Blackout

Od 12 lat Wolne Lektury udostępniają książki nieodpłatnie i bez reklam
Jesteśmy najpopularniejszą biblioteką w Polsce: w 2019 roku 5,9 miliona unikalnych użytkowników odwiedziło nas 21 milionów razy. Wszyscy zasługujemy na bibliotekę, która gwarantuje dostęp do najwyższej jakości wydań cyfrowych.

Stoi przed nami realna groźba zamknięcia
Niestety, z milionów czytelników wspiera nas jedynie niewiele 190 osób. Środki, jakie do tej pory pozyskiwaliśmy ze źródeł publicznych, są coraz mniejsze.

Potrzebujemy pomocy Przyjaciół
Nie uda się utrzymać tej niezwykłej biblioteki bez Twojego wsparcia. Jeśli możesz sobie na to pozwolić, zacznij wspierać nas regularnie. Potrzeba minimum 1000 Przyjaciół, żeby Wolne Lektury dalej istniały.

Zostań naszym Przyjacielem!

Tak, chcę pomóc Wolnym Lekturom!
Nie chcę pomagać, chcę tylko czytać
Wesprzyj

Wspieraj Wolne Lektury

x

Spis treści

    Pro domo mea
  1. De profundis

    ORTHOGRAPHISCHE ÄNDERUNGEN:

    th -> t:

    Bürgerthum -> Bürgertum

    Blüthen -> Blüten

    athmete -> atmete

    Thatsache -> Tatsache

    ss -> ß:

    Masse -> Maße

    Massstab -> Maßstab

    heissen -> heißen

    c geändert:

    Facit -> Fazit

    Curiosums -> Kuriosums

    Psychiaternomenclatur -> Psychiaternomenklatur

    i -> ie:

    düpirt -> düpiert

    interessirt -> interessiert

    INTERPUNKTION:

    u.s.w. -> usw.

    um’s -> ums

    in’s -> ins

    Dass er den ganzen Tag nicht daran gedacht hatte, nachzusehen, ob ein Brief da wäre. -> Dass er den ganzen Tag nicht daran gedacht hatte nachzusehen, ob ein Brief da wäre.

    Er fing an den Brief wieder von vorn zu lesen. -> Er fing an, den Brief wieder von vorn zu lesen.

    GROSS- UND KLEINSCHREIBUNG:

    Beide -> beide

    Alles -> alles

    Stanisław PrzybyszewskiDe profundis

    Pro domo mea

    1

    In ein paar Wochen gedenk' ich ein Buch herauszugeben: »De profundis«, dem ich jetzt schon einige Begleitworte an Stelle der Vorrede vorausschicke.

    2

    Ich möchte das Buch nur in wenigen Händen wissen — es ist kein Buch für das Volk — und diesen Zweck glaub' ich dadurch zu erreichen, dass ich es nur in einer sehr beschränkten Anzahl von Exemplaren drucken lasse.

    3

    Ich habe in diesem Buche das Gebiet des sogenannten „normalen Denkens“, also das Gebiet des „logischen Gehirnlebens”, des Lebens in der „Realität” (!) gänzlich verlassen. Alle, die sich auch nur ein wenig mit dem Seelenleben beschäftigt haben, wissen, was das „freisinnige Bürgertum” unter dem normalen Denken versteht: Alles, was über die Begriffssphäre des ehrbaren Müller und Schulze hinausgeht, ist natürlich verrückt. Selbstverständlich ist für diese Menschen Goethe der Maßstab des „normalen” Empfindens, wobei natürlich übersehen wird, dass er in seinen Epigrammen Proben von einer schon ganz schon vorgerückten sexuellen Perversität abgegeben hat.

    4

    Nun ja: dies ehrbare Gehirnleben, dies uniforme Gehirnleben, dessen Denkgesetze sowohl für den niedrigsten Bildungsplebejer von der Sorte Max Nordau wie für den entwickeltsten und scharfsinnigsten Gehirnaristokraten von der Art Nietzsche im gleichen Maße gelten, fängt an, furchtbar langweilig zu werden. Das hat auch Nietzsche eingesehen, und so schrieb er sein „verrücktes” Buch, d. h. sein seelischestes Buch: »Also sprach Zarathustra«…

    5

    In »De profundis« handelt es sich um die Manifestation des reinen Seelenlebens, der nackten Individualität, des Zustandes der somnambulen Ekstase, oder wie die zahllosen Worte auch heißen mögen, die eine und dieselbe Tatsache ausdrücken, die Tatsache nämlich, dass es noch etwas Anderes gebe außer dem dummen Gehirn, ein au delà vom Gehirn, eine unbekannte Macht mit seltsamen Fähigkeiten begabt, nämlich: die Seele — die Seele, die Ekel empfand, in der fortwährenden Berührung mit der lächerlichen Banalität des Lebens zu stehen und sich das Gehirn geschaffen hatte, um sich nicht jeden Tag prostituieren zu müssen…

    6

    Das Surrogat dieses unsichtbaren Seelenlebens: das logische Gehirnleben, kennen wir nun zur Genüge. Das ganze Fazit aller seiner wissenschaftlichen und philosophischen Spekulationen ist ein Ignoramus und Ignorabimus, also eine gänzliche Bankerotterklärung all’ seiner verzweifelten Bestrebungen. Das künstlerische Fazit — risum teneatis amici — ist der Naturalismus, die seelenlose, brutale Kunst für das Volk, die Bürgerkunst par excellence, die biblia pauperum für das schwache „normale” Gehirn, das denkfaule, feige, plebejische Gehirn, das alles erklärt, alles zurechtgelegt haben will, das jede Tiefe, jedes Geheimnis verhöhnt und verspottet und für Verrücktheit erklärt, weil es die Seele hasst, nur weil es sie nicht begreifen kann. Ja! das rohe, stupide Bürgergehirn — die famose vox populi — hasst alles, was es nicht verstehen kann, vielleicht auch, weil es die bekannte Plebejerangst hat, düpiert zu werden.

    7

    Nun ja: man überlasse dem Plebejer, was des Plebejers ist, mit Vergnügen sogar einige Herren, die durchaus „Großgehirnaristokraten” genannt werden wollen.

    8

    Ich meine hier also eine andere Kunst. Die Kunst, die sich in der Malerei nicht mit der banalen Außenwelt, ein paar alten, stupiden Invaliden in Amsterdam zum Beispiel, beschäftigt, sondern der Welt, wie sie sich in der Seele in seltenen Stunden, den Stunden der Halluzination und der Ekstase widerspiegelt. Ich denke auch nicht an die famosen Leoncavallos und die zahllosen Mascagnis, sondern etwa an die Fis-moll-Polonaise von Chopin, diesen grässlichen, nackten Seelenschrei. Ich meine hier auch nicht den feudalen Reinhold Begas, sondern Vigeland. Ja, ich denke jetzt an eine andere Kunst, die Kunst, die das Tageblatt-Bürgertum für verrückt, blödsinnig, impotent usw., usw. erklärt hatte.

    9

    In der Literatur hat diese Kunstgattung im orientalischen Altertum und namentlich im Mittelalter ungemein reiche Blüten getrieben. Ja, namentlich im germanischen Mittelalter. Keine Rasse hat so viele Mystiker, also Menschen, die des reinen visionären Seelenlebens teilhaftig wurden, hervorgebracht, wie gerade die germanische.

    10

    Für die moderne deutsche Künstlergeneration dieser Art, also Künstler, die sich mit den Phänomenen des Seelenlebens beschäftigen, scheint mir Amadeus Hoffmann der Urahn zu sein. Freilich hat Hoffmann an die seelischen Phänomene als solche kaum geglaubt. Er suchte sie rationalistisch zu analysieren, etwa wie ein anderer Herr den Übergang der Juden über das rote Meer durch eine kolossale Ebbe erklären wollte; vielleicht suchte Hoffmann das Rätselhafte der Seele dem fetten Bürgergehirn, auf das er nun einmal aus buchhändlerischen Rücksichten angewiesen war, gegen bessere Überzeugung verständlich zu machen.

    11

    Der nun so gefeierte Edgar Poe hat sich des seelischen Problems als eines wissenschaftlichen Kuriosums bemächtigt, allerdings mit einer künstlerischen Macht, die mit kalten Schauern den Rücken überläuft.

    12

    Es folgen die Revolutionen von 48, die Revolutionen der Bildungssüchtigen und der Aufklärungsbedürftigen, die Revolutionen mit ihren prachtvollen Errungenschaften: dem überflüssigen Parlamentwesen und dem wohlfeilen Presspiratentum. Pressfreiheit! Wundervoll! Das liberale Bürgertum fing an vermöge der Pressfreiheit den Gott abzuschaffen — nein! das wagte es nicht von wegen der Monarchie, die von Gottes Gnaden bestand, aber es hat sein Dasein — auf „wissenschaftliche Gründe” gestützt — angezweifelt. Das liberale Bürgertum durfte aber wenigstens die Seele abschaffen und ihre unleugbaren Offenbarungen als Blödsinn und Humbug erklären. Gott, wie es sich gefreut haben mag, als der Spuk von Resau endlich entdeckt und gerichtlich abgeurteilt wurde!

    13

    Mittelmäßige, beschränkte Geister kommen zur Herrschaft: die Büchners, die Vogts, die Strauß, die Spencers und die Psychophysiologen und wie sie alle heißen mögen, die Braven.

    14

    Das goldne Zeitalter des Materialismus und des Berliner Tageblattes, des naturalistischen Dramas und der freisinnigen Politik!

    15

    Erst in der jüngsten Zeit hier und da Einer, der verwundert vor irgend einer seelischen Offenbarung stehen bleibt, vor einem langen Blick, der in später Stunde[1] gewechselt wird und den ganzen Menschen aufwühlt. Hier und da Einer, der Angst bekommt vor einem momentanen Blitz der Seele, der durch das Gehirn fährt und das Unterste zu oberst kehrt. Hier und da Einer, dem etwas zu Bewusstsein kommt, etwas Fremdes, Furchtbares, etwas, wovon er sich keine Rechenschaft geben kann: eine Idee, die — mag sie noch so schön physiologisch erklärt werden — nicht in den Ideengehalt seines Gehirnes hineinpasst, eine Tat, die unabhängig von dem Gehirnwillen, ja trotz des Gehirnwillens geschah. Das liberale Bürgertum hat dies alles für Verrücktheit erklärt, die famosen bürgerlichen Psychiater haben dafür den schönen Ausdruck „Psychopathie” gefunden, und der senile Schwachkopf Max Nordau hat sogar darüber zwei Bände geschrieben, lehrreich für eine Alterserkrankung dieses Herrn, an der bekanntlich schon Cicero litt.

    16

    Eine neue, unbekannte Künstlergeneration tritt also auf. In Belgien — (Ich sehe hier von den sonderbarerweise anerkannten und Gottseidank nicht verstandenen Künstlern wie Huysmans und Maeterlinck ab) Verhaeren, Krains, Eckhoud, — in Skandinavien Ola Hansson — in Polen Przesmycki, — in Deutschland Dehmel und Schlaf. Freilich scheint Dehmel den Weg, den er mit solcher Macht und solcher Sprachgewalt in „Aber die Liebe” betreten hat, jetzt in seinen „Lebensblättern” verlassen zu wollen. Unter den Ländern aber, in denen diese literarische Revolution mit besonderer Kraft und Begeisterung geführt wird, scheint mir Böhmen obenan zu stehen. In der Reihe äußerst begabter und intelligenter Künstler nenne ich hier nur Machar und Jirí Karásek.

    17

    So weit musste ich ausholen, um den Zweck meiner jüngsten Publikation zu rechtfertigen.

    18

    Was ich also mit meinem »De profundis« bezwecke, ist einzig und allein, ein seelisches Phänomen darzustellen — ich denke die Seele immer im schroffsten Gegensatz zum Gehirne. Das ist alles. Aber ja: die Handlung! Hm, die Handlung, vielleicht auch Situation, Verwicklung, Intrige usw. Ich pflege keine Handlung zu haben, weil ich das Leben der Seele schild're und die Handlung ist nur eine Kulisse der Seele, eine schlecht bemalte Kulisse, wie sie auf einer Liebhaberbühne einer Kleinstadt zu sehen ist. Das Leben bedarf keiner Handlung, um Konflikte zu erzeugen. Dazu genügt ein harmloser Gedanke, der nach und nach vom ganzen Menschen Besitz nimmt und ihn zu Grunde richtet.

    19

    Man sollte mir ja nur nicht wieder mit dem dummen Vorwurf kommen, ich sähe die Menschen nur auf das Geschlecht hin. Nun: ich sehe die Menschen weder „darauf hin”, ob sie geniale Geschäftsleute sind oder nicht, noch „darauf hin”, ob sie in einer scheußlichen finanziellen Misere leben oder sich Pferde und Maitressen halten können, noch „darauf hin”, ob Hans die Grethe kriegt oder nicht, ich sehe sie ebensowenig „darauf hin”, was sie sonst als „logische Gehirnmenschen” sind, oder was sie als solche leisten können, eventuell leisten könnten, ebensowenig, wie ich jemals ein Möbelstück oder ein Zimmerarrangement beschrieben habe: ich sehe die Menschen lediglich „darauf hin”, ob es in ihnen jemals zur Offenbarung der Seele kommt oder nicht. Und weil es seltene Fälle sind, in denen sich die Seele offenbart, einmal vielleicht, wie nur einmal der heilige Geist über die Apostel kam, so sind die Fälle, die ich analysiere, eben sehr seltene Fälle.

    20

    Das Einzige, was mich interessiert, ist also nur die rätselhafte, geheimnisvolle Manifestation der Seele mit all’ ihren Begleiterscheinungen, dem Fieber, der Vision, den sogenannten psychotischen Zuständen — doch ich will meine literarischen Freunde mit der bürgerlichen Psychiaternomenklatur nicht erheitern.

    21

    Ich schreibe: man sollte mich mit dem Vorwurf verschonen, ich wage es allerdings nicht zu hoffen. Aber ebensowenig wie ich etwas dagegen vermag, dass im ganzen Mittelalter die seelischen Offenbarungen durchweg nur auf dem Gebiete des religiösen Lebens zu finden sind, ebensowenig kann ich etwas an der Tatsache ändern, dass in unserer Zeit die Seele sich nur in dem Verhältnis der Geschlechter zu einander offenbart. Mag man dafür der Seele die Vorwürfe machen, nicht mir. Denn alle sonstigen seelischen Phänomene der sogenannten „weißen Magie” entfallen ebenso wie früher auf das Gebiet des religiösen Lebens.

    22

    Wenn ich von der Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben spreche, so meine ich natürlich nicht die fade, brave, komisch-pikante Erotik eines Guy de Maupassant, noch die süßlich-widerliche Unterrockspoesie für Konfektionösen eines Peter Nansen, noch die gesättigte Gleichgültigkeit des Ehebettes. Was ich meine, das ist das schmerzhafte, angsterfüllte Bewusstsein einer unnennbaren, grausamen Macht, die zwei Seelen aufeinander wirft und sie in Schmerz und Qual zusammenzukoppeln sucht, ich meine die intensive Liebesqual, in der die Seele bricht, weil sie sich mit der anderen nicht zu verschmelzen vermag, ich meine das enorme Vertiefungsgefühl in der Liebe, wo man in der Seele tausend Generationen tätig fühlt, tausend Jahrhunderte von Qual und abermals Qual dieser Generationen, die an Zeugungswut und Zukunftsbrunst zu Grunde gingen, ich denke nur an die seelische Seite in dem Liebesleben: das Unbekannte, Rätselhafte, das große Problem, das Schopenhauer zuerst ernsthaft in seiner „Metaphysik der Liebe” aufgeworfen hatte, freilich mit wenig Erfolg, weil die logischen Mittel für das Unlogische der Seele nicht ausreichen. Unsere Zeit, die überhaupt keine Probleme hat, die nicht schon durch die „tiefsten Geister” gelöst waren, kennt die Liebe nur als eine Ökonomische und sanitäre Frage, und es ist ganz natürlich, dass für die bürgerliche Kunst die Liebe nur als der mehr oder weniger selige Weg in das finanziell und gesundheitlich geregelte Ehebett besteht. So kam es, dass dies tiefste Seelen– und Lebensproblem nur äußerst wenige Denker gefunden hat. Und sonderbar genug, dass gerade in einer solchen Zeit ein Künstler — allerdings auf dem Gebiet der „bildenden” Kunst — erstehen sollte, der in die schauerlichen Geheimnisse und Abgründe des Geschlechtslebens weit tiefer eingedrungen ist, als irgend ein Philosoph vor ihm: Félicien Rops.

    23

    Man sehe sich seine Werke an, und man wird verstehen, was ich unter der Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben meine. Hier nur ein paar Worte, wie Félicien Rops den ewigen Erreger der Liebesgärung, das Weib, auffasst, um gleichzeitig auf die enorme Distanz zwischen dieser und der bürgerlichen Kunst hinzuweisen.

    24

    Für die bürgerlichen Künstler ist das Weib ein Spielzeug oder ein unglaublich edles Wesen, eine Kokotte, oder eine steif verschnürte, unnahbare Größe, sie ist ein Miezchen oder eine präraffaelitische Kunigunde… he, he, wie singen doch unsere braven Lyriker von den verschiedenen Fräuleins?

    25

    Für Rops ist das Weib eine furchtbare, kosmische Macht. Sein Weib ist das Weib, das in dem Manne das Geschlecht wachgerufen hat, ihn an sich mit tausend wohlfeilen Listen kettete, ihn zur Monogamie erzog, die Männerinstinkte durcheinanderwarf, sie schwächte, verschob und verfeinerte, die Elemente seiner Begierden in neue Formen ordnete und ihm das Gift seiner teuflischen Lüste in das Blut impfte.

    26

    Und in der schmerzhaften Ekstase des Schaffens hat er die längst verlorenen Verbindungen wiedergewonnen, die uns an unsere mittelalterlichen Vorfahren knüpfen. Er ist nicht mehr der Mann, der sein Leben einsetzt für den lächerlichen Preis des Fünfsekundengenusses, er leidet nicht mehr unter dem Weibe, er bäumt sich auf in dem wilden Hass gegen die furchtbare, zerstörende Kraft und wird zu einem fanatischen Ankläger, der in der Raserei gegen seine eigene Natur das Weib unter Umständen dem Feuertode preisgeben würde, um die Welt von dem „größten aller Übel”, dem Weibe, zu befreien.

    27

    Und hier steht er vollkommen im Einklänge mit den mittelalterlichen Diabologen. Man lese nur die Doktoren: Bodinus, Sinistrari, Del Rio, Sprenger… Zwei Welten schmelzen ineinander und begegnen sich in einer und derselben visionären Erkenntnis der Wurzel alles Daseins, der Wurzel jeglichen Schmerzes und aller Qual.

    28

    Soll ich nun jetzt vielleicht motivieren, warum ich in »De profundis« ein „succubat” — der Deutsche scheint keinen passenden Ausdruck dafür zu haben — geschildert habe, dies grässliche succubat» das der ganzen großen Kultur des Mittelalters in der grandiosen Schöpfung des Teufels und der Hexe den Stempel aufgedrückt hatte?

    29

    Ich hoffe: nein!

    30

    Ja, noch etwas: Die bürgerliche Kritik schreit so entsetzlich nach Kraft und Gesundheit. Sonderbar? Es gab wohl keine Zeit, die mehr stupid, mehr protestantisch und mehr borniert wäre, als die unsrige. Ist das nicht Gesundheit genug? Ist das nicht Gesundheit genug, dass unsere Zeit so krankhaft seelenlos ist? Und würden die Kraftmeier, die famosen Abse der Literatur nicht einmal zur Abwechselung ein solches Werk mit Interesse lesen können, ohne es gleich in den Schmutz zu ziehen und den Verfasser einen dekadenten Wüstling zu nennen?

    Stanisław Przybyszewski

    De profundis

    Meinem Freunde

    Meiner Schwester

    Meinem Weibe

    Dagny

    31

    Er ging müde und wie zerschlagen nach Hanse. Es fröstelte ihn trotz der tropischen Hitze. Im Halse fühlte er feine, scharfe Stiche wie von glühenden Nadeln.

    32

    Jetzt würde er wohl ernstlich krank werden. Er fühlte es kommen. Und gerade hier: in einer fremden Stadt …

    33

    Er ging schnell die Straße entlang. Nach Hause. Bald trat ihm kalter Schweiß auf die Stirne, eine unangenehme feuchte Hitze kroch schwül über seinen Körper, und die Stiche im Halse wurden noch häufiger und schmerzhafter.

    34

    Die Angst wühlte sich tiefer und banger in sein Blut: er begann zu laufen.

    35

    Oben auf seinem Zimmer warf er sich aufs Bett.

    36

    Sein Herz schlug gewaltsam. Er fühlte, er hörte die feinsten Adern klopfen und zittern und sich in wachsender Macht mit Blut füllen, als ob sie platzen wollten.

    37

    Er setzte sich behutsam im Bett zurecht, nun reckte er sich langsam hoch: es wurde noch schlimmer. Er schob die Kissen gegen die Wand, legte sich halb hin, presste die Stirn gegen die kalte Wand und horchte auf das Fieber.

    38

    Allmählich glättete es sich in ihm. Das Blut floss langsam zum Herzen zurück. Er hustete frei auf, ohne Schmerzen.

    39

    Er wartete. Ob es nicht wiederkäme?

    40

    Nein: Das Herz schlug fast ruhig, nur seine Hände fieberten und er war wie gebadet in Schweiß.

    41

    Er knöpfte langsam die Kleider auf und trocknete sich die Stirn. Nur seine Hände: sie glühten so heiß und so feucht.

    42

    Nun ja: es war nicht das erste Mal. Es wird sicher vorübergehen.

    43

    Seltsam, dass er jedes Mal, wenn er von seiner Frau wegfuhr, von diesem Fieber befallen wurde. Jetzt sollte er sie hier haben: nur ihre Hände festhalten, und alles würde gut werden. Er wurde sicher gleich einschlafen… Wieder begann es in ihm zu schwellen. Sein Körper fing von Neuem an zu zittern, es würgte ihn im Schlund und seine Fäuste ballten sich krampfhaft.

    44

    Eine kranke Sehnsucht nach ihren Händen, eine quälende Gier, ihren Leib an sich zu pressen, sein Gesicht auf ihre Brust zu legen: deutlich fühlte er ihre Hand mit leisen Schauern über seinen Körper gleiten und rinnen. Das Gefühl wurde so visionär deutlich, als wäre sein Tastsinn ein Organ für sich geworden mit einem selbstständigen Gedächtnis: Er unterschied die feinste Gefühlsnuance, die er doch sonst nur bei der wirklichen Berührung ihres Körpers empfand.

    45

    Und die Sehnsucht fing an zu sprießen und schwoll und schoss wild hinauf. Die Qual krümmte seine Finger und zerrte an seinen Nerven, er kauerte zusammengekrampft, als wollt' er sich in seinen eignen Leib einwickeln.

    46

    Er fuhr auf und kam zur Besinnung. Sein Herz lief, eine rasende Angst bäumte sich steil in ihm hoch. Mit wachsendem Entsetzen hörte er auf das Klopfen und Brausen in seinem Körper. Er fühlte das Blut mit wütendem Drang die Gewebe anfüllen und auseinanderreißen.

    47

    Er sprang auf, blieb stehen, dumpf, starr. Seine Glieder flogen und seine Zähne klapperten in Fieberfrost.

    48

    Was sollte er nur anfangen?

    49

    Er durfte sich um Gotteswillen nicht eine Sekunde dieser Qual hingeben, sonst wurde er sicher die Nacht nicht überleben.

    50

    Mit zitternder Ungeduld suchte er nach den Streichhölzern. Die Vorstellung, dass er sie vielleicht nicht finden würde, brachte ihn der Ohnmacht nahe, er tappte umher und atmete tief auf: sie waren da.

    51

    Er zündete das Licht an und blieb lange reglos stehen.

    52

    Nun musste er an etwas denken, an irgend etwas Gutes und Ruhiges, etwas, das sich wie ein Ruhekissen unter seinen Kopf schöbe.

    53

    Plötzlich entdeckte er einen Brief — auf dem Tisch mitten unter seiner Wäsche.

    54

    Dass er den ganzen Tag nicht daran gedacht hatte, nachzusehen, ob ein Brief da wäre.

    55

    Es ging etwas Besonderes in ihm vor. Er ging ganz wie im Traum. Und jetzt hatte er keinen Mut, den Brief zu öffnen. Wenn irgend etwas Unangenehmes drin stand! Das wurde sicher sein Gehirn zerstören.

    56

    Da wurde er wütend. Lächerlich, dass ihn das bisschen Fieber so herunterbringen konnte. He, he: ein bisschen Fieber nicht überwinden zu können! He, he: das bisschen Fieber wurde er schon überwinden. Er hatte ja doch schon viel Schlimmeres durchgemacht…

    57

    Über seinem Gehirn lag etwas wie eine feine Eisplatte. Das kühlte förmlich. Er wurde plötzlich so ungewöhnlich klar. Aber es war, als würde die Gehirnmasse verdrängt, tiefer gepresst, die kühle Eisplatte wuchs zu einem Eisklumpen an, die Kälte begann weh zu tun: jetzt fuhr es ihm in langen, glühenden Striemen über den Rücken: er lachte heiser auf.

    58

    Na natürlich! Ein ganz gewöhnliches Fieber…

    59

    Er zerknitterte krampfhaft den Brief.

    60

    Ein ganz gewöhnlicher Fieberanfall… Er begann zu pfeifen.

    61

    Nun fühlte er lange Nadelstiche in der Brust.

    62

    Aha: alte, gute Bekannte… Wieder lachte er laut: das würde ihn sicher nicht aus dem Konzept bringen, dazu müsste die Tortur viel, viel schmerzhafter sein.

    63

    Er ging langsam herum, lachte und pfiff.

    64

    Ja, richtig: eine Zigarette!

    65

    Aber der Rauch machte ihn schwindlig.

    66

    Nicht einmal rauchen durfte er: das war doch wirklich schändlich. Das hatte aber doch nichts zu bedeuten, er war nur sehr schwach. Natürlich: wenn man nicht isst, wird man schwach.

    67

    Ja, der Brief, der Brief…

    68

    Er zerriss resolut das Kuvert, aber die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, er sah lange hin, sammelte seine ganze Willenskraft und zwang sich schließlich, den Brief zu lesen und zu verstehen.

    69

    Er las langsam. Die Buchstaben waren so sonderbar lebendig. Als hörte er ihre Stimme, nur in einer neuen Form gegliedert:

    70

    Mein teuerster, mein einziger Mann, Du — Du… mein!

    71

    Schon eine Woche, seit Du weg bist. Willst Du noch länger bleiben?

    72

    Ich bin neugierig, was Du den ganzen Tag über in der Stadt machst. Hast Du Deine Mutter besucht? Natürlich nicht. Aber mit Agaj bist Du oft zusammen, nicht wahr? Es muss ihr doch sehr schwer sein, fortwährend zwischen Dir und Deiner Mutter zu vermitteln. Sie ist ein so prachtvolles Mädchen. Ich liebe sie fast eben so sehr wie Dich und ich habe so oft über ihre Liebe zu Dir nachgedacht. Sie liebt Dich eigentlich gar nicht wie eine Schwester. Ich habe nie etwas Ähnliches unter Geschwistern gesehen? Bist Du sehr oft mit ihr zusammen?

    73

    Und morgen werden es zwei Jahre, seit wir verheiratet sind. Denk nur: zwei Jahre! Hast Du den Tag vergessen? Ich bekomme doch sicher morgen einen langen, schönen Brief von Dir? Oder — oder? Ich wage es nicht zu hoffen, aber vielleicht kommst Du selbst?

    74

    Nein, nein, komm lieber nicht. Ich habe das Gefühl, dass es Dir in der Stadt gefällt, und das macht mich glücklich. Du hast so entsetzlich gearbeitet und jetzt musst Du ein bisschen Abwechslung haben, ein wenig Luftveränderung, nicht wahr?

    75

    Aber wenn Du kämest, das wäre wunderbar. Ich liebe Dich — Du!

    76

    Du fühlst Dich doch sehr wohl — wie? Dann bleib' nur lieber, bleib', mein Teuerster Du!… Und weißt Du, ich bin manchmal eifersüchtig auf Agaj, ich habe Angst, dass Du sie mehr liebst wie mich. Aber das ist doch Unsinn, nicht wahr? Du musst sie tausendmal von mir grüßen und ihr sagen, dass ich sie liebe, dass sie meine einzige Freundin ist.

    77

    Nun leb' wohl. Du, mein Liebling. Tausend Küsse von Deinem Weib.

    78

    Er fing an, den Brief wieder von vorn zu lesen.

    79

    „Sie liebt Dich eigentlich gar nicht wie eine Schwester…”

    80

    Ein heftiges Licht durchfurchte seine Seele.

    81

    Er sah deutlich Agaj vor sich sitzen. Das schwarze seidne Kleid schmiegte sich mit warmer Wollust um die schlanke, magere Gestalt. Er fühlte durch das Kleid die feinen, zarten Glieder.

    82

    Er ließ sich in den Fauteuil sinken.

    83

    Sie wich nicht von ihm. Immer sah er sie dicht, dicht neben sich. Er entkleidete sie mit den Augen, er wühlte in ihrer Nacktheit, er begehrte sie: sein Gehirn begann in einem gierigen Taumel zu wirbeln.

    84

    Aber Agaj ist ja meine Schwester! schrie er entsetzt in sich hinein.

    85

    Da hörte er sie plötzlich sprechen. Er verstand nun alles, was er noch vor drei Stunden nicht verstehen konnte.

    86

    „Sie liebt Dich eigentlich gar nicht wie eine Schwester…”

    87

    Die paar Worte schlugen sich tief in seine Seele. Es war, als wäre dort ein Pünktchen Licht hineingefallen, das nun plötzlich zu einer Feuersbrunst ausgewachsen war.

    88

    „Als Du das letzte Mal ins Ausland fuhrst, glaubt ich, dass ich verrückt würde.”

    89

    Er hörte es damals fast gleichgültig an, und jetzt, jetzt endlich verstand er es.

    90

    Er riss die Augen auf. Er riss sie noch weiter auf: das furchtbare Licht blendete ihn.

    91

    Er kroch ganz in sich zusammen. Ein schmerzhafter Wollustkrampf fraß saugend an seinem Hirn, er wehrte sich nicht: die Schauer einer gierigen Lust krochen wie Gift in jeden Nerv seines Körpers.

    92

    Er schrak hoch.

    93

    Das war das grässliche Fieber! Gott, Gott, was sollte er nur anfangen? Er musste wachen, er musste lauern und wachen, dass es nur nicht wiederkäme. Seine eigne Schwester!… Aber das ist ja Wahnsinn…

    94

    Er lachte irrsinnig. Er lachte lange, bis er Angst vor seinem Lachen bekam.

    95

    Natürlich war es das Fieber. Dass er dagegen so machtlos war!… Er musste ins Bett zurück. Ja, sich ganz lang hinlegen, dass das Herz sich wieder beruhige.

    96

    Er entkleidete sich und legte die Streichhölzer dicht neben sein Bett.

    97

    Ich werde sie wohl bald wieder brauchen, lächelte er seltsam.

    98

    Nun löschte er die Lampe aus. Eine unerträgliche Hitze. Die Decke lastete auf ihm wie ein Alp: er warf sie ab.

    99

    Plötzlich mit einem Ruck spannte sich sein Gehirn ab, eise glückliche Ruhe kam über ihn.

    100

    Ein paar Gedankenbrocken gingen langsam durch seine Seele, zögernd, zerrissen, wie Wolkenlappen nach einem Gewitter. In seinen Augen flackerte ein winziges Lichtchen, wie ein Irrlicht über einem grünen Sumpf. Er verfolgte es, wie es sich in zackigen, steilen Linien emporwarf und wieder herunterfiel, schwer und jäh wie ein gefallener Stern. Er sah es über dem Sumpf blitzschnell dahinschießen und dann wieder in irren Kreisen tanzen, schneller und schneller, bis es schließlich wie eine glühende Lichtmasse fahl den Sumpf umlohte. Und die grüne, fahle Sonne wuchs, schwoll, goss sich kochend über, leckte an dem Dunkel mit gierigen Zungen und zerfraß es zu blutigen Fetzen. Und da schossen die Zungen in schmetternden Sturmfanfaren jäh hinauf — höher noch: mit wüster Macht warfen sich die Sonnenbrände steil empor, bis sie am Himmel zerschellten. Noch sah er sie drängend emporzüngeln, dann brachen sie langsam an der Spitze, krochen zögernd ineinander und verschlangen sich in einem brünstigen Geflecht.

    101

    Und aus dem kochenden Orkan des Lichtes wuchs ihm ein entsetzlicher Gesang hervor.

    102

    Eine Verzweiflung wie vor tausend offenen Gräbern. Als hatte sie der Himmel geöffnet und der Menschensohn stiege hernieder, um das Gericht über die Guten und die Bösen zu halten. Millionen Hände fühlte er sich in verblutendem Todeserethismus emporrecken mit Fingern, die um Mitleid und Gnade schrien. Er hörte ein tierisches Gebrüll, das wie ein Meer von dampfendem Blut in kochendem Gischt zum Himmel spritzte, und immer fühlte er die knochigen Finger sich krallen und spreizen und im brechenden Schmerzenskrampfe schreien:

    103

    „Ad te clamamus exules filii Hevae, ad te supiramus gementes et flentes in hac lacrymarum valle”…

    104

    Und er sah einen Zug von Tausenden von Menschen vorbeirasen, gepeitscht von einer brutalen Ekstase des Unterganges, unter einem Himmel, der das Feuer und die Pest auf sie herabspie. Er sah die Seele dieser Kreaturen in dem ekelhaften Veitstanz des Daseins sich wälzen und zucken, er sah den zerfleischten Rücken einer ganzen Menschheit und die Verzückung des Wahnsinns in dem vertierten Auge.

    105

    Und langsam hörte er den Zug sich entfernen, die dumpfen, qualtrunkenen Töne klangen wie das Röcheln der letzten Agonie und die kupferrote Flammensonne warf grüne, schillernde Lichtstreifen über die Sümpfe von Blut.

    106

    Ad te clamamus exules filii Hevae! hörte er plötzlich in sein Ohr kichern: ein Weib glitt in sein Bett. Ihre Glieder wanden sich langsam um seinen Körper, zwei schmale Arme umklammerten ihn fest, schmerzhaft fest, und er fühlte die Spitzen zweier Mädchenbrüste sich in seinen Körper hineinglühen.

    107

    Er erstickte. Sein Herz schlug nicht mehr, nur ein geller Sturm der Wollust zerwühlte sein Hirn. Ihr heißer Atem versengte sein Gesicht, und ihre Lippen saugten sich ächzend an seinem Munde fest. Wie weißes Eisen glühte ihr Leib.

    108

    Da fühlte er wieder den Zug herannahen, sich wie einen Knäuel von verstrickten Leibern dumpf und schwer heranwälzen: ein Knäuel von Leibern, die sich bissen, mit rasenden Fäusten auf einander losschlugen, sich zerstampften und in Höllenqualen auseinanderrissen, aber sich nicht zu trennen vermochten. Der Gesang wurde zu einem Geheul von wilden Bestien, die Verzweiflung kreischte grell in dem verblutenden Hallelujah des Vergehens.

    109

    Er lachte, er schrie mit, aber er ließ das Weib nicht los. Er fraß sich mit den Fingern in ihren Leib. Ihr Herz fühlte er in seinem Körper klopfen, schwer, dumpf wie einen Klöppel gegen die geborstene Metallwand der Glocke, zwei Herzen fühlte er plötzlich Blut in sein Gehirn emporschießen, sich an einander reiben, und einander wund zerschürfen.

    110

    „Ad te supiramus gementes et flentes in hac lacrymarum valle”…

    111

    Die Verzweiflung kippte um in einen Abgrund von Tollwut und die Finger brachen in Hass, in eine zuckende, geifernde Blasphemie, er fühlte den Menschenknäuel den Himmel anspeien, er hörte ihre Lungen in einem grässlichen Schrei auseinanderreißen: Mörder! Mörder!

    112

    Jetzt erlahmten seine Hände, er ließ sie los. Und da wälzte sie sich über ihn, er hörte sie schreien, er fühlte, wie sie mit den Zähnen ihm die Halsadern zerschnitt, wie sie ihre Hände wühlend in seinen Körper vergrub.

    113

    Und von Neuem steifte sich sein Körper. Er warf sich über sie her, er legte sich über sie mit verzweifelter Kraft: Ihr Leib wand und bäumte sich. Aber er war stärker. Er fesselte den widerspenstigen, zuckenden Körper mit Händen und Beinen, sein Leib warf sich ein paar Mal auf und ab im schmerzhaften brutalen Krampf: der wilde Sturm barst in einem langen, verröchelnden Laut.

    114

    Noch hielt er fest ihren Leib umschlungen. Ihre Glieder lösten sich. In ihren Händen zuckte sein Herz wie eine verlöschende Flamme. Die letzte Schauerwoge verebbte: ein unsagbar ruhiges Glück tauchte in sein Blut.

    115

    Da: plötzlich fühlt' er sie entweichen, ihre Glieder glitten langsam an seinem Körper entlang; er griff nach ihr, verzweifelt sprang er ihr nach…

    116

    Agaj! schrie er, Agaj!

    117

    Im selben Nu stolperte er, stürzte lang hin und kam zu Bewusstsein.

    118

    Er lag auf dem Boden.

    119

    Da warf er sich auf das Bett, die Angst nestelte auflösend an seinem Hirn.

    120

    Das war nicht Traum, das war mehr wie es jemals in der Wirklichkeit sein konnte, tausendmal mehr, schrie er in sich hinein… Sollte er wirklich wahnsinnig werden?

    121

    Mit letzter Kraft warf er alle Gedanken aus dem Kopf, mit Verzweiflung klammerte er sich an eine dumme Erinnerung, aber das Hirngespinst seines Fiebers goss sich schäumend über seine Seele: er fühlte so lebendig die Wollustraserei ihres Körpers, seine Lippen waren wund, sein Körper wie gebrochen von der Brunst ihrer Umarmung.

    122

    Das war Agaj — der Alp Agaj — der Vampir Agaj!

    123

    Er fuhr entsetzt auf:

    124

    Sie war es wirklich, sie konnte zugleich an zwei Stellen sein. Sie konnte sich teilen, und jetzt war sie bei ihm.

    125

    Er fühlte, dass die Angst ihn jetzt töten würde. Er wollte Licht anzünden. Seine Hände zuckten und flackerten. Endlich gelang es ihm.

    126

    Das beruhigte ihn einen Augenblick.

    127

    Und plötzlich, wieder von Neuem kam über ihn ein wilder Paroxysmus von Gier und Sehnsucht nach Agaj. Und schon wollte er sich von Neuem in die Fieberorgie dieser blutschänderischen Wollust werfen. Er brauchte nur das Licht auszulöschen, und er wurde es von Neuem erleben.

    128

    Aber die Angst schoss in ihm empor. Ein Strom von Angst staute sich in seinem Hirn: das würde sein Leben kosten.

    129

    Er faltete krampfhaft die Hände und suchte stöhnend nach Erlösung.

    130

    Endlich packte er gierig ein Buch, das auf dem Nachttisch lag: Auf der ersten Seite sein eignes Portrait.

    131

    Er sah flüchtig hin: sein Blut gerann vor Schreck. Er sah wieder hin: die Linien schienen lebendig zu werden, das Gesicht wuchs, bekam Leben, schien sprechen zu wollen…

    132

    Er blätterte ein paar Seiten um und fing an laut zu lesen. Aber seine Stimme klang ihm dröhnend im Gehirne wieder, und er hatte das Gefühl, dass der Andre im nächsten Moment hervorkriechen werde, bald, bald werde er aus dem Buche herauswachsen und ihn anstarren…

    133

    Das ganze Buch bekam etwas Lebendiges, es schien sich in seinen Händen zu bewegen, er warf es entsetzt weg, aber es bewegte sich, es kroch auf dem Boden umher, der Andre arbeitete sich mühsam hervor, jetzt, jetzt würde er ihn sehen…

    134

    Er sprang rasend aus dem Bett, warf sich mit seinem ganzen Körper über das Buch, packte es dann mit den Händen, würgte es, riss es auseinander, aber er fühlte, dass er hochgehoben wurde, gewaltsam, wie von einer Winde hochgeschraubt…

    135

    Das ist Wahnsinn, das ist Wahnsinn! schrie es in ihm. Er sprang auf, stierte wie abwesend auf das Buch: die Vision war vorüber, aber er hatte Angst es aufzuheben. Endlich kam er zu sich.

    136

    Er setzte sich hin: Ohnmacht umfing lähmend sein Herz. Er sank auf das Bett und stierte in stumpfer Verzweiflung auf die Decke.

    137

    Da stellte sich plötzlich die Erinnerung an die Orgie, die er soeben durchlebt hatte, wieder ein.

    138

    Ein krankes Verlangen begann ihn zu peitschen, seine Kräfte gaben nach, schon fing er an zurückzusinken, da stand er mit einem Mal ganz mechanisch auf, ohne im Geringsten daran zu denken oder es zu wollen, kleidete sich wie in einem somnambulen Traum an und ging auf die Straße.

    139

    Er sah sich um: er war wirklich auf der Straße. Es wurde ihm nicht ganz klar, wie er heruntergekommen war. Aber er war glücklich, dass er nun weg, weg war von dem entsetzlichen Zimmer, wo Satan seine Messe feierte.

    140

    Jetzt musste er an Satan glauben, murmelte er tiefsinnig, ja an Satan und an seine raffinierte, grausame Geschlechtsmesse…

    141

    Er setzte sich hin auf die Stufen eines Denkmals, vergrub den Kopf in beide Hände und verfiel in einen fiebrigen Halbschlaf.

    142

    Da schrak er zusammen: Jemand war dicht vor ihm stehen geblieben.

    143

    Er sah auf. In dem Zwielicht des ersten Morgengrauens sah er ein Mädchen, sah nur, dass sie sehr blass war und große weite Augen hatte.

    144

    Sie sahen sich lange an.

    145

    — Ich will mit Dir gehen, sagte er und stand auf.

    146

    — Komm! Sie ging schnell voraus.

    147

    — Geh' nicht so schnell, geh' langsam. Ich habe eine entsetzliche Angst… Aber Du wirst meine Hände halten, dann werd’ ich gleich schlafen… Ich bin gar nicht wie andere Männer, gar nicht, fügte er nach einer Pause hinzu.

    148

    Sie sah ihn verwundert an.

    149

    Er merkte plötzlich, dass er sprach, ohne es zu wissen.

    150

    Sie blieben wieder stehen.

    151

    — Du bist ja noch ein Kind, sagte er erstaunt, ich könnte Dich ja auf meine Hände nehmen und tragen. Und Du gehst so leicht, dass ich kaum Deine Schritte höre…

    152

    — Komm, komm: es ist noch weit.

    153

    — Weit? Aber ich kann ja kaum gehen.

    154

    — Gib die Hand. So…

    155

    Er fühlte plötzlich eine neue Kraft.

    156

    — Und Du wirst meine Hände halten, fest, sehr fest, selbst im Schlaf, willst Du?

    157

    — Ja, ja…

    158

    — Ist es noch weit?

    159

    — Bald, bald…

    160

    Sie gingen stillschweigend.

    161

    — Hier! sagte sie leise.

    162

    — Hier?

    163

    Sie gingen eine Treppe hinauf.

    164

    — Nun komm, komm, sie küsste ihn flüchtig, wir sind beide so entsetzlich müde, so entsetzlich müde, wiederholte sie nachdenklich. Ich werde bei Dir schlafen und immer Deine Hände halten.

    165

    Er legte sich hin und nahm sie in seine Arme wie ein Kind.

    166

    Sie schlang die Arme um seinen Hals.

    167

    — So fühlst Du mich stärker, sagte sie ernst.

    168

    — Wer bist Du? fragte er leise.

    169

    Sie antwortete nicht.

    170

    Er schlief sofort ein.

    *

    171

    Sie saßen auf der Veranda eines Restaurants.

    172

    Es war später Nachmittag. Die Häuser warfen schwere, satte Schatten über die breite Straße. Das dichte Laub der Bäume war gesprenkelt mit purpurnen Flecken. Weiter ab ein Baum, dessen Blätter schon ganz gelb waren und abwärts die Straße entlang flirrte unruhig eine ganze Farbenskala von fiebrigem Purpur bis zum welken Weißgelb hinab: er bekam ein plötzliches Interesse für die Tausende von Farbennuancen…

    173

    — Nun, warum sprichst Du denn kein Wort? Sollen wir den ganzen Nachmittag so stumm dasitzen?

    174

    Agaj war sehr erregt.

    175

    Er sah sie an und lächelte seltsam.

    176

    Sie fuhr auf.

    177

    — Warum siehst Du mich so an?

    178

    Sie starrten sich lange an. Sie wurde rot und senkte die Augen.

    179

    — Noch nie hast Du mich so angesehen, murmelte sie leise.

    180

    Er rückte ihr näher.

    181

    — Ja, Agaj, ich habe Dich noch nie so angesehen. Du hast Recht. Aber Du bist mir nicht mehr das, was Du mir gestern warst. Ich bin neugierig auf Dich. Ich kannte Dich bis jetzt nicht.

    182

    Sie sah ihn gespannt an.

    183

    — Ich sehe Dich anders an, als ich Dich gestern angesehen habe… Er schwieg eine Weile. — Warum ich nicht spreche? Ich will Dir nichts Furchtbares sagen.

    184

    Sie warf den Kopf hoch und starrte ihn herausfordernd an.

    185

    — Aber darauf wart' ich ja die ganze Zeit — auf dies Furchtbare. Mein ganzes Leben, vierundzwanzig Jahre wart' ich auf dies Furchtbare! Sag' es doch endlich.

    186

    Er wühlte in ihr mit seinem Blick. Sie sah zur Seite.

    187

    — Es ist mein Ernst, Agaj! Ich bin heute ganz sonderbar ernst. Ich war in meinem Leben nicht so ernst.

    188

    — So? So? Aber warum solltest Du nicht ernst sein?

    189

    Er lachte boshaft.

    190

    — He, he, Du bist neugierig, Du willst mich herausfordern… Aber weißt Du denn nicht, was ich Dir zu sagen habe? Fühlst Du es nicht?

    191

    Sie schwieg.

    192

    — Fühlst Du es nicht? Er erbebte.

    193

    Schweigen.

    194

    Sie stieß das Glas an und trank es aus.

    195

    — Trink doch, lachte sie. Du willst wohl Abstinenzler werden? He? Hast wohl wieder Fieber? Armer Du!

    196

    Er trank hastig; seine Hand zitterte.

    197

    — So sag' doch endlich das Furchtbare! Siehst Du nicht, wie ich neugierig bin?

    198

    — Soll ich es wirklich sagen?

    199

    — Warum solltest Du es verschweigen? Sie lachte höhnisch. Aber trink doch, trink! Deine Adern klopfen, als wollten sie Dir die Haut zerreißen.

    200

    Er trank wieder.

    201

    — Agaj, erinnerst Du Dich an die furchtbare Nacht — damals…

    202

    Sie zuckte merkbar.

    203

    — Erinnerst Du Dich?

    204

    — Nein!

    205

    — Oh, oh — Du erinnerst Dich sehr gut. Seit zwölf Jahren denkst Du immer daran. Warum lügst Du? He, he… Du warst wohl zwölf Jahre damals, dreizehn — wie? Du hattest Angst vor dem Gewitter und kamst zu mir ins Bett, ich sollte Dir Märchen erzählen…

    206

    Sie lachte gezwungen auf.

    207

    — Und ich erzählte Dir die ganze Nacht hindurch. Ich habe mich gequält, etwas Neues zu erfinden. He, he… Du warst so verwöhnt, Du schliefst ja immer bei mir…

    208

    Er sah sie fast gehässig an.

    209

    Ihre Finger liefen unstet und in nervöser Aufregung auf dem Tisch herum.

    210

    — Es regnete Blitze and Feuer vom Himmel. Und jedesmal, wenn der Himmel barst und unser Schlafzimmer in grünem Lichte stand, bekreuzigten wir uns und beteten: Und das Wort ist Fleisch geworden… He, he, erinnerst Du Dich nicht? Und der Ritter ritt auf einem schwarzen Pferd, und das Pferd hatte gold'ne Hufe. Sie glänzten in der Sonne, dass die Menschen blind wurden… Wieder krachte der Himmel: Und das Wort ist Fleisch geworden… Und da kam der Ritter an einen Berg, der von einem Riesen bewacht war… Und das Wort… Nicht wahr? So ging es die ganze Nacht über. Und da plötzlich: dies furchtbare, minutenlange Krachen und Bersten, als der Blitz dicht neben unserem Hause in die Pappel einschlug! Da warfst Du Dich zitternd auf meine Brust und presstest Dich so fest an mich… noch fühl ich Deine mageren Händchen um meinen Körper geschlungen und Deine zarten Beine sich mit kranker Hitze in mich hineinglühen. Damals hattest Du auch Fieber. Du hattest immer Fieber. Weißt Du es jetzt?

    211

    Sie ließ den Kopf tief herabsinken. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen. Es war verdeckt von der breiten Krampe ihres schwarzen Sommerhutes.

    212

    — Nun trink doch! sagte er mit geheimnisvollem Lächeln. Dein Wohl!

    213

    Sie stieß schweigend mit ihrem Glase an.

    214

    — He, he, Du trinkst ganz ausgezeichnet. Das hab’ ich Dir beigebracht. Du fürchtetest, ich würde Dich verachten, wenn Du nicht tränkest. Gott, wie Du mich geliebt haben musst! Alles tatst Du nur um meinetwillen. Und jetzt, jetzt?… Agaj! jetzt?

    215

    Er wartete gespannt auf die Antwort.

    216

    Sie schwieg.

    217

    — Jetzt? fragte er heiß.

    218

    — Bist Du schon mit dem Furchtbaren zu Ende?

    219

    Ihre Stimme klang höhnisch und wegwerfend.

    220

    Er lachte laut auf.

    221

    — Du scheinst Dich schnell gefasst zu haben. He, he: es kam so unerwartet Du warst ja Anfangs ganz krank vor Aufregung. Noch seh ich Deine Hände zittern und auf Deinem Gesicht glühen rote Flecken.

    222

    Sie sah ihn wütend an. Er erwiderte ihren Blick mit zynischem Lächeln.

    223

    — Nein Du! Ich bin gar nicht zu Ende… Ja, damals… He, he: Du hörst es so gern… Ich wachte früh auf. Ich konnte nicht schlafen. Ich löste vorsichtig Deine Arme von meinem Körper. Du warst auf meiner Brust eingeschlafen. Ich stand auf und fing an mich anzukleiden. Und da sah ich Dich plötzlich. Ja, plötzlich: ich habe Dich nie vorher gesehen… gesehen! verstehst Du? Es war wohl heiß, denn Du hattest die Decke mit den Füßen abgeworfen und lagst nun nackt.

    224

    Er lachte heiser.

    225

    Dein Hemd war bis zum Halse aufgerollt, schliefst Du da eigentlich? Er flüsterte ihr die Frage leise ins Ohr.

    226

    Sie sah ihn an. Ihr Gesicht zuckte. Ihre Augen waren übergossen von einem heißen, fiebrigen Glanz.

    227

    Sie tauchte langsam, gierig tastend ihren Blick in seine Seele.

    228

    Er zuckte zusammen.

    229

    — Hörst Du nicht, was ich sage? Dein Hemd war bis zum Halse aufgerollt, und Du lagst ganz nackt. Und ich bin sicher, dass Du nicht schliefst, ich bin sicher, dass unter den langen Wimpern Dein Blick in mein Blut kroch… Sei doch ein wenig empört! Bist Du es nicht?

    230

    Sie ließ wieder den Kopf sinken.

    231

    Er beruhigte sich plötzlich.

    232

    — Ich starrte Dich an. Ich konnte mich von Deinem Körper nicht losreißen. Mein Herz klopfte, dass ich nicht stehen konnte.

    233

    Sie sah ihn flüchtig an mit einem verzerrten fiebrigen Lachen.

    234

    — Und dann? fragte sie heiser.

    235

    — Dann — dann… seine Stimme zitterte — dann sank ich an Dich und küsste Dich…

    236

    — Auf den Mund? Sie konnte kaum die Worte ausstoßen.

    237

    — Nein… Er fing wieder an zu flüstern. Du weißt es ja, Du schliefst nicht — Du warst wach, Dein ganzer Körper zuckte heftig auf…

    238

    Ihr Gesicht verschwand wieder.

    239

    Als sie aufblickte, war ihr Gesicht wie verzückt von Qual und ihre Augen funkelten in einem abgründigen grausamen Schmerz.

    240

    — Sag mehr! Sag doch mehr! stieß sie plötzlich hervor.

    241

    Es fing an, in ihm zu fiebern. Das Blut schoss ihm jäh ins Gehirn.

    242

    — Ich habe Dich dann vergessen. Ich habe Dich beinahe zwölf Jahre nicht gesehen. Ich habe mich verheiratet. Und da sah ich nicht mehr das Weib in Dir, nur eine unendlich teure Schwester… Ja doch! einmal im vorigen Jahre, als wir beide allein waren und so viel getrunken hatten! Da wurdest Du plötzlich ganz ungewöhnlich boshaft, Du höhntest mich, machtest pikante Anspielungen auf meine Heirat und plötzlich warfst Du Dich über mich her und bissest mich in die Lippen, dass sie bluteten… Da fing es an, mich heiß zu überlaufen.

    243

    — Hab ich Dich gebissen? Sie lachte hässlich auf.

    244

    — Und dann, als Du bei uns zum Besuche warst und mir einmal früh Morgens Kaffee ans Bett brachtest…

    245

    Sie fuhr wütend auf.

    246

    — Du bist wohl verrückt geworden? Du willst Dir doch nicht einbilden, dass ich Dich als Weib liebe?

    247

    Er lächelte seltsam.

    248

    — Eben hast Du Dich verraten. Du hast mich nie als Schwester geliebt. Du zittertest immer nach mir, so wie ich jetzt nach Dir zittre. He, he: Weißt Du noch? Einmal, als Du Deinen Geburtstag hattest und so viele Kinder zu uns kamen? Wir spielten Versteck. Immer bist Du zu mir in die dunkelsten Ecken geschlichen und drücktest Dich heiß an mich. Sieh mich doch an, lass Dir doch in die Augen sehen… Weißt Du noch, als wir beide so heiß wurden und uns beinahe erwürgt hätten in einer Lust, die sonst Kinder nicht zu haben pflegen? He, he… Da wurd' ich Mann…

    249

    Er schwieg plötzlich, es kam ihm vor, als hätte er zu viel gesagt.

    250

    Sie lachte boshaft.

    251

    — Du willst wohl einen Roman schreiben? Irgend eine perverse Geschichte von Geschwisterliebe, wie? He, he, he… Damit düpierst Du mich nicht…

    252

    — Ich will Dich ja gar nicht düpieren. Du glaubst mir also nicht? Du traust mir nicht? Hör' Agaj, hörst Du nicht in meiner Stimme diesen entsetzlichen Ernst? Warum wehrst Du Dich? Warum willst Du nicht zugeben, dass Du mich liebst? Hast Du mir nicht gestern gesagt, dass Du beinah verrückt geworden bist, als ich im vorigen Jahre nach dem Ausland zurückkehrte? Und glaubst Du, ich weiß es nicht, dass Du der Mutter das Geld gestohlen hast, um es mir zuzuschicken, als ich in Not war?… Tut das eine Schwester? Warum? Warum willst Du es verleugnen, dass Du mich liebst?

    253

    — Ich liebe Dich, wie man einen Bruder liebt, nicht mehr, sagte sie abweisend.

    254

    — Ha, ha, ha, liebt man so einen Bruder? Das musst Du einem Kriminalpsychologen erzählen… Warum wurdest Du jetzt so leichenblass, warum zittern Deine Hände? Und Du trinkst viel, damit es Dir nur nicht bewusst wird, was ich sage. Quäl' mich doch nicht…

    255

    Er wurde ernst, sein Körper bebte.

    256

    — Qual' mich nicht! Ich bin so unerhört glücklich über Deine Liebe… Ich — ich… seine Stimme senkte sich bis zum kaum hörbaren Flüstern… Du, Agaj, es ist etwas Sonderbares in mir vorgegangen…

    257

    — Ich liebe Dich! keuchte er plötzlich und seine Stimme brach.

    258

    Es entstand eine lange Pause. Das Schweigen dauerte ungewöhnlich lange.

    259

    — Hast Du es nun begriffen? flüsterte er leise.

    260

    Sie antwortete nicht.

    261

    — Gestern brach es durch in meiner Seele… Du warst bei mir in der Nacht… Du bist nicht mehr meine Schwester…

    262

    Sie sah ihn entsetzt an. Um ihre Mundwinkel zuckte die Qual. Sie gruben sich mit den Augen in einander, ihre Blicke verflochten sich unlösbar.

    263

    — Das ist furchtbar! sagte sie. Eine kranke Angst flackerte fiebernd in ihrem Gesicht.

    264

    — Ja, es ist furchtbar, wiederholte er wie abwesend. Wieder ein langes Schweigen.

    265

    Sie fuhr auf.

    266

    — Geh nach Hause! Geh! Geh!

    267

    Er hatte sie niemals flehen gehört.

    268

    — Nein, Agaj, ich kann nicht weg von Dir.

    269

    — Aber was willst Du denn von mir? schrie sie plötzlich rasend auf.

    270

    — Nichts, nichts… Natürlich nichts…

    271

    Er lächelte blöde.

    272

    — Gestern noch gab es für mich etwas, das Blutschande hieß, he, he. .. Inzest glaub' ich. Ich kam in die wüsteste Verzweiflung, als ich entdeckte, dass das Weib, mit dem ich unerhörte Orgien feierte, meine eigne Schwester war. Heute hab’ ich die Schwester verloren. Heute seh' ich Agaj, das Weib, das fremde Weib, das mir über jedes Weib in der Welt geht, schon deswegen, weil es Blut von meinem eignen ist, ein physisches Stück von mir.

    273

    Er stockte plötzlich.

    274

    — Du, Agaj, Du fürchtest den Inzest?

    275

    — Ich fürchte ihn gar nicht. Sie lachte höhnisch.

    276

    — Aber? aber? Er sah sie mit zitternder Angst an, als sollte jetzt über sein Leben entschieden werden.

    277

    Sie blickte ihm starr mit einer grausamen Kälte in die Augen.

    278

    — Aber? Du fragst: aber? Es gibt kein Aber, weil Du für mich gar nicht als Mann existierst. Du bist einfach mein Bruder.

    279

    — Du lügst! Du lügst! Warum quälst Du mich mit Deinen Lügen? Zerstöre doch nicht das Heiligste in mir, das, wovon ich lebe, was den ganzen Inhalt meiner Seele ausmacht.

    280

    — Du hast Deine Frau vergessen, Du hast Fieber, Deine Hände glühen, und Deine Augen saugen sich giftig wie Tollkraut in mein Blut… Ich will Dich nicht sehen. Du zerstörst meine Seele, Du…

    281

    Sie kam plötzlich zur Besinnung und schnellte höhnisch auf.

    282

    — Lächerlich: Grenzenlos lächerlich! — sie raste — Du hast das schönste, das herrlichste Weib zur Frau, nie hab' ich ein so herrliches Weib gesehen… und — und Du hast an ihr nicht genug und läufst einem andren Weibe nach, das noch obendrein Deine Schwester ist.

    283

    — Oh, oh, Du läufst mir ebensoviel nach, wie ich Dir… He, he… Nur feig bist Du, feig. Du wagst es nicht zu gestehen. Aber, als ich Dir gestern sagte, dass ich vielleicht heute wegfahren werde — glaubst Du, dass ich die Qual nicht gesehen habe und die Mühe, die Du hattest, um sie zu verbergen? Ich verehre mein Weib, aber ich liebe Dich. Versteh' es doch: Dich, Dich lieb' ich. Du hast Dich seit Deiner Kindheit nach diesem Worte, diesem: ich liebe Dich! gesehnt. Du hast gezittert, dass ich es Dir nur sage. Du wolltest es von mir erzwingen und jetzt, jetzt, da ich es endlich gesagt habe, willst Du mich so brutal zurückstoßen? Du glaubst vielleicht nicht, dass es mir Ernst ist, weil es so jäh und unerwartet gekommen ist. In einer Sekunde von Qual… Aber ich lebe jetzt nur in diesem Gefühl, mein Gehirn wühlt sich mit fiebernder Wollust in die Zeit, als Du Deine Gier noch nicht zu verbergen verstandest. Plötzlich ist meine Seele aufgebrochen, ich erinnere mich an jedes Wort, das Du vor zwölf Jahren gesagt hast, ich erinnere mich an die tausend Dinge, tausend Kleinigkeiten, tausend Blicke und Bewegungsmomente aus jener Zeit, ich erinnere mich an alles, das mir gestern noch vergessen war…

    284

    Er taumelte, verlor plötzlich den Gedankenfaden und sann eine Weile nach.

    285

    — Nein, nein, ich liebe Dich nicht seit gestern, ich liebe Dich seit langem. Das war nur zufällig, dass es mir gestern grade zum Bewusstsein kam. Du hast mir immer gefehlt. Sieh: ich war ja glücklich mit meinem Weib, aber immer, immer sehnt' ich mich nach Dir.

    286

    Die Qual floss in ihm über, es würgte ihn, kalte Schauer strömten ihm über den Rücken, er schüttelte sich in Fieberfrost.

    287

    — Ich verehrte, ich liebte bis zum Wahnsinn Deine Liebe. Ich zitterte, um nur einen Brief von Dir zu bekommen. Und wenn ich Ihn bekommen hatte, las ich ihn und las unaufhörlich. Ich las das alles, was Du nicht schreiben konntest, was aber in jedem Worte zitterte, ich ging wochenlang mit Deinen Briefen umher damals schon, als ich noch nicht ahnte, dass Du mir das werden solltest, was Du mir heute bist. O, ich liebe jedes Wort von Dir, ich liebe Deine grausame Seele, die nicht genug Schmerzen finden kann, um sich darin zu vergraben, ich liebe Dein kleines, braunes Gesichtchen mit den abgründigen Augen, ich liebe die Seide, die Deinen Körper umschließt, ich liebe die Formen dieses Körpers, ich fühle ihn wie er sich an mich presst, mich umschlingt, ich sehe Deine kleinen Brüste, ich fühle sie sich in meinen Körper hineinglühen. Ich… ich…

    288

    Er fing an zu stottern. Es raste in ihm, sein Gehirn schwoll an zu einer riesigen Aderbeule. Dann begann er wieder zu sprechen, sinnlos, ohne Zusammenhang, die Worte kamen wie von selbst, glühend, krank, wie herausgeschleudert aus einem Vulkan.

    289

    Sie hielt seine Hand in stummem Krampf umschlossen, sie vergrub schmerzhaft ihre Finger in seine Haut. Sie fasste ihn ums Handgelenk und presste wieder seine Finger: es war wie ein irres Gejauchze in dieser taumelnden, flackernden Hand.

    290

    Da wurde sie plötzlich grenzenlos unruhig. Sie hörte nichts mehr, sie sah nichts mehr. Sie faltete die Hände, dass alle Gelenke knackten, dann ballte sie die Fäuste und spreizte wieder die Finger.

    291

    — O Gott! stöhnte sie keuchend.

    292

    Jäh rückte sie weg.

    293

    — Sag jetzt kein Wort mehr, schrie sie auf, kein Wort! Ich gehe — ich gehe sofort, wenn Du nur noch ein Wort sagst.

    294

    Er sank zusammen.

    295

    — Nein, nein, ich will nichts mehr sagen. Ich kann auch nicht mehr, murmelte er müde.

    296

    Ein Schweigen, ein tötendes Schweigen, das langsam einen Nerv nach dem ändern zersägte.

    297

    — Komm! sagte sie endlich und stand auf.

    298

    — Wohin?

    299

    — Ist es Dir nicht gleichgültig, wohin Du mit mir gehst? Sie lachte ihn höhnisch an. Du willst ja nur mit mir zusammen sein.

    300

    — Aber nur mit Dir! Nur mit Dir allein! Ich habe Ekel vor Menschen, ich mag keinen Menschen sehen. Ich spucke auf die Menschen! Ich kann die menschliche Fratze nicht ausstehen.

    301

    — Komm! sagte sie mit hartem Befehl.

    302

    Er sah sie erstaunt an, blieb eine Weile sitzen, starrte sie unaufhörlich an, dann erhob er sich und ging.

    303

    — Es hat mir noch kein Mensch etwas befohlen, sagte er leise auf dem Wege. Kein Mensch. Ich wusste bis jetzt nicht, was gehorchen heißt, bis Du jetzt plötzlich sagtest: Komm! Und ich gehorche…

    304

    Er lachte boshaft auf.

    305

    — Und Du willst mir vorlügen, dass Du mich nur als Schwester liebst? Du liebst mich ja nur als Weib! Du hast ja nur gewartet auf das Wort: Ich liebe Dich! und gleich bist Du wie verwandelt. He, he: Du weißt jetzt, dass Du mir befehlen kannst, was Du früher nicht wagtest. Woher diese Instinkte, die nur ein liebendes Weib hat, woher dies feine Ohr für „ich liebe Dich“ und seine Konsequenzen? Warum lügst Du? Du sehnst Dich nach mir, Du hast dieselbe rasende Gier, Du… Du…

    306

    Sie blieb stehen und sah ihn wütend an.

    307

    — Wenn Du noch ein Wort sagst, geh' ich weg.

    308

    Er lachte laut auf.

    309

    — Versuch' es doch! Geh! Geh! Dir ist es ebenso unmöglich wegzugehen, wie mir… Oh, wie Du schön bist! Wie Dein Gesicht flackert!… He, he, he… Wo hab' ich nur meine Schwester verloren?

    310

    Er schob seinen Arm unter ihren und presste ihn krampfhaft an sich.

    311

    — Ich muss Dich halten. Ich bin nicht sicher, ob Du am Ende doch nicht weggehst. Du bist grausam gegen Dich. Deine Seele hat wirklich nicht Qual genug, noch lange nicht genug. Du würdest in der Hölle glücklich werden. Und jetzt, jetzt quälst Du mich. Du möchtest mich auf die Folter spannen, damit Dir nur das Herz an meinen Qualen berstet. Oh je m'y connais: das ist die höchste Wollust, aber meine Nerven sind zu schwach dazu…

    312

    Er lachte irre.

    313

    Sie kamen in eine Gesellschaft. Plötzlich — Mit einem Mal. Eine lange Zwischenzeit ging wohl seinem Gehirn verloren. Es wurde ihm nicht klar, wie er so plötzlich hergekommen war.

    314

    Im Nu wurde er nüchtern und kalt.

    315

    Er sprach sehr vernünftig mit einem Herrn, der eine sammetne Weste und oben auf dem Vorhemd einen Diamanten hatte. Bei Tisch bekam er zur Nachbarin ein junges, frisches Mädchen, das eine sonderbare Freude am Lachen hatte.

    316

    Plötzlich wieder ein Lichtpunkt: Er begegnete Agaj’s Augen.

    317

    Er las in ihrer Seele, wie ein Somnambule. Eine Sehnsucht sah er in den Augen, einen kauernden, zusammengekrampften Schmerz: ihre ganze Seele gerann in diesem langen, gierig schmerzlichen Blick.

    318

    Alles um ihn herum verschwamm zu einem wirren Gemenge von Messerklirren, Lachen, Sprechen, dann hörte er ein unangenehmes Geräusch wie wenn Stühle gerückt wurden. Er sah die finstre Masse von menschlichen Leibern, die vor seinen Augen flirrte, sich hochheben, mechanisch stand er auf.

    319

    Plötzlich erlangte er das Bewusstsein.

    320

    Er sah die Menschen in den Salon treten. Er versuchte den Andren zu folgen, aber er blieb wie angewurzelt stehen. Etwas zerrte ihn zurück. Er sah sich um. Ihm gegenüber stand ein dunkles Nebenzimmer offen. Er wurde von einer fremden Hand dahin gestoßen. Es kam ihm vor als taumelte er hinein: seine Beine gingen wie von selbst, er widerstrebte nicht mehr: in dem dunklen Zimmer besann er sich auf sich selbst.

    321

    Eine unheimliche Angst krallte sich in seiner Seele fest.

    322

    Das ist ihr Wille! Sie hat ihn mir auferlegt! Ihr fürchterlicher, körperlicher Wille. Der Gedanke, der Macht geworden ist, eine riesige Macht mit Blut gefüllt, mit langen, gespenstigen Händen…

    323

    Er lallte es vor sich hin, um sich zu beruhigen.

    324

    Er saß sehr lange in dumpfer, irrer Schwüle. Plötzlich schrak er auf: sie saß bei ihm.

    325

    — Agaj?!

    326

    — Still!

    327

    Sie fasste seine Hand. Es goss sich über ihn wie ein kochender Strom. Sein Körper fing an zu zucken. In seinem Gehirne klopften kurze, schmerzhafte Schläge.

    328

    Ihre Hände verflochten sich krampfhaft. Es warf sie auf einander.

    329

    Sie versanken, sie vergingen in dieser stummen Brunst ihres Blutes. Kopfüber sinnlos stürzten sie sich in den grausigen Wirbel der geschlechtlichen Ekstase.

    330

    Ab sie sich loslosten, hielten sich noch ihre Hände umklammert, als wären sie selbstständige Organe geworden.

    331

    — Ich kann Dir nichts mehr geben, fühlte er sie sprechen, aber er konnte sich nicht besinnen, ob er einen Laut gehört hatte.

    332

    — Deinen Leib! Deinen Leib! stammelte er.

    333

    — Du hast mich ja gehabt.

    334

    — Wann? Wann?

    335

    — Heute Nacht.

    336

    Er blieb einen Augenblick bewusstlos. Sie war plötzlich verschwunden.

    337

    Seine Seele löste sich qualvoll in wachsender Angst.

    338

    War sie es selbst? War es nur eine Vision?

    339

    — Sie sind wohl krank? fragte ihn der Herr mit der sammetnen Weste, als er in den Salon trat.

    340

    Er hörte kaum hin. Seine Augen flogen suchend umher. Endlich entdeckte er sie. Sie saß da regungslos mit einem kalten Sphinxgesicht und sah ihn ruhig an.

    341

    Er ging auf sie zu.

    342

    — Bist Du da drin bei mir gewesen? fragte er zitternd.

    343

    — Bist Du nicht sicher? sie lächelte seltsam.

    344

    — Ich habe Angst vor Dir, Du — Du Satan! Er zitterte immer heftiger.

    345

    — Warum denn? sie drehte sich gleichgültig um und fing an mit einem Herrn zu sprechen.

    346

    Seine Seele kroch zusammen. War dies das Weib, das sich vor ein paar Minuten mit dieser uferlosen Leidenschaft an ihn gepresst hatte?

    347

    — Ich fahre morgen nach Hause! flüsterte er ihr wütend zu.

    348

    Sie sah ihn an.

    349

    — Ja, es ist die höchste Zeit, sagte sie kalt. Noch zwei Tage und Du wirst verrückt.

    350

    — Du bist brutal! Er schrie fast.

    351

    Sie drehte sich wieder um und sprach weiter mit dem fremden Herrn.

    352

    Er wurde plötzlich sehr ruhig. Als wäre alles in ihm geborsten. Er verschwand unauffällig und trat ins Entrée.

    353

    — Du fährst nicht! Er sah sie zittern und ihre Augen fraßen glühend an ihm. Du fährst nicht! Ich werde Dir die Seele aus dem Leibe reißen, wenn Du fährst.

    354

    Er hörte ihre Zähne wie in Schüttelfrost an einander schlagen.

    355

    Er sah sie verächtlich an.

    356

    — Ich habe nichts mehr mit Dir zu tun, sagte er langsam und kalt.

    357

    — Du fährst nicht! keuchte sie.

    358

    — Ich fahre! Ich will nicht mehr meine Seele prostituieren. Ich muss Dich in meinem Herzen vor diesem herzlosen Weihe da — er zeigte verächtlich mit dem Finger auf sie — retten… die Trümmer retten.

    359

    Er lächelte wie im Traume.

    360

    Sie klammerte sich an ihn.

    361

    — Du bist morgen Nachmittag dort, wo Du heute mit mir warst… Bist Du nicht da, so, so…

    362

    — So?

    363

    Sie trat dicht an ihn heran. Sie sahen sich lange in die Augen.

    364

    Ohne ein Wort gingen sie auseinander.

    *

    365

    Er wartete lange vergebens.

    366

    Er legte die Stirn in tiefe Falten und lächelte. Er lächelte immer. Ein blödes, irres Lächeln war wie versteinert um seine Lippen.

    367

    Sein Fieber wuchs und schwoll. Lange feine Nadelstiche fuhren ihm durch den Hals. Gedanken, schmerzhaft, wirbelten wie glühende Metallspähne durch seinen Kopf.

    368

    Fünf Minuten noch wollte er warten, nur fünf Minuten.

    369

    Ein stiller, irrer Triumph flammte in seiner Seele auf.

    370

    — Oh, wenn sie nicht käme, er würde sie dann los werden.

    371

    Er fühlte es sicher.

    372

    Da zuckte er auf: ein bekannter Mensch! Er druckte sich tief in das Sofa hinein, faßte die Zeitung und verdeckte mit ihr sein Gesicht.

    373

    Aber der Andere hatte ihn schon gesehen. Er kam ruhig an ihn heran und setzte sich neben ihn.

    374

    — Ihre Schwester wird wohl bald kommen, sagte er, ich habe sie heute getroffen, sie sagte mir, sie würde herkommen.

    375

    — Hat sie das gesagt?

    376

    — Ja.

    377

    Er biss vor Wut die Zähne aneinander. Griff wieder nach der Zeitung und fing an zu lesen. Aber er verstand kein Wort. Eine dumpfe kauernde Ohnmacht legte sich mit dicker Kruste um sein Herz. Er fühlte es sich an der Rinde wundschürfen.

    378

    So saßen sie wohl eine Stunde.

    379

    Endlich sprang er auf.

    380

    — Warten Sie nur auf meine Schwester. Ich muss jetzt gehen.

    381

    — Müssen Sie wirklich gehen?

    382

    Er trat taumelnd auf die Straße.

    383

    Er konnte kaum gehen. Die wilde Wut gegen das Weib machte sein Blut stocken. Er war nahe am Weinen. Seine Kräfte verließen ihn zusehends. Es würgte ihn, als schluckte er brandigen Qualm.

    384

    Er setzte langsam einen Fuß vor den andern. Jeder Schritt tat ihm weh im Gehirn: würde er schneller gehen, müssten alle Adern reißen.

    385

    Das Bewusstsein fing an, ihn zu verlassen.

    386

    Er wiederholte sinnlos einzelne Sätze, faselte vor sich hin, lachte still und rieb sich die Hände.

    387

    Und wieder flammte der stille Triumph in ihm auf: er brauchte sie nicht zu sehen. Er war befreit, erlöst von seinem Vampir.

    388

    Er lächelte.

    389

    Da blieb er plötzlich stehen: sein Herz krampfte sich heftig zusammen: in der Ferne sah er ein schwarzes, seidenes Kleid knistern… Nein! es war nicht Agaj.

    390

    Die Unruhe bäumte sich in ihm hoch auf. Unruhe und würgende Sehnsucht.

    391

    Nein, nein — er musste nach Hause gehen. Sich ins Bett legen. Er war ja todkrank.

    392

    Die Sonne schien ihm stechend in die Augen. Er fühlte die scharfen Strahlenstöße sich gellend ihm in die Nerven keilen. Es schwindelte ihn: er setzte sich auf eine Bank.

    393

    Ekelhaft, mitten auf der Straße ohnmächtig zu werden! fuhr es ihm plötzlich durchs Gehirn. Die Vorstellung von einem Auflauf, einer Tragbahre rüttelte ihn mit einem Male auf.

    394

    Er strengte sich an, die Menschen, die wie Schatten an ihm vorüberglitten, zu sehen, deutlich zu sehen, sie voneinander zu unterscheiden.

    395

    Da sah er plötzlich sie. Es kam ihm vor, als hätte er sie schon früher einmal vor seiner Bank auf– und abgehen gesehen.

    396

    Sie ging ruhig, grüßte freundlich nach allen Seiten und hatte rote Handschuhe an. Lange scharlachrote Handschuhe.

    397

    — Agaj! schrie er auf.

    398

    — Nun? was machst Du hier?

    399

    Er nahm sie schweigend unter den Arm und führte sie in ein abgelegenes menschenleeres Café.

    400

    Es war Macht in ihm.

    401

    — Wenn Du noch einmal — seine Stimme erstickte in Wut — wenn Du noch einmal mir Menschen auf den Hals schickst, werd' ich Dich, werd' ich…

    402

    Sie sah ihn lachend an.

    403

    — Was denn?

    404

    Er beruhigte sich plötzlich. Seine Macht schmolz wie Glas im Feuer. Er lächelte wieder. Da schrak es wieder in ihm auf. Eine Erinnerung fühlte er lauernd kauern, und plötzlich jäh emporschnellen:

    405

    — Hast Du mir nicht gestern gesagt, dass ich Dich heute erwarten sollte?

    406

    — Nein!

    407

    — Lüg' nicht, Agaj, nicht jetzt, um Gotteswillen. Ich habe eine entsetzliche Angst um mein Gehirn… Hast Du, — hast Du es wirklich nicht gesagt?

    408

    Sie schwieg.

    409

    — Sag' es, sag' — ich weiß ja nicht sicher. Alles verfließt in meiner Seele. Ich konnte nicht begreifen, warum ich dort auf Dich wartete.

    410

    Sie zuckte auf.

    411

    — Ja, ich habe es gesagt.

    412

    Er atmete schwer.

    413

    — Warum hast Du mich denn bestellt, wenn Du nicht kommen wolltest?

    414

    — Ich will nicht mehr mit Dir allein sein, sagte sie kalt.

    415

    — Nicht mehr?

    416

    — Nein!

    417

    Er sann nach und erhob sich.

    418

    — Ja, dann will ich nicht mehr mit Dir zusammen sein, Agaj. Ich kann nicht mit Dir zusammen sein, wenn Menschen dabei sind. Ich habe Ekel vor Menschen. Ich kann keinen Menschen außer Dir sehen. Nein, Agaj, ich will es nicht.

    419

    Sie fasste ihn an der Hand. Er setzte sich wieder.

    420

    Sie war ernst und traurig.

    421

    — Kannst Du denn nicht zur Vernunft kommen? Verstehst Du nicht, dass alles aussichtslos ist, verstehst Du's nicht?

    422

    — Warum aussichtslos?

    423

    — Weil ich Deine Schwester bin.

    424

    — Du lügst. Daran denkst Du nicht einen Augenblick. Du liebst die Qual, Du kannst Dich nicht genug an Deiner und meiner Qual sättigen…

    425

    Sie schwiegen lange.

    426

    — Hör' Agaj, ist es… ja — nicht wahr? Du liebst meine Frau sehr.

    427

    — Ja.

    428

    — Und wenn sie nicht da wäre?

    429

    — Vielleicht.

    430

    — Vielleicht?

    431

    Sie antwortete nicht.

    432

    Wieder Schweigen.

    433

    — Ich will bei Dir bleiben, sie sprach flehend. Ich will immer mit Dir zusammen sein, aber nicht allein. Das dürfen wir nicht. Ich bitte Dich darum.

    434

    — Hast Du Angst vor mir?

    435

    — Vor mir selbst. Und Du liebst mich doch. Kannst Du es nicht meinetwegen tun?

    436

    — Was denn?

    437

    — Du sollst nicht wollen, mit mir allein zu sein, — und… und, sie senkte den Kopf — Du sollst mich nicht mehr berühren. Ich habe einen unaussprechlichen Ekel davor, sagte sie hart.

    438

    — Hast Du Ekel vor meiner Berührung?

    439

    — Ja!

    440

    Über seinen Körper rieselte es wie von einer glühenden, zu Perlen zerstäubten Metallmasse. Seine Seele schrumpfte wund zusammen. Er fühlte Scham und Ekel vor sich selbst. Er hatte das Weib berührt, das Ekel vor ihm — vor ihm empfand.

    441

    Er kam zu sich. Eine kalte, trockene Klarheit fühlte er in seinem Kopfe, wie Wetterleuchten zuckte wieder der stille Triumph der blutenden befreiten Seele auf.

    442

    — Ich danke Dir, dass Du jetzt endlich ehrlich bist… Du hast Recht… Nie werd' ich mehr darüber sprechen, noch Dich berühren.

    443

    Er sah nur die Krampe ihres Hutes. Ihr Kopf war tief gesenkt und die Hände in den roten Handschuhen weit über den Tisch gestreckt.

    444

    — Vielleicht sollen wir den Menschen aufsuchen, den Du mir zur Unterhaltung geschickt hast?

    445

    — Nein!

    446

    — Dann wollen wir andere Menschen aufsuchen.

    447

    — Nein!

    448

    Lange Pause. Er war ganz ruhig. Sein Fieber war mit einem Mal verschwunden. Er war wie von einem Bann erlöst.

    449

    — Nun, sieh doch auf! sagte er freundlich nach einem langen Schweigen. Jetzt können wir ruhig und vernünftig mit einander sprechen. Jetzt hast Du erreicht, was Du wolltest. Ja, Du kennst mich, Du weißt, wie schamhaft meine Seele ist. Meinetwegen kannst Du jetzt tausend Menschen aufsuchen. Ich habe auch kein Bedürfnis mehr, mit Dir allein zu sein. Übrigens möcht' ich Dir den verfluchten Hut am liebsten vorn Kopfe reißen. Diese große Krampe ist sehr bequem… Ha, ha, ha. .. Nun, Agaj, liebe Schwester, kannst Du mit Deinem Bruder nicht vernünftig sprechen?

    450

    Sie sah plötzlich zu ihm auf.

    451

    Er glaubte Tränen in ihren Augen zu sehen.

    452

    — Agaj! sagte er langsam.

    453

    Die Tränen liefen über ihre Backen herab.

    454

    — Du weinst? fragte er kalt und ruhig.

    455

    — Nein! sagte sie rau.

    456

    — Du weinst ja, ich sehe es doch! Und ich sitze und zerbreche mir den Kopf, warum Du eigentlich weinst. Ich glaube nicht an Deine Tränen. Deine Seele ist verlogen. Sie sucht nur krampfhaft nach neuen Martern… Ha, ha, vielleicht hast Du die Fähigkeit, zu weinen, wann Du willst? Willst Du mich mit Deinen Tränen kirren?

    457

    Sie sah ihn an: ein Blick, der in würgendem Krampfe schrie. Aber nur einen Moment, im Nu sah er einen wilden Hass aus ihren Augen stechen, zu einem bohrenden, saugenden Licht sich weiten und heiße Brände in seine Seele werfen.

    458

    Es dauerte eine Ewigkeit. Dann zersprang gellend das Licht in ihren Augen, ihr Gesicht wurde hart, sie sah vor sich hin, dann starrte sie ihn wieder an mit einem glasigen Ausdruck, und plötzlich schoss der dumpfe Hass wieder auf, sie warf sich ins Sofa zurück.

    459

    — Nun! Gott sei Dank ist Dein Fieber vorüber, sagte sie mit lachendem Hohn, jetzt kannst Du zu Deiner Frau zurückkehren und ihr die Erlebnisse mit Deiner Schwester erzählen.

    460

    — Ja, das werd' ich.

    461

    — Hast Du oft dieses Fieber? höhnte sie. Ich meine: betrügst Du oft Deine Frau unter dem Schutze dieses Fiebers?

    462

    — Sehr oft. Hier zum Beispiel habe ich ein Mädchen, ein Kind noch, bei dem ich jede Nacht schlafe.

    463

    Sie schrie leise auf. Er sah sie mit höhnischer Wut an.

    464

    — Hat es sehr weh getan? grinste er boshaft.

    465

    — Du lügst! schrie sie unterdrückt auf.

    466

    — Nein! Wozu sollt' ich lügen?

    467

    — So, so… Warum bettelst Du denn bei mir?

    468

    — Ich bettle nicht. Hab’ ich gebettelt? Davon weiß ich nichts… Und, und, ich bitte Dich um Verzeihung für alles, was vorgefallen ist. Ich empfinde mich so grenzenlos lächerlich. Eigentlich solltest Du mich nicht so schmerzhaft beschämen. Nun, ich hoffe, dass Deine Seele jetzt vor Freude jauchzt…

    469

    Ihre Hände bewegten sich nervös.

    470

    Er wurde noch freundlicher.

    471

    — Wundervolle Handschuhe hast Du. Das sieht sehr pervers aus. Das ist à la Rops. Du hast überhaupt die Gestalt, die Rops immer zeichnet. Und auch die gierige, freche Unschuld… Ha, ha, ha… und Du verstehst Dich zu kleiden! Das Seidenkleid lieb ich sehr. Es ist ein solch wollüstiges Gefühl in den Fingerspitzen, ja, ja — Deine Seide stäubt mir Wollust in die Adern… Nun, Du scheinst gar nicht auf mich zu hören… Ich habe Dir auch nichts Interessantes mehr zu erzählen. Das, was an unserem Verhältnis interessant und pikant war, was nach Satanismus und Inzest schmeckte, ist ja nun vorüber. Jetzt können wir zu den zweifelhaften Freuden des Werktags zurückkehren.

    472

    Sie sah ihn plötzlich lange und durchdringend an. Ihre Augen funkelten in einem seltsamen Lächeln.

    473

    — Du hast Fieber, sagte sie langsam. Jetzt erst seh' ich, wie krank Du bist. Deine Augen sind eingefallen. Deine Augen glühen wie Kohlen, Dein Gehirn ist krank. Du kannst nicht mehr die Wirklichkeit von der Vision unterscheiden. Du siehst das Gras in meiner Seele wachsen. Und manchmal überhörst Du ganze Sätze, ist es nicht so?

    474

    Er stutzte, dann lachte er boshaft auf.

    475

    — Ja, ja, ich verstehe Dich. Jetzt hab’ ich natürlich Fieber, well ich anfange, vernünftig zu sprechen. Ich habe Fieber, weil ich Deine quallüsterne Phantasie nicht erhitze. Ich verstehe Dich. Du hast Sehnsucht nach den irrsinnigen Worten meiner Liebe.

    476

    — Ja!

    477

    Es klang wie ein langer Satz.

    478

    — Ja? Ja? Das sagst Du so frech, nachdem Du meine Seele zertreten hast? Sagtest Du nicht vor ein paar Minuten, dass Du Ekel vor meiner Berührung hast? Nein, nein — meine Seele ist spröde, ich will mich nicht prostituieren vor Dir.

    479

    Er kam plötzlich in eine Ekstase von Raserei. Sein Gesicht fühlte er zucken und das Fieber befiel ihn von Neuem.

    480

    Er verlangte Wein.

    481

    — Willst Du mittrinken, Agaj?

    482

    — Ja. Viel — viel…

    483

    Er suchte, seine Ruhe zu bewahren. Sie bettelte mit den Augen.

    484

    Er trank schnell und stützte den Kopf in die Hände. Er hatte sie plötzlich beinah' vergessen. Sein Fieber ließ nach. Nur ein Schmerz, ein brandroter Schmerz glühte in seinem Hirn.

    485

    Da fühlte er von Neuem ihr Locken. Er merkte, dass sie ihm langsam näherrückte — noch näher und plötzlich presste sie heftig ihr Bein an das seine.

    486

    Wieder empfand er die kurzen, schmerzhaften Zuckungen in seinem Kopf, wie von heftigen Hammerschlägen.

    487

    Sie saßen regungslos. Sie über den Tisch gebeugt, schwer und heiß atmend.

    488

    — Ich habe gelogen! flüsterte sie leise, trank das Glas leer, füllte es von Neuem, leerte es wieder.

    489

    — Trink doch! Ihre Stimme zitterte.

    490

    Es schwindelte ihm. Er hatte plötzlich alles vergessen. Er fühlte nur die körperliche Wärme ihrer Glieder sich um ihn legen, er fühlte sie sich an seinen Körper schmiegen, heiß, sinnlos, zuckend…

    491

    Sein Gehirn taumelte. Er fing an zu sprechen, leise, flüsternd. Er bebte am ganzen Körper. Seine Hände irrten unstet.

    492

    Ihre bettelnde Hand umkrallte die seine, zerwühlte fiebrig seine Finger und kratzte sie wund.

    493

    Da weiteten sich ihre Augen und sie sah ihn an mit einem Blick: ihre Seele verblutete in Angst und Verzweiflungsschmerz.

    494

    Er schwieg.

    495

    Beide kamen zum Bewusstsein.

    496

    Das Gespräch stockte. Sie sprachen gleichgültig über gleichgültige Sachen, von Zeit zu Zeit schwiegen sie lange, und dann kam es wieder von Neuem, ohne dass sie wussten, wer zuerst angefangen hatte.

    497

    — Und erinnerst Du Dich, Agaj, einmal als wir badeten? Ich habe Dir beim Auskleiden geholfen. Du hast Dich plötzlich gesträubt, und wurdest so furchtbar rot… He, he: wir waren eigentlich keine Kinder mehr. Und mit einem Ruck empfand ich eine so grenzenlose Liebe zu Dir… erinnerst Du Dich? Wir warfen uns in den Sand und pressten uns so wild aneinander, dass wir beide vor Schmerz aufschrien. Dann nahm ich Dich auf meine Arme und trug Dich ins Wasser. Du warst so übermütig, wie es nur ein Weib sein kann, das plötzlich fühlt, dass es geliebt wird. Ich sollte Dich schwimmen lehren, aber Du sankst immer unter… O Gott, jetzt, jetzt seh ich Dich wieder als die herrliche Agaj von zwölf Jahren, die mich so sinnlos geliebt hat. Jetzt siehst Du mich wieder so gut, so innig an, wie Du mich früher immer angesehen hast. Du höhnst nicht mehr, Du bist nicht mehr boshaft, und jetzt bin ich wieder Dein Hund, ich bin wieder Deine Sache, Du kannst mit mir machen, was Du willst, Du kannst mir die Seele aus dem Leibe reißen, und ich werde Dir noch dankbar sein dafür, weil Du, Du es bist…

    498

    — Quäl’ mich doch nicht, quäl' mich nicht so unerhört! flehte sie plötzlich.

    499

    Er lehnte sich zurück. Sein Kopf brannte. Seine Zunge war trocken und ein dicker, schleimiger Speichel sammelte sich in seinem Mund.

    500

    — Das ist furchtbar! hörte er sie leise sagen.

    501

    Der Abend kam, es wurde allmählich dunkel.

    502

    Sie saßen dicht aneinander gekauert.

    503

    — Es ist dunkel, sagte sie.

    504

    — Ja, es ist dunkel.

    505

    — Siebst Du den Mond durch die Zweige bluten?

    506

    — Still! still!

    507

    Lange sprachen sie kein Wort.

    508

    Sie pressten sich noch enger an einander, noch fester, sie umklammerten sich, und in ihrem Schweigen, in ihrer Umarmung war Schmerz.

    509

    Plötzlich riss de sich los.

    510

    — Jetzt geh ich nach Hause, sagte sie hart.

    511

    Er fuhr rasend auf.

    512

    — Wenn Du jetzt gehst, jetzt — jetzt… dann… dann… wirst Du mich nicht mehr sehen.

    513

    Eine entsetzliche Angst zitterte in seiner Stimme.

    514

    — Agaj! Wenn Du nur eine Spur von Liehe hast, so geh nicht jetzt, ich werde wahnsinnig…

    515

    — Wir haben wieder Deine Frau vergessen, lachte sie hart.

    516

    — Machst Du mir einen Vorwurf aus meiner Frau? Ich werde sie nie mehr sehen, wenn Du es willst, ich werde sie vergessen, wenn Du es befiehlst…

    517

    — Gott, wie krank Du bist! höhnte sie.

    518

    — Ich bin nicht krank. Ich liebe Dich. Ich — ich… Du Agaj verlass mich nicht, Du wirst es bereuen, es wird schlimm mit mir werden.

    519

    Er flennte wie ein Kind.

    520

    — Nun fängst Du an, sentimental zu werden. Sie lachte heiser auf.

    521

    In einem Nu kroch seine Seele zusammen. Als erstarrte alles in ihm zu Eis.

    522

    Er sah sie lange sprachlos an, dann setzte er sich wieder.

    523

    Sie betrachtete ihn mit einer grausamen Neugierde.

    524

    Sie schwiegen sehr lange.

    525

    — Kann ich Dich begleiten, oder willst Du allein nach Hause gehen? fragte er trocken.

    526

    — Ich werde allein gehen. Geh' Du auch, Du bist ernstlich krank.

    527

    — Was ich zu tun habe, darüber hab' ich selbst zu bestimmen. Er lächelte gehässig.

    528

    Sie sah ihn lange an.

    529

    — Gott, wie entsetzlich dumm Du bist! sagte sie endlich. Wie ekelhaft seid ihr alle — ihr Männer.

    530

    — Ich habe nur Prostituierte so von Männern sprechen gehört. Sie hassen auch den Mann.

    531

    — Du bist brutal!

    532

    — Du viel mehr.

    533

    — Ich hasse Dich! Ich will Dich nie mehr sehen.

    534

    — Ich auch nicht.

    535

    Aber als sie gehen wollte, fasste er sie an der Hand.

    536

    — Verzeih' mir, ich bin krank.

    537

    — Ja, ja, fahr nur schnell zu Deiner Frau zurück. Bei ihr wirst Du schon Dein Fieber verlieren.

    538

    Sie sah ihn höhnisch an.

    539

    — Du willst wohl, dass ich mich zuerst von meiner Frau trenne? Dann wirst Du wohl Mut bekommen? Ha, ha, ha — Wie feig, wie feig Du bist!

    540

    Sie schien es zu überhören.

    541

    — Du wirst doch wohl endlich einmal die Mutter besuchen? Wie? Sie ist morgen Vormittag zu Hause.

    542

    — Nein! Danke!

    543

    Sie ging an die Tür.

    544

    — Du gehst wirklich, Agaj?

    545

    — Ja.

    546

    Plötzlich blieb nie stehen. Ihre Augen funkelten in wildem Hass.

    547

    — Ist es wahr, dass Du hier ein Mädchen hast, ein Kind noch, wie Du sagtest?

    548

    — Ja, ich habe mir meine, verstehst Du? meine frühere Agaj aufgesucht.

    549

    — Das ist ja wundervoll! Oh, wie ich Dich hasse!

    550

    — Verrate Dich doch nicht immer!

    551

    Sie machte die Türe auf.

    552

    — Du, Du, Agaj, warte ein wenig… Ich habe Dir etwas Interessantes zu sagen.

    553

    Er lachte boshaft, ging auf sie zu und flüsterte ihr leise ins Ohr:

    554

    — Weißt Du, dass Du heute Nacht bei mir in meinem Bette lagst?

    555

    Sie stieß ihn zurück und verschwand.

    556

    Er wurde ganz ruhig.

    557

    Nun war alles vorüber. Nun musste er nach Hause gehen. Und er konnte zu seiner Frau fahren, ohne Agaj ein Wort zu sagen.

    558

    Er trat auf die Straße.

    559

    Der Tag war zu Ende. Es war schon ganz dunkel, und aus dem Dunkel mühten sich die Glutaugen des elektrischen Lichtes hervor.

    560

    Menschen gingen in großen Scharen an ihm vorüber. Sie gingen wohl ins Theater.

    561

    Er lächelte.

    562

    Der Weg ging durch einen Park. Kein Mensch. Eine starre, öde Stille.

    563

    Er ging ganz langsam. In seinem Körper war wohl nicht ein Muskel, der ihn nicht schmerzte.

    564

    Plötzlich bemerkte er eine schwarze Masse, die auf ihn zuzugleiten schien, er sah nicht, dass sie ging.

    565

    Er blieb erstarrt stehen.

    566

    Die schwarze Masse war einen Schritt von ihm entfernt und blieb auch stehen.

    567

    In sinnloser Angst sah er hin.

    568

    Aus dem Dunkel quoll leuchtend ein Gesicht hervor mit grässlich verzerrten, entstellten Mienen und qualvoll aufgerissenen, blutigen Augen.

    569

    Das war er selbst!

    570

    Das Gesicht schien sich zu bewegen, es öffnete den Mund, bewegte ihn, einen Schrei hörte er gellen…

    571

    Er stürzte sich in Wahnsinn auf den Andren los.

    572

    Aber die schwarze Masse schien zurückzuweichen und blieb wieder stehen.

    573

    Die Augen rissen sich noch weiter auf — über das Gesicht glitt ein höhnendes Grinsen.

    574

    Er wollte zur Seite weichen, der Andre verstellte ihm den Weg.

    575

    Die Augen sogen sich gierig ihm ins Blut — seine Augen. Sie starrten ihn an, dann sah er den Andren langsam näher rücken, noch näher, das Gesicht berührte fast das seine: er schrie auf, schloss die Augen zu und fing an zu laufen, sein Kopf dröhnte, klopfte, barst: er stürzte hin.

    576

    Als er zu sich kam, schleppt' er sich zu einer Bank und setzte sich hin.

    577

    Ein Paroxysmus von wüstester Verzweiflung raste durch seinen Körper.

    578

    Das ist Wahnsinn! zuckte es ihm durchs Gehirn.

    579

    Er fühlte den Andren hinter seinem Rücken.

    580

    Er stand auf und fing an zu gehen, sein Herz schlug nicht mehr. Die Verzweiflung kippte um in ein blödes, irres Brüten.

    581

    Er glaubte Schritte zu hören Es war da. Dicht hinter ihm.

    582

    Plötzlich verlor er das Bewusstsein. Er hörte nichts und empfand nichts mehr.

    583

    Als er nach Hause kam, setzte er sich im Speisezimmer vor den gedeckten Tisch, stützte seinen Kopf mit beiden Armen und verfiel in einen brütenden Halbschlaf.

    584

    — Wollen Sie etwas essen?

    585

    Er sah entsetzt auf, starrte lange gedankenlos hin, endlich erkannte er das Dienstmädchen.

    586

    — Wollen Sie etwas essen? wiederholte das Mädchen und sah ihn mitleidig an.

    587

    Er schüttelte den Kopf und starrte sie unaufhörlich an.

    588

    — Sie sind sehr krank, sagte sie endlich. Soll ich den Arzt holen?

    589

    — Den Arzt?

    590

    — Ja, den Arzt.

    591

    Er besann sich lange.

    592

    — Nein! Ich will nicht. Lassen Sie mich nur hier sitzen.

    593

    Aber sie ging nicht.

    594

    — Ich habe Angst sagte sie nach einer Pause.

    595

    — Angst?

    596

    Sie nickte stumm.

    597

    Er raffte sich auf.

    598

    — Nein, nein! Haben Sie keine Angst. Man darf keine Angst haben.

    599

    Er faselte und betastete im Sprechen alle Gegenstände.

    600

    — Es ist die zweite Seele, die Angst hat, und ich liebe die Menschen, die eine zweite Seele haben.

    601

    Er fing an im Zimmer herumzugehen und sprach unaufhörlich.

    602

    Das Mädchen sah ihn mit steigendem Entsetzen an.

    603

    — Ihre Schwester war vor einer halben Stunde hier, rief sie in ihrer Angst.

    604

    Er horchte plötzlich auf.

    605

    — Meine Schwester?

    606

    Das brachte ihn wieder zur Besinnung.

    607

    Er setzte sich hin, aber von Neuem versank er in ein stumpfes Grübeln.

    608

    Plötzlich fuhr er wild auf.

    609

    — Ist hier Niemand außer uns beiden?

    610

    — Nein, nein, stammelte sie und wich zurück.

    611

    — Aber hier — hier… Sehen Sie nicht? Fühlen Sie nichts?

    612

    Er sprang hoch wie von einem Krampf emporgeschnellt. Seine Augen waren geschlossen.

    613

    Plötzlich riss er gewaltsam die Augen auf: er sah das Mädchen totenblass sich an einem Stuhl halten.

    614

    Er empfand eine tiefe Scham, starrte sie lange an und versuchte, freundlich zu lächeln.

    615

    — Ja, ja, Sie haben Recht. Ich bin krank. Vielleicht sehr krank…

    616

    Er dachte lange nach.

    617

    — Vielleicht wollen wir an meine Frau telegraphieren, dass sie sofort kommen solle?…

    618

    Das Mädchen atmete glücklich auf.

    619

    — Ja, ja, tun Sie das nur. Schreiben Sie nur das Telegramm. Ich werde auf die Post laufen.

    620

    Sie lief umher und suchte nach Tinte.

    621

    — So. Hier ist alles… schreiben Sie nur schnell. Es ist bald zehn Uhr.

    622

    Da kam es ihm plötzlich vor, das nun alles vorüber sei. Er fühlte sich mit einem Mal so klar und so stark.

    623

    Er war erstaunt über dies Wunder.

    624

    — Nein, nein, es ist nicht nötig, wir wollen noch bis morgen warten. Übrigens bin ich sehr müde. Ich werde mich jetzt schlafen legen. Ich fühle, dass ich sofort einschlafe.

    625

    In der Tür blieb er stehen.

    626

    — Wenn ich in der Nacht weggeben sollte, so ängstigen Sie sich nicht. Ich werde nämlich, wenn es schlecht geht, einen Arzt aufsuchen.

    627

    Er trat in sein Zimmer und setzte sich auf das Sofa.

    628

    Sein Gehirn war noch immer klar. Vielleicht war das mit dem zweiten Gesicht nur eine Fieberkrise, und jetzt würde er wieder gesund werden, dachte er.

    629

    Er grübelte.

    630

    Er erinnerte sich plötzlich an den Abend, an dem sein eignes Portrait einen so furchtbaren Eindruck auf ihn gemacht hatte.

    631

    Er wurde glücklich.

    632

    Diese Erinnerung rettete ihn. Alles wurde ihm klar: im Unbewussten war der Eindruck stecken geblieben, und nun drang er nach Außen unter den Einfluss des Fieberparoxysmus.

    633

    Ein jauchzender Jubel weitete sein Gehirn. Er hatte Lust, sich auf die Knie zu werfen und Gott zu danken für die Erlösung.

    634

    Er ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab.

    635

    — Gott! Was ist das? schrie er plötzlich auf.

    636

    Auf dem Schreibtisch lag ein Blatt Papier und darauf in flüchtiger, unsicherer Schrift ein Telegramm an seine Frau:

    637

    „Komm sofort. Es geschieht etwas Furchtbares mit mir!“

    638

    Es war seine eigne Schrift.

    639

    Eine dumpfe tierische Angst wirbelte in ihm auf: er hatte die ganze Zeit nicht ein Wort geschrieben. Er wusste genau, dass er eine Feder nicht angerührt hatte.

    640

    Er sank hin, aber immer wieder musste er auf das entsetzliche Blatt hinstarren.

    641

    Kein Mensch außer ihm konnte es geschrieben haben. Das war seine eigne Schrift.

    642

    Da fingen plötzlich die Buchstaben an, sich zu rühren, sie lösten sich von dem Papier los, sie wurden lebendig, schwirrten vor seinen Augen in irren Kreisen, alles um ihn fing an, sich zu bewegen: er warf sich lang auf die Erde und vergrub das Gesicht in den Händen. Seine Seele kauerte: jetzt wird es kommen. Er fühlte sich eingeengt, die Winde rückten näher, alles im Zimmer schob sich ihm näher, umstellte ihn, versperrte ihm den Ausgang. Er kroch eng in sich zusammen.

    643

    Vor seinen Augen stieg das furchtbare Portrait auf, es wuchs über den Deckel hinaus, schon schielte es aus dem Buch hervor, schon zwinkerte es boshaft mit den Augen.

    644

    Er sprang auf: vor ihm stand er selbst. Das Gesicht war schmerzzerfurcht und die blutigen toten Augen starr auf ihn gerichtet.

    645

    Er war wie eingewurzelt in den Boden.

    646

    Da sah er sein Gesicht zucken, alle Muskel liefen, alle Fiebern klopften, die Zähne schlugen hörbar aneinander, die Augen schlossen sich krampfhaft und rissen sich wieder weit auf: er stürzte aus dem Zimmer, als wäre er von tausend Furien gepeitscht, lief über die Straßen aufs Feld, weiter noch in den Wald hinaus: er stürzte zusammen.

    647

    — Was nun? Was nun? zuckte es unablässig in seinem Gehirn, da verlor er die Herrschaft über sich, vergrub sich in das feuchte Moos, tiefer noch, er verscharrte sich in die weiche Erde: nun war er geborgen!

    648

    Er lachte in heißem Triumph, dann schrie er mit allen Kräften auf: er hörte sich, er fühlte auch einen heftigen Schmerz in der Lunge: er besann sich lange auf sich selbst. Ja, er hatte geschrien! Er versuchte, die Ursachen seines Lungenschmerzes herauszufinden…

    649

    Da rüttelte sich sein Gehirn auf. Er setzte sich hin und dachte nach. Jetzt fühlte er nichts mehr: nur eine weite, blöde Ruhe. Er suchte sich Rechenschaft über seine Gedanken zu geben, er fühlte etwas mühsam in seinem Gehirn arbeiten: er wusste nicht, worüber er dachte, er suchte sich qualvoll darauf zu besinnen, aber vergebens.

    650

    So saß er in einer stumpfen Resignation. Er wusste nicht, wie lange er so saß.

    651

    Plötzlich fühlte er Fieberfrost, so heftig, dass er seinen Körper nicht bemeistern konnte, er drohte auseinander zu fallen.

    652

    Er stand auf, fing an zu laufen und schlug den Körper mit den Armen, so hatte er immer als Knabe getan, wenn ihn gefroren hatte.

    653

    Dann lief er wieder im Kreise herum und schlug dabei immer mit den Armen auf die Brust.

    654

    Mit einem Ruck blieb er stehen.

    655

    Das Kind! Mein Kind! schrie er auf. Mein Kind wird mich retten, es wird mich retten — mein Kind, mein Kind, mein Blut!

    656

    Er horchte: eine Öde, taube Stille.

    657

    Wo war er! wo war er nur?

    658

    Angst packte ihn.

    659

    Er lief auf das freie Feld hinaus.

    660

    Ein blutiger Schein am Himmel! Der Himmel brennt, zuckte es ihm durch den Kopf. Götterdämmerung! Jetzt wird der Menschensohn heruntersteigen, um das Gericht zu halten.

    661

    Er stand und starrte unablässig nach dem Feuerschein am Himmel.

    662

    Eine Erinnerung mühte sich qualvoll aus der Nacht seiner Seele.

    663

    Er atmete glücklich auf: dort lag die Stadt. Und dies da am Himmel — das ist ja der Schein des elektrischen Lichtes.

    664

    — Mein Kind, mein Weib, meine Erlösung! fuhr es ihm wieder durch das Gehirn.

    665

    Er schnellte auf. Eine unerhörte Energie ergoss sich über seinen Körper. Er schritt mit weiten, triumphierenden Schritten der Stadt zu.

    666

    Oh, er kannte seine Erlösung, er kannte die Sonne, die in seinen Wahnsinn mit reinigender Macht hinabtauchte.

    667

    Plötzlich packte ihn ein furchtbares Grauen: Gott! Allmächtiger Gott, wenn sie nicht da ist?

    668

    Er fing an zu laufen, er vergaß seinen Körper. Er selbst war nur ein großes, klopfendes — Herz, er fühlte es den Boden berühren und in wilden Sprüngen aufschnellen; er kam in die Stadt.

    669

    Da schlich er langsam wie ein Dieb: er fühlte, dass sein Ende komme, wenn sie nicht da sei.

    670

    Schließlich kroch er fast. Er wagte nicht an das Denkmal heranzukommen: er sah es in dumpfer Stille aufragen, kalt, grausam wie sein Schicksal, er sah es sich in einen großen Dunstkreis auflösen, der zu schwirren und zu kreisen anfing, er fühlte den Boden sich um ihn drehen, heftiger, schneller noch, er taumelte… da plötzlich: aus den kreisenden Dunstringen quollen ihm zwei Augen.

    671

    Eine unermessliche Freude zerriss ihm mit flackerndem Licht das Gehirn: er klammerte sich um ihren Arm, er presste sie an sich, zerrte an ihr, streichelte, liebkoste sie und lachte in irrer Seligkeit.

    672

    Nun war alles Furchtbare versunken und vergessen: er hielt sie fest, er wagte nicht ihren Arm loszulassen.

    673

    — Ich habe gestern auf Dich gewartet die ganze Nacht, sagte sie leise.

    674

    Er zitterte und konnte kaum gehen: die Freude hatte ihn gelähmt.

    675

    — Jetzt bin ich erlöst Durch Dich — durch Dich! Er kicherte. Ich hätte heute sterben müssen, aber jetzt bin ich erlöst. Du hast mich wiedergeboren, sagte er grübelnd.

    676

    Sie sprach etwas.

    677

    — Ein Vampir? hörte er heraus.

    678

    Er blieb erschreckt stehen.

    679

    — Aber weißt Du nicht, dass wir nur durch einander wiedergeboren werden? sagte sie geheimnisvoll.

    680

    — Du — Du… auch? stammelte er.

    681

    Sie antwortete nicht.

    682

    — Bist Du hier? Hier? fragte er entsetzt. Er betastete sie mit der Hand.

    683

    — Bist Du da? fragte er wieder.

    684

    Er fing an zu stottern und zu zittern.

    685

    — Ja, ich bin hier. Ich fasse jetzt Deine Hand. Fühlst Du sie? Oh, wie Deine Hand brennt!

    686

    Er beruhigte sich.

    687

    — Bist Du Agaj? fragte er nach einer Weile.

    688

    — Ist das Dein Vampir?

    689

    Er nickte stumm.

    690

    — Du bist nicht Agaj? fragte er wieder nach einer langen Pause.

    691

    — Nein!

    692

    Endlich kamen sie an.

    693

    Diesmal kam es ihm vor, als ob sie durch eine endlose Flucht von Korridoren gingen, durch eine trostlose, verlassene Öde von Zimmern. Er hörte das leise Echo seiner Schritte, wie ein rhythmisches, taubes Herzklopfen.

    694

    — Ich habe nicht Angst! sagte er plötzlich.

    695

    Eine lange Zeit verging.

    696

    — Hier! sagte sie endlich.

    697

    Er atmete auf.

    698

    — Oh! Ich bin so fürchterlich müde! Er konnte nicht unterscheiden, war es seine, war es ihre Stimme?

    699

    Er fing an zu zittern.

    700

    — Ich bin bei Dir! Sie hielt seine Hand fest.

    701

    Nie hatte er eine so dunkle Stimme gehört. Das war Agaj’s sammetdunkles Fleisch.

    702

    Sein Herz krampfte sich zusammen.

    703

    — Sprich, sprich zu mir! er presste ihre Hand.

    704

    — Du bist so krank. Du bist so krank, wiederholte sie leise und presste ihre Wange an seine.

    705

    So saßen sie lange, lange auf dem Rand des Bettes.

    706

    Er wurde ruhig und weich wie ein Kind.

    707

    — Wie gut Du bist! Wie unendlich gut! flüsterte er auf ihre Lippen.

    708

    — Jetzt leg Dich hin. Ich werde bei Dir schlafen. Ich werde Dich halten. Sieh', sieh', Du bist jetzt so ruhig, Dein Fieber ist weg.

    709

    Sie entkleidete sich und legte sich neben ihn.

    710

    — Ich werde Dich in meine Haare einwickeln, flüsterte sie und machte ihr Haar auf… Mein Haar ist so lang, es reicht mir über die Knie…

    711

    — Dein Haar ist weich wie Seide! Oh, viel weicher noch.

    712

    — Ist Dein Haar schwarz? fragte er nach einer Pause.

    713

    — Nein!

    714

    — Sind Deine Augen schwarz?

    715

    — Nein!

    716

    — Sie schwiegen lange.

    717

    — Ich werde Dich auf Deine Brust küssen, sagte sie plötzlich. Deine Brust glüht, und meine Lippen sind so kühl.

    718

    Sie küsste ihn.

    719

    — Noch, noch! bat er flehend.

    720

    Sie küsste ihn über die ganze Brust, dann verschränkte sie ihre Hände um ihn, das Haar ergoss sich in seidener Flut über seinen Körper, sie legte ihren Kopf an seine Brust.

    721

    — Du wirst nicht von mir gehen? fragte sie ängstlich.

    722

    — Nein, nein… oh', jetzt ist alles vorüber.

    *

    723

    Nun war es wohl Mittagszeit. Er fühlte, dass er jetzt endlich werde etwas essen können. Das machte ihn glücklich. Nun war er auch Agaj los.

    724

    Er lächelte. Er lächelte jetzt immer still und geheimnisvoll.

    725

    Es klingelte.

    726

    Er schrak empor und begann zu zittern.

    727

    Das war sie! Ja, sie! Er fühlte sie.

    728

    Agaj trat ein. Ihr Blick fraß sich ihm ins Mark.

    729

    Sie setzte sich ihm gegenüber und sagte lange kein Wort.

    730

    Plötzlich warf sie den Kopf auf und sagte höhnisch:

    731

    — Wo hast Du Dich denn gestern vor mir versteckt?

    732

    — Ich habe mich gar nicht versteckt, sagte er ruhig. Ich wollte Dich einfach nicht mehr sehen.

    733

    Er erschauerte. Aus der Hölle der abgründigen Augen dieses Weibes schoss ein kranker Hass hervor.

    734

    — Du warst die ganze Zeit bei dem Mädchen! Er glaubte ein Knirschen zu hören… Du warst bei ihr die ganze Nacht und gestern… sie brach plötzlich ab.

    735

    — Ja, ich war bei ihr. Er lachte boshaft. Berührt Dich das eigentlich? Ha, ha, Du bist ja eifersüchtig.

    736

    — Ich erlaube Dir nicht, ich will nicht, dass Du ein fremdes Weib berührst, ich will es nicht, verstehst Du, ich will es nicht!

    737

    Sie schrie es mit kurzen, gedämpften Schreien.

    738

    Er ließ den Kopf sinken und stützte ihn mit beiden Händen.

    739

    — Meine Seele ist scheu und schamhaft, sagte er langsam und sehr leise. Du hast sie scheu gemacht. Da warst roh… sieh, ich bin einmal auf der Straße gegangen, und da fühlt' ich mich nur als ein großes klopfendes Herz. Das ist ein Symbol für mein ganzes Wesen. Ich bin auch in Wirklichkeit nur ein großes klopfendes Herz. Und dieses Herz hat eine entsetzliche Scham. Die Scham ist das kalkige Gehäuse, in das sich ein solches Herz für immer wie eine Schnecke verkriechen kann. Die Scham macht kalt und scheu und hat Ekel vor den Menschen. Jetzt fühl' ich kein Herz mehr, es ist verborgen, es schrumpft zusammen, es verkroch sich in dem Kalkgehäuse…

    740

    Er sah zu ihr auf. Er glaubte in ihren Augen große Tränen zu bemerken. Er war nicht sicher.

    741

    Wieder ließ er den Kopf sinken.

    742

    — Sieh' jetzt zum Beispiel. Ich glaube, ich habe Tränen in Deinen Augen gesehen, aber selbst meine Scham ist scheu, sie glaubt nicht an Deine Tränen.

    743

    Da sank sie ihm plötzlich zu Füßen. Sie fasste seine Hände und küsste sie in einer Tollwut von Leidenschaft.

    744

    Sie wühlte ihn auf mit ihrer heißen (Her, mit den bettelnden Küssen, seine Leidenschaft kroch wieder hervor, drängte sich wütend in jeden seiner Nerven.

    745

    Aber er beherrschte sich mit einer unnatürlichen Macht und entzog ihr leise seine Hände.

    746

    Da warf sie sich auf ihn, klammerte sich an ihn, biss sich in ihm fest, erstickte ihn mit ihrer kranken Raserei.

    747

    Es schwindelte ihn. Kopfüber stürzte er sich in diese Hölle von Glück und Grauen.

    748

    — Du — Du liebst mich? stammelte er mühsam.

    749

    Sie hing an seinen Lippen. Sie sog an ihnen, sinnlos, gierig, sie konnte sich nicht sättigen.

    750

    Da sprang er plötzlich auf, sie kochte vor Wut.

    751

    — Du bist ja kalt, kalt!… Man muss Dich erobern… Ihre Stimme bebte und war heiser. Ha, ha… wir haben die Rollen vertauscht. Du bist jetzt ein Weib. Ha, ha, ha… es ist wohl pikant, sich einmal als Weib zu fühlen?…

    752

    Sie biss ihn mit dem ätzenden Hohn. Er starrte sie an, dann wurde seine Seele stumpf. Er sah sie nur dastehen mit dem breiten, gespreizten Hohn.

    753

    — Und, und… sie stockte… Was hab' ich mit Dir zu tun? Geh' doch zu Deinem Mädchen, schrie sie rasend auf.

    754

    Er bemerkte plötzlich, dass sie ein graues Kleid anhatte.

    755

    — Warum hast Du nicht Dein schwarzes seidenes Kleid an?

    756

    Sie sah ihn erstaunt an. War er wirklich krank? Spielte er Komödie?

    757

    — Das reizt Dich zu sehr auf, sagte sie endlich frech. Du darfst Dich nicht aufregen. Deine Nerven sind zu schwach für den sexuellen Erethismus, in dem Du ewig lebst. Das reibt Dich auf.

    758

    Er sagte kein Wort.

    759

    Sie schwiegen lange.

    760

    Plötzlich stand sie auf und trat dicht an ihn heran.

    761

    — Du kommst heute um zehn Uhr abends zu mir, sagte sie scharf. Die Mutter ist verreist.

    762

    — Ich komme nicht! fuhr er rasend auf.

    763

    — Du kommst! wiederholte sie lächelnd.

    764

    Eine Tollwut kam über ihn.

    765

    — Ich schwöre Dir, dass ich nicht komme, schrie er heiser auf. Ich schwöre! er stampfte mit den Füßen.

    766

    — Du kommst! sagte sie sehr ernst.

    767

    Die Wut zersprengte ihm sein Gehirn. Er hatte eine tierische Lust, dies Weib zu morden. Es schrie etwas in ihm dies Wort: Morden! Die Sinne vergingen ihm. Ein Schwindelgefühl wirbelte wie ein feuriges Feuerscheit in seiner Seele. Er ballte die Fäuste und ging auf sie zu.

    768

    — Du wirst heute um zehn Uhr zu mir kommen, sagte sie leise und ging aus dem Zimmer.

    769

    — Ich werde nicht! brüllte er auf und warf sich auf den Boden. Die Seele war ihm aufgerissen und blutete aus tausend Wunden. Er wälzte sich auf dem Boden und vergrub in wütender Ohnmacht seine Hände in den Teppich.

    770

    Mit einem Mal entdeckte er ihn wieder, ihn — sich selbst.

    771

    Sein Blut stockte, er fühlte ein Stechen und Prickeln in den Haarwurzeln, er war gebadet in Angstschweiß.

    772

    Er kroch wie ein Tier auf Händen und Füßen in eine Ecke und starrte unverwandt hin: dies grässliche verzerrte Gesicht! Sein eignes Gesicht.

    773

    Er schloss die Augen und drückte sich krampfhaft an die Wand.

    774

    Jetzt wurde er es nicht mehr los werden. Er musste sich daran gewöhnen.

    775

    Er fing an, lange und leise vor sich hin zu stammeln.

    776

    Er wurde plötzlich neugierig auf sein Gesicht, er machte die Augen auf: es war verschwunden.

    777

    Aber er fühlte es um sich. Es war da. Es füllte das ganze Zimmer. Er war wie eingehüllt in sich selbst.

    778

    Eine unendliche Verzweiflung senkte sich ihm langsam fressend und zerstörend in die feinste Pore seines Organismus.

    779

    Da schnellte er auf und fing an wild zu lachen. Sein Lachen kreilte ihm wie ein tierisches Wiehern in den Ohren.

    780

    — Gut, gut, ich habe nichts dagegen, durchaus nichts dagegen. Jetzt werd' ich nie mehr einsam sein. Immer Gesellschaft, immer Gesellschaft! In meiner eigenen Gesellschaft! He, he… kann ich eine bessere bekommen?

    781

    Mit einem Ruck wurde sein Gehirn gelähmt. Sein Bewusstsein schwand.

    782

    Als er aufwachte, war es dunkel im Zimmer.

    783

    Er sprang auf in wilder Hast. Es war schon halb zehn. Ohne eine Sekunde zu überlegen, lief er zu Agaj.

    784

    Vor dem Hause blieb er stehen und lächelte. Er sprach sehr freundlich mit sich selbst und ging hinauf.

    785

    Sie stand zitternd vor der Tür.

    786

    Er sah alles mit einer übernatürlichen Deutlichkeit. Hektische Flecke glühten auf ihren Wangen: sie waren eingefallen. Sie atmete unruhig, sie rang nach Atem. Sie stand vor ihm in einem schwarzen seidenen Ballkleide, auf den nackten Armen hatte sie lange rote Handschuhe, die über die Ellenbeuge reichten.

    787

    — Sieh', sieh' mich an. Ich habe mich für Dich geschmückt. Du liebst mich so, sag' es, sag'!

    788

    Sein Gehirn kam in einem Nu ins Gleichgewicht. Er fraß an diesem schlanken Leib.

    789

    — Wie schlank Du bist, murmelte er leise. Wie ein Panther… wie ein glänzendes, geschmeidiges Tier… Und wie Du Dich bewegst!…

    790

    — Küss mich hier — hier! sie zeigte auf den nackten Arm. Du hast seit zehn Jahren meine Arme nicht nackt gesehen.

    791

    Sie lachte hysterisch.

    792

    — Ich gebe Dir heute das Abschiedsfest. Ich reise heute Nacht weg, weit weg aufs Meer.

    793

    — Aufs Meer? wiederholte er dumpf. Es kam ihm so selbstverständlich vor, dass sie aufs Meer wollte.

    794

    — Komm, komm, setz Dich! Hier ist viel, viel Wein! Wir werden trinken heute…

    795

    Sie lachte lange, dann beugte sie sich zu ihm, legte den Kopf auf seine Brust und flüsterte leise:

    796

    — Ich gebe auch mir das Abschiedsfest. Ich komme nie wieder zurück… Gib, gib mir Deine schmalen Knabenhände, Deine teuren, goldnen Hände… Oh, wie ich sie liebe! Sieh' ich bin Deine Agaj, — die Agaj, die Dir wie ein Hund folgte, die sich wie eine Katze an Deinem nackten Leibe rieb… Ich — ich fühle Dich so deutlich hier, hier, an meinem ganzen Körper fühl’ ich Dich… Und meine Seele ist so stolz… Nie sah ich einen Mann außer Dir. Ich weiß nicht, wie sie aussehen. Es kamen so viele her, aber ich wusste nicht, dass sie Männer sind — das waren Hunde, Gegenstände, geschlechtslose Neutra. Nur Du — Du immer vor meinen Augen, immer um meinen Leib… Und sieh, meine ganze, unbefleckte Seele, sie gehört Dir, immer hat sie Dir gehört… Nicht eine Sekunde schlich sich dahinein der Gedanke an einen Anderen… Bist Du nicht stolz auf eine solche Seele? Bist Du nicht stolz auf einen solchen Besitz? Ich bin an Dir emporgewachsen — in der schwülen Treibhaushitze Deines Leibes, Deiner Seele, Deines Pulsschlags bin ich groß geworden… Ich atmete Dich, ich ging wie eingewickelt in Dich… Du, Du… mein Blut, mein Mann Du!

    797

    Sie wühlte sich mit ihrem Kopf in seine Brust, dann lachte sie still auf.

    798

    — Aber trink, trink doch!… Was meinst Du, wenn wir uns heute ganz und gar betränken? Sie kicherte vergnügt, wie ein Kind. Erinnerst Du Dich, wie wir einmal bei unserem Onkel waren, und uns in seinem Weinkeller einschließen ließen? Gott war das furchtbar! Wie?

    799

    Sie tranken sich zu und leerten die Gläser, dann nahmen sie sich an den Händen.

    800

    — Agaj, Agaj, — ich kenne Dich nicht wieder. Du bist, wie Du früher warst…

    801

    Sie starrte wie abwesend vor sich hin.

    802

    — Du, du… sagte sie leise. Jetzt sind wir wieder eingeschlossen in einem dumpfen Keller… Huh, wie grausig!

    803

    Sie kicherten beide.

    804

    — Und Du — Du, mein Liebling. .. Huh, huh, die Nacht, die Nacht! Hörst Du die Eulen? Hörst Du die Fledermäuse gegen die Fenster schlagen? Und die grässlichen Kröten, die im Keller herumkriechen…

    805

    — Hu, hu, kicherte er irrsinnig.

    806

    — Sind wir vielleicht beide wahnsinnig? fragte sie plötzlich ängstlich… Aber das ist ja jetzt gleichgültig… Du, Du, küss mich hier… sie knöpfte hastig ihre Taille auf… Das hast Du einmal vor zehn Jahren getan. Das gießt sich wie flüssiges Feuer über den ganzen Körper. Die Schauer kriechen wie lange, kalte Schlangen über den Leib…

    807

    Sie verstummte und zitterte heftig. Er küsste sie mit kranker Leidenschaft auf ihre Brust.

    808

    — Noch mehr! Sie war ganz von Sinnen.

    809

    Er zerriss ihr Hemd und sog an ihrer Brust.

    810

    Sie zuckten. Eine zerstörende Wollustextase riss ihnen die Nerven entzwei.

    811

    Sie schrie plötzlich leise auf.

    812

    — Lass', lass', keuchte sie heiser. Mein Kopf birst…

    813

    Sie warf sich von ihm weg, aber im nächsten Moment setzte sie sich wieder dicht an ihn heran.

    814

    Sie nahm seinen Kopf in beide Hände, drückte ihn fest an ihre Brust und flüsterte ihm leise ins Ohr:

    815

    — Wenn wir jetzt stürben…

    816

    Aber im selben Nu rückte sie wieder von ihm weg und lachte.

    817

    — Oh Du! Du! Warum sagst Du mir jetzt nicht, dass ich sentimental bin? Du hattest jetzt eine so prachtvolle Gelegenheit, Dich an mir zu rächen. Oh ja, Du verschmähst es — Deine Seele ist groß und schön. Ich liebe Deine Seele, ich liebe die tiefe Schwermut Deiner Seele, ich liebe die Tiefe und den Abgrund in Dir. Alles wächst zu einem endlosen Abgrund in Dir, alles in Dir wird so furchtbar tief und schmerzhaft. Du bist mir so heilig mit Deinen Visionen. Sag', sag', hast Du oft Visionen? Du, Du bist der Einzige, der Qual und Schmerz in sich hat! Und Du wehrst Dich nicht dagegen, Du wehrst Dich nicht gegen den Schmerz, Du liebst ihn auch, wie ich… Oh, lass', lass' mich alles sagen. Ich habe so gedürstet, ich habe so gelechzt, Dir dies alles zu sagen… Ich liebe Dich, weil es Dich ekelt vor Glück… Ich liebe Dich, weil Du die Vernunft hassest und Dich tausendmal lieber in den Abgrund stürzest…

    818

    Sie hing sich ihm um den Hals und rieb langsam ihr Gesicht an dem seinen.

    819

    — Und Du liebst mich jetzt. Ich fühle wie grenzenlos Du mich liebst. Deine Seele klopft mir entgegen, Dein Blut fließt in meine Adern über, und Dein Geist strömt in mich über, Dein Geist mit der ganzen Hölle von Schmerz, mit der abgründigen Tiefe von Qual. Hörst Du mich sprechen? Hörst Du Dich in mir sprechen? Du hast mich sprechen gelehrt, Du hast Deine Worte in meine Seele gepflanzt…

    820

    Sie wiegte sich leise an seinem Körper.

    821

    — Und ich hasse die Vernunft. Ich habe keine Vernunft. Ich habe Ekel vor der niedrigen bürgerlichen Vernunft, die den Schmerz wie die Pest fürchtet… Kleine, besorgte Bürgerfrauen, kleine Bürgerfräulein haben Vernunft… Oh, wie sie vernünftig sind!…

    822

    Sie kicherte böse.

    823

    — Nicht wahr? Kleine Bürgerfräulein, die in kleiner, enger, vernünftiger Atmosphäre aufgewachsen sind, die müssen wohl vernünftig sein… Ha, ha, ha… Aber ich bin das Kind Deines Geistes…

    824

    Sie waren beide wie verzückt. Sie kamen in einen Zustand von einer visionären, somnambulen Extase, ihre Seelen wogten in einander über.

    825

    Sie schwiegen, eng aneinander gepresst.

    826

    — Oh, ich hätte es nie gedacht, dass es so unendlich gut ist in Deinen Armen…

    827

    Wieder Schweigen.

    828

    Plötzlich ruckte sie von ihm weg.

    829

    — Du — Du… warst Du wirklich bei dem Mädchen?

    830

    — Wie?

    831

    — Warst Du bei ihr?

    832

    Er raffte alle seine Kräfte zusammen…

    833

    — Nein!

    834

    — Du lügst, sagte sie traurig… aber ich bin schuld daran… war ich roh zu Dir?

    835

    — Nein, nein… Nein, Du warst es nicht… Du bist mein, Agaj… Du… Du…

    836

    Er sank an ihr nieder und küsste ihre Füße.

    837

    Sie nahm ihn auf, hielt seinen Kopf in den Händen und sagte wie irrsinnig:

    838

    — Das ist das Ende vom Liede…

    839

    — Das ist das Ende vom Liede, wiederholte er.

    840

    Lange Pause.

    841

    — Aber nicht zusammen…

    842

    — Wie?

    843

    Sie lächelte irre.

    844

    — Nicht zusammen… Verstehst Du mich nicht?

    845

    Er dachte nach.

    846

    — Warum nicht?

    847

    — Wir würden einander stören.

    848

    — Ja.

    849

    Lange Pause.

    850

    Sie fuhr auf.

    851

    — Nein! wir wollen nicht traurig sein! Trink, trink!

    852

    Sie tranken hastig.

    853

    Und wieder saßen sie lange, dicht aneinander gekauert.

    854

    — Hör' Agaj, gibt es keinen Ausweg?

    855

    — Nein! Jetzt nicht mehr.

    856

    — Und… und, wenn wir beide wegfahren und, — wenn alles wie ein Alp abgeschüttelt ist?…

    857

    — Ich kann nicht Dein sein!

    858

    — Warum nicht?

    859

    — Ich weiß es nicht… Nein, es geht nicht… Sprich nicht darüber, es ist nutzlos, sagte sie müde.

    860

    — Ist es Vernunft?

    861

    — Nein, nein! Ich habe Ekel vor der Vernunft. Es ist etwas, was ich nicht kenne. Ich sehne mich bis zum Wahnsinn nach Dir… Du bist der größte Mensch, den ich kenne, Du bist mein größter Künstler, und ich würde mit Freude Deine ganze herrliche Menschlichkeit, Deine ganze gewaltige Kunst für ein Stück Deiner nackten Haut geben… Sieh, sieh meine Arme, sie sind so schmal, aber sie haben Muskeln von Stahl… Wie oft hab ich Dich nicht mit diesen Armen in meinen Nächten umfasst und an mich gepresst!… Sieh meinen schmalen Körper, wie oft hat er sich nicht über den Deinen gewunden!… und, und… sie stotterte verwirrt… im letzten Momente trennt uns etwas, reißt uns auseinander… Das ist wohl dasselbe Blut… Fühlst Du es nicht?

    862

    — Ja, jetzt fühl’ ich es.

    863

    Sie raffte sich plötzlich zusammen.

    864

    — Ja, Du, Du… Lach' doch!

    865

    Er lachte.

    866

    — Sind wir verrückt? fragte sie.

    867

    — Ja.

    868

    Ihre Hände verflochten sich krampfhaft. Ihre Gesichter verzerrten sich schmerzhaft.

    869

    — Geh, geh, flehte sie schluchzend. Der Wahnsinn kommt, der Wahnsinn kommt… Geh, geh!

    870

    — Ich bleib' bei Dir! sagte er hart.

    871

    Sie starrte ihn in entsetzlicher Angst an.

    872

    — Dein Wille schwillt… sie kam in eine furchtbare Erregung. Dein Wille schwillt so grässlich an. Jetzt bekommst Du Macht über mich… Du bist so grässlich stark… Geh, geh… mein Kopf kracht und meine Brüste glühen… Feuer in meinem ganzen Körper.

    873

    Sie sank an ihm nieder und umklammerte seine Beine.

    874

    Seine Seele brach plötzlich in einer stumpfen Verzweiflung. Das Empfinden hatte sich von seinem Willen losgelöst, er wurde machtlos. Eine dumpfe öde Leere gähnte in seinem Gehirn.

    875

    Sie setzte sich auf seinen Schoß, lehnte ihren Kopf an seine Brust und weinte. Dann nahm sie seinen Kopf, küsste ihn auf den Mund, auf die Augen und sah ihn fortwährend an mit einem Blick, in dem die Verzweiflung in ein brütendes Jenseits vom Schmerze zerbrochen war.

    876

    Jetzt geh, geh!

    877

    Er erhob sich mechanisch. Seine Seele war taub.

    878

    Sie führte ihn ans Fenster.

    879

    — Sieh das Meer! Wie gut wäre es, mit Dir da unten zu liegen — in Deinen Armen, Deinen Armen… aber ich liebe Deine Frau. Sie würde den Schmerz nicht überleben… nein, nein! es müsste furchtbar sein, mit diesem Schmerz an Dich zu denken. Ich muss allein.

    880

    — Ja, sagte er nachdenklich.

    881

    Sie führte ihn hinunter. Sie traten in den Garten.

    882

    Sie blieben stehen.

    883

    Plötzlich stürzte sie sich auf ihn, sog sich tief in seinen Hals, biss sich mit den Zähnen fest und riss ihm die Haut auf.

    884

    Er stöhnte leise.

    885

    Er hörte, dass die Tür zugeworfen wurde, er fühlte einen heftiges Schmerz, er griff mit der Hand nach dem Hals: seine Hand wurde blutig.

    886

    Er lächelte.

    887

    Sein Gehirn war leer.

    888

    Er ging mit weiten, festen Schritten.

    889

    — Sie wartet auf mich am Denkmal, schoss es ihm durchs Gehirn.

    890

    Er machte eine weite abwehrende Handbewegung und lächelte wieder.

    891

    Über seine Seele ergoss sich ein stiller, endlos weiter Triumph.

    *

    892

    Als er nach Hause kam, machte er mechanisch das Fenster auf, setzte sich auf das Fensterbrett und starrte in die Tiefe.

    893

    Jemand ging mit einer Laterne über den Hof.

    894

    Das Licht, dies taube Irrlicht in der Tiefe interessierte ihn sehr.

    895

    Der Andre war im Zimmer. Er sah ihn grinsen, er sah das fürchterliche, verzerrte Gesicht. Aber er hatte keine Angst mehr. Er zuckte verächtlich mit den Achseln.

    896

    Und wenn ich mich in tausend Ich’s spaltete, würd' ich doch allein bleiben. Agaj ist ja nicht mehr.

    897

    Da ist das Meer — und da unten dieser steinige, gepflasterte Abgrund.

    898

    Er wich unwillkürlich zurück und machte Licht an.

    899

    Ein Brief auf dem Tisch. Er riss ihn auf. Von seiner Frau.

    900

    „Mein Gott, was ist mit Dir? Warum schreibst Du nicht ein Wort? Ich sterbe hier vor Angst um Dich.“

    901

    Er lächelte und küsste dreimal den Brief. Dann setzte er sich aufs Bett.

    902

    Er empfand wieder einen brennenden, stechenden Schmerz. Er ging an die Waschtoilette und wusch sich die Wunde aus. Sein Rock war über und über blutig.

    903

    Er nahm ihn ab. Das sah ekelhaft aus. Dann löschte er das Licht und legte sich aufs Bett.

    904

    Plötzlich fühlte er wieder den Menschenknäuel sich heranwälzen. Langsam, wie ein kauerndes Gebetmurmeln. Es kam näher, es schwoll an, wie ein irres Stammeln, dann ging es wie ein röchelnder Marterseufzer durch die Luft.

    905

    Und jetzt wieherte es gell auf, ein höllisches Hohngelächter zerriss die Luft, schwoll an, ballte sich zusammen, wirbelte sich in die Tiefe und schoss dann mächtig, jäh empor in einem schreienden Würgegesang:

    De profundis…

    906

    Es war wie eine tollgewordne Qual, die die mageren, knochigen Hände aus den Gelenken emporwarf und nach Erlösung schrie.

    907

    Und plötzlich, langsam hob sich ein Weib empor in weitem, scharlachrotem Mantel, sie wuchs empor hoch über das ganze Erdenall, auf dem schmerzverzerrten Gesichte ein ödes, versteinertes Lächeln.

    908

    Und da sah er den Knäuel sich lösen, einen Strom von Menschen sah er sich rings um das Weib gießen, Menschenpaare in ekelhafter Kopulation mit verrenkten Gliedern, schmerzhaft in einander verflochten und verwachsen. Er hörte ein tierisches Gewieher, berstend in geschlechtlicher Qual, er sah Gesichter verzückt in tollen Wollustorgien, Leiber sah er, zerfressen von Gift, mit eklen Runden bedeckt, und unten, ganz unten sah er sich selbst mit blutiger, zerquetschter Stirn, mit geballter Faust, zerrissen von einer Verzweiflungsagonie und schreiend, mit berstender Lunge emporschreiend…

    909

    Und aus den lechzenden, gierigen Schreien, aus dem Schmutz und Ekel der geschlechtlichen Orgie, aus all der verreckenden Qual löste sich von Neuem der wahnsinnige Schicksalsgesang von Menschen, die unwissend aufeinandergeworfen, an einander gekettet werden, Menschen die in einander wachsen und sich nicht lösen können: ein wirbelnder Sturm von Verzweiflungsschreien:

    910

    De profundis…

    911

    Er sprang aus dem Bett.

    912

    Noch klangen die letzten Töne in seinen Ohren. Sein Gehirn war wirr, vergebens versuchte er einen Gedanken zu fassen.

    913

    So saß er lange regungslos.

    914

    Das erste Morgengrauen fraß mühselig an dem Dunkel des Zimmers.

    915

    — Aber, mein Gott, wo bleibt denn Agaj? fuhr es ihm plötzlich durch den Kopf.

    916

    Er stand auf und blieb mitten im Zimmer stehen.

    917

    Ah, Agaj hat sich sicher im Garten versteckt, hinter der alten Pappel… Sie versteckt sich immer hinter dieser Pappel.

    918

    Er kicherte und schlich leise auf den Zehen ans Fenster.

    919

    Nun muss ich ganz leise die Verandatür aufmachen… He, he… Sie hat sich hinter dem Garten versteckt… Sie hat sich auf das Meer versteckt… Sie ist selbst das Meer… Aber ich werde sie schon finden…

    920

    Nur leise, leise… sonst entflieht sie mir…

    921

    Er kroch auf die Fensterbrüstung.

    922

    — Ich werde sie schon finden… Nur ganz leise… Oh… da… da ist sie…

    923

    Er stand im Fenster mit weit vorgestreckten Armen.

    924

    Agaj! schrie er lachend auf.

    925

    Er stürzte in die Tiefe.

    Przypisy

    [1]

    Wie ich dem wohlfeilen Gehirn der Witzbolde das Witzmachen erleicht're! [przypis autorski]

    Close
    Please wait...