    Eil uns voraus, entfalte deine Schwingen,
    Da Gott dir Adlermut und Geist verlieh.

    CHŁOPICKI

    Könnt einer mir den Glauben wiederbringen …

    SKRZYNECKI

    Der Glaube ruht in dir, mein General!
    Glaub an des Volkes Stern, glaub herzlich, innig
    Und überlass das Schicksal allemal
    Seiner Bestimmung. — Mut! …

    CHŁOPICKI

    verändert
    Mut, ruft ihr, wohl,
    Den Mut, den hab ich, tausendfältgen Mut …
    Ich bin der eure!

    ALLE

    begeistert
    Führ uns, Held, Diktator!
    Der Glaube folgt dir, unser aller Glaube.
    Chłopicki lebe! hoch! mit dir der Glaube!

    CHŁOPICKI

    leiser
    …Mit euch dorthin zum Kampfe, wie zum Spiel…
    Euch Feuerschlünden, der Kanonen wild
    Gefräßgem Todeshunger, dem Gewühl
    Zuckender Leiber euch entgegenführen, —
    Hört mich…
    Bricht plötzlich ab — Stille, alle lauschen.

    MARIA

    laut, seltsam ruhig
    Dahin ist euer Glaube. Fern
    Vorübergleitend rückt Ihr Schicksalsstern, …
    Und so sind Mannen, ist die Schlacht verloren —
    Einige sehen sie mit Verwunderung an.

    CHŁOPICKI

    blickt ihr unverwandt ins Auge
    Aus Ihren Worten dringt an meine Ohren
    Ein Rätsellaut, der lang verstummte Saiten
    Mittönen lässt, die alte Ritterweise
    Erwacht und es erwacht in mir der Held.
    In Ihren Augen seh ich meiner Augen
    Abglanz. Auf langer Wimper zitternd gleiten
    Die Tränen nieder und der feuchte Tau
    Senkt sich auf ein verlornes Leben nieder,
    Auf eines großen Wollens Trümmerwelt.
    Der Flug misslang, und es schleift das Gefieder
    Kraftlos im Schnee; der Horizont ist fern,
    Fern ist des Schlachtfelds blutigrote Bahn …
    Wie viele traf die Kugel schon im Kampf;
    Mich hat ein wunderbar Geschick bewahrt.
    Warum denn mich? War es nicht wohlgetan,
    Ich stiege auch zur Nacht des Grabes nieder,
    Der ich meine Gedanken aufgebahrt
    Seit langem schon und wieder — immer wieder
    Genarrt, geblendet, in der Gegenwart
    Ein Zerrbild einer Größe nur erlebte,
    Die mir vom Hochmut vorgegaukelt ward.
    — — — — — — — — — —
    Der Kriegsruf scholl, der große Geist erbebte
    In mir aufs neu, ich zittre — ich erschaure
    Vor Freude tönend — — stolzen Traumes Glück
    Atmet das ewig waltende Geschick.
    Gefaltet meine Hände steh ich, — laure,
    Bis sich der Traum erfüllt, ein Nebelflor
    Die Wirklichkeit verhüllt … dort rückt mein Stern —
    Mein Glücksstern … heller als ein Meteor
    Erstrahlt sein Glanz, — ereilt … er fällt — ganz fern —
    Sinkt in den Abgrund — in des Abgrunds Tiefen
    Funkelt er noch irrlichternd bis zuletzt …
    — Schicksal, erfülle dich … ; mich narrt das Fatum.
    Mag sein, seis drum, ich bin der eure jetzt!
    Mein Pferd! Mein Schimmel trägt mich weit voran.
    Mein Pferd! Sind alle schon versammelt? Gut.
    Ich führe an!
    Bewegung unter den Offizieren. Anna steht am Spinett, spielt mit einer Hand und singt; einige singen leise mit, wie um die Worte des Liedes zu lernen.

    CHŁOPICKI

    zu Maria, indem er die allgemeine Bewegung benutzt; ernst, bedrückt
    Leben Sie wohl, Fräulein Maria.
    Zu den Offizieren, Generälen
    Vorwärts denn, meine Herren! Ha! Ich sehe,
    Das Heer zieht schon vorbei. — Ich kommandiere!
    Leiser
    Wie sie mit ihrem Blick mich bannt.

    SKRZYNECKl

    halblaut
    Strohfeuer —?
    Er zögert, blickt dem Mädchen unverwandt
    Ins Auge…

    CHŁOPICKI

    zu Maria
    Sie wünschen keinen Händedruck von mir; —
    Und ich ertrage Ihre Worte nicht.
    Vielleicht steh ich schon an dem großen Tor
    Des Schattenreiches, daraus kein Entrinnen;
    Drum von der Schwelle, eh ich geh von hinnen —
    Ein letztes Lebewohl.

    ANNA

    ahnend
    Schwester, du zitterst.
    Du wankst, was ist dir, Teure, Liebe? Sprich!
    Sie tritt neben die Schwester, stützt sie; alle, außer den Mädchen, gehen hinaus.
    Anna am Fenster, sieht auf die Straße.

    MARIA

    inmitten des Salons, nahe dem Spinett; — halblaut
    — Warum frag ich? — Warum forsch ich?
    Weiß ich nicht nur zu genau … ?
    Gott, was ist mir? dunkel ist mir
    Vor den Augen … nebelgrau. — Von dem Felde hallen dumpf
    Die Kanonen, Schnee bedeckt
    Felder, Wälder, Kampfgefild.
    Geister stehen auf und tanzen
    Übers Land in rasend wild
    Tollem Wirbel über Schnee …
    Durch den Schnee — den weißen Schnee.
    In dem bleichen Totenbild
    Glüht ein Blutfleck, dran sie starben. —
    Stolze Stirnen …
    Führten ihn zum Altar …
    Adler — ihn, der mein war.
    Gott, was ist mir —?
    Hab ich denn all das Leid
    Vorgeahnt? Doch es kann
    Täuschung sein. Nein! — Nicht das!! —
    Ach! — Liegt meine Seele im Bann
    Ewiger Nacht?
    Blickt regungslos vor sich hin.

    ANNA

    am Fenster links
    Maria, sieh doch, sieh — sie reiten fort —
    Siehst du Chłopicki dort …, er steht allein —
    Sie führen ihm sein Pferd zu — wie der Schecke
    Sich bäumt … ah! … Doch sie haltens, er steigt auf; —
    Welch herrlich stolzer Mann, — welch Kriegerblick;
    Auf unser Fenster sieht er unverwandt,
    Fast nimmt michs wunder. Hat er uns erkannt? —
    So komm doch zu mir — immer blickt er her,
    Doch scheint sein Blick mir über uns hinweg
    Gerichtet in die Weite……….

    MARIA

    Überm Heer
    Sieht er zwei schwarze Flügel ausgebreitet,
    Unheilbedeutende —

    ANNA

    Da Małachowski! —
    Skrzynecki! Sie besteigen ihre Pferde;
    Enteilen wie die Winde. — Gott! Ulanen!
    Die müssen siegen!!

    MARIA

    — und sie ziehn hinaus
    Weit zu des Schicksals Schmiede.
    Geht langsam zum Fenster.

    ANNA

    Sieh nur! Sieh,
    Wie schön sie sind, wie jung, wie göttlich stolz.
    Die ganze Straße füllen sie, es wogt
    Ein Meer von Rossen und von Reitern — — — Schwester,
    Ich weiß nicht, aber der Gedanke selbst,
    Es könnte einer fallen, von der Kugel
    Getroffen werden, dünkt unfassbar mich —
    Sie fluten hin, wo sie ein Kugelschauer
    Erwartet. — Schwester, mir müsste mein Herz
    Zerspringen. Oh, die Unsern, Unsern, Unsern!

    MARIA

    Mein Herz erstirbt. Die Schönheit schmückt sie reich
    Für ihres Lebens letzte Augenblicke.
    Sie sieht hinaus und fährt zusammen; plötzlich beugt sie sich zum Fenster vor
    Ist das Chłopicki, der sein Pferd jetzt wendet —?
    Er sieht hierher, er ruft, winkt mit der Gerte…

    ANNA

    Und schon ist Jan beim General; siehst du,
    Ihn hatte er herbeigerufen. Nun
    Spricht er mit ihm, gibt ihm ein kleines Päckchen.

    MARIA

    zitternd
    Dasselbe Päckchen, das ihm der Soldat
    Gegeben hat.

    ANNA

    Mein Liebster salutiert.
    Wie? Hier zu uns? — Er eilt zu uns! — Zu uns?

    MARIA

    begreift schnell
    Zu mir …
    Er wagte nicht, es selber mir zu sagen,
    Er schickt den Adjutanten, … einen Boten. —
    Auch dieser Bote wird bei meinem Anblick
    Verstummen; Tränen werden ihm die Botschaft
    Unausgesprochen in der Kehle ersticken.
    Laut
    Nein! — Nein! — Halt ein, mein flinker Bote,
    Mach mich nicht unglücklich!! — Dein lebend Wort
    Soll mir das letzte bisschen Leben nicht
    Ertöten …
    Schliesst schnelt die Seitentür links
    Noch lebt er in mir, ich sehe
    Ihn deutlich noch vor mir, an meiner Seite, —
    Beim Abschied — ja, er lebt, … er lebt, … er lebt …

    ANNA

    erschreckt, spricht durch die Tür
    Sie sinds, Herr Jan! —
    Zu Maria
    Was ist dir —?

    MARIA

    heftig
    Nicht… nicht rufen!!

    ANNA

    leiser — schamhaft
    Doch sieh, mein Schwesterchen, wir wollen auch
    Lieb voneinander Abschied nehmen —
    drängt sie leise von der Tür ab
    bitte,
    So lass mich, Schwester, — du verstehst, … du liebst
    Ja selber —
    Der junge Offizier stürzt herein und bleibt beim Anblick Marias an der Tür stehen, Anna eilt auf ihn zu; Maria zittert heftig, lässt sich regungslos am Spinell nieder, folgt in äußerster Spannung jeder Bewegung des Offiziers; dieser küsst Anna die Hand. Sie löst mit der Linken ein Band aus ihrem Haar und gibt es ihm.

    ANNA

    Hier, nehmen Sie dies Band…

    DER JUNGE OFFIZIER

    betroffen
    Fräulein Anna!…

    ANNA

    Ah! — So haben Sie mein Band wohl gar
    Sich nicht einmal gewünscht? Sie zögern ja
    Es anzunehmen —?

    MARIA

    in Träumen
    Jenes Band, es war
    Vom Blute rot; vielleicht bracht er es her,
    Hierher…

    ANNA

    zum Offizier
    Ich schenke Ihnen Glück und Ruhm.

    MARIA

    laut
    Heute morgen, als der Tag erwachte,
    Schmückt ich meinen Ritter mit dem Band;
    Schenkte ihm mein Glück, und mein Verlangen
    Nach dem Ruhm gab ich ihm auf den Weg.
    Meines Helden Schicksal lässt Sie bangen —!

    DER JUNGE OFFIZIER

    nimmt das Band ernst, den Blick auf Maria gerichtet
    Mein Leben für mein Vaterland! Das ist
    Das Glück, der Gipfel allen Ruhms.
    Maria sieht ihm ins Auge; — geht dann durch die erste Tür rechts ins Nebenzimmer.

    ANNA

    Sie erbleichen, Herr Jan, was ist Ihnen? Warum sind
    Sie plötzlich so blass geworden?

    DER JUNGE OFFIZIER

    nach Marias Abgang, schnell, den Blick auf die Tür gerichtet, durch die Maria gegangen ist
    1

    Um Gottes willen, Fräulein Anna, hören Sie mich ruhig an; — Josef ist vor einer halben Stunde gefallen; — heute früh beim Morgengrauen hat der General ihn selbst in eine Stellung geschickt, die er bereits für verloren hielt. Nur aus Eigensinn, um die Unfähigkeit des Fürsten darzutun, befolgte er die erteilten Befehle; — Josef meldete sich dorthin, er bat darum; wusste er doch, dass einer von uns würde gehen müssen. — Von der ganzen Division ist nicht einer übrig geblieben; der Soldat, der vor einer Weile hier war, jener alte Veteran, war, wie sich herausstellte, schwer verwundet; er wollte es sich nur nicht merken lassen. — Draußen auf der Diele wurde er zur Ruhe gebettet; — dieser Soldat überbrachte die Meldung, dass die ganze Division aufgerieben ist.

    ANNA

    Meine Schwester!

    DER JUNGE OFFIZIER

    2

    Gestern abend, als Josef schon die Erlaubnis vom General erwirkt hatte, bat er ihn, und dabei lachte er, für den Fall, dass er nicht zurück käme, das Band von seiner Brust eigenhändig seiner Braut zurückzugeben …

    3

    Der General versprach es. Wir lachten und scherzten. Niemand von uns ahnte, dass die Stellung dermaßen bedroht war und dass Chłopicki sie für unrettbar verloren hielt …

    Jetzt eilt er selbst dorthin, dem Tode nach,
    Der ihm so viele seiner besten Leute
    Geraubt. Vorn an der Spitze sprengt er hin
    Unsern Schwadronen weit voraus. — Man muss
    Ihn sehen, wie der kriegerische Geist
    Im Taumel ihn gepackt …
    Abmarschsignale
    — Hier ist das Band; —
    Der General fand nicht den Mut, es ihr
    Zurückzugeben.

    ANNA

    nimmt das Band
    Mein Gott! Ganz blutgetränkt!

    DER JUNGE OFFIZIER

    Leben Sie wohl!

    ANNA

    auf ihn zu, schlingt die Arme um seinen Hals; wirft dabei das blutige Band auf die Tasten des Spinetts
    Herr Jan, — mein Lieber … du … ach du!

    DER JUNGE OFFIZIER

    presst sie an sich, halt sie umschlungen und dreht sie einige Male herum; setzt sie dann auf einen Stuhl und eilt hinaus; in der Türe wendet er sich um und ruft, aufs Fenster weisend
    Viertes Regiment, Anna!

    ANNA

    springt auf schnell
    Die Vierer! Lass sehen …
    Eilt ihm nach
    Wiederholtes Abmarschsignal, bald lauter, bald leiser, tönt aus verschiedener Entfernung, von der Straße her; vor den Fenstern ziehen Truppen zu Fuß und zu Pferde vorüber. Man sieht die Pferdeköpfe und die Oberkörper der Reiter. Ununterbrochenes Getrappel, Dröhnen und Geklirr.

    MARIA

    kommt aus der Tür rechts; ihre Haare sind in Unordnung; sie geht wie eine Bildsäule; ihre Augen, weit geöffnet, glänzen; — sie schreitet wie im Traum, die Hände leicht vorgestreckt
    Ich weiß, ich weiß.
    Sie wagen nicht vor mir zu sprechen. —
    Ihr schweigt; doch ich errate, lese in euren Mienen;
    Seht mir ins Auge, ich errate alles …
    Sausen, Dröhnen — so viele Männer … Männer
    Allbeieinander …
    öffnet mechanisch beide Fenster; die vorüberreitenden Offiziere und die Truppen sehen sie. Gesang der vorüberziehenden Truppen
    „Adler, flieg mit leichten Schwingen,
    Polens Ruhm und Hort der Welt…”

    MARIA

    geht zum Spinett; als sie die Tasten berührt, schlingt sich das Band um ihre Finger, das blutigrot sich über die Tasten schlängelt; — schluchzend fällt sie vornüber auf die Hände, auf die Tasten. Dumpf stöhnen die Saiten des Spinetts und seufzen. — Man hört Marias Schluchzen — Sie hebt den Kopf ein Strom überirdischer Kraft geht durch ihren Körper: sie strahlt gleichsam davon; — sie spielt kraftvoll und singt
    „Adler, flieg mit leichten Schwingen,
    Polens Ruhm und Hort der Welt.
    Frei wird, wem die Glocken klingen,
    Frei ist, wer im Kampfe fällt.”
    Erhebt sich vom Spinett und geht zum Fenster
    „Dien dem Ruhme, Adlerbrut.
    Reiß die Brust und hack das Herz.
    Weiß Gefieder tränk in Blut;
    Eile, fliege himmelwärts.
    Nimm die blutgen Opfer hin:
    Da die Deinen, da die Deinen
    Hoch zu Ross, in Waffen starr
    Folgen dir — immerdar.
    Eile, fliege, Heldentum,
    Nach dem Ruhm, dem Ruhm, dem Ruhm!!!”
    Zittert, wankt am offenen Fenster, die Hand gegen die Vorüberziehenden ausgestreckt; Anna stürzt herein.

    ANNA

    schließt das Fenster links; dann
    Die Fenster zu! Wie kalt! Oh, deine Hände
    Sind ja wie Eis! Du bist ja außer dir …

    MARIA

    streckt die Hand gegen die Vorüberziehenden aus
    Aus tausend Wunden der gequälten Erde
    Spritzt rotes Blut; — Blut unsrer Brüder färbt
    Die ungebornen Saaten in dem Schoß
    Der Erde rot. Rings atmet roter Dampf. —
    Wer ists, der mit allmächtiger Gebärde
    Euch ruft zum Kampf,
    Damit ihr sterbt
    Und meines Liebsten Los
    Euch werde? —
    Siehst du sie zu den Gräbern ziehen?
    Da werden Kreuze blühen,
    Wo Sträucher unter frostgen Steinen
    Jetzt weinen.

    ANNA

    weicht entsetzt von ihr zurück
    Maria, welche Worte? Gott! Maria!!
    Sie ziehen für ihr Vaterland hinaus
    Und du stößt solche harten Worte aus,
    So schrecklich harte Worte, Schwester —

    MARIA

    besinnungslos
    Sieh! Ihnen im Gefolge, über ihnen
    Wer ists? — Schneeflocken tanzen einen Reigen
    Im Sonnenlicht, — die Sonne zieht sie an,
    Sie eilen, eilen alle Mann für Mann.
    Ah! Siehst du dort die weißen Adler steigen,
    Die weißen Adler, hunderte an Zahl?
    Es scheint der Adler eine dichte Wolke.
    Siehst du auf ihrer Brust das rote Mal?

    ANNA

    Schwester!

    MARIA

    Fluch! Fluch! höchste Lust!!
    Rasender Schmerz zerreiß mir die Brust;
    Was kann dein Lieben mir geben. — Hörst du sie singen, hörst du es klingen,
    Es sind die Adler, — die Adler, die singen,
    Sie singen, sie schwingen, sie weben.
    Sieh dort oben, dort oben im Schnee,
    Dort auf der sonnedurchglühten Höh: —
    Adler fliege, flieg Adler, flieg!
    Gesang der vorüberziehenden Truppen
    „Adler, flieg mit leichten Schwingen,
    Polens Ruhm und Hort der Welt.”

    MARIA

    Mein Herz ist tot,
    Weck auf mein Herz, —
    Schwester … ich fühl es nicht mehr. —
    Gib mir die Hand — tot — alles tot. —
    Rufe doch, schreie … wecke mich auf;
    Gib mir mein Fühlen zurück.
    Sieh, meine Hände sind kalt und steif
    Und die Gedanken erstarren zu Eis.
    — — — — — — — — —
    Ah! was seh ich? Und was wollt ich —? —
    Forderte den Ruhm heraus!
    Mit dem fluchbeladnen sollt ich
    Tränen ernten, Nacht und Graus:
    Und er nahm mein Herze sich
    Mit der eisgen Hand. — Hat wie eine Blume mich
    Mitleidlos verbrannt.
    Die Schwester führt sie in die rechts gelegenen Zimmer.
    Gesang der voriiberziehenden Truppen
    „Adler flieg mit leichten Schwingen,
    Polens Ruhm und Hort der Welt.”

    Vorbemerkung

    4

    Die dramatischen Werke des leider dem deutschen Publikum völlig unbekannten Neuromantikers Stanisław Wyspiański, eines der stärksten Talente der letzten Zeit, erscheinen in deutscher Bearbeitung von Dr. St. v. Odrowonsch innerhalb der von Dr. A. v. Guttry und W. von Kościelski begründeten und herausgegebenen „Polnischen Bibliothek”.

    5

    Der bekannte Literarhistoriker W. Feldman schreibt in dem Vorwort zu den Werken Wyspiańskis über die „Warschauerin”:

    6

    „Der polnische Aufstand vom Jahre 1830/31 musste auf den Dichter seinen Zauber ausüben: Wyspiańskis durchaus männlicher Natur entsprach dieses Bild des polnischen Heroismus mehr, als der Aufstand vom Jahre 1863, wo keine nationale polnische Armee bestanden hat und wo das Volk in erster Linie als Dulder erscheint. Im Jahre 183o/31 kämpften noch an der Spitze des Aufstandes Generäle, deren Namen schon in den Napoleonischen Kriegen mit Ruhm bedeckt waren: ein Chłopicki, ein Skrzynecki, ein Chłapowski, ein Dwernicki und andere und auch der jüngere Nachwuchs war ihrer würdig. Sie errangen Siege über die Moskowiter, die in ganz Europa Bewunderung auslösten. Auch das Malerische, Dekorative des Aufstandes von 183o musste der Eigenart der Wyspiańskischen Phantasie zusprechen. Der Dichter und Maler hing deshalb an dem Jahre 183o; der Denker musste sich indessen die Frage vorlegen, weshalb, trotz der glänzendsten Führer und ihrer Siege — der Aufstand selbst mit einer Niederlage endete. Der Seher sah aber auch in diesen traurigen Bildern die Anzeichen einer freien, besseren Zukunft.

    7

    Nicht Drama, sondern „Lied aus dem Jahre 1831” heisst das erste Stück, das am 29. November 1898, dem Gedenktage des Novemberaufstandes, in Krakau aufgeführt wurde. Zum ersten Male hat der Dichter damals von der Bühne aus gesprochen; der Eindruck — besonders auf die Jugend — war groß und anhaltend. Keine Spur von der herkömmlichen Technik der „Einakter”, keine Spur des üblichen patriotischen Schlagers. Glänzend im malerischen Sinne des Wortes gestaltet sich das Bühnenlied: der Empire-Salon, die Gesellschaft der illustren, auf allen Napoleonischen Schlachtfeldern erprobten Helden, die tiefergreifende Handlung, die doch weit davon entfernt war, Bühnenhandlung im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu sein, die Neuheit und der Flug der Gedanken, mussten hinreißen. Zwei Welten kreuzen sich hier: die klassizistische Empirewelt der alten Generäle, die nur den Tatendrang und den Sieg kannten, und die junge, von Byron und der Romantik durchwehte Welt, die sich von der Sehnsucht nach Ruhm und dem Heldentod leiten lässt … Wie viel dramatischen Inhalt wusste der Dichter hier einzuflechten! Individuelle Tragödien: Marie, die ihren Bräutigam um des Ruhmes willen in den Kampf schickt, erfährt seinen Tod und verwandelt sich unter diesem Eindruck in eine polnische Kassandra; der harte, rücksichtslose Soldat Chłopicki hat zuerst den Bräutigam Marias in den sicheren Tod gesandt, leichten Herzens, um die Unfähigkeit des kommandierenden Generals zu erweisen — die Verzweiflung Marias umgibt aber auch diesen Soldaten mit einer weichen, romantischen Todesstimmung. Und die tragische Schuld, die auf den Führern lastet und die Niederlage der ganzen nationalen Bewegung bedingt? „Jeder von ihnen war als ob er geistig krank sei” — urteilt Kasimir der Große in dem Poem gleichen Namens; das lässt sich auch hier wiederholen. Ihnen fehlt der Glaube, sie haben nur Mut. Sie sind unter Umständen glänzende Soldaten, die für das Vaterland zu sterben wissen, aber sie sind keine Männer, die voll Siegeszuversicht und zielbewusst handeln. Der Kampf ist also vergeblich.”

    8

    Der visionäre und prophetische Dichter verfügt, „durch die Plastik und vorstürmende Beweglichkeit seiner Visionen zum Bühnendichter prädestiniert”, über ein „seltenes Gefühl für Bühnenwirksamkeit und eine geniale Eigenart in seiner Verwirklichung. Seine reifen Werke sind unübertrefflich in ihrem Aufbau, in der Steigerung der Spannung, in den Schlussakkorden, wobei sie ganz frei von jeder banalen Effekthascherei bleiben. — Symbolische Ornamentik, musikalische Stimmung und tiefbewegtes Seelenleben vereinigen sich, um eine in ihrer Schönheit einzige Welt zu schaffen”.

    9

    Wyspiańskis überwältigende Dramen wurden auf allen polnischen Bühnen mit größtem Erfolge aufgeführt und enthusiastisch aufgenommen.

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